Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

88.1963

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Theologische Literaturzeitung 88. Jahrgang 1963 Nr. 4

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besten Fall nur angefügt werden können". Da stellt sich dann
natürlich nahezu zwangsläufig das Anathema des protestantischen
Liberalismus ein, es handele sich um eine „mystische" Erlösungs-
lehre, was ja nicht viel anderes heißt, als sie sei egoistisch, ohne
praktisch-soziale Bedeutung. Die Folgerung ist klar: „Man kann
aber ohne Selbsttäuschung die Formeln des griechischen Glau-
bens nicht festhalten, wenn man ihre Prämissen verändert oder
nicht mehr gelten läßt" (Zitat S. 17). Demgegenüber brachte
E. Brunner in seinem Buch „Der Mittler", 4. Aufl., Zürich 1947,
die entscheidenden kritischen Gesichtspunkte zur Geltung. Er
betont, daß die Grundauffassung von Harnadc, daß das früh-
kirchliche Dogma beherrscht wird von einer physischen, magi-
schen, mechanischen, naturhaften Auffassung von dem Heil, auf
der Unterstellung beruht, daß eine Scheidung besteht zwischen
physisch und ethisch, Natur und Geist. Diese Unterscheidung
besteht aber eben gerade darum nicht, „weil der Gegensatz
Natur - Geist nicht, wie das moderne idealistisch-theologische
Denken behauptet, der wahrhaft ernste Gegensatz ist, sondern
ein relativer Unterschied unterhalb des wahren Gegensatzes:
Gott - Kreatur" (S. 22). Das genügt, um zu ermessen, welch
einzigartige Möglichkeit einer kritischen Selbstprüfung gerade
in der liberalen Dogmengeschichte erstickt wurde von der naiven
Selbstgewißheit der lateinischen Tradition von der Versöhnung
als einem moralischen Prozeß. Die entscheidende sachgemäße
Erkenntnis ist ganz vorwiegend Brunner zu verdanken, der
gegenüber Barths Ausführungen über Versöhnung und Erlösung
an gewissen Schematismen kranken (vgl. S. 193). Auf Brunner
fußend kann H. in gründlicher Interpretation der Texte Athana-
sius gerecht werden. Wie weit er dabei original ist, vermag der
Rezensent nicht im Detail abzuwägen. Wichtiger ist wohl auf
jeden Fall, daß eine sehr umfangreiche Literatur mit großer
kritischer Sicherheit ausgewertet und interpretatorisch fruchtbar
gemacht worden ist. Die eigentliche Interpretation erstreckt sich
auf die beiden apologetischen Frühschriften .Contra gentes' und
,De incarnatione' und auf die betont biblizistisch orientierten
.Orationes contra Arianos'. Es erweist sich, wie original, so-
weit eine solche Bezeichnung auf ein von traditionellem stoff-
lichen Ballast vollgestopftes literarisches Genus wie das der
christlichen Apologie paßt, Athanasius ist.

Vielleicht sind einige Bemerkungen des Rezensenten, der
klassischer Philologe ist, für den Verfasser und den Leser als
Beitrag von außen zur Diskussion förderlicher als ein erneutes
Eingehen auf die Einzelheiten der theologisch-dogmengeschicht-
lichen Diskussion, die der Verfasser mit so großer Gründlich-
keit und dem Rezensenten weit überlegener Kenntnis geführt
hat.

Um von einer relativ belanglosen Seite auszugehen: Gegen
Ende (Kapitel VI 3 und 4) zieht H. - mit respektabler Vorsicht
und sympathischer Abneigung gegen nichtssagende, aber gän-
gige Klischees — Kategorien wie Mentalität, Denkunterschiede
und dergl. zur Deutung des Unterschiedes zwischen Westen und
Osten, Lateinern und Griechen heran. Wieder einmal lesen wir
von der natürlichen Veranlagung des griechischen Geistes zum
ßio? 0MDßlfttMlfc gegenüber der lateinischen Hinneigung zur
vita practica (etwa S. 203 ff.). Exemplifiziert wird das (S. 204)
an den Gestalten von Odysseus und Aenaeas. Nun ja, Theodor
Häckers .Virgil, Vater des Abendlandes' in Ehren, es liegen je-
doch fast tausend Jahre zwischen Homer und Vergil. Und ob
Aenaeas wirklich aktiver ist als Odysseus, darüber dürften
ernstlich kaum noch Meinungsverschiedenheiten bestehen. Der
Unterschied, wie immer er zu begründen sein mag, liegt doch
viel mehr in der Rolle der Fata bei Vergil. Das aber ist ein
heikles Problem. Jedenfalls hat sich Vergil die augusteische
Ideologie unter schweren Kämpfen abgerungen (vgl. vor allem
Georgica I 199—203), Ausfluß einer naiv römischen Mentalität
ist sie keinesfalls, und die Geschichte der Wirkung Vergils bei
den Römern beweist keineswegs „einen spontanen Akt der
Zustimmung". Im Gegenteil: die kaiserzeitliche Epik ist für ein
Jahrhundert (das Jahrhundert der Anfänge des Christentums in
Rom!) weit mehr bestimmt durch den „Gegenvergil" Lucan1,

') Zur Literatur vgl. etwa die Angaben in den Lucanrezensioncn
von Ilona Opelt ,Gnomon' 30, (1958), S. 445 ff.

