Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

82.1957

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nennen, die im Exkurs VIII gestellte Frage: „Wo lag das Präto-
rium des Pilatus?" in der ersten Auflage dahin beantwortet wor-
den, daß die Gleichsetzung des Prätoriums mit der Burg Antonia
im Nordwesten des Tempelbezirks die bestbegründete Lösung der
alten Streitfrage sein dürfte (* 155). In der Zwischenzeit hat sich
Bl. durch P. Benoit, Pretoire, Lithostroton et Gabbatha, Revue
Biblique 59 (1952) 531—550 davon überzeugen lassen, daß der im
Westteil Jerusalems gelegene Herodespalast höheren Anspruch
darauf erheben kann, als vermutliche Residenz des Pilatus zu
gelten (2129), und der Referent möchte ihm darin entschieden zu-
stimmen. So kann die Neuauflage ebenso warm empfohlen wer-
den wie die Erstaufläge: für den breiteren Leserkreis als eine ge-
rade in ihrer Nüchternheit eindringliche und bewegende Unter-
suchung des Prozesses Jesu, für den Fachgelehrten darüber hinaus
als solide Literaturfundgrube für alle mit der Passionsgeschichte
(von der Verhaftung bis zur Kreuzigung) zusammenhängenden
Fragen.

Abschließend soll nur noch zu einer speziellen Frage ein
Wort gesagt werden, nämlich zu den astronomischen
Berechnungen des Todestages Jesu. Referent
hatte in einem kurzen Kapitel seines Buches Die Abendmahlsworte
Jesu2, 1949, 15—18 („Der Beitrag der Astronomie") berichtet,
daß namhafte astronomische Forscher die Gleichung Freitag,
15. Nisan 30 = 7. April 30 (als schwächere Möglichkeit: Freitag,
14. Nisan 30 = 7. April 30), errechnet haben und damit dieser.
Tag als Todestag Jesu wahrscheinlich gemacht haben. Blinzler
stellt dem S. 59 gegenüber, „daß neuere astronomisch fundierte
Untersuchungen zu teilweise anderen Ergebnissen" kamen und
erwähnt als Beispiel die Arbeit der amerikanischen Astronomin
Grace Amadon, Ancient Jewish Calendation, Journal of Biblical
Literature 61 (1942) 227—280. G. Amadon kommt in der Tat
in dieser ausführlichen Untersuchung zu dem Resultat, daß Frei-
tag, 27. April 31, der Todestag Jesu gewesen sei (S. 272). Hier
muß, um der Gefahr der Verwirrung zu steuern, ein deutliches
Wort gesagt werden. G. Amadon geht bei ihren Berechnungen
von der Annahme aus, daß das Passamahl in der Nacht vom 13.
zum 14. Nisan gefeiert worden sei (vgl. das Diagramm S. 245),
und sie hat diesen Unsinn in Angl. Theol. Review 26 (1944)
110f.; 27 (1945) 115 wiederholt. Faktisch steht über jedem Zwei-
fel fest, daß das jüdische Passamahl von den ältesten Zeiten an
bis zur Gegenwart niemals zu anderer Zeit als in der Nacht vom
14. zum 15. Nisan gehalten worden ist. Durch diesen und durch
weitere mit ihm zusammenhängende grobe Fehler entwertet lei-
der G. Amadon ihre ganze mühsame Arbeit (über deren astrono-
mische Seite ich mir selbstverständlich kein Urteil erlaube). Mit
Befriedigung sei übrigens festgestellt, daß Blinzler selbst sidi
G. Amadon nicht anschließt, sondern sich auch seinerseits für den
7. April 30 als den vermutlichen Todestag Jesu erklärt (S. 60).

Döttingen Joachim Jeremias

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KIRCHEN GESCHICHTE: ALLGEMEINES

Mecenseff y, Grete: Geschichte des Protestantismus in Österreich.

Graz-Köln: Böhlau 1956. VIII, 232 S. gr. 8°. Hlw. DM 14.80.

