Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

89.1964

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Theologische Literaturzeitung 89. Jahrgang 1964 Nr. 6

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Werke Ficinos wie z. B. seine Theologia Platonica. Das Exzerpt
aus Ps.-Dionysius datiert er in das Jahr 1498 nach der zweiten
Auslegung des Römerbriefes und meint, daß Colet erst dann
die Epistolae Ficinos zur Kenntnis genommen hat. Darauf hat
er die Ergänzungen zu Ps.-Dionysius angefertigt, den Kommen-
tar zum 1. Korintherbrief und die Auslegung von Rom. 12 — 16
beendet.

Der Verfasser setzt sich dann mit den Anschauungen der
angelsächsischen Gelehrten über die geistige Entwicklung Colets
auseinander. Die einen sehen in Colet den Humanisten, der den
Florentiner Piatonismus nach England brachte und Augustin ab-
lehnte, die anderen werten ihn hauptsächlich als Schüler Augu-
stins, der die Philosophie ablehnte und so zum protestantischen
Reformer wurde. Das Buch zeigt, daß beide Auffassungen ihre
Berechtigung haben, aber als eine aufeinander folgende Ent-
wicklung gesehen werden müssen. Colet sah seine wesentliche
Aufgabe darin, die paulinische Heilslehre zu lehren. So leistete
er einen Beitrag zu der „Tudor Hellenisierung des Christen-
tums", ohne damit zu einer Hellenisierung des Christentums zu
gelangen. Die Beschäftigung mit Ps. Dionysius hatte ihn wie
Ficino zum Neuplatonismus geführt. So kann der Verfasser
die Auffassung H. Hermelinks bestätigen, daß bei Colet
„die von der Florentiner Akademie entdeckte Verbindung von
Plato und Paulus" festzustellen ist. Nun hat allerdings Colet
sich für die platonische Theologie nur insoweit interessiert, als
sie ihm zur Klärung seiner Fragen an die christliche Theologie
verhalf und ihm bei der Bibelauslegung half. Colet las Ficino
durch die Brille des Paulus, wobei es ihm wahrscheinlich deut-
lich geworden ist, daß er durchaus nicht überall mit Ficino über-
einstimmte. So hat er in seinen Marginalien Ficino benutzt,
ohne sich immer mit ihm zu identifizieren. Der Verfasser zeigt,
daß der tiefe Grund für diese Differenz darin liegt, daß Ficino
intellektualistisch, Colet aber voluntaristisch eingestellt war.

In folgenden Untersuchungen geht der Verfasser nun dieser
Differenz nach: 1. Die Natur der Seele, 2. Der Aufstieg der
Seele zu Gott, 3. Die Tat gegen die Kontemplation, 4. Die
Weisheit, 5. Rechtfertigung und Gnade.

Das Ergebnis der gesamten Untersuchung ist, daß Colets
Werk von der Soteriologie her zu verstehen ist, und daß der
Piatonismus dabei lediglich ein Hilfsmittel seiner Bibelexegese
ist. So stellen die Marginalien mehr die Unterschiede zwischen
Colet und Ficino als ihre Übereinstimmungen heraus. Der Ver-
fasser hat die dankenswerte Aufgabe erfüllt, Licht in die bisher
ungeklärte Frage nach der theologischen Bedeutung der Italien-
reise des Colet gebracht zu haben. Die Ausgabe der Marginalien
und die Untersuchungen des Verfassers geben auch die Mög-
lichkeiten, den geistigen Einfluß Colets auf Erasmus zu be-
stimmen.

Die beiden Briefe: Ficino an Colet und Colet an Ficino
sowie die Marginalien sind im lateinischen Urtext wie in eng-
lischer Übersetzung wiedergegeben. Unter den vier Anhängen
ist die Frage nach der Identifikation der Handschrift Colets von
Bedeutung. Schließlich sei auf die wertvolle Bibliographie und
auf das Personen-, Orts- und Sachverzeichnis hingewiesen.
Lobend muß vor allem auf den Druck und die vorzügliche Aus-
stattung besonders der Tafeln hingewiesen werden.

Berlin Walter D e 1 i u s

Alfaro, Juan: Supernaturalitas fidei iuxta S. Thomam. II: Functio
„interioris instinctus" (Gregorianum 44, 1963 S. 731—787).

Bantle, Franz Xaver: Nikolaus Magni de Jawor und Johannes
Wenk im Lichte des Codex Mc. 31 der Universitätsbibliothek Tü-
bingen (Sdiol. 3 8, 1963 S. 536—574).

Fiorito, M. A. y A. Navarrete: Notas de exegesis tomista:
La relaciön de creatura a creador (Ciencia y Fe 19, 1963 S. 59—71).

G o d e 1, Willibrord: Irisches Beten im frühen Mittelalter (ZkTh 8 5,
1963 S. 261—321 u. 389—439).

Heynck, Valens: Die Kontroverse zwischen Gottfried von Fon-
taines und Bernhard von Auvergne OP um die Lehre des hl. Tho-
mas von der confessio informis (FS 45, 1963 S. 1—10).

Javorka, J.: Amor a dios sobre todas las cosas a si mismo, segun
snnto Tomas (Ciencia y Fe 19, 1963 S. 21—58).

J u h ä s z, Koloman: Bischof Peter von Tschanad und Johannes von
Capestrano (FS 45, 1963 S. 154-170).

