Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

81.1956

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750

D e 11 e m a n, Th und H i j m a n s, A., Dr.: Ehe und Familie. Zu-
sammengestellt u. hrsg. Aalten'Köln: Verlag „De Graafsdiap" 1954.
»07 S. gr. 8°. Lw. DM 16.80.

Anläßlich einer Besprechung von vorwiegend katholischen
Büchern über die Ehefrage in diesem Blatt habe ich vor einiger
Zeit den Wunsch geäußert, es müsse nun auch einmal dieser ge-
samte Fragenkomplex angesichts vieler die heutige Zeit bewe-
gender Fragen von der Sicht der evangelischen Theologie aus neu
besprochen werden. Man kann sicherlich sagen, daß dieses aus
dem Holländischen übersetzte Buch in vieler Hinsicht diese Lücke
ausfüllt. Es hat sich in Holland selbst durchgesetzt; dort ist es j
«hon in 6. Auflage erschienen. Daß es unter Verantwortung von
Sup. Weiß (München-Gladbach) und dem Frauenarzt Dr. Giesen
(Hattingen an der Ruhr) nun in deutscher Übersetzung vorliegt,
ist durchaus erfreulich; denn es ist ein hilfreiches Buch, daß man
unter einigen Einschränkungen empfehlen kann. Freilich hat Dr.
Giesen in einem Einleitungswort dieser deutschen Ausgabe auch
kritische Bemerkungen, die sich besonders auf einige theologische
Beiträge beziehen, gemacht. Andererseits aber hat er mit vollem
Recht andere Beiträge als besonders hervorragend herausgestellt.
Es kann ja bei einem Sammelband, bei dem Theologen, Ärzte,
eine Juristin und ein Pädagoge sich zusammengetan haben, nicht
ausbleiben, daß sich Unterschiede der Qualität herausstellen.
Aber ich möchte auch meinerseits betonen, daß in diesem Buch
eine ganze Reihe von Aufsätzen enthalten sind, die man um des-
willen mit besonderer Dankbarkeit liest, weil sie Fragen, an de-
nen die übliche Eheliteratur vorüberzugehen pflegt, in feiner und
origineller Weise besprechen.

Sehr schade ist, daß der einleitende Artikel des theologischen
Herausgebers Dclleman über die „Ehe in der Sicht der Bi-
bel" nicht überzeugender ausgefallen ist. Er ist völlig unsyste-
matisch aufgebaut, Altes und Neues Testament werden nicht klar
genug voneinander unterschieden, die entscheidenden Stellen aus
dem NT, etwa Matth. 19, 1 ff., l.Kor. 7, Eph. 5 werden nicht
wirklich umfassend genug ausgewertet, z. T. auch falsch ausgelegt
(der eschatologische Sinn des Wortes „die Zeit ist kurz" l.Kor.
7, 29 kommt nicht richtig zur Geltung), die Verwendung des
Hohelieds als Ehepreislied scheint mir in dieser Form auch recht
fragwürdig zu sein. Leider gilt das gleiche Urteil auch für den
recht ungenießbaren Aufsatz desselben Verfassers im 2. Teil:
„Familie" über „Eheleben und Kindersegen". Da diese Artikel
die theologische Linie des Buches bestimmen, so kann man leider
nicht sagen, daß dies Buch jenem Wunsch nach einem evangeli-
schen Ehebuch voll gerecht wird.

Trotzdem steht so viel Wertvolles in diesem Buch, daß ich
es sehr bedauern würde, wenn es nicht auch im deutschen Bereich
sich durchsetzen würde. Sehr fein ergänzen sich z. B. die beiden
von ärztlicher (Frau Dr. De L e e u w - Aalbers) und theologischer
Seite (Pf. Dr. R o o s e) verfaßten Artikel über die „ersten Ehe-
jahre", wobei die Ärztin u. a. das gar nicht leichte Problem des
Überganges der berufstätigen Frau zur Hausfrau mit feinem Takt
behandelt und der Theologe die Ehe als in Verantwortung vor
Gott geschlossene Gemeinschaft zweier Partner, die um ihrer
Verschiedenheit willen sehr das Hören aufeinander lernen müs-
sen, fein charakterisiert. Dieser Gedanke wird dann sehr ausgie-
big in der Studie über „Ehe und Charakterbildung" eines Psychia-
ters Dr. Van der Spek aufgenommen, in der nicht nur auf
die Verschiedenheiten des männlichen und weiblichen Charakters,
sondern auch auf die Möglichkeiten fördernder oder auch schä-
digender Entwicklung der Charaktere aneinander in der Ehe das
Augenmerk gerichtet wird. Was die Juristin (Frau Dr. Diemer-
Lindeboom) über „Treue" schreibt, d. h. über die Probleme,
die durch jene Bewegungen entstanden sind, die von vornherein
aus dem Bereich der sexuellen Beziehungen die Treue ausklam-
mern möchten (man denke an die Empfehlung der Kamerad-
schaftsehe oder die Bestrebungen, die Ehescheidung zu erleich-
tern), ferner über den eigentlichen Sinn ehelicher Treue, das
gräbt sehr tief. Daß schließlich die Artikelreihe über die Fragen
der Ehe mit einem Aufsatz eines Theologen, Prof. Dr. d e V r i-
j e r, über die „Altersehe" abgeschlossen wird, ist ein besonders
feiner Gedanke, und dieser Aufsatz gehört sogar zu dem Besten,
was dieses Buch enthält. Um dieses Artikels willen sollte das

Buch nicht bloß von Neuvermählten oder Verlobten gelesen wer-
den, sondern auch von Alten, die dann übrigens auch jüngere
Menschen auf die sie angehenden Aufsätze aufmerksam machen
könnten.

