Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

86.1961

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Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 9

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dichterischen Sagen des späten Heidegger lernen, das in dem
Buch von Ott in vielen schönen Beispielen angeführt ist. Man
wolle es gestatten, daß ich für diese späten dichterischen Aus-
sagen die farblose und vieldeutige Vokabel „schön" verwende.
Ott zeigt in eindrucksvoller Weise, wie Heidegger nun das
Ganze in seiner so verkannten Tiefendimension erhellt, wie das
Ding plötzlich zu sprechen beginnt und Krug und Brücke und
Morgenlicht etwas zu „sagen" haben.

Daran wird deutlich, daß die Theologie nicht naturalistisch
oder supranaturalistisch in einer veralteten Metaphysik hängen-
bleiben darf. An der Untersuchung von Ott wird erkennbar, was
Bonhoeffer im Auge gehabt haben kann, wenn er (in Widerstand
und Ergebung) fordert, bei der Entmythologisierung nicht in
einer Subtraktion zu verharren, sondern das Ganze zum Sprechen
zu bringen. Die Theologie wird die Heideggersche Kehre so
ernst nehmen müssen wie den Ansatz des Denkers. Man muß es
Heinrich Ott besonders danken, daß er mit großer Sachkenntnis
und klarer theologischer Stellungnahme dazu anleitet.

Die Frage, ob die Theologie überhaupt auf anderes als auf
„das Wort allein" hören solle, die wesentlich plumpere Frage
noch, ob ein so weltlicher Denker überhaupt theologische Bedeu-
tung haben dürfe, wird nach eingehender Lektüre des Buches
nicht mehr gestellt werden können. Auch auf den Einwand, der
späte Heidegger rede wieder „mythisch" u. dgl., kann hier nicht
eingegangen werden, wie überhaupt auf den so beliebten Vor-
wurf der „Theologia naturalis". Über all diese kurzschlüssigen
Etikettierungen kommt Heidegger weit hinaus, und auch Heinrich
Ott kommt weit darüber hinaus in seinen theologischen Konse-
quenzen, die letztlich darauf hinzielen, die Theologie aus ihrer
Verkrampfung „zum freien Hören auf die Schrift zu ent-
binden".

Zur theologischen Auseinandersetzung wäre zu fragen,
warum Ott sich in seiner Polemik von Barth und seiner Schule
nicht etwas mehr distanziert, denn sachlich steht er gegen diese
Position in stärkerem Gegensatz als zu Bultmann. Und mir per-
sönlich scheint es nicht so ausgemacht zu sein, daß Paul Tillichs
Verständnis des Seins (Gott als das Sein-selbst) gar so „meta-
physisch-ungeschichtlich" gedacht sei (S. 151). Und schließlich
ist mir, bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu Otts Auffas-
sung, dies nicht deutlich geworden: wie es denn nun geschehen
könne, daß man trotz aller Fragen, die man an die heutige Theo-
logie von Heideggers nach „rückwärts" vertieftem und zugleich
umgreifendem Denken her stellen muß, das „wissenschaftlich-
strenge Denken" in der Theologie festhält. Daß man das müsse,
darin weiß ich mich mit Ott einig. Aber wie? Man möchte
wünschen, hierüber von Heinrich Ott in künftigen Veröffentli-
chungen das zu hören, was er in den ihm vom Thema gezogenen
Grenzen hier nur andeuten konnte.

Diese Einwände und Fragen können aber nicht den Sinn
haben, an der Bedeutung des vorliegenden Werkes etwas herab-
zusetzen. Man wird dem überaus wichtigen Buch in der Theo-
logie, und hoffentlich auch in der Philosophie, die gebührende
Beachtung schenken müssen, und das wird heißen, man muß aus
ihm Folgerungen ziehen, die sich noch nicht abschätzen lassen.
Und das muß man noch besonders vermerken: wer sich mit
Heidegger befaßt und dessen Diktion zu übersetzen trachtet,
dessen Sprache muß Leben haben. Otts Buch ist in einem Stil ge-
schrieben, den man in theologischen Werken nicht eben allzu
häufig findet. Seine Sprache sagt, was sie sagen soll. Und das ist
vielleicht angesichts des Themas das, worauf es hier besonders
ankommt: denn im Denken kommt das Sein, die Wirklichkeit
zur Sprache. Man wird auf die theologische Wirklichkeit, von
der hier die Rede ist, hören müssen.

Ulm a.D. Ulrich Mann

Pieper, Josef : Scholastik. Gestalten und Probleme der mittelalterlichen
1 Philosophie. München: Kösel [i960]. 254 S., 1 Zeittaf. 8°. Kart. DM
9.80; Lw. DM 12.80.

