Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

86.1961

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Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 10

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B. rechnet mit dem Verschwinden des Phänomens der Religion
aus dem Lehenshaushalt des modernen Menschen, während Barth
ihm bleibende anthropologische Bedeutung zuspricht. Er sieht es
auch noch in ihren fremdesten Formen der „Mystik" und dem
„Atheismus" wirken (344). Gewiß ist Offenbarung „souveränes
Handeln Gottes am Menschen" — dabei darf aber „der Mensch
keineswegs übersehen und ausgeschaltet werden ... — und so
wahrlich auch nicht die Religion" (322). Sie stellt eben die
„letzte, höchste Menschenmöglichkeit" dar12. „Was anders kön-
nen wir denn ehrlicherweise sein als eben — religiöse Menschen,
büßend in Staub und Asche, ringend danach, daß wir selig wer-
den unter Furcht und Zittern und wahrlich, wenn mit einer
Geste, dann mit der des Adoranten?!" (Römerbrief 236).

Dieser Zeichnung gegenüber erscheint nun das Bild, das
D. B. von der Religionslosigkeit des „mündigen" Menschen ent-
wirft, eigentümlich flächenhaft und unperspektivisch. Das hängt
unverkennbar damit zusammen, daß sein Religionsbegriff ebenso
wie der Begriff der Mündigkeit nur das Bewußtsein, aber nicht
das Sein, den „Zustand" (Nietzsche) des modernen Menschen
trifft, also die unbewußten seelischen Funktionen außer Betracht
läßt. Da« Mündigkeitsbewußtsein und der Mündigkeitsanspruch
enthalten bei aller ihrer dogmatischen Selbstverständlichkeit
keinerlei Gewähr für wirkliche Mündigkeit. Und so besagt auch
das Bewußtsein der Religionslosigkeit, so unwiderruflich
und pathetisch es sich auch aussprechen mag, nichts über die
wirkliche Bedeutung, die das Phänomen der Religion im Erleben
des mündigen Menschen hat. Die Religion ist bei D. B. nur als
intellektuelles, nicht als psychologisches und anthropologisches
Problem gesehen. Das menschliche Bewußtsein deckt sich nicht
mit dem menschlichen Sein, und das ist nicht nur für das Selbst-
verständnis und für den Welt- und Wirklichkeitsbezug des mo-
dernen Menschen, sondern schlechterdings für alle anthropolo-
gischen und kosmologischen Zusammenhänge der menschlichen
Existenz von umstürzender Bedeutung. So gehört es denn zu den
sichersten Ergebnissen der heutigen Psychologie, Charakterologie
und Anthropologie, daß das Mündigkeitsbewußtsein des moder-
nen Menschen eine Selbsttäuschung ist. Paul Tillich hat schon
1930 (in: Religiöse Verwirklichung, Berlin 1930 und dann wie-
der in: Der Protestantismus. Prinzip und Wirklichkeit, Stuttgart
1950) in unwiderleglichen Analysen den Zusammenbruch des
Autonomiebewußtseins vom Unbewußten, dem „zerstörerischen
Hervorbrechen der verdrängten seelisch-vitalen Mächte" her
aufgezeigt. Die Psychotherapie hat von ihren Begründern
S. Freud, A. Adler und C. G. Jung an bis zu ihren jüngsten Ver-
tretern in einer erdrückenden Fülle von Beobachtungen den
Sachverhalt erhärtet, den C. G. Jung in dem Satz beschreibt: „Die
moderne Psychopathologie verfügt über eine Fülle von Beob-
achtungen seelischer Tätigkeiten, welche den Bewußtseins-
funktionen durchaus analog und doch unbewußt sind . . . Alles,
was im Bewußtsein geschieht, kann gegebenenfalls auch unbe-
wußt geschehen . . . Was außerhalb (sc. des Lichtkegels des Be-
wußtseins) im Dunklen liegt, ist zwar unbewußt, lebt und wirkt
aber trotzdem"13.

Mit zunehmender Deutlichkeit beziehen sich diese Feststel-
lungen nun auch auf das Phänomen der Religion. Religion ist
nicht nur ein Bewußtseins-, sondern ein anthropologisches
Strukturphänomen, das zwar verdrängt, aber nicht unwirksam
gemacht werden kann. „Der religiöse Akt wird von jedem Men-
schen notwendig vollzogen". Diese frühe Feststellung Max
Schelers14 ist seither nicht nur von C. G. Jung, der die psy-
chische Realität, sondern neuerdings auch von den Wiener
Psychotherapeuten Igor Caruso und Wilfried D a i m, die die
metaphysische Realität der Religion für erwiesen ansehen,
und von dem Wiener Psychiater Viktor E. F r a n k 1 nachdrück-
lich bestätigt worden. Der Mensch „glaubt" bewußt oder unbe-
wußt an Gott oder an Götter. „Es" glaubt in ihm. Auch der
Atheist hat seinen „unbewußten Gott" (Frankl).

Für unser Problem ist besonders wichtig, daß es sich dabei
offenbar um die Wiederentdeckung und Bestätigung der

12) Römerbrief, 2. Aufl., München, 1922, 224.

") Seelenprobleme der Gegenwart, Zürich, Leipzig, Stuttgart, 1931,

177.

