Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

85.1960

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Theologische Literaturzeitung 1960 Nr. 6

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Die Nähe des Mks zur Lulcastradition ist wohl näherhin so zu
erklären, daß unser Schriftstück nicht nur unmittelbar von Lukas ab-
hängig ist, sondern auch mittelbar von einer auf Lukas zurückgehenden
Überlieferung, die in der Gemeinde des zweiten Jahrhunderts weithin
Allgemeingut ist.

Auch im literarischen Aufbau erweist sich der Mks als Einheit.
In den vv. 9—14 wird die apologetische Glaubensdarstellung der Er-
scheinungen des Auferstandenen geboten, in den vv. 15—18 die Mis-
sionsrede des Kyrios. Apologetische Glaubensverkündigung und Mission
sind die Themen des Mks, wobei die apologetische Tendenz offensicht-
lich im Dienst der Missionspredigt steht. Sie werden in schlichter Kom-
position ein zweites Mal — wiederum in der gleichen Reihenfolge —
aufgenommen: In v. 19 wird die Himmelfahrt und Thronbesteigung be-
richtet, also die Glaubensdaretellung der w. 9—H wieder aufgenom-
men und zu Ende geführt. In v. 20 ist vom Missionswirken der Kirche
in der Gegenwart die Rede, es wird also der Vollzug des in vv. 15—18
vom Herrn ergangenen Missionsbefehls durch die Gemeinde berichtet. —
Diese bewußt gestaltete Komposition weist deutlich auf die Einheit des
Mks. Man wird den Mks gegenüber der übrigen Literatur des NT als
eigenes literarisches Genos werten dürfen.

3. Das Freer-Logion

Im F läßt sich eine vielseitige Abhängigkeit von verschiedenen ntl.
Traditionen feststellen, es trägt also einen auch anderweitig nachweis-
baren (vgl. Pap. Oxy. 1 Spruch Nr. 3) Mischcharakter. Dem F eigen
sind nur die Begriffe „die Grenze" und „andere Übel" aus der Christus-
rede. Alle übrigen Worte finden sich im NT. Auf die Gnosis scheint
dabei das „Ergreifen - Begreifen" aus der Jüngerrede zurückzugehen,
während die Wendung von den „unreinen Geistern" apokalyptisch zu
verstehen ist.

In der zentralen Äußerung Christi „Und für die Sünder wurde ich
preisgegeben in den Tod" ist die vorsynoptische Ebed-Christologie
belegt, wobei unser Ausdruck als freies Zitat aus Deutero-Jesaia 53, 12
interpretiert werden kann. Das F greift ako damit auf die atl. Über-
lieferung zurück und bietet mit diesem Wort die älteste christologische
Anschauung der alten Kirche.