Josef Pieper war der wohl begabteste Hörer bei einem zwei-
jährigen Kurs von Philosophie und Theologie, den ich in den
zwanziger Jahren in der Nähe von Basel hielt. Aus der Methode
meiner Vorlesungen, aristotelische und platonische, wie dann
antiochenische und alexandrinische Richtung jeweils zu einer

höheren rhythmischen Einheit gegeneinander zu stellen, hin zu
einer „offenen Philosophie und Theologie" (deren Strukturprinzip
die „Analogie der je immer größeren Unähnlichkeit" ist) erklärt
sich Piepers Vorliebe für „Kontrapunktik" (103) und seine For-
derung nach „ausdrücklicher Offenheit sowohl der rationalen
Weltdeutung gegenüber der Theologie . . . wie auch . . . Offen-
heit der Theologie gegenüber der stets weiterdringenden Erfor-
schung der Welt und des Menschen" (217). Diese doppelte Offen-
heit ist für ihn Inbegriff des Positiven der Scholastik. Er selbst
betätigt sie nicht durch eine eigene Philosophie, sondern durch
seine sehr eingängige Auflockerung der Schriften des Aquinaten
in einer Fülle von Einzeluntersuchungen. In deren Reihe und Stil
gehört die vorliegende Schrift gleichsam als Umrahmung. Das
Verdienst dieses „aufgelockerten Thomismus" ist es, daß er das
alte Geistesgut ins heutige Leben vermittelt, gewiß auf der Grund-
lage der historisch kritischen Forschungen von Martin Grabmann,
aber mit der Leichtigkeit des echten Essayisten.

München Erich P rzywara

Brie, G. A. de: Situationele momenten in een normenethiek.

Tijdschrift voor Philo60phie 23, 1961 S. 3—77.
Brun, Jean: La mort de Socrate et la mort de Jesus.

fitudes theologiques et Religieuses 35, 1960 S. 197—203.
C r e s p y, Georges: Sagesse et Saintete.

Etudes Theologiques et Religieuses 35, 1960 S. 175—195.
F a b r o, C.: Per la determinazione dell' essere.

Tijdschrift voor Philosophie 23, 1961 S. 97—129.
Faensen, Hubert: Gibt es einen „christlichen Existentialismus"?

Begriff und Gestalt (Berlin) 1958 S. 103—lr21.
Morel, Georges: Jaspers et la religion.

Recherches de Science religieuse XLIX, 1961 S. 212—218.
Perez Ruiz, F.: Hacia una superacion de la filosofia cientifica.

Ciencia y Fe XVI, 1960 S. 407—412.
Piat, J.: Het wezen van het sociale.

Tijdschrift voor Philosophie 23, 1961 S. 78—96.
Schrey, Heinz-Horst: Ernst Blochs Philosophie der Hoffnung.

Deutsches Pfarrerblatt 61, 1961 S. 265—269.
Theunissen, Michael: Das Kierkegaardbild in der neueren For-
schung und Deutung (1945—1957).

Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistes-
geschichte 32, 1958 S. 576—612.

SYSTEMATISCHE THEOLOGIE

Barth, Karl: Evangelium und Gesetz. München: Kaiser 1956. 32 S.
gr. 8° = Theologische Existenz heute. Eine Schriftenreihe, hrsg. v.
K. G. Steck u. G. Eichholz, N. F. Nr. 50. DM 1.50.

Karl Barths Abhandlung über .Evangelium und Gesetz'
sollte ursprünglich von ihm selbst in Barmen 1935 vorgetragen
werden, nachdem er schon nach Basel hatte übersiedeln müssen.
Der Versuch, ihn in Barmen reden zu lassen, endete damit, daß
der Redner ein Redeverbot bekam, daß ein anderer seinen Vor-
trag vorlesen mußte, und daß K. Barth, von einem Gestapo-
Mann begleitet, über die Grenze abgeschoben wurde (vgl.
W. Niemöller, Ev. Theol. 14, 1954, S. 64). Die Abhandlung er-
schien dann als Heft 32 der ersten Folge der von K. Barth be-
gründeten Schriftenreihe der Theol. Existenz heute. Da sie längst
nicht mehr zu kaufen war, wurde sie von den jetzigen Heraus-
gebern der Schriftenreihe aus Anlaß von Barths 70. Geburtstag
1956 noch einmal in unveränderter Gestalt herausgegeben. Die
Angaben Iwands im Evang. Kirchenlexikon (I, 1566) über die
Chronologie sind danach zu berichtigen. Sie beruhen auf einer
Verwechslung der Entstehungsgeschichte von .Rechtfertigung und
Recht' (1938) mit derjenigen von .Evangelium und Gesetz'. In
der ThLZ wurde m. W. .Evangelium und Gesetz' damals nicht be-
sprochen.

Um so mehr ist es anderwärts erörtert worden, und man
möchte immer wieder urteilen, daß von keiner der kürzeren Ab-
handlungen Barths 60 starke Wirkungen ausgegangen sind wie
von diesen 32 Druckseiten. Eine genaue bibliographische und
sachliche Erfassung und Erhellung dieser Auswirkungen bleibt
nach wie vor zu wünschen. In einer so späten, knappen Bespre-
chung können nur einige Aspekte zum Vorschein kommen.
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