Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

85.1960

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Theologische Literaturzeitung 1960 Nr. 1

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Fuglsang zunächst die großartige Leistung des Künstlers und
schildert die Situation, aus der heraus das Werk entstanden ist.
Er macht darauf aufmerksam, daß Brüggemann für einen Teil
seiner Darstellungen Dürers „Kleine Passion" ak Vorlage ver-
wendet hat, und betont, daß das die Großartigkeit und Ein-
maligkeit der Konzeption und der schnitzerischen Leistung nicht
schmälere: „Wenn wir heute am Kunstwerk die Erfindung als das
Höchste schätzen, jede Entlehnung als Plagiat moralisch brand-
marken, so ist das aus einem merkwürdigen, übersteigerten
Originalitätsbegriff des überaus seltsamen 19. Jahrhunderts er-
wachsen. Und nur aus ihm ist es zu verstehen, daß eine Reihe
von Kunsthistorikern des letzten Jahrhunderts gerade den Um-
stand als eine Minderung des künstlerischen Ranges Brüggemanns
gewertet haben." Dem Künstler jener Zeit ging es aber vor
allem darum, das religiöse Programm voll zur Anschauung zu
bringen. Dabei war er oft eng an die Wünsche seiner Auftrag-
geber gebunden. Im zweiten Abschnitt des Textteiles sucht F.,
soweit es möglich ist, Klarheit über die Person des Künstlers zu
schaffen. Er weist auf die Bedenken hin, die gegen die Annahme
der Herkunft Meister Brüggemanns au6 Walsrode bestehen und
versucht im folgenden, die künstlerische Hinterlassenschaft
Brüggemanns zu erfassen. Er macht die Mitwirkung des Mei-
sters am Grabmal der Herzogin Anna in Bordcsholm glaubhaft,
schildert die Reste des Husumer Sakramentshauses, die sich
heute zu einem Teil im Schloß Amalienborg, zum andern in Ber-
lin befinden. Brüggemann wird ferner ein Standbild des Hl. Georg
im Nationalmuseum zu Kopenhagen 6owie die Holzfigur des
Hl. Christopherus im Schleswiger Dom und der Goschhofaltar
(im Schleswiger Landesmuseum) zugeschrieben. Audi der Brügger
Altar im Schleswiger Landesmuseum wird mit Meister Brügge-
mann bzw. mit seiner Werkstatt in Beziehung gebracht. Die Ver-
bindung zwischen dem vorzüglichen Text und den sehr instruk-
tiven Kunstdrucktafeln stellen zahlreiche Zeichnungen aus der
Hand von Age Nissen her. Insbesondere ist die Zeichnung des
ganzen Altars mit der Kennzeichnung der einzelnen Bildfelder
für den Leser von großem Wert. Beim Arbeiten mit diesem Buche
macht sich lediglich ein Versehen 6törend bemerkbar: Es ist
unterlassen worden, den Text mit Seitenzahlen zu versehen —
ein Mangel, der sich beim Auffinden bereits gelesener Stellen
und beim Zitieren auswirkt.

Cuxhaven Airred Weckwerth

SYSTEMATISCHE THEOLOGIE ,

'AJ.. >lUoa. Am U ±

M i e g g e, Giovanni, Prof.: L'Evangile et le Mynic dans la pensöe de
Rudolf Bultmann. Trad. de Thalien par Helene N a c f. Avantpropos
de J.-L. Leuba. Neuchätel-Paris: Delachaux 4t Niestie [1958]. 130 S.
gr. 8° Bibliotheque Thcologique. sfr. 7.50.

Der Verfasser — Professor für Exegese an der Theologischen
Fakultät der Waldenserkirche in Rom — gibt in dieser Schrift
(italienischer Titel: L'Evangelo e il Mito) eine Gesamtdarstellung
des Werkes Bultmanns. Sein Ziel ist, die theologischen Positionen
Bultmanns in ihren sachlichen Begründungen verstehen zu lehren.
Dementsprechend hat das Buch vornehmlich berichtenden Cha-
rakter: es will unterrichten und die Auseinandersetzung offen
halten. Kritische Einwendungen werden jeweils am Rande vor-
gebracht, aber sie haben die Form der Frage, nicht der dezidierten
Ablehnung.

In der Einleitung wird der Inhalt der Programmschrift .Neues Testa-
ment und Mythologie' wiedergegeben. Das erste Kapitel würdigt Bult-
"lan" als Interpreten des NT, das zweite Kapitel bespricht das Verhält-
!\s V"1 Theologie und Existentialphilosophie, das dritte Kapitel ist dem
histor^ch£riff gcwidmet- Der Schlußteil erörtert das Verhältnis von
f., ,y , cm. Jcsi's und sicglaubtcm Christus. Ein Anhang gibt einen

Thcolo' ie -\ d'e Krit'^ die Bultmann von Seiten dcr katholischen
eo ogie '"«besondere in den beiden Monographien der Jesuiten
Malevez und Marl* gefund£n ^

Der Verfasser erweist sich als vorzüglicher Kenner nicht nur
des Werkes von Bultmann, sondern auch der gesamten Ausein-
andersetzung um das Problem der Entmythologisierung. Die
Herausgeber der ,BibliotheqUe Theologique' haben eine glückliche
Wahl getroffen, wenn sie diese sorgfältig gearbeitete Studie, die
sich zudem noch durch die Klarheit ihres Stiles auszeichnet, in ihre

Reihe aufnahmen und dadurch dem französischen Leserkreis zu-
gänglich machten.