Paulinisches Gut finden wir vor allem im Finalsatz der Christus-
rede „damit sie (die erlösten Sünder) die im Himmel (sc. befindliche)
geistliche und unverderbliche Herrlichkeit, nämlich die Dikaiosyne
erben". Es läßt sich nachweisen, daß alle Begriffe dieses Finalsatzes mit
Ausnahme von Dikaiosyne bei Paulus in 1 Kor 1 5, 3 5—58 an betonten
Stellen belegt sind. Von diesem Befund ausgehend sei es zur Diskussion
gestellt, ob nicht in diesem Finalsatz ein Resume aus 1 Kor 15, 35—58
vorliegen könnte. Wenn sich diese Vermutung letztlich auch nicht be-
weisen läßt, so ist es doch eine These, die sich rein vom Sprachlich-
Begrifflichen her aufdrängt. Der einzige in 1 Kor 1 5, 3 5—58 nicht be-
legte Begriff Dikaiosyne dürfte dann wohl an dieser Stelle ebenfalls
paulinisch im Sinn der „Rechtfertigung", also der iustitia dei activa
gedeutet werden, eine Auslegung, die dem Text deshalb so adäquat
wäre, weil ja der Kyrios hier vom Erbe spricht, das den Gläubigen auf
Grund seines Heilstodes als himmlische und unvergängliche Herrlichkeit
gleichsam unverdienterweise zuteil wird. Vielleicht kann man von hier
aus die paulinische Bedeutung „Rechtfertigung" für Dikaiosyne sogar
schon in die Bitte der Jünger am Ende ihrer Rede legen: „Offenbare
deine Dikaiosyne schon jetzt." Wenn man das Faktum voll würdigt,
daß das F aus der Gemeindetheologie entstanden ist, scheint das nicht
ausgeschlossen. Die Gemeinde weiß um das ihr widerfahrene Heil der
Rechtfertigung und legt deshalb den Jüngern eine entsprechende Bitte
in den Mund. Jedoch drängt sich diese Deutung hier nicht in der gleichen
Weise auf wie im Christuswort. Sie wird vielmehr von der Christusrede
aus für das gleiche Wort in der Jüngerrede wahrscheinlich, weil man
einen einheitlichen Sprachgebrauch für einen einzelnen Begriff in einem
solch kurzen Logion voraussetzen möchte. — Daneben kann man Dikaio-
svne — vor allem wenn man von der Jüngerrede ausgeht — als foren-
sischen Begriff wie in 1 Tim 3,16 und Joh 16, 8 f. in der Bedeutung von
„Sieg" erklären. Die paulinische Bedeutung „Rechtfertigung" sei des-
halb zur Diskussion gestellt, weil der gesamte Finalsatz der Christus-
rede 60 stark paulinisch geprägt ist und diese tiefere spezifisch pauli-
nische Bedeutung des Begriffes nahezulegen scheint.

Auf johanneisches Gut weist im F der andere Finalsatz der
Christusrede „damit sie zurückkehren zur Aletheia und nicht mehr sün-
digen" und in der Jüngerrede die Äußerung, daß e« durch den Einfluß
Satans nicht möglich sei, „die Aletheia Gottes zu erfassen und seine
Macht". Aletheia bedeutet hier wie im Corpus Johanneum die göttliche
Wirklichkeit.

Trotz des Mischcharakters weist das F in seiner kompositorischen
Anlage auf eine literarische Einheit. Es ist in zwei Reden gegliedert,
die Entschuldigung der Elf und die Verheißung des Christus. Beide sind
deutlich in zwei Abschnitten angelegt: Der erste handelt jeweils von
Satan und seiner Zeit in Indikativen; der zweite mit den teleologischen
Formen des Imperativs bzw. der Finalsätze von der Dikaiosyne. Dabei

wird die Anschauung der Jüngerrede durch das Herrenwort jeweils
grundlegend verbessert, nämlich in den neuen heilsgeschichtlichen Zu-
sammenhang gestellt. So wird dem machtvollen Satans-Aion der Jünger-
rede in der Christusrede das bereits vollzogene Ende dieser Epoche ent-
gegengestellt. Auf die Bitte der Elf an Christus um Offenbarung der
Dikaiosyne schon jetzt verheißt der Herr den Seinen im Rückblick auf
seinen Tod die Rückkehr zur Wirklichkeit Gottes und die Doxa, die
in der „Rechtfertigung" (oder im „Sieg") besteht.

4. Das gegenseitige Verhältnis von Markusschluß und Freer-Logion
Aus der Wortauslegung hebt sich als grundlegendes Hauptergebnis

die formale und kerygmatische Einheit jedes der beiden Texte ab.

Während abeT der Mks aus dem urchristlichen Anliegen der Mis-
sionsverkündigung von der Auferstehung des Kyrios hervorgegangen
ist, also im Blick auf seine Entstehung in einem letzten Sinn als
„Gemeindetheologie" bezeichnet werden darf, ist das F wohl aus einer
verzerrten Auslegung des Mks entstanden, nach der der Unglaube der
Elf, ihre Hartherzigkeit und der Tadel durch den Herrn aus dem apolo-
getischen Zusammenhang des Mks herausgelöst und einseitig unter
negativem Aspekt als Schmälerung der Autorität der Elf empfunden
werden, was im Mks überhaupt nicht im Blickpunkt steht, sondern
ganz und gar der Apologetik untergeordnet ist. Hinsichtlich der Ent-
stehung ist also der Mks ursprünglicher als das F.