für den die Fata der Weg zum Tode, zum Untergang sind und
Aktivität, auch heroische Aktivität, gleich furor. Und nicht
minder führen in dem mythologisierten Epo6 des Statius die
Fata ohne Rettung in den furor. Selbst die virtus wird furor,
allein die dementia, der deus ignotus (vgl. Thebais XII, 481 ff.),
ist eine, wie immer schwache, Gegenkraft. Gewiß, bei den Chri-
sten ist der Dichter Prudentius Verkünder der vergilischcn
.Roma aeterna', und ohne Zweifel steht das mittelalterliche, wie
auch weitgehend noch das moderne Vergilverständnis in seinem
Zeichen. Aber wie steht es mit Ambrosius, wie mit Augustinus,
ja, selbst mit TertuIIian?

Es liegt doch auf der Hand, daß noch ganz andere (sicher-
lich weit gravierendere) Ursachen hineinspielen als die .Menta-
lität'. Vor allem die Erfahrung des politischen Untergangs, der
politischen Katastrophe, bei Griechen und Römern. Bei allen
Vergleichen muß man daher die Phasenverschiebung der römi-
schen Geschichte im Verhältnis zur griechischen beachten. Die
relative Euripidesnähe des Tragikers Sencca ist wohl aufschluß-
reicher als völkerpsychologische Vergleiche. Wie immer, von
allen nachweisbaren Unterschieden geistiger Haltungen ist m. E.
die allgemeine Mentalität gewiß die fragwürdigste, für dogmen-
gcschichtliche Erkenntnisse jedenfalls die unergiebigste.

Die Philosophie ist gewiß ein griechisches — und nur
griechisches — Phänomen. Sie kann freilich als Sachgebiet und
Methode von Nichtgricchen im Verlauf eines allgemeinen
Hellenisierungsprozesses rezipiert werden. Das aber ist ein
Phänomen der Bildungsgeschichte, nicht der Psychologie, wie am
klassischen Exempel der römischen B i 1 d u n g s Schicht beson-
ders eindrücklich sichtbar wird. Mit andern Worten: auch bei
den Griechen selber ist die Philosophie nicht Ausdruck einer
Mentalität, sondern Folgewirkung der sachlich aneinander-
schließenden Kette griechischer Denker, d. h. also in hier erlaub-
ter Simplifizierung, Nachwirkung Plate«. Bei jeder Diskussion
über den Einfluß der Philosophie auf die christliche Theologie
muß also bewußt bleiben, daß, geschichtlich gesehen, die christ-
liche Theologie eine Sonderform des Piatonismus ist, der als
Ganzes 6eit einem halben Jahrtausend die griechische Sprache
und damit die griechische Denkform intensiv geprägt hatte.
Um nicht ins nichtsagend Allgemeine und Verblasene zu kom-
men, sollte man die differentia speeifica dieser Sonderform so
konkret wie irgend möglich zu erfassen suchen, d. h. durch
Quellenbelege nachweisen, an welche Platostellen als Ausgangs-
punkte einer Denk- und Vorstellungstradition zu denken ist,
die auch als Sonderform die geschichtliche Verbindung mit dem
Piatonismus als ganzem nicht verleugnen kann. Natürlich spricht
alles dafür, daß mit genauen Zitaten nach Art eines gelehrten
Kommentars nicht zu rechnen i6t, zumal es ja gerade dieser Son-
derform konstitutiv ist, 6ich eher polemisch abzusetzen als kon-
servativ weiterzuentwickeln. Zudem ist, ganz abgesehen von
diesen psychologischen Hemmungen, weit eher mit einer indi-
rekten Vermittlung durch Sekundärquellen zu rechnen als mit
direkter Platokenntnis. An popularisierenden Abschwächungcn
oder auch Entstellungen kann es nicht fehlen. Auch liegt auf
der Hand, daß die Kenntnis des ganzen Platotextes nur weni-
gen zugänglich war. Jeder, der den Anspielungen, d. h. eben dem
,Piatonismus' fast aller Späteren nachgeht, wird sehr bald fest-
stellen, daß einige, ganz wenige, klassische Platostellen, sei es
direkt, sei es indirekt, etwa vermittelt durch Handbücher, Flo-
rilegien oder dergleichen, überall bekannt waren. In erster
Linie die Schöpfungsgeschichte des .Timaios', die natürlich im
Sinne der Zeitgenossen nicht spekulative Philosophie, sondern
wissenschaftliches Weltbild ist. Zu nennen wären die Stelle
Timaios 28 Äff. von der ßnvbj de6 das Gute wollenden Got-
tes, die allein von allem Gewordenen den öeot bzw. dalfiovee
eben dweh die Kraft der ßoi'lrj Unvergänglichkcit sichert
(40 B) und entsprechend im Bereich des Menschlichen, das im
übrigen als Schöpfungswerk der gewordenen Götter vergänglich
ist, dem fiynvfievov Unvergänglichkcit und Unsterblichkeit zu-
spricht. Weiter ist hier die Theactetstelle 176/77 zu nennen, die
von der eigentümlichen Quasiexistenz des xnxov spricht und
die die Unvergänglichkcit des Menschen als 6juo(o>ai<; #e<£> d. h.
also als ethischen Prozeß und lediglich als solchen versteht.
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