Zur Kritik: Eine entscheidende These Bultmanns scheint mir in der
Darstellung von Mieggc nicht genügend berücksichtigt, die These näm-
lich, daß die Entmythologisierung der nt.lichen Botschaft vom christ-
lichen Glauben her gefordert sei. Es gilt klar zu erkennen, daß der
Konflikt zwischen dem wissenschaftlichen Weltbild einerseits und dem
biblisch-mythologischen Weltbild andererseits lediglich den Anlaß bil-
det, nach der Entmythologisierbarkeit der nt.lichen Botschaft zu fragen,
wobei die Begrifflichkeit der modernen Existentialanalysc als das relativ
tauglichste Erkcnntnismittel angewandt wird, um die eigentliche Inten-
tion der ntlidien Botschaft freizulegen. Der letzte tragende Grund der
Entmythologisierung ist aber nicht die Rücksichtnahme auf eine be-
stimmte gcistcseeschiditliche Situation, in der die mythologische Rede-
weise des NT unglaubhaft geworden ist, sondern ihr Grundmotiv ist
theologischen Ursprungs. Bultmann drückt dies sehr entschieden in den
Sätzen aus: „Die radikale Entmythologisierung ist
die Parallele zur pa u 1 inisch-1utherischen Lehre
von der Rechtfertigung ohne des Gesetzes Werk
allein aus dem Glauben. Oder vielmehr: sie ist
ihre konsequente Durchführung für das Gebiet
des Erkennen s."

Angesichts der Bedeutung, die diese These Bultmanns für die Be-
urteilung des Entmythologisierungsprogrammcs hat, sei es erlaubt, die
Beziehungen zwisdien Rechtfertigungslehre und Entmythologisierung
kurz zu verdeutlichen. In den angeführten Sätzen Bultmanns wird a) ein
Entsprechungs Verhältnis und b) ein Konsequenz Verhältnis
zwischen paulinisch-lutherisdier Rechtfertigungslehre und Entmythologi-
sierung behauptet.

a) Das Entsprechungsverhältnis läßt sich m. E. wie folgt umschrei-
ben : So. wie der wahre, zur echten Preisgabe seiner selbst entschlossene
Rednfertigungsglaube auf nichts anderes hinsieht und sich auf nichts
anderes gründet als auf Gottes unbedingte Gnade, 60 sieht der wahre
christliche Glaube angesichts des mythologischen Charakters heiliger Ge-
schichte nicht auf deren objektivierende Gehalte hin und gründet sich
nicht auf ein Fürwahrhalten derselben, sondern allein auf die ihm im
Medium dieser Vorstellungsweise verkündigte unbedingte Gnade Got-
tes. — Oder anders formuliert: So. wie hinsichtlich der Rechtfertigung
die paulinisdi-luthcrische Lehre den Irrtum ausschließt, der darin be-
steht, daß der Mensch seinen Glauben an Gottes Gnade noch auf etwas
anderes als auf Gottes Gnade gründen will, — nämlich auf sein eigenes
Handeln, so schließt hinsichtlich der Erkenntnis der Gnade Gottes die
radikale Entmythologisierung den Irrtum aus, der darin besteht, daß der
Mensch seinen Glauben an die ihm verkündigte Gnade Gottes noch auf
e£was anderes gründen will als allein auf die Gnade Gottes, — nämlich
auf ein Fürwahrhalten heiliger Gcsdiichte.

In beiden Fällen also: sowohl im Gerechtfertigtwerdenwollen durch
eigenes Werk als im Erkennenwollen durch Fürwahrhalten heiliger Ge-
schichte zeigt sich ein gleichgerichtetes Wollen des Mensdicn: das Wol-
len nämlich, der radikalen Preisgabe an Gotte6 Gnade auszuweichen und
für seinen Glauben noch eine andere Stütze zu finden. So, wie der
Mensch im alltäglidien Miteinander Vertrauen nur schenken will, wenn
er sichtbare Beweise des Anderen vor Augen hat. so will der Mensch
auch Gottes Gnade nur vertrauen, wenn sie sich ihm in heiliger Ge-
schichte offenbar macht.

b) Damit ist auch klar geworden, inwiefern die radikale Entmytho-
logisierung als die konsequente Durchführung der paulinisch-lutherisdien
Rechtfertigungslehre für das Gebiet des Erkennens zu be-
greifen ist. Die radikale Entmythologisierung führt den Begriff des Glau-
bens, wie er in der Rcchtfertigungslehre leitend ist, folgerichtig in bezug
auf das Erkennen der Gnade durch. Sie deckt auf, daß die Ursünde des
Menschen vor Gott darin besteht, sich der unsichtbaren Gnade des
unsichtbaren Gottes nicht preisgeben zu wollen. Als Sünder flieht der
Mensch vor dem unsichtbaren Gott in das Sichtbare, sei es in das eigene
Werk, sei es in die dogmatisierte Mythologie.

Tübingen Christian Ha rtl ir h

Heppc, Heinrich. Dr.: Die Dogmatik der evangehsch-reformterten
Kirche dargestellt und aus den Quellen belegt. Neu durchgesehen u.
hrsg. v. Ernst B i z e r. 2.. verm. Aufl. Neukirchen: Neukirehcner
Verlag der Buchhandlg. d. Erzichungsvereins 1958. XCVl, 584 S. 8«

DM 26.70; Lw. DM 30.—.

Es mag als ein erfreuliches Zeichen gelten daß das vor-
liegende Werk Heppes nach jetzt fast einem Jahrhundert zum
dritten Male enscheint, und im letzten VierteljahrhundeTt zum
zweiten Male. Offenbar ist unsere so oft als „unhistorisch" ge-
scholtene jüngere Theologengeneration dieses Tadels nicht un-
bedingt würdig. Daß der „Heppe" 1950 auch im englischen
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