Es ist kein einfaches Unternehmen, die Geschichte des Pro-
testantismus in Österreich zu schreiben. Das zeigen die wenigen
Versuche, die es von Raupach bis Loesche gibt.

Bernhard Raupach, Prediger zu St. Nicolai in Hamburg, hat — ein
kleiner Euseb für die Historiker des österreichischen Protestantismus —
die „bewährten Scribenten und glaubwürdigen Urkunden gesammelt und
in Ordnung gebracht" und unter dem Titel „Evangelisches Österreich"
eine „Historische Nachricht von den vornehmsten Schicksahlen der
Evangelisch Lutherischen Kirche in dem Ertz-Herzogthum Oesterreich"
1732 publiziert. Er hat weiter gesammelt und in mehreren Fortsetzungs-
bänden bis 1740 sein Werk vervollständigt. Georg Loesche, der 28
Jahre lang Professor für Kirchengeschichte in Wien war, hat 1902 eine
zusammenfassende Darstellung der Geschichte des Protestantismus in
Österreich veröffentlicht; dritte verbesserte, vermehrte, auch im Titel
leicht veränderte Auflage 1930. Die gelehrte Welt ist sich darüber einig,
daß Loesches Werk nicht nur wegen seines eigentümlichen Pathos über-
holt ist. Zahllose Aktenpublikationen und historische Einzeluntersu-
chungen, ferner vorzügliche Monographien — in neuerer Zeit etwa die
von Wurm über das Geschlecht der Jörger von Tollet und die von
Starnberger über Tschernembl — geben genauere Kenntnis und erlauben
eine präzisere Darstellung der Entwicklungen. Seit dreißig Jahren fehlt
also ein neues Werk, das durch keine noch so schöne Skizze ersetzt wer-
den kann, wie es etwa die von Paul Dedic ist, veröffentlicht in dem
von Hans Eder herausgegebenen Buch: Die evangelische Kirche in Öster-
reich 1940.

Es ist auf jeden Fall dem Verlag und der Verfasserin zu dan-
ken, daß sie sich an das große Werk, das in unserer Zeit geleistet
werden muß, gewagt haben.

Die Schwierigkeit, die Geschichte des Protestantismus in
Österreich darzustellen, liegt nicht nur an der Vielfalt des Ge-
schehens, der Verschiedenheit der Entwicklungen in den verschie-
denen österreichischen Erblanden, unseren Bundesländern, viel-
mehr, wie mir scheint, darin, daß dem Konzept des politischen
Katholizismus keine ausgeprägte theologische Persönlichkeit
gegenübertrat, an der die eigentümlichen Kräfte, die hier die Ge-
schichte bewegten, dargestellt werden könnten. Gerade darum
aber muß der, welcher der leidvollen Geschichte des österreichi-
schen Protestantismus gerecht werden will, in hervorragendem
Maß beides sein: Theologe und Historiker. Wer nicht an irgend-
einer Stelle eigene Forschungen getrieben hat, ist wohl nicht zu
einem so anspruchsvollen Unternehmen legitimiert. Nun, Verf.,
Dozentin für Kirchengeschichte in Wien, hat ihre Berechtigung
erwiesen durch ihre intensiven Forschungen zur täuferischen Be-
wegung der Reformationszeit im alpenländischen Gebiet, durch
ihre archivalischen Studien zur Geschichte der Reformation und
Gegenreformation in den oberösterreichischen Städten Steyr und
Freistadt („Evangelisches Glaubensgut in Oberösterreich", 1950)
und durch Untersuchungen zur politischen Geschichte, die Mono-
graphie über Johann Weikhard Auersperg, den ersten Fürsten
dieses Geschlechts, der der Beauftragte des Kaisers war in den
Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden (1938), und durch
die 1955 erschienene Darstellung der „Beziehungen der Höfe von
Wien und Madrid während des 30jährigen Krieges", unter dem
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