Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

82.1957

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Theologische Literaturzeitung 1957 Nr. 3

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innere Geschichte des Kirchenrechts, d. h. die Rechts-
geschichte der einzelnen kirchlichen Institutionen, zu schildern
und sich damit begnügt, kurze geschichtliche „Skizzen" über den
Gegenstand der systematischen Darstellung des geltenden Rechts
voranzuschicken. Carl Gross hat in seinem ausgezeichneten,
auch heute noch als vorbildlich zu bezeichnenden „Lehrbuche des
katholischen Kirchenrechts" (5. Aufl., S. 12) diese Einschränkung
damit begründet, daß eine Darstellung der Institutionengeschichte
die einem Lehrbuche gesteckten Grenzen weit überschritte. Er
schreibt in diesem Belange: „Man braucht da nur zu denken an
eine Geschichte von nahezu zwei Jahrtausenden, an die vielen
inneren Wirren und Spaltungen in der Kirche, an den wesentlichen
Anteil, den die Geschichte all der verschiedenen Völker, unter
denen die Kirche lebte und heute noch wirkt, an der Entwicklung
ihrer Institutionen selbst nahm, um das ungeheure Gebiet zu er-
messen, um welches es sich hier handelt." Nichtsdestoweniger
sind schon während des neunzehnten Jahrhunderts im deutschen
Sprachgebiete Versuche unternommen worden, auch diese innere
Rechtsgeschichte darzustellen, so insbesondere von Johann Wil-
helm B i c k e 11 in seiner „Geschichte des Kirchenrechts" (Gießen
1843), die bis Constantin reicht (306 n.Chr.) und von Edgar
L o e n i n g, Geschichte des deutschen Kirchenrechts (Straßburg
1878), die bis zur Zeit der Karolinger reicht, und die somit beide
nur Fragmente geblieben sind. Eine ausgezeichnete Darstellung
der ganzen Geschichte des Kirchenrechts hat erst Ulrich Stutz
im 5. Bande der „Enzyklopädie der Rechtswissenschaft", Berlin
1914, S. 275—479 verfaßt, ein klassisches Werk, das den Stoff in
Geschichte und System gliedert und im geschichtlichen
Teil einen Abschnitt dem katholischen und einen zweiten dem
evangelischen Kirchenrechte widmet. Der erste Band der vom
Wiener Kirchenrechtswissenschaftler Willibald P 1 ö c h 1 verfaß-
ten „Geschichte des Kirchenrechts" (Wien-München 1953) reicht
bis zur Mitte des elften Jahrhunderts1.

Für Feines kirchliche Rechtsgeschichte, die man, ohne zu über-
treiben, als eine glänzende Leistung bezeichnen darf, ein Monu-
ment deutschen Gelehrtenfleißes, ist der bereits erwähnte Grund-
riß von Ulrich Stutz vorbildlich gewesen, dessen Neubearbeitung
sich mit Rücksicht auf die inzwischen eingetretenen Veränderun-
gen in Gesetzgebung und politischen Verhältnissen, sowie den
Fortschritten der Wissenschaft als untunlich erwies, weshalb das
Werk im Sinne des von Stutz selbst ausgesprochenen Wunsches
auf eine neue Grundlage gestellt wurde. Im Zusammenhange mit
dieser allgemeinen Wertung des Buches möchte ich sofort beson-
ders hervorheben, daß sich der Verfasser von jeder konfessionel-
len Voreingenommenheit gegenüber der katholischen Kirche
freigehalten hat und sogar in sehr schönen Worten „von der inne-
ren Verbundenheit der beiden christlichen Kirchen und ihrer ge-
schichtlichen Schicksalsgemeinschaft" spricht (Vorrede zur ersten
Auflage). In der vorliegenden dritten Auflage hat das Buch keine
Veränderungen erfahren, nur die „Nachträge" enthalten umfas-
sende literarische Ergänzungen. Feine hat den ganzen Stoff in drei
Teile mit sechs Perioden gegliedert: der erste Teil umfaßt das
kirchliche Altertum mit dem Kirchenrechte der christlichen Früh-
zeit und dem „römisch" geprägten Kirchenrechte; der zweite
Teil das kirchliche Mittelalter mit den Perioden des „germanisch"
geprägten Kirchenrechts und des kanonischen Rechts (Corpus
iuris canonici und die sich daran anschließende Kanonistik); der
dritte Teil, die kirchliche Neuzeit, umfaßt die Perioden des tri-
dentinischen und des vatikanischen Kirchenrechts. Diese Eintei-
lung ist von jener Plöchls verschieden, der den Stoff in fünf Pe-
rioden gegliedert hat, und zwar: das Recht der kirchlichen Früh-
zeit (bis 324, Konzil von Nicaea); das Kirchenrecht im römischen
Rechts- und Kulturkreis (325-692, zweite trullanische Synode);
das Kirchenrecht im Zeitalter des morgen- und abendländischen
Denkens (692—1054, Ausbruch des großen Schismas); das abend-
ländische Kirchenrecht (1054-1517, Beginn der Reformation);
das katholische Kirchenrecht (l 517—1917)2. Da es im Rahmen

