Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

86.1961

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Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 10

73:

und an der Natur entsprechend der Wirklichkeit der Erde"7 geht.
Dieser Unterschied von kirchlich und profan trägt ein Motiv in
die innere Entwicklung B.s ein, das weder seinem Selbstbewußt-
sein, noch der erkennbaren Intention seiner früheren Arbeiten
entspricht. Ihm ist es in der „Nachfolge" um den Unterschied
zwischen einer „rechtgläubigen Kirche der reinen Lehre von der
Gnade" und einer „nachfolgenden Kirche" zu tun, er will „Gnade
und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander
verstehen" (N 24 f.). Der „Fortschritt", der hier in den Gefangen-
schaftsbriefen stattfindet, liegt also lediglich in der Radikalisie-
rung und Intensivierung seines Ringens um
Konkretheit im Verhältnis der Kirche zur Welt.

Das erhellt schon daraus, daß diese Konkretisierung in der
„Nachfolge" so gesucht wird, daß Christus als „der Mittler,
nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen
Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Wirklichkeit" ver-
standen wird. Nachfolgen heißt, die lebensmäßigen Konsequen-
zen aus der Tatsache ziehen, daß „alle Welt durch ihn und zu
ihm geschaffen ist (Joh. 1,3; 1. Kor. 8,6; Hebr. 1,2)" (N 69).
So wird denn am Begriff der „Nachfolge" der innere Zusammen-
hang deutlich, in dem das Prinzip der weltlichen Interpretation
mit dem theologischen Gesamtwerk D. B.s steht. Nachfolgen heißt,
das Evangelium nicht nur bewußtseinsmäßig, sondern auch lebens-
mäßig verstehen und ernstnehmen und somit auch einen neuen
Weltbezug gewinnen, der die Welt im Lichte Christi als die durch
und zu Christus geschaffene Welt 6ehen und nach diesem Ver-
ständnis in ihr leben will. Die Gefangenschaftsbriefe rücken nur
einen Zug dieser neuen Weltschau von Christus her in helleres
und wenn man 60 will in grelleres Licht: das „Mündigwerden"
der modernen Welt, ihr autonomes Selbstverständnis, ihre be-
tonte Weltlichkeit kann an Ursprung und Bestimmung der Welt
in Christus sachlich nichts ändern. Es gilt, in dieser Welt Chri-
stus als den Herrn der Welt anzuerkennen und die Wege zu
gehen, die er selbst für die Aufrichtung der Gottesherrschaft ge-
gangen ist, das aber heißt, den Weg des Kreuzes zu gehen und
„bei Gott zu stehen in seinem Leiden" (WE 247).

B. will sich in der „Nachfolge" demgemäß dicht am reinen
Wort Jesu, namentlich der Bergpredigt, halten, deren Auslegung
im Zentrum des Buches steht. Und sodann will er im 2. Teil die
Kirche in den Dienst der Nachfolge stellen und damit uns, den
Menschen der Gegenwart, der „hoffnungslosen Lage" entreißen,
in der wir wären, wenn Christus „zu uns anders" reden würde,
als zu seinen Jüngern. „Aber es ist keineswegs wahr. Christus
spricht zu uns nicht anders, als er damals sprach" (N 195).
„Christus erkennen heißt, ihn in seinem Wort als Herrn und
Heiland meines Lebens erkennen" (195). Das Wort Christi ist
damals wie heute „der gnädige Ruf in sein Reich und seine Herr-
schaft" (196). Diesen Ruf, „den Ruf Jesu in die Nachfolge" gilt
es heute zu hören: „Höre die Predigt, empfange sein Sakrament,
höre darin ihn selbst, und du hörst seinen Ruf!" (196). Wird so
die Kirche, die sichtbare Kirche in all ihrem Tun völlig für den
Ruf Jesu zur Nachfolge in Anspruch genommen, so ist klar, daß
damit nicht nur die Welt, sondern auch die Kirche unter das Ge-
richt und die Verfügungsgewalt des Wortes gestellt ist, über das
sie selbst nicht verfügen kann. Damit aber ist schon dieselbe
Aufgabe ins Auge gefaßt, die dann in der letzten Lebensphase
in der erregenden Formel der weltlichen Interpretation und der
religionslosen Verkündigung in der mündigen Welt beschrieben
ist. Wie sehr er darin nur eine notwendige Konsequenz und eine
schärfere Erfassung einer 6chon in der „Nachfolge" gemeinten
Aufgabe sieht, zeigt deutlich die Art, in der er in den Gefangen-
schaftsbriefen auf die „Nachfolge" Bezug nimmt. Er erinnert sich
eines Gespräches mit einem jungen französischen Pfarrer „vor
13 Jahren", in dem es um die Frage ging, was sie mit ihrem Le-
ben „eigentlich wollten". Der Gesprächspartner sagt, er wolle
„ein Heiliger" werden. D. B. sagt: er möchte „glauben lernen".
Lange Zeit habe er gedacht, er könne den Glauben lernen, wenn
er selbst „so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte".
„Als Ende dieses Weges schrieb ich wohl die .Nachfolge' ". Nun
— am 21. 7. 44 nach der Nachricht vom Fehlschlagen des 20. Juli —
sieht er zwar deutlich „die Gefahren dieses Buches". Aber er