Knotzinger, Kurt: Das Amt des Bischofs nach Bernhard von

Clairvaux (Schol. 38, 1963 S. 519—535).
Örsy, Ladisias: Bishops, Presbyters, and Priesthood in Gratian's

„Decretum" (Gregorianum 44, 1963 S. 788—826).

KIRCHENGESCHICHTE: NEUZEIT

Zsindely, Endre: Krankheit und Heilung im älteren Pietismus.

Zürich-Stuttgart: Zwingli Verlag 1962. 183 S. gr. 8°. Pp. DM 14.30.

Zeitlich begrenzt der Verfasser seinen Aufgabenbereich,
indem er zum älteren Pietismus Zinzendorf, Bengel, aber auch
noch F. Chr. Oetinger rechnet, thematisch knüpft er an die
Krankenseelsorge der Reformationszeit an, wobei die Tatsache
hervorgehoben wird, daß zwischen Luther und Johann Arnd kein
spezielles Werk zur Krankenliteratur vorliegt.

Der reformierte Pietismus stand Fragen der Krankheit
und Heilung im Vergleich zu Spener, nach dessen Überzeugung
sich die Wiedergeburt bis ins Körperliche auswirkt, relativ
gleichgültig gegenüber. Francke hat die Krankenliteratur nicht
sehr bereichert; seine Verdienste liegen auf praktischem Gebiet.
Die Krankheit wertet man in Halle als günstige Gelegenheit zur
Bußpredigt, ein Gesichtspunkt, der weit über das pietistische
Jahrhundert hinaus gewirkt hat. Spezielle Beiträge zur Kranken-
literatur lieferten B. W. Marperger (1682—1746) und Samuel
Urlsperger, dessen Buch „Der Krancken Gesundheit und der
Sterbenden Leben", 1723, Z. als „das größte Ereignis in der
Geschichte der pietistischen Krankenliteratur" bezeichnet. Urls-
perger bot im 2. Teil seiner Veröffentlichung einen Beitrag von
Joh. Reinh. Hedinger (1664—1704). Nehmen wir noch Zinzen-
dorf, Bengel und Oetinger hinzu, so ist der äußere Rahmen ab-
gesteckt, innerhalb dessen Z. sich einigen bedeutsamen Aspek-
ten seines Themas zuwendet. Hervorgehoben werden soll noch,
daß der Verf. eine Reihe pietistischer Ärzte nicht nur in
Deutschland anführt, die die vornehmlich von Halle vertretenen
Auffassungen vertraten. Daß Z. sich dabei mit besonderer Liebe
den ungarischen Anhängern dieser Auffassungen zuwendet, ver-
steht sich von selbst. Wie es nicht anders zu erwarten war, er-
weist Verf. eindeutig, daß der Pietismus die Krankenproblematik
kaum mit der Satanologie verbunden hat, ebenso tritt der As-
pekt zurück, daß die Krankheiten Strafen Gottes seien. Dafür
gewinnt der Begriff „Züchtigung" und „Zuchtrute" an Gewicht,
womit die Krankheit also zum Zeichen der Liebe, der Heim-
suchung wird. Der Verf. hätte dem Verständnis der Krankheit
als Kreuz und den Wurzeln dieses Verständnisses erheblich aus-
führlicher nachgehen sollen (zu 68 ff.). Gelassenheit, Todes-
bereitschaft, besonders Buße und Gebet: das sind Einstellung
und Pflichten des Kranken nach pietistischem Verständnis.
Jak. 5, 14 f. wird ohne Verabsolutierung des Aspekts der kör-
perlichen Heilung ausgelegt. Gebetsheilungen gehören nicht in
das Programm des Pietismus. Oetinger ist hier eine Ausnahme
von der Regel. Im schwärmerischen Pietismus war das Urteil
über die Gebetsheilung verschieden; der Verf. hat das Ver-
dienst, darüber erstmals genaueren Aufschluß gegeben zu haben.
Im allgemeinen nahm der Pietist ärztliche Hilfe in Anspruch,
ebenso Medikamente, weil Gott ja Ärzte und Medikamente in
seinen Dienst stellen könnte. Folge dieser Einstellung war eine
recht manirierte Gebetsspezialisierung. Der Pietismus entwik-
kelte eine führende Stellung innerhalb der Arzneiwissenschaft.
Das Gebet wurde in seiner Wirkung natürlich über alle Medika-
mente gestellt. Wie war die Einstellung zum Hl. Abendmahl
während der Krankheitszeit? Darüber erfährt man leider gar
nichts. Ausführlich werden dagegen die seelsorgerlichen Pflich-
ten gegenüber den Kranken geschildert und die Forschungser-
gebnisse über die Krankendiakonie des Pietismus zusammenge-
faßt. Wertvoll ist auch der uns gegebene Einblick in die Zu-
rüstung des Seelsorgers am Krankenbett. In dieser Richtung hat
der Pietismus wirklich Bahnbrechendes geleistet. Alle Eigen-
heiten pietistischer Theologie sind in der Konzeption der Kran-
kenseelsorge wie in einem Brennpunkt vereinigt. Zweifellos
wäre es eine lohnende Aufgabe, die von Z. aufgegriffene Frage-
stellung auch auf Spätpietismus und Erweckungsbewegung anzu-
wenden und ein geschlossenes Bild zu zeichnen.

Ncuendettelsau Friedrich Wilhelm K a n t z c nba c b
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