Gerade entgegengesetzt liegen die Verhältnisse, wenn man die bei-
den Texte nach ihrem kerygmatischen Gehalt befragt. Der Mks zeigt
ein mehr vordergründiges Glaubens- und Gemeindeverständnis, das F
führt dagegen den Unglauben der Elf auf den letzten Widersacher zu-
rück und gibt im Christuswort eine letzte Antwort mit der Verkündi-
gung vom Ende der Satanszeit, vom Heilstod des Herrn, der nun mög-
lichen Rückkehr zur Wirklichkeit Gotte6 und der Doxa für die Glau-
benden.

Beide Texte geben eine Interpretation der gegenwärtig lang an-
dauernden Gemeindezeit. Nach dem Mks wirkt die Kirche in glän-
zender Weise mit prächtigen Wundern, durch die der Herr die Seinen
ausweist. Das F sieht die Dinge abermals tiefer, wenn es das Ende der
Satanszeit für die Gegenwart verkündet, die „Rechtfertigung" in ver-
borgener Weise schon in der Kirche gegenwärtig weiß und deren
letzte Vollendung am Ende der Zeit erwartet.

5. Text und Übersetzung des Freer-Logions
xäxelvoi äjitXoyovvxo Xcyovxcg, öxt

6 alwv ovxog xrjg dvo/iiag xai xrjq dnioxlag vnv xöv Zaxaväv eaxiv
^r)ö^»')/u^ ewvxa vjxo xwv ixvevfiäxaiv dxaüaQX\oiv\
xtjv aXrjdciav xov Oeov xaxaXaßfoOai (xai) Avvaftir.
Siä xovxo ajioxäXvyov aov xi]v Stxaioovvtjv fj/ir/,
ixeTvot eXeyov r<p Xotoxtp.

xai 6 Xqioxos ixelvoti nQooeXtytv, 8xi

ncjiXriQuyxai 6 Sgog xä>v excöy xrjg it-ovoi'ai xov Saxavä,
dXXä iyyiCst äXXa cf(«)ivä.

xai vjieq (r^üiv tyd> ä/^agxrjaävxoyv naQed60r]v tlg Qävaxov,
tva vnooxotywötv tlg xr/v äXrj&emv xai fxt\xlxi äfiaQxrjOwoiv,
Iva xfjv iv xi7> ovgavtp jivtvfiaxixt/v xai ärp&aQxov xrjg Sixaioavvrjg

idfav xXtjQovofiTjamatv.
dXXä (folgt Mks v 1 5: nogtv&evxeg . . .)
Und jene entschuldigten sich und sagten:

„Diese Zeit der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens steht unter
Satan, der es nicht zuläßt mit Hilfe der unreinen Geister, die Wirk-
lichkeit Gottes zu erfassen und seine Macht.

Darum offenbare deine Rechtfertigung (oder: deinen Sieg) schon
jetztl", sagten jene zu Christus.

Und Christus sprach zu ihnen:

„Erfüllt ist die Grenze der Jahre der Macht Satans, aber es nahen
andere Übel.

Und für die Sünder wurde ich preisgegeben in den Tod, damit »i*
die im Himmel (sc. befindliche) geistliche und unverderbliche Herrlich-
keit, nämlich die Rechtfertigung (oder: den Sieg) erben.

Gehet also hin . . ." (folgt Mks v 15).

Hengel, Martin: Die Zeloten. Untersuchungen zur jüdischen Frei-
heitsbewegung in der Zeit von Hcrodes I. bis 70 n. Chr. Diss. Tü-
bingen 1959. VI, 328, 256 S.

Die vorliegende Arbeit versucht, von den Quellen aus zur religiö-
sen Eigenart und historischen Entwicklung der zelotischen Bewegung in
dem engeren Zeitraum zwischen Herodes I. und dem Jüdischen Krieg
vorzudringen. Dabei sollen jeweils die einzelnen Qucllcnaussagcn im
Zusammenhang mit den entsprechenden religiösen Anschauungen des
Spätjudentums und des Rabbinats interpretiert werden. Der verschieden-
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