14) Vom Ewigen im Menschen, Leipzig, 1921, 559.

Religionsauffassung Luthers handelt, ohne daß übrigens diese
Autoren auf ihn Bezug nehmen. Es ist aus Raumgründen hier
unmöglich, diesen ganzen Sachverhalt in der eigentlich gebotenen
Ausführlichkeit darzulegen. Für Luther mag ein Hinweis genü-
gen, dessen repräsentative Bedeutung für seine „Uminterpreta-
tion" der biblischen Grundbegriffe auf der Hand liegt und auf
den man nicht oft genug hinweisen kann. „Was heißt" — so
fragt er bei der Erläuterung des 1. Gebots im Großen Katechis-
mus — „ein Gott haben oder was ist Gott? Antwort: Ein Gott
heißet das, dazu man sich versehen 6oll alles Guten und Zuflucht
haben in allen Nöten. Also daß ein Gott haben nichts anders
ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben . . . Worauf Du nu
(sage ich) Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich
Dein Gott". „Die Meinung" des 1. Gebotes ist danach, „daß es
fodert rechten Glauben und Zuversicht des Herzens, welche den
rechten einigen Gott treffe und an ihm alleine hange". Diese
Beschreibung des Glaubens ah fiducia, als „Hängen und Verlas-
sen des Herzens" macht eindeutig klar, daß es sich hier nicht um
eine in das Belieben des Menschen gestellte Bewußtseins-, son-
dern um eine 6ich auch unabhängig vom Bewußtsein durch-
setzende, einfach zu seiner Existenz als Mensch gehörige Wesens-
funktion handelt, an der er nicht nur mit dem Intellekt, dem
Willen oder dem Gefühl, sondern mit dem „Herzen" als der
Mitte und dem Quellort seines Wesens beteiligt ist und von der
„der Aufbau der Person"15, die Prägung seines Charakters und
seines „Zustandes" ausgeht. Daß es «ich hier um eine dem
Bewußtsein unverfügbare, nur theologisch definierbare, in seiner
Geschöpflichkeit begründete, sich mit triebhafter Unwiderstehlich-
keit durchsetzende Existentialfunkion des Menschen handelt, hat
Luther in plastischer Klarheit gesehen. „Denn es ist nie kein
Volk so rauchlos [ruchlos] gewesen, das nicht einen Gottes-
dienst aufgerichtet und gehalten habe; da hat jiderman zum
sonderlichen Gott aufgeworfen, dazu er sich Guts, Hülfe und
Trost versehen hat." Darin sieht Luther das Grundmotiv der
ganzen Religionsgeschichte der Menschheit. „Es machet ihm
jedermann zum Gott, dazu ihn sein Herz trug. Also daß eigent-
lich, auch nach aller Heiden Meinung, einen Gott haben heißet
trauen und gläuben." Diese Wesensstruktur erläutert er beispiel-
haft am Verhältnis des Menschen zum Geld, dem „Mammon",
dem „allergemeinest Abgott auf Erden". „Es ist mancher, der
meinet, er habe Gott und alles gnug, wenn er Geld und Gut hat,
verläßt und brüstet sich drauf so steif und sicher, daß er auf
niemand nichts gibt . . . Wer Geld und Gut hat, der weiß sich
sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im
Paradies: und wiederümb, wer keins hat, der zweifelt und ver-
zagt, als wisse er von keinem Gott". Jeder Weltinhalt, jede
menschliche Grunderfahrung und -beziehung ist solcher Verab-
solutierung, solcher Verwechselung von Gott und Abgott fähig.
„Also auch, wer darauf trauet und trotzet, daß er große Kunst,
Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat
auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott. Das
siehest du abermal dabei, wie vermessen, sicher und stolz man
ist auf solche Güter, und wie verzagt, wenn sie nicht furhanden
oder entzogen werden"18.

Dieser Existentialcharakter der Glaubensfunktion macht den
Unterscheidungs- und Entscheidungscharakter des Glaubens, der
für die christliche Auffassung charakteristisch ist, erst recht ein-
sichtig. Die eigentliche Ursünde, die Erbsünde des Menschen
liegt in der Pervertierbarkeit der Glaubensfunktion. Der
Mensch kann nicht nur an Gott, er kann auch an Götter glau-
ben. Daran fehlt es bei den Heiden, „daß ihr Trauen falsch und
unrecht ist; denn es ist nicht auf den einigen Gott gestellet. ..
Also ist es ümb alle Abgötterei getan; denn sie stehet nicht
allein darin, daß man ein Bild aufrichtet und anbetet, sondern
fürnehmlich im Herzen, welchs anderswohin gaffet, Hülfe und
Trost suchet bei den Kreaturn ..

15) vgl. dazu das grundlegende Werk von Philipp Lersdi, Mün-
chen, 1954.

") Bekenntnisschriften, 1930, S. 560 ff.; WA 30, I, 133 ff. Vgl.
die Erörterung des Problems der Wiederentdeckung von Luthers
Glaubensverständnis im modernen wissenschaftlichen Bewußtsein in
meiner Schrift: Die Erkenntnisfunktion des Glaubens. Berlin, 1952.

17) Gr. Kat., Bekenntnisschr. S. 564.
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