Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

86.1961

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Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 10

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das dann in den Gefangenschaftsbriefen wohl in zugespitzter
Formulierung, aber doch in der Sache nicht unvorbereitet er-
scheint. Schon die „Ethik" hat es mit dem „Wirklichwerden" des
Evangeliums im säkularen Raum zu tun. In der „Ethik" sieht B.
die „Wirklichkeit des Ich und der Welt" „selbst noch eingebet-
tet" „in eine ganz andere letzte Wirklichkeit, nämlich die Wirk-
lichkeit Gottes des Schöpfers, Versöhners und Erlösers" (55). Es
ist danach in der christlichen Ethik „von letzter Wichtigkeit",
„daß die Wirklichkeit Gottes sich als die letzte Wirklichkeit er-
weise" (55), und „diese Erkenntnis ist der Wende- und Angel-
punkt aller Wirklichkeitserkenntnis überhaupt" (56). „Teil-
bekommen an dem unteilbaren Ganzen der Gotteswirklichkeit ist
der Sinn der christlichen Frage nach dem Guten" (59). Diese Be-
gründung der christlichen Ethik auf den Wirklidikeitsbegriff ist
völlig verschieden von der positivistisch-empirischen Ethik. Hier
ist das Gute „im Grunde nichts anderes als das Zweckmäßige,
Nützliche, der Wirklichkeit Dienliche" (59). „Der Vorzug die-
ser Auffassung vor der idealistischen besteht in ihrer unzweifel-
haft größeren .Wirklichkeitsnähe' ... die Wirklichkeit selbst
lehrt, was gut ist. Die Frage ist nur, ob die hier gemeinte Wirk-
lichkeit dazu imstande ist, diese Forderung zu erfüllen" (59).
Das ist deshalb unmöglich, weil der „der positivistischen Ethik
zugrundeliegende Wirklichkeitsbegriff der vulgäre Begriff des
empirisch Feststellbaren ist, der die Weigerung jeder Begründung
dieser Wirklichkeit in der letzten Wirklichkeit, in Gott, ein-
schließt" (59 f.). Die so verstandene Wirklichkeit kann nie Ur-
sprung des Guten werden, sie kann nur „den völligen Verfall an
das Jeweilige, Gegebene, Zufällige, augenblicklich Zweckmäßige"
verlangen (60). Dem gegenüber meint die christliche Ethik „die
Wirklichkeit Gottes als letzte Wirklichkeit außer und in allem
Bestehenden, sie meint damit auch die Wirklichkeit der beste-
henden Welt, die allein durch die Wirklichkeit Gottes Wirklich-
keit hat" (60). „Die Wirklichkeit Gottes" ist „in Jesus Chri-
stus" „in die Wirklichkeit dieser Welt eingegangen" (60), „so
daß ich die Wirklichkeit Gottes nie ohne die Wirklichkeit der
Welt und die Wirklichkeit der Welt nie ohne die Wirklichkeit
Gottes erfahre" (61). Es ist schon danach völlig ausgeschlossen,
den Begriff der „Mündigkeit" der Welt als Bekenntnis B.s zur
Weltimmanenz im Sinne einer distanzlosen Bejahung des völligen
Insichruhens der Welt zu verstehen. Das wäre eine Verleugnung
alles dessen, was er in der „Ethik" vertreten hat und stünde in
unvereinbarem Widerspruch mit seinem Selbstverständnis, das
ihn sagen läßt: „Es gibt Menschen, die sich ändern und manche,
die sich kaum ändern können. Ich habe mich, glaube ich, nie
sehr geändert, höchstens in der Zeit meiner ersten Auslands-
eindrücke und unter dem ersten bewußten Eindruck von Papas
Persönlichkeit. Damals ist eine Abkehr vom Phraseologischen
zum Wirklichen erfolgt" (WE 174). Nur so kann, wenn man ihm
die Kontinuität seiner inneren Entwicklung, die offenbar eine
wesentliche Komponente seines Selbstbewußtseins ist, nicht ab-
sprechen will, auch der Fortschritt, die neue Qualität im Denken
der Gefangenschaftsbriefe deutlich werden: er ringt darin um
eine Klärung, Vertiefung und Verdichtung der realistischen
Grundanliegen seiner Theologie. So kann er denn am 15. Dez.
1943 aus Tegel schreiben: „Manchmal denke ich, ich hätte nun
eigentlich mein Leben mehr oder weniger hinter mir und müßte
nur noch meine Ethik fertigmachen ..." (WE 118).

Der Mandatsbegriff, an dem diese innere Systematik noch
deutlicher hervortritt, hat den Sinn, dieses der christlichen Ethik
zu Grunde liegende Wirklichkeitsverständnis konkret zu voll-
ziehen. Er will vor allem das traditionelle „Denken in zwei
Räumen" ablösen, das eine schwere Verfälschung des christlichen
Ethos darstellt. Danach zerfällt das Wirklichkeitsganze in zwei
Teile: das Reich des Natürlichen und das Reich der Gnade, die
nun im Ethos in die rechte Beziehung zueinander gesetzt werden
sollen. Das Mittelalter kreist um „das Thema der Herrschaft des
geistlichen Raumes über den weltlichen", die Neuzeit ist „durch
eine immer fortschreitende Verselbständigung des Weltlichen
gegenüber dem Geistlichen charakterisiert". So will dann der
Mensch entweder „Christus ohne die Welt oder die Welt ohne
Christus" (E 62). Dem gegenüber will der Mandatsbegriff zum
Ausdruck bringen, daß die Welt „ihren Bestand allein in Chri-
stus" hat (Joh. 1,1a; Kol. 1, 16). Und zwar gilt dieser Sach-

verhalt unabhängig vom menschlichen Be-
wußtsein. „Die Welt steht in Beziehung auf Christus, ob
sie es weißoder nicht" (70). Das wird konkret in den
Mandaten der Arbeit, der Ehe, der Obrigkeit und der Kirche.