1) Der zweite Band ist vor kurzem erschienen.

*) Das vorzügliche italienische Werk von Gabriele Cornaggia M e-
dici, Lineamenti di diritto ecclesiastico italiano, Mailand, 1933, teilt
das Kirchenrecht systematisch in ein objektives und subjektives ein und
versteht unter Kirchenrecht im objektiven Sinne einerseits die Normen,
die die katholische Kirche im Rahmen ihrer eigenen Zuständigkeit

einer kurzen Besprechung nicht möglich ist, auf alle Einzelheiten
einzugehen, so möchte ich aus dem reichen Inhalte des Feineschen
Buchs nur weniges beispielsweise hervorheben:

Ich muß es zunächst dahingestellt sein lassen, ob es richtig ist, was Fei-
ne behauptet, nämlich, daß Cyprians Schrift „De catholicae ecclesiae uni-
tate" nur in ihrer ursprünglichen, nicht interpolierten Form benutzt wer-
den darf und darin kein rechtlicher Vorrang für Petrus festgestellt wird
(vgl. S. 56, Anm. 12; auf die angebliche Interpolation weist schon
Bickell, S. 204, Anm. 18, hin, während Plöchl, S. 50, auf diese Schwie-
rigkeit überhaupt nicht eingeht). Der Verfasser selbst erblickt den
„Keim" des römischen Rechtsprimats in der durch c. 3 des Decretum
Gelasianum umgestalteten Form der betreffenden Konzilsbeschlüsse von
Nicaea (323) und Sardica (343): Quod ecclesia Romana Semper habuit
principatum (vgl. S. 101—103, insbes. Anm. 4 und 6). Sehr vorsichtig
sind die Äußerungen des Verfassers über die sog. pseudoisidorischen
Dekretalen: sie sollten „angesichts der unerfreulichen staatlichen und
kirchlichen Zustände im Westreich" die Erleichterung der Durchführung
der erforderlichen Reformen ins Werk setzen; eine Änderung der frän-
kischen Kirchenverfassung sei durch sie nicht erreicht worden (S. 143;
auch Plöchl hebt, gestützt auf Stickler, die gute Absicht, die mit der
Herstellung dieser Urkunden verfolgt wurde, hervor, S. 406). Als nicht
unbedenklich möchte ich die gleichfalls auf Stutz fußende Auffassung
des Verfassers ansehen, daß auch der I n h a 11 der bischöflichen Amts-
gewalt durch die dem germanischen Rechte entstammenden Institute des
Königs- und Grafenbanns beeinflußt worden sei (S. 191—193). Sehr in-
teressant sind die Ausführungen über die karolingische Theokratie und
den „priesterlichen" Charakter der Stellung Karls des Großen (S. 213
bis 214). Nach Feine hat dann der Kampf gegen das „verhaßte" Haus
der Staufer und der Konflikt mit Frankreich zum „jähen Sturz des Papst-
tums geführt" (S. 264). Besonders erfreulich auch die Hervorhebung
der Verdienste des kanonischen Rechts um die Ausbildung eines „reichen
und fein durchgebildeten Eherechts" (S. 3 81). Wichtig erscheint mir auch
der Hinweis Feines, daß eine Bestätigung der Beschlüsse des Konstan-
zer Konzils (26/3, 6/4 1415), das eine oberstrichterliche Gewalt über den
Papst für sich in Anspruch genommen hatte, durch den Papst niemals
erfolgt sei (419). Was der Verfasser auf S. 527 über das Josephinische
Ehepatent vom 16. Januar 1783 sagt, nämlich, daß es Scheidung und
Wiederverheiratung zuließ, ist in dieser Form unzutreffend, da das Pa-
