Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

85.1960

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Theologische Literaturzeitung 1960 Nr. 7

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Scheffczyk. Leo: Die Idee der Einheit von Schöpfung und Erlö-
sung in ihrer theologischen Bedeutung.
Tübinger Theologische Quartalschrift 140, 1960 S. 19—37.

S e c k 1 e r, Max: Das Heil der Nichtevangelisierten in thomistischer
Sicht.

Tübinger Theologische Quartalschrift 140, 1960 S. 3 8—69.

GEGENWARTSPROBLEME

Danielou, Jean S.}.: Le chrcticn et le monde moderne. Tournai:
Desclee & Cie. 1959. 78 S. = Collection le Monde et la Foi, dirigee
par J. de Fabreques, No. 274.

Das vorliegende Heft enthält vier Aufsätze. Im ersten ver-
sucht D. Glaubens6chwierigkeiten zu beheben, die sich entweder
angesichts der Exaktheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis oder
auf Grund des existenzialistischen oder des marxistischen Hu-
manismus ergeben. D. verurteilt den „Fideismus", der die Auf-
gabe der Vernunft in Glaubensfragen leugnet, und die Glaubens-
haltung des beatus possidens sowie eine im praktischen Leben
unfruchtbar bleibende Frömmigkeit. — Der zweite Aufsatz ver-
teidigt den „Pratiquant", d. h. den „praktizierenden", also die
kirchliche Sitte vorschriftsmäßig befolgenden Durchschnitts-
katholiken gegen die Meinung, als habe der sittlich hochstehende
Nichtchrist mindestens ebenso das Wohlgefallen Gottes. Zwar
rechtfertigt eine bloß gewohnheitsmäßige Frömmigkeit den
Menschen nicht, aber es gibt auch kein Christentum ohne Sakra-
mente. Korrekturbedürftig ist D.s These, eine atheistische
Sittlichkeit sei nicht nur antichristlich, sondern auch „anti-
human" (26 vgl. 35). Wir Christen sollten angesichts der Ge-
schichte der Ketzerverfolgungen und ähnlicher Vorgänge mit
der Kennzeichnung des Atheismus als antihuman vorsichtig sein.
Dagegen ist D. beizustimmen, wenn er darauf hinweist, daß die
liturgische Bewegung in der Gefahr steht, die Veräußerlichung
der Frömmigkeit zu begünstigen (29 f.). — Von der evangelischen
Armut handelt der dritte Aufsatz. Jeder Christ ist nach D. zu
ihr berufen und soll sie an dem Platz, auf den er gestellt ist,
im Gehorsam gegen Gott und in der Verantwortung für die
anderen verwirklichen. Das Mönchtum ist nur eine besondere
Form der evangelischen Armut unter anderen ebenso berechtig-
ten und notwendigen. — Im letzten Aufsatz fordert D. von den
Christen, die wirksamsten Agenten im Kampf für die soziale
Gerechtigkeit und den internationalen Frieden zu sein (73 f.).
Ein bloß individuelles Heilsverlangen ist egoistisch und verfehlt
das Ziel. Aber auch das atheistische Selbstvertrauen des Fort-
schrittsgläubigen muß scheitern. In der Verbindung von Beten
und Handeln liegt der rechte Weg.

Halle/Saale Erdmann Schott

Mörsdorf, Josef: Gestaltwandel des Frauenbildes und Frauenberufs
in der Neuzeit. München: Hucber in Komm. 1958. XVI, 467 S. gr. 8°
= Münchener theol. Studien. Im Auftr. d. theol. Fak. München hrsg.
v. J. Pascher, K. Mörsdorf, H. Tüchle, II. Syst. Abt. Bd. 16. DM 32.—.

In einer Situation, wo die Ehefrauen und Mütter aus mannig-
fachen Gründen in die außerhäusliche Berufsarbeit strömen, ent-
itehen nicht nur Probleme, die einer praktischen Lösung bedür-
fen, vielmehr müssen die Grundlagen des Familienlebens, die
fozialen Rollen von Mann und Frau, das Bild der Mutter, das
Bild der Frau, überprüft, neu gedacht und neu gesehen werden.
In solcher Stunde der Besinnung ist uns das Werk des Theologen
Joseph Mörsdorf hochwillkommen. In ihm wird die Frauenberufs-
arbeit in ihrer historischen Entwicklung seit der Renaissance —
einer keineswegs gradlinigen und monolinearen Entwicklung —
gegeben und in geistesgeschichtlichen Zusammenhängen gesehen:
die Frauenberufsarbeit ist nicht ohne das Bild, das eine Epoche
vom Menschen überhaupt und von der Frau insbesondere sich
macht, zu verstehen. Der Verfasser hat seinen festen Standpunkt
in den Seinsordnungen der katholischen Kirche. Er geht aus von
Ur- und Grundformen der Gesellschaftsbildung, zu denen er auch
die hierarchische Struktur der Familie rechnet. Es geht ihm darum,
die von der empirisch-soziologischen Gegenwart her geforderte
Modifikation eines ewigen und unverrückbaren Frauenbildes zu
bestimmen. Indem er die humanistische, die aufklärerische, die
romantische, die sozialistische, die liberale Auffassung eingehend