„steht doch nach wie vor zu ihm". Er hat nur — und darin be-
zeichnet er präzis die innere Kontinuität seiner späteren Entwick-
lung mit der „Nachfolge" — erfahren, „daß man erst in der vol-
len Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt" (WE 248). Erst
„wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu
machen . . . und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der
Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen
und Ratlosigkeiten leben — dann wirft man 6ich Gott ganz in die
Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern
das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Chri-
stus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist
.Metanoia'; und 60 wird man ein Mensch, ein Christ (vgl. Jer. 45).
Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Mißerfolgen irre
werden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mit-
leidet?" (WE 248 f.). Seine „Nachfolge" hatte er mit dem Satz
geschlossen: „Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er
folgt. Von ihm aber, der in der Nachfolge das Bild des mensch-
gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus
trägt, von ihm, der Ebenbild Gottes geworden ist, darf es nun
zuletzt heißen, daß er berufen ist, .Gottes Nachahmer' zu sein.
Der Nachfolger Jesu ist der Nachahmer Gottes. ,So seid nun Got-
tes Nachahmer als die lieben Kinder' (Eph. 5,2")" (N 284).

Aus alledem wird jedenfalls deutlich, daß Nachfolge auch in
einer total diesseitigen und von der Kirche in dieser Diesseitig-
keit in keiner Weise „madig gemachten" Welt eine der grund-
legenden Formen der „religionslosen" Interpretation und Ver-
kündigung des Evangeliums bleibt. Der in sich undeutliche und
mehrdeutige Begriff der weltlichen Interpretation muß in der
Intention D. B.s vom Begriff der Nachfolge her interpretiert wer-
den. Dann ist klar, daß es ein banales und 6einen theologischen
Rang verkennendes Mißverständnis B.s ist, wenn man darin das
bloße undialektische Einverstandensein mit der „mündigen"
Welt sieht. Mit dem radikalen Ja zu dieser Welt ist untrennbar
das radikale Nein verbunden, mit dem Prinzip der unbedingten
Nähe unzertrennlich das Prinzip der unbedingten Distanz. „Wer
zu Christi Leib gehört, der ist aus der Welt befreit und heraus-
gerufen, der muß der Welt sichtbar werden, nicht nur durch die
Gemeinschaft des Gottesdienstes und der gemeindlichen Ord-
nung, sondern auch durch die neue Gemeinschaft des brüder-
lichen Lebens . . . Um des BrudeTS willen, sei er Jude oder Grieche,
Knecht oder Freier, stark oder schwach, edel oder unedel, wird
er auf alle Gemeinschaft der Welt verzichten; denn er dient der
Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi" (N 230). „So greift zwar
der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und
doch bleibt an anderen Stellen die völlige Trennung sichtbar. ..
Es geschieht beides im Gehorsam gegen das eine Wort: „Stellt
euch nicht dieser Welt gleich, sondern laßt euch zu einer anderen
Gestalt verwandeln ( fiETa/uoQcpovo&e ) durch Erneuerung des
Geistes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist
(Rom. 12, 2)... Es gibt ein unerlaubtes Bleiben in der Welt und
eine unerlaubte Flucht aus der Welt" (N 240).

5. Weltliche Interpretation als Problem
der „Ethik"

Ebenso wie die „Nachfolge" beschreibt D. B. auch im Ent-
wurf 6einer Ethik eine der bleibenden Möglichkeiten „religions-
loser" Verkündigung in der „mündigen" Welt. Wie sehr die
Problematik der Gefangenschaftsbriefe 6chon in der Ethik ent-
halten ist, zeigt einmal der eigentümliche Wirklichkeitsbegriff,
der für die Grundlegung der „Ethik" entscheidend ist, und dann
der Mandatsbegriff. B. sieht „das Problem der christlichen Ethik"
im „Wirklichwerden der Offenbarungswirklichkeit Gottes in
Christus unter seinen Geschöpfen" (E 57). „An die Stelle, die
in aller anderen Ethik durch den Gegensatz von Sollen und Sein,
von Idee und Realisierung, von Motiv und Werk bezeichnet ist,
tritt in der christlichen Ethik die Beziehung von Wirklichkeit und
Wirklichwerden, von Vergangenheit und Gegenwart, von Ge-
schichte und Ereignis (Glaube) . . . von Jesus Christus und dem
heiligen Geist" (57). Es ist deutlich, daß ihn schon hier — wie
auch in „Akt und Sein" und in der „Sanctorum communio" —
das Verhältnis von Offenbarung und profaner Welt beschäftigt.

7) Hanfried Müller, a.a.O., 197.

') muß heißen: 1.
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