Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

85.1960

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Theologische Literaturzeitung 1960 Nr. 6

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Frage aufzuhellen, „wie die Stiftung Jesu als Opfer der Kirche zu
verstehen sei, in welchem Verhältnis sie zu ihrem Lebensganzen
stehe" (S. 4 f., Zitat aus J. A. Jungmann Miss. Soll.).

Dabei zeigt nun freilich die genaue Untersuchung aller ein-
schlägigen Stellen, die in großer Anzahl wörtlich wiedergegeben
werden, daß zwar von allen genannten Autoren in den drei
„Räumen" mit großer Selbstverständlichkeit von der Kirche als
dem Subjekt des in der Messe darzubringenden Opfers geredet
wird, daß aber darüber keine ausgeführte Lehre dargeboten wird.
Der Verfasser sagt an vielen Stellen, daß die behandelten Auto-
ren davon nicht bewußt und ausdrücklich gesprochen haben (z. B.
S. 117. 138. 142. 176). Der ganze Sprachgebrauch ist noch nicht
dogmatisch starr, sondern sehr beweglich, und die Begriffe wer-
den noch nicht scharf gegeneinander abgegrenzt. So erklärt z. B.
Isidor das Wort sacrificium als sacrum facere, also gleichbedeu-
tend mit consecratio (S. 23), ohne es freilich dann wirklich in
diesem Sinn zu gebrauchen, und er erklärt das sacramentum als
velamentum, als Schleier, mit dem die Kirche die Passion Christi
verhüllt; auch das Verhältnis von offerre und consecrare bleibt
noch unbestimmt (S. 47 f.).

Es kann nicht ausbleiben, daß dann in der vorliegenden
Untersuchung manche Äußerungen jener Jahrhunderte etwas stär-
ker im Sinn jener vorgegebenen Opfertheorie gedeutet werden,
als es wohl der Intention der betreffenden Autoren entspricht.
So wie mit großer Selbstverständlichkeit von jenen Theologen die
Gaben von Brot und Wein, mit denen der Priesterkönig Melchi-
sedech dem Abraham begegnete, als Opfergabe und als Prototyp
des sakramentalen Opfers gedeutet wurden (u.a. S. 98), 60 wird
u. a. auch eine Stelle aus der mozarabischen Liturgie, die nur von
der Darbringung der Gaben handelt, im Sinn des sakramentalen
Opfers interpretiert (S. 56). Auch Paschasius Radbertus hat offen-
bar gerade das nicht gesagt, was der Verfasser bei ihm sucht
(S. 180. 182). Die entscheidende Vorfrage, ob denn überhaupt
jene Voraussetzung zu Recht besteht, daß der Herr seiner Kirche
ein von ihr darzubringendes Opfer „übergeben" habe, taucht bei
Schulte überhaupt nicht auf, und so werden eigentlich nur Beleg-
stellen zusammengetragen für eine a priori feststehende dogma-
tische Aussage.

Zu dieser Voraussetzung gehört es, daß die Kirche bei Isidor
und bei Felix von Urgel so sehr mit Christus identifiziert wird,
daß auch das Golgatha-Opfer Christi selbst als das Opfer der
Kirche bezeichnet werden kann (S. 87 f.), weil die Kirche der Leib
Christi ist. —

In dieses sacerdotium der Kirche ist der einzelne Christ,
aber eben nur als membrum ecclesiae, durchaus eingeschlossen,
und auch die einzelne Versammlung der circumstantes ist nur als
Teil der Gesamtkirche Subjekt de6 eucharistischen Opfers. Auch
über das Verhältnis des Amtspriestertums zu diesem priester-
lichen Opferhandeln der Gesamtkirche enthalten jene Autoren
noch keine ausgeführte Lehre; aber 6ie können gelegentlich sa-
gen, daß der Amtspriester zwar Sprecher, aber nicht Beauftragter
der Gesamtkirche sei (S. 116. 134).

Es ist bezeichnend, daß z. B. bei Felix von Urgel unter dem
Begriff des Gott wohlgefälligen Opfers das eucharistische Opfer
ganz unbefangen zwischen dem Leiden und Sterben Christi, dem
Zeugentod der Apo6teI und Märtyrer, Glaube und Barmherzig-
keit, dem Taufgeschehen, brüderlicher Eintracht, Keuschheit, Ge-
bet und Gehorsam gegen die Gebote Gottes genannt wird (S. 85);
aber andererseits ist auch bei seinem Lehrer Isidor das convivium
nur e i n Element des sacramentum, das eben nicht nur
Opfer, sondern zugleich noch etwas anderes ist (S. 27). So sehr
ist auf der einen Seite der BegTiff des Opfers doch sehr umfassend,
fließend und allgemein, aber andererseits doch der Begriff des
Opfers in diesem weiten Sinn das eigentliche Merkmal der eucha-
ristischen Feier viel mehr als der Mahlcharakter. Die von Schulte
angeführten Zeugen der Lehre von der Kirche als dem Subjekt
des eucharistischen Opfers scheinen freilich darin übereinzustim-
men, daß die Stiftung des Herrn nicht nur auf passiven Empfang
des Heils als sacramentum, sondern auf aktive Teilnahme der ge-
samten Kirche, darum auch aller einzelnen Gläubigen an dem
Opferhandeln Christi zielt. Aber gerade diese theologische
Grundfrage, ob damit das Stiftungswort Christi richtig interpre-
tiert ist, wird eben nirgends ausdrücklich gestellt und auf ihre