tent im § 36 die Unauflöslichkeit der katholischen Ehe ausgesprochen
und lediglich für Akatholiken die Scheidung dem Bande nach zugelas-
sen hat (vgl. das Nähere darüber bei J. Fr. Schulte, Handbuch des
katholischen Eherechts, Gießen 1 855, S. 487—489, und die vorsichtige,
das pro et contra abwägende Darstellung bei Eduard R i t t n e r, Das
österreichische Eherecht, Leipzig 1876, S. 19—23). Im übrigen übernimmt
auch Feine das harte Urteil über den Josephinismus, den gewiß niemand,
soweit er in rein kirchliche Belange eingriff, verteidigen wird. Man darf
aber nicht vergessen, daß der Staat damals seine schützende Hand über
die katholische Religion als dominante Religion gehalten, die Verbrei-
tung von Irrlehren verhindert, die Seelsorge gefördert und, was das
Wichtigste ist, die religiöse Erziehung der Kinder von Staats wegen an-
geordnet hat (vgl. über den strafrechtlichen Schutz der dominanten
und der christlichen Religion überhaupt Carl S t o o s s, Lehrbuch des
österreichischen Straf rechts, Wien-Leipzig 1910, S. 41, und über Joseph
den Zweiten als frommen Katholiken daselbst, S. 39, Anm. 35). Was
speziell das Eherecht anlangt, so war man in der ersten Hälfte des
19. Jhdts. bestrebt, zu einem Modus vivendi in dieser Frage mit der
Kirche zu gelangen (vgl. meine Abhandlung: „Beiträge zur Entste-
hungsgeschichte des Breve Gregors XVI. vom 30. April 1841 über die
gemischten Ehen", Zeitschrift für öffentliches Recht 5 (1925), S. 94—111).
Für wünschenswert erachte ich es, wenn der Verfasser sein abfällig schar-
fes Pauschalurteil über die Praxis der Curie in Ehescheidungsprozessen
einer Überprüfung unterzöge (vgl. S. 382). Für zutreffend erachte ich
hingegen das abfällige Werturteil über das österreichische Konkordat
vom 5. November 1855, nämlich, daß sich Österreich damit „in einer
den modernen Staatsgrundsätzen widersprechenden Weise" in den Be-
reich des „hierokratischen Systems des Kirchenstaatstums" abdrängen
ließ (S. 582). Man vergleiche dazu, was ich in meiner Abhand-
lung: „Die historisch-politische Bedeutung der Kündigung des öster-
reichischen Konkordats", Historisch-politische Blätter 166 (1920), S. 232
bis 248, darüber gesagt habe, und andererseits die auch von Feine,
S. 583, über den Gegenstand zitierte Abhandlung Singers, die sich

und anderseits der italienische Staat im Rahmen seiner Zuständigkeit
zur Regelung religiöser Angelegenheiten erlassen. So erklärt sich auch
die Zweiteilung der Materie, in das Kirchenrecht im engeren Sinne und
das speziell italienische Staatskirchenrecht, auf dessen äußerst inter-
essante geschichtliche Entwicklung an dieser Stelle nur hingewiesen wer-
den kann. Geschichte und System werden in beiden Teilgebieten ge-
trennt dargestellt und im Staatskirchenrechte zwischen objektivem und
subjektivem Kirchenrechte unterschieden (zu letzterem gehört z. B. das
Recht auf Ausübung von Kulthandlungen, Patronatsrechte usf. Vgl.
S. 347 ff.).
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