Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

86.1961

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Theologische Literaturzeitung 1961 Nr. 5

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des Menschen und seiner Psyche. Der Kampf begann mit dem
Darwinismus und bewegt sich noch heute lebhaft um die Frage
nach der Entstehung des Lebens sowie der Abstammungs- und
Entwicklungslehre.

Die zentralen Fragen des christlichen Glaubens und sein
notwendiges dogmatisches Gedankengerüst, wie von Weizsäcker
Seite 14 sehr schön formuliert, liegen aber noch wo anders. Das
Christentum ist erstens einmal ein welthistorisches Phänomen
mit einer 2000jährigen Geschichte (Seite 15) und unterscheidet
sich von anderen monotheistischen Religionen, der alttestament-
lichen, dem Islam und auch den tiefsinnigen mythologischen
Systemen der altindischen Veden und des chinesischen Tao.
Das Christentum ist eine Erlösungsreligion, 6ein Zentrum die
Erlösung der Seele von Sünde und Tod und die Erlösung der
Welt aus ihrer Zerrüttung zu Freiheit und Vollendung. Zu die-
sem Glauben mit seiner Gewißheit kann keine Naturwissen-
schaft führen. In der Tat kann von der Naturwissenschaft her die
großartige Theologie eines Paulus, eines Augustin und die Ent-
wicklung des jungen Luther von dem tiefen Schuldgefühl bis zur
Freiheit eines Christenmenschen nicht verstanden werden. Von
Weizsäcker fühlt das auch richtig, wenn er in seinem Vortrag
Seite 14 und öfters von dieser Diskrepanz der, wie er richtig
sagt, beiden Aspekte spricht. Mit dem christlichen Glauben ver-
bunden ist auch eine bestimmte ethische Kultur und Lebens-
haltung, die sich oft wesentlich unterscheidet von der des Säkular-
menschen, d. h. des rein von Naturerkenntnissen und Trieben be-
stimmten Menschen. In diesem Sinne gebraucht auch v. Weiz-
säcker in einem ausgezeichneten Abschnitt den Begriff „Säkulari-
sation" und bezeichnet sie geradezu als die Religion des heutigen
Menschen. Es war für ihn, der die physikalisch -wissenschaftliche
Methode zu vertreten hat, eine schwierige Aufgabe, über beide
Aspekte zu sprechen. Die beiden Bereiche lassen sich nicht
so einfach konfrontieren. Ich wiederhole, daß v. Weizsäcker die
Aufgabe verständnisvoll und wohltuend gelöst hat. Aber das
letzte Wort konnte er nicht sagen. Interessant in dem Vortrag ist
übrigens die Ausführung, daß die moderne Naturwissenschaft
ein Produkt des Christentums sei, da erst dieses, im Unterschied
von der antiken Wissenschaft, mit Begriffen wie Unendlichkeit
arbeiten gelernt habe. Interessant ist auch Seite 22 das Gespräch
des Verfassers mit Nernst, der an der ewigen Dauer der Materie
festhielt und einen Weltanfang leugnete. Der Vortrag ist übri-
gens nicht vom Verfasser selbst herausgegeben, sondern von
D. Krummacher in Greifswald, der ihn offenbar angeregt hat,
nach einer Nachschrift und zudem noch durch eine andere Feder
hindurchgegangen, also nicht ganz authentisch, aber doch wohl
zuverlässig wiedergegeben. Es war eine Freude, ihn zu lesen.

Dresden Arthur Neuberj

Henn, Ernst: Darwin und der abendländische Geist.

Deutsches Pfarrerblatt 59, 1959 S. 1 52—154.
Jasper. Gerhard: Das Verhältnis Albert Einsteins zur Religion.

Deutsches Pfarrerblatt 59, 1959 S. 242—244.
Meschkowski, Herbert: Forschung und Mythos. Ein Beitrag zum

Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie.

Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte XII, 1960 S. 60—74.
Nueva imagen del hombre: Filogenesis y ontogenesis (En el centenario

de Darwin).

Ciencia y Fe XV, 1959 S. 303-324.

SYSTEMATISCHE THEOLOGIE

Semmelrot Ii, Otto. S. J.: Das geistliche Amt. Theologische Sinn-
deutung. Frankfurt/Main: Knecht [1958]. 336 S. 8". Lw. DM 12.80.

Dieses Buch stellt eine allseitige „Meditation auf Sinn und
Gehalt de« Geistlichen Amtes" (8) dar, die in ausholenden,
manchmal spekulativen Gedankengängen und in gepflegter, warm-
herziger Sprache Amtsträgern wie Laien zu innerem Verständnis
des Amtes verhelfen möchte, und zwar so, daß sie dieses wurzel-
haft aus dem Wesen der Kirche heraus verstehen lehrt. Damit
schließt sich das Buch eng an des Verf. bekanntes Werk „Die
Kirche als Ursakrament" an und ist diesem auch in der Art der
Gedankenführung und der Sprache verwandt. Im Rahmen einer
Ganzheitsauffassung der Kirche von dem Heilshandeln Gottes

in Christus her wird das Amt als ein Wesenselement derselben
Stück um Stüde entfaltet (I: Begründung des Geistlichen Amtes;
II: Die Funktionen des Geistlichen Amtes; III: Die Mitteilung
des Geistlichen Amtes). Innerhalb dieser Ganzheitsschau kom-
men an Hand der Strukturlinien alle Einzelfragen in bezug auf
das Amt zur Sprache. Eben durch diese Ganzheitsschau sucht Verf.
auch die aus bloßem Prinzipiendenken stammenden verkehrten
Einseitigkeiten und Gegensätzlichkeiten nach der einen oder der
anderen Seite hin zu überwinden und die in ihnen steckenden be-
rechtigten Anliegen positiv aufzufangen und miteinander zu ver-
binden.