Voraussetzungen untersucht. In dieser Hinsicht sind offenbar
schon im frühen Mittelalter zwar nicht deutliche Lehren ausgebil-
det, aber eine bestimmte Redeweise — ecclesia celebrat, ecclesia
offert — in selbstverständlichem Gebrauch, und was dort noch
unbestimmt und in gewissem Maß fließend ist, muß eben im Sinn
der späteren Lehrentwicklung interpretiert werden.

Rimsting/Chiemsee Wilhelm S tB h I i n

Bachmann, Fritz: Aus der Arbeit der Posaunenchöre.
Musik und Kirche 30, 1960 S. 33—36.

B r o d d e, Otto: Wo stehen wir? Eine Untersuchung zur gegen-
wärtigen Kirchenchorarbeit.

Der Kirchenchor 20, 1960 S. 2-11 (= Beigabe zu Musik und Kirche
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Musik und Kirche 30, 1960 S. 18—26.
G r a a f, G. A. C. de: Orgclsachberater oder Orgelbauer?

Musik und Kirche 30, 1960 S. 37—45.
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Musik und Kirche 30, 1960 S. 26—33.
Keller, Hermann: Gibt es eine h-Moll-Messe von Bach?

Univereitas 15, 1960 S. 323—330.

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PHILOSOPHIE UND RELIGIONSPHILOSOPHIE

K i r k, G. S., u. J. E. Raven: The Presocratic Philosophers. A cri-
tical History with a Selection of Texts. Cambridge: At the Univer-
sity Press 1957. XI, 487 S. 8°. 55 s.

Daß die zu ihrer Zeit klassische Sammlung der Fragmente
der Vorsokratiker durch H. Diels nach Auswahl und Interpreta-
tion der Texte veraltet ist, steht schon seit geraumer Zeit fest.
Auch die manchen wohlgemeinten Korrekturen und Nachträge
' der neuesten Auflagen ändern daran nichts. Es steht denn auch
seit kurzem zu hoffen, daß in einigen Jahren eine wirklich neue
Sammlung, aufgebaut auf neuer Durcharbeitung der Texte und
versehen mit dem heutzutage unerläßlichen wissenschaftlichen
Kommentar, vorliegen wird. Immerhin sind wir noch nicht so
weit, und inzwischen wird man gerne zu dem vorliegenden Bande
greifen, der jedenfalls erkennen läßt, wie viele Fragen noch offen
sind und wie viel noch an diesen ehrwürdigsten Texten der
europäischen philosophischen Überlieferung zu tun bleibt. Die
methodische Anlage ist außerordentlich geschickt. In eine Dar-
stellung, die klug und beweglich weniger die Systeme nachzeich-
nen als die Probleme durchdiskutieren will, sind die wichtigsten
griechischen Texte eingebaut, fortlaufend numeriert und mit eng-
lischer Übersetzung versehen. Es steht voran eine Übersicht über
die wichtigsten Quellenautoren, und ein reichhaltiger Index macht
den Schluß. Insofern ist alles getan, um das Buch zweckmäßig
brauchbar zu gestalten.

Tritt man dem Einzelnen näher, ist freilich der Eindruck
nicht mehr ganz so günstig. Schon die Auswahl, die in der Selcc-
tive Bibliography (446—449) getroffen ist, wirkt stellenweise
etwas seltsam. Der Rezensent ist zwar keineswegs Anhänger der
riesigen, umfassende Gelehrsamkeit vorspiegelnden Bibliogra-
phien, die heute da und dort Mode zu werden beginnen. Aber
man kann auch zu wenig tun, und im Falle der Vorsokratiker ist
es mit einer Handvoll Zeitschriftenaufsätze aus neuester Zeit und
einigen Standardwerken nicht getan, vor allem wenn man be-
merkt, daß die kontinentale und im besonderen deutschsprachige
Literatur über Gebühr vernachlässigt ist.

Es macht sich darin eine gewisse Unsicherheit im Urteil gel-
tend, die nun auch und vor allem in der Darstellung 6elbst zu
spüren ist. Gelegentlich feiert der vielleicht im englischen Wesen
überhaupt begründete Hang zu übervorsichtigen Interpretationen,
die zahllose Möglichkeiten erwägen und sich für keine wirklich zu
entscheiden wagen, wahre Orgien. Es gibt Seiten, auf denen der
Leser das Gefühl hat, aus den Wendungen im Potentiaiis, aus
einem nicht mehr recht fruchtbaren Alles-in-Frage-Stellcn gar
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