und sachlich darstellt, indem er die protestantische Theologie von
der Reformation ab, die moderne Struktur- und Tiefenpsychologie,
die Existenzphilosophie und die Anthropologie, ein wenig auch
die Soziologie, zu Worte kommen läßt, indem er den Blick über
die deutschen Grenzen hinauslenkt und die Verwandlungen, die
weltüber geschehen, die neuen Rechtsordnungen in den verschie-
denen staatlichen Systemen mit einbezieht, gelingt es ihm dar-
zustellen, welche Kräfte am Werke sind und sich miteinander
messen. Das Ringen um ein neues Frauenbild, das Frauenbild un-
serer Zeit, dessen Wurzeln bis tief in die Ideengeschichte de«
vorigen Jahrhunderts hineinreichen, wird deutlich. Dadurch, daß
der Verfasser auf objektive Weise eine allgemeine Orientierung
vermittelt, schafft er die Grundlage, auf der wohlorientiexte Ent-
scheidungen, die freilich, wie er weiß, stets noch aus anderen
Quellen gespeist werden, getroffen werden können.

Die große Sammlung von Material und Literatur, klar sy-
stematisiert und wiedergegeben, bietet selbst dem, der sich mit
der Frauenfrage beschäftigt hat, Neues und Neugesehenes. Im
einzelnen mag man das eine oder andere anders interpretieren
(z. B. würde ich Buytendijk sehr viel mehr im Gegensatz zu Si-
mone de Beauvoir sehen, auch Margaret Mead z. T. anders ver-
stehen), mag man auch einiges vermissen: wenn etwa die Dar-
stellung der sozialistischen Einstellung zum Frauenberuf mit Bebel
endet, die der evangelischen Frauenbewegung mit den Vorstel-
lungen des Deutschen Evangelischen Frauenbundes aus den zwan-
ziger Jahren. Zwar wird die kommunistische Linie bis zur Gegen-
wart weitergezogen, nicht aber die Einstellung der Gewerk-
schaften; auf evangelischer Seite wird zwar Karl Barths Deutung
der Frauenrolle ausführlich dargestellt, der aber nicht allein als
repräsentativ gelten kann und ja auch vom Verfasser mehr der
Existenzphilosophie zugeordnet wird. Dagegen wird nicht be-
rücksichtigt das von den Evangelischen Akademien Erarbeitete
oder etwa die Verlautbarungen der Synode von Espelkamp. In
den historischen Abschnitten kommt die französische Frauen-
bewegung gar zu kurz weg. Aber es wäre ungerecht, würde man
dem Wenigen, das fehlt, das gleiche Gewicht beimessen wie dem
Vielen, das der Verfasser gegeben hat. Ein solches Buch fehlte,
und dankbar nehmen wir es entgegen, gewiß, daß es wirkend in
die geistige Auseinandersetzung um die Frau als Mutter und als
Berufsausübende eingehen wird.

Hamburg Elisabeth Pf eil

E 11 u 1, Jaques: Leben als moderner Mensch. Aus d. Französischen übers,
von Barbara Marx. Zürich: Zwingli Verlag [1958]. 116 S. 8°.
DM 8.20.

Als moderner Mensch christlich zu leben ist nach Ellul
eigentlich unmöglich, denn das moderne Leben ist von der Tech-
nik beherrscht, in der das Ziel verschwand, weil alles zum Mittel
geworden ist, dem sklavisch gedient werden muß. Das Leben ist
dämonisiert oder mythologisiert, darum ist es trotz üppiger
Scheinblüte ein Leben zum Tode, das in Verzweiflung gelebt
werden muß, weil der Sündenzusammenhang der Welt alles
wahre Leben vernichtet. Die letzte Konsequenz wäre der Selbst-
mord. Marcionitische und existentialistische Ideen wirken zu dem
pessimistischen Aspekt zusammen. Aber dem Christen ist die
Flucht aus dem Leben versagt, besonders dem christlichen Laien,
für den E. im besonderen schreibt. Wir haben in der Welt zu blei-
ben; „Solidarität", „Kontakt", „Kommunikation" sind notwen-
dig, und in ihnen muß sich das Leben als moderner Mensch zei-
gen. Wie das gemeint ist, kann letzten Endes nur von der streng
eschatologischen Haltung des Verfassers her verstanden werden.
Ziel und Ende der Geschichte ist der kommende Herr, der über
die Todesgesetze dieser Welt in seiner Auferstehung bereits ge-
siegt hat. Darum ist Konformismus mit der Welt, mag er sich
noch so sehr revolutionär gebärden, keine weltmächtige, sondern
welthörige Haltung, die das Leben dämonisiert. Geistig-geistliche
Revolution ist gefordert, zu ihr aber ist allein das Christentum
fähig. Indem der Christ den Todesgesetzen, die speziell in der
technischen Welt ihr wahres Gesicht zeigen, absagt und sie in
einer eschatologischen Haltung und in einem ihr gemäßen Lebens-
stil überwindet, dient er der Erhaltungsordnung Gottes. Anschau-
ungen des religiösen Sozialismus (Blumhardt, Ragaz) dürften hier
wiederkehren. — Soviel zum problemgeladenen Inhalt der Schrift
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