Das Problem der Verkündigung der realen Herrschaft Christi
in der „mündigen", der „religionslosen" Welt ist also schon in
der „Ethik" von zentraler Bedeutung. Es ist nicht einzusehen,
wie die Proklamationen der Gefangenschaftsbriefe die Gedanken
der „Ethik" außer Kraft setzen oder auch nur abschwächen könn-
ten, die sie doch offenbar nur verdichten und konkretisieren
wollen. Die Mandate gelten auch für den „religionslosen" Men-
schen der Gegenwart. So kann sich dem Mandatcharakter der
Arbeit — daß sie nämlich „keine Schöpfung aus dem Nichts wie
die Schöpfung Gottes", aber „ein Schaffen von Neuem auf Grund
der ersten Schöpfung Gottes" ist — „kein Mensch entziehen" (71).

- Dabei handelt es sich „in dem göttlichen Mandat der Kirche
um den Auftrag, die Wirklichkeit Jesu Christi in Verkündigung,
kirchlicher Ordnung und christlichem Leben wirklich werden zu
lassen, es geht also um das ewige Heil der ganzen Welt". So er-
streckt sich auch das Mandat der Kirche „über alle Menschen,
und zwar innerhalb aller anderen Mandate . . . jede Aufteilung
in getrennte Räume verbietet sich hier. Der ganze Mensch steht
vor der ganzen irdischen und ewigen Wirklichkeit, wie sie Gott
in Jesus Christus für ihn bereitet hat" (73). Um dieser Einheit
und Totalität des göttlichen Anspruches willen bevorzugt B. den
Begriff des Mandats vor den Begriffen der Ordnung, des Standes
und des Amtes. Methodisch wendet hier B. schon das Prinzip der
„Uminterpretation" traditioneller theologischer Begriffe an, das
er dann in den Gefangenschaftsbriefen auf alle grundlegenden
biblisch-dogmatischen Begriffe ausgedehnt wissen will. Dem
Ordnungsbegriff wohnt seiner Auffassung nach die Gefahr inne,
„den Blick stärker auf das Zuständliche der Ordnung als auf die
die Ordnung allein begründende göttliche Ermächtigung, Legiti-
mierung, Autorisierung zu richten, woraus dann allzu leicht die
göttliche Sanktionierung aller überhaupt existierenden Ord-
nungen und damit ein romantischer Konservatismus folgt ..."
(223). Die Lehre von den „Ständen" droht „zu einer gefähr-
lichen Zerreißung des Menschen und der Wirklichkeit" zu
führen (73). Der Begriff des Amtes aber ist „so profaniert und
so eng mit institutionell-bürokratischem Denken verbunden, daß
die Erhabenheit des göttlichen Beschlusses in ihm nicht vernom-
men werden kann" (223).

Daß es schon in dieser Anlage der „Ethik" um die Bezie-
hung des Evangeliums zur ganzen Welt, auch zur „mündi-
gen", zur religionslosen Welt von heute geht, zeigt der Entwurf
„Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt", der
in Tegel entstanden und im Anhang der „Ethik" veröffentlicht
ist. Da ist von dem „in der ganzen Christenheit der Welt er-
wachenden Verlangen nach dem lösenden Wort der Kirche an die
Welt" ausgegangen, das auf die zunehmende Verwicklung aller
„sozialen, ökonomischen, politischen, sexuellen, pädagogischen"
Weltprobleme der Gegenwart (276) und auf das bisherige Ver-
sagen der Kirche in dieser Hinsicht zurückgeht. B. will dabei
nicht verwischt sehen, daß das Wort Jesu es nicht „mit der
Lösung weltlicher Probleme", sondern mit „Erlösung" zu tun hat.
Aber daraus folgt nicht, „daß die Kirche in dieser Hinsicht gar
keine Aufgabe hätte" (278). „Weil Jesus statt der Lösung
von Problemen Erlösung der Menschen bringt, darum bringt
er aber auch wirklich die Lösung aller menschlichen Probleme
— ,es wird alles zufallen' (Matth. 6, 33) — nur von ganz anderer
Warte her" (277).

So will nun im einzelnen gesehen sein, daß „das Wort der
Kirche an die Welt" „kein anderes sein" kann „als das Wort
Gottes an die Welt" (278). „Nicht von einem Naturrecht, Ver-
nunftrecht, allgemeinem Menschenrecht aus, sondern allein
vom Evangelium von Jesus Christus aus ergibt sich das richtige
Verhältnis der Kirche zur Welt", weil „das Wort der Kirche an
die Welt" das „Kommen Gottes im Fleisch ist" (278). Deshalb
darf es im besonderen ebensowenig eine Trennung wie eine Iden-
tifizierung von Gesetz und Evangelium geben, es darf nicht das
Gesetz der Welt und das Evangelium der Gemeinde, es mu3
„Gesetz und Evangelium in gleicher Weise der Welt und der
Gemeinde" gepredigt werden. Es gibt keine „doppelte kirchliche
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