So wendet sich der Verf. etwa gegen verkehrten Dynamis-
mus, der die „Geistlichkeit", und verkehrten Institutionalismus,
der die „Amtlichkeit" des Geistlichen Amtes fälschlich verab-
solutiert (S. 89 ff.: „Die zweifache Versuchung"; S. 96 ff.: „Die
Kunst der rechten Mitte"). Vor allem wendet er sich gegen ver-
kehrten Klerikalismus, der das Amt überbetont, und gegen ver-
kehrten Kongregationalismus, der es unterbetont (S. 21—57). Wie
das Amt von dem die Kirche tragenden Heilshandeln Gottes in
Christus her begründet wird, so wird es durchgehend in seiner
Bezogenheit auf die Gemeinde entfaltet. Es ist das, was es von
Christus her ist, nur auf die Gemeinde hin. Denn die Kirche stellt
sich wesentlich in der Lebensrelation von Amt und Gemeinde dar
(S. 197f¥.: „Die Zweiheit von Amt und Laientum in der Kirche";
S. 207 ff.: „Das Leben der Kirche in Amt und Gemeinde"). Hierin
will der von Grund auf und durchgehend „dialogische" Charakter
des göttlichen Heilshandelns zum Ausdruck und weiter zum Ein-
satz kommen.

..Laiengemeinde und Geistliches Amt sind aufeinander bezogen. In
ihrer Gemeinsamkeit und Begegnung bilden 6ie die Kirche und leben
in ihr" (3 5). ,.So gehören beide Begegnungspartner gleich wesentlich
zur Kirche. Und im Vollzug der Beziehung beider aufeinander lebt die
Kirche und verwirklicht sie das Heil. ... Sie bedingen sich gegenseitig"
(55). ,,So hat auch in der Kirche . . . das Geistliche Amt keinen Sinn in
sich selbst, sondern nur in der Bezogenheit auf die Laiengemeinde; die
Laiengemeinde aber hat ihr Leben vom Geistlichen Amt und auf es hin,
da es die Quelle ihres Lebens repräsentiert" (205).

In dem Sinne wird das Proprium des Amtes innerhalb dieser
immer wieder betonten Bezogenheit von Amt und Gemeinde auf-
einander zu bestimmen gesucht.

Zwar stellt das Amt „die Kirche in einer qualifizierten Ge-
stalt und Verdichtung" (242) dar, es ist „sichtbare Darstellung
des Hauptes der Kirche" (27).

„In der Begegnung der kirchlichen Gemeinde auf Erden mit dem
diesseitig-sichtbaren Amtsträger wird die Begegnung des Menschen mit
Gott in die horizontale Ebene des gesellschaftlichen Daseins der Kirche
übertragen, ohne aufzuhören, im eigentlichsten die Begegnung in der
Vertikale zwischen Mensch und Gott zu sein" (201 f.). In dem „Gegen-
über von Amt und Gemeinde" soll „die Begegnung von Christus und
Mensch bildlich leibhaft dargestellt und dem Mitvollzug des einzelnen
Menschen dargeboten werden" (23 5). Die „Bindung an Christus wird
in der Bindung an das Geistliche Amt der Kirche dargestellt" (239).
(Vgl. den ganzen Abschnitt S. 219 ff.: „Die Bindung des kirchlichen Le-
bens an das Geistliche Amt.") „In den Funktionen des Geistlichen Am-
tes bietet sich das Heilswerk Christi in leibhaftiger Gestalt den Gläu-
bigen an, auf daß sie es entgegennehmen, indem sie dem Amtsträger
glaubend, ihn auf Christus hin durchschauend, begegnen" (52).

Doch mit dem allen hat das Amt wesentlich eine „dienende
Bezogenheit auf die Gemeinde der Laien" (34; vgl. den ganzen
Abschnitt S. 50 ff.: „Die dienende Stellung des Geistlichen Am-
tes"), die wichtiger ist als es selbst (55 f.).

Das Amt ist „um des Laientumes willen gestiftet" (34) und „als
Sein auf die Gemeinde hin" zu verstehen (54). So ist es innerhalb des
Ganzen nur eine „relative Größe" (36), eine „von sich selbst weg-
weisende Größe" (51); über sich hinausweisend auf Christus und eben
damit dienstbezogen auf die Gemeinde gewiesen. Es ist „auf Christus
hin entmächtigt um der Gemeinde willen. Auch auf sie hin ist das Amt
also entmächtigt" (54).

Darum darf es in keinem Sinne verabsolutiert werden. S., der
das eigentlich Katholische so plerophor herausstellt, kritisiert
doch scharf diesbezügliche Tendenzen in der katholischen Kirche
(S. 30 ff, 50 ff., 219 ff. u.a.). (Auch etwa die eschatologische
Offenheit der Kirche gegen eine ekklesiastische Verdichtung:
133 ff., oder die Bedeutung des Wortes gegen seine Gering-
achtung: 150 ff., 183 ff., werden kraftvoll hervorgehoben.)
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