Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

85.1960

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Theologische Literaturzeitung 1960 Nr. 9

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den christlichen Imperien gegen die Sarazenen und als den Ort, an
dem 8 69 der Titelstreit ausbrach, der das bisher freundliche Ver-
hältnis der beiden Kaiser beendete. Dabei nimmt Ohnsorge Ge-
legenheit, nochmals seine — nicht allseits anerkannte — These über
die Entstehung des Constitutum Constantini näher auszuführen;
doch ist hier nicht der Ort, auf diese neuerdings abermals in Fluß
gekommene Frage näher einzugehen1.

Neu ist auch der Aufsatz über „Ottos III. Legation an
Basileios II. vom Jahre 998. Ein Beitrag zur Frage des byzan-
tinischen Einflusses auf die Metallsiegelpraxis des Westens"
(S. 28 8—299). Er führt hier einleitend auf byzantinisches Vor-
bild zurück, daß Otto III. nach der Kaiserkrönung auf seinem
Wachssiegel das Brustbild durch ein Standbild ersetzte, und sucht
im einzelnen darzutun, wie der „während 6einer ganzen Regie-
rung" andauernde diplomatische Verkehr mit Byzanz auch die
Metallsiegel Ottos beeinflußt habe; insbesondere sei der Erfolg
seiner Gesandtschaft von 1001 in Konstantinopel daraus zu er-
klären, daß sich Otto III. mit der damals neugeschaffenen Bulle
B 4 — der gleichen, die an DO. III 3 89 (der Verwerfung des Con-
stitutum Constantini als unecht) befestigt wurde — den Byzan-
tinern als „Kaiser des römischen Reiches" präsentierte, „der sich
der innerbyzantinischen Kanzleigebräuche bediente" und die für
Byzanz anstößige „Ingerenz des Papstes auf die Kaiserkreierung"
beiseite geschoben hatte2.

Wir fassen zusammen: die Vorlage der gesammelten Auf-
sätze von Ohnsorge ist dankbar zu begrüßen. Sie ersetzt uns eine
zweite, erweiterte Auflage seines Buches über das Zweikaiser-
Problcm, ermöglicht einen raschen Überblick über den Stand der
Forschung und wird damit zu einem wertvollen Hilfsmittel für
die weitere Arbeit.

Erlangen Heinz Löwe

') Zu der von Ohnsorge S. 226 zitierten Arbeit v. W. G e r i c k e
lst jetzt die Untersuchung von H. Fuhrmann, Konstantinische
Schenkung und Silvesterlegende in neuer Sidit, DA. 1 5 (1959) S. 523
540, zu vergleichen, mit der der These von Geridce die quellen-
kritische Grundlage entzogen ist.

') Zu diesem und dem zuvor genannten Aufsatz vgl. H. B e u -
mann, Zs. Sav. RG. 76, Kan. Abt. 45 (1959) S. 338—341.

■scher, Joseph A.: Lantbert von Freising 937—957. Der Bischof
und Heilige. Erinnerungsgabe an die Jahrtausendfeier 1957. In Ver-
bindung mit Johannes Fuchs u. Adolf W. Ziegler hrsg. München:
Seitz 1959. 111 S., 6 Abb. a. 3 Taf. gr. 8 = Beiträge zur altbayeri-
schen Kirchcngeschichte. III. Folge d. Beiträge zur Geschichte,
Topographie u. Statistik d. Erzbistums München u. Freising, 21. Bd.,
1 H. Kart. DM 8.80.

Vom 15. — 22. September 1957 wurde in Freising das tau-
sendjährige Jubiläum des Bischofs Lantbert (f 957) begangen, des
einzigen Oberhirten dieses Bistums, der nach dem Gründer-
bischof Korbinian als Heiliger verehrt wird. Trotzdem 6ind die
Nachrichten über sein Leben und Wirken so dürftig, daß selbst
e'n gründlicher Kenner der Frci6inger Stadt- und Bischofsge-
schichte wie Joseph Schlecht zeitweise die Auffassung ver-
treten konnte, die Verehrung Bischof Lantbcrts von Freising
als eines Heiligen beruhe nur auf einer Verwechslung mit Lam-
bert von Lüttich. Daher ist es als Gewinn zu betrachten, daß
Joseph A. Fischer, der Professor für Kirchengeschichte an der
Fhil.-Theol. Hochschule in Freising, das spärliche Material sorg-
fältig gesammelt und kritisch ausgewertet hat. Viele Ergebnisse
seiner entsagungsvollen Arbeit sind von allgemeiner historischer
Bedeutung (Freie Bischofswahl: 12 f.; Ungarnkriege: 14-16, 24
7j*7, zur Erwähnung der Ungarnnot in der Liturgie vgl. neuer-
dings Faso Ii Gina, Point de vue sur les ineursions hongroises
en Europc au X° 6iccle, in: Cahiers de Civilisation medievale 2
U959) 17-35; Bischof Lantpert und die Reichspolitik 17-24).
Auf gründliches Handschriftenstudium ist insbesondere die Un-
tersuchung über die Kultgeschichte des Frei6inger Heiligen ge-
gründet (40-80). - Es folgt aus der Feder des gleichen Verfas-
sers ein knapper Bericht über die Gedenkfeiern des Jahres 1957. —
• • as Verhältnis von Geschichte und Legende im Leben des hei-
Ä^en ^antPert" wird anschließend von Universitätsprofessor
Adolf W. Zicgler (München) behandelt. Seine kurzen Aus-
Ehrungen (98-105) gipfeln in beachtenswerten Feststellungen
zum Thema der Spannungen zwischen Theologie und Volks-

frömmigkeit. — Dem festlichen Anlaß, dem das vorliegende Buch
seine Entstehung verdankt, entspricht die Aufnahme der Predigt,
die der Generalvikar des Erzbistums München und Freising beim
Lantbertsjubiläum hielt. Aber auch dieser Beitrag von Dr. Johan-
nes Fuchs ist von nüchterner Beschränkung auf die geschicht-
lichen Tatsachen getragen. — Mit Genugtuung darf noch auf das
gewissenhaft gefertigte Register hingewiesen werden.

Regensburg Joseph S t aber

Kolping, Adolf: Die handschriftliche Verbreitung der Meßerklä-
rung Alberts des Großen. Ein Beitrag zum Einfluß Alberts auf das
mittelalterliche Geistesleben.

Zeitschrift für katholische Theologie 82, 1960 S. 1—39.
Lupo, Tiburzio: Validita della tesi gerseniana 6ull' autore della

„Imitazione di Cristo".

Salesianum XXII, 1960 S. 56—106.
Martin, F. X.: The Problem of Giles of Viterbo. A historiographi-

cal survey (continuation and end).

Augustiniana X, 1960 S. 43—60.
R o n d e t, Henri: „Naturel" et „Contrenature". Sur trois lignes de

saint Thomas.

Recherches de Science Religieuse XLVIII, 1960 S. 241—257.
Roth, F.: Sources for a History of the English Austin Friars (continu-
ation).

Augustiniana X, 1960 S. 294*—340*.
Semmler. Josef: Reichsidee und kirchliche Gesetzgebung.

Zeitschrift für Kirchengeschichte LXXI, 1960 S. 37—65.
Teeuwen, N. u. M e i j e r, A. de: Documents pour servir ä

l'histoire medievale de la province augustinienne de Cologne. Extraits

des registres des prieurs generaux (1357—1506) (ä suivre).

Augustiniana X, 1960 S. 115—177.
Ypma, E.: A propos de la „Mensa Pauperum", attribuee ä tort ä

Alexandre de San Elpidio.

Augustiniana X, 1960 S. 36—42.

KIRCHENGESCHICHTE: REFORMATIONSZEIT

Stadelmann, Rudolf f: Das Zeitalter der Reformation. Bearb. von
E. Naujoks. Darmstadt: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion
Dr. A. Hachfeld [1954]. 132 S. gr. 8° = Handbuch der Deutschen Ge-
schichte. Begr. v. Prof. Dr. O. Brandt, fortgeführt v. Prof. Dr. A. O.
Meyer. Neu hrsg. unter Mitwirkung zahlreicher Historiker von Prof.
Dr. Leo Just, Bd. II, Abschnitt 1.

An Darstellungen der Geschichte der deutschen Reformation
ist kein Mangel. Auffällig viele von ihnen sind Bestandteile von
Gesamtdarstellungen größerer geschichtlicher Zusammenhänge
oder waren es in ihrer ursprünglichen Fassung, etwa Paul Joachim-
sens: Die Reformation als Epoche der deutschen Geschichte (jetzt
München 1951; früher: Propyläen-Weltgeschichte 1930) oder
Walter Peter Fuchs: Das Zeitalter der Reformation (Gebhardt-
Grundmann: Handbuch der Deutschen Geschichte II, 1—104). Die
Verfasser sind fast durchgehend Profanhistoriker.

Angesichts der Reichhaltigkeit der Angebote kann man
ernsthaft fragen, ob es wohlgetan war, die 1936 erstmalig er-
schienene Darstellung der Reformationsgeschichte des 1949 ver-
storbenen Tübinger Historikers neu aufzulegen. Sie ohne jeden
Zusatz wiederzudrucken, hat der Verlag auch nicht gewagt. Daß
der Literaturanhang neu gestaltet werden mußte, ergab sich von
selber. Er bietet das Wichtigste und doch nicht zu viel. Bedeut-
samer ist, daß der Herausgeber und Bearbeiter in einem Geleit-
wort mutig und offen auf die Schwächen der Darstellung hinweist.
Er 6ieht und sagt richtig, daß politische Revolution und Glaubens-
erneuerung in viel zu enger Verschlingung miteinander gesehen
sind. Das ließe sich übrigens nicht nur, wie es der Bearbeiter tut,
an der Behandlung Huttens und seines Kreises dartun (der „Stoß-
trupp der deutsch-religiösen Revolution"), sondern auch an der
Behandlung der Bauernrevolution. Hier ist eine Synthese zwischen
lutherischer und bäuerlicher Bewegung vollzogen, die schwerlich
der Wirklichkeit entsprechen dürfte.

Gegen die Stadelmannsche Darstellung ist noch mehr ein-
zuwenden. Die Kenntnis des Verfassers von der Scholastik und
ihrer einzelnen Schulen ist unzureichend, und wichtige Aussagen,
die er macht, stimmen einfach nicht. Das Verhältnis von Thomis-
mus und Occamismus ist nicht richtig bestimmt, und für die
Schule des Duns Scotus bleibt überhaupt kein Platz, weil der
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