Im zweiten Teil über die „Familie" überwiegen die medi-
zinischen Artikel, die nüchtern und taktvoll über eine Reihe von
Fragen, die vor allem für junge Eheleute von Bedeutung sind,
orientieren. Zwar erstaunt mich, daß der sonst sehr wertvolle
Artikel von Dr. Hijmans über die „Entstehung der Familie"
mit einem so veralteten statistischem Material arbeitet (vermut-
lich sehen die Dinge heute noch ernster aus als etwa um das
Jahr 1930), aber der Ernst, mit dem auf die Folgen der Kinder-
beschränkung in den Ehen hingewiesen wird, ist nur zu loben.
Andererseits spielt aber mit vollem Recht die Frage einer ver-
antwortlichen Geburtenregelung in diesem Abschnitt immer wie-
der eine Rolle. Es wird auch in diesem Zusammenhang viel Rich-
tiges gesagt. Es besteht wirklich — unter dem Gesichtspunkt der
sittlichen Verantwortung vor Gott — kein Unterschied zwischen
einem „vorsichtigen", etwa eine Tabelle benutzenden sog. „n a-
türlichen" und einem konzeptionsverhütende techni-
sche Mittel benutzenden Geschlechtsverkehr. Aber — ich glaube
darin mit Dr. Giesens kritischen Bemerkungen übereinzustim-
men — es müßte wohl sehr viel ernster auf eine Gefahr hingewie-
sen werden, die in beiden Fällen droht: es darf doch wohl das
Gewissen der solche Wege gehenden Menschen nicht allzusehr
erleichtert werden; es gibt auf keinem Gebiet menschlichen Han-
delns die Möglichkeit, sozusagen einen „sündenfreien" Weg fest-
zulegen. Nur allzuleicht stellen wir an die Selbstsucht geketteten
Sünder auch „Erlaubtes" in den Dienst unseres Selbstgenusses,
und diese Gefahr droht besonders auf dem Gebiet des sexuellen
Lebens. So richtig es ist festzustellen, daß der Geschlechtsverkehr
seine Berechtigung nicht allein durch den Willen zur Kindererzeu-
gung erfährt, sondern auch als Ausdruck der liebenden Hingabe
der Ehegatten, so droht eben doch in dem Augenblick, wo man
ihn gleichsam auf diese Hingabe hin „rationalisiert", die Gefahr,
daß man auf diesem Gebiet zum Sklaven rein sinnlicher Lust wird.
Im übrigen möchte ich ausdrücklich betonen, daß in diesem zwei-
ten Teil auch der einleitende grundsätzliche Artikel von Prof.
Dr. B r i 11 e n b u r g - Wurth über „die Familie im Licht der
Bibel" äußerst wertvoll ist.

Aber ich muß abbrechen. Freilich kann ich es nicht, ohne daß
ich noch zwei Desideria anmelde. Leider ist nämlich erstlich das
uns im deutschen Raum jedenfalls sehr bedrängende Problem der
Mischehe nicht ausgiebig genug behandelt. Angesichts der sich
immer mehr verschärfenden katholischen Mischehenpraxis müßte
wohl viel ernster vor dem Eingehen von Mischehen gewarnt
werden, bzw. es müßten Brautleute darauf hingewiesen werden,
daß hier für das Erwachsen echter ehelicher Gemeinschaft schwere
Gefahren drohen. Sodann fehlt leider ein Artikel, der auf den
Sinnwandel der Ehe, vor allem unter dem Einfluß der Romantik
und jetzt entgegengesetzt dazu unter dem Einfluß der Luther- und
Calvinrenaissance, eingeht. Übrigens wimmelt es in diesem sonst
so schön ausgestatteten Buch von Druckfehlern! Aber das nimmt
ihm nichts an seinem Wert. Es ist Verlobten und jungen Ehe-
leuten als eine hilfreiche Lektüre dringend zu empfehlen, — das
sei noch einmal unterstrichen.

Heidelberg _ R. Hupfeld

A 1 t h a u s, Paul: Die Todesstrafe im Lichte christlichen Denkens.

Deutsches Pfarrerblatt Nr. 20, 1955.
B i 1 h e i m e r, Robert S.: Theological Aspects of Rapid Social Change.

The Ecumenical Review VIII, 1956 S. 163—171.
Bishop of Chichester: The Peaceful Use of Atomic Energy.

The Ecumenical Review VIII, 1955 S. 1—7.
Bodelschwingh d.Ä., Friedrich von: Einige Erfahrungssätze über

den heiligen Ehestand zu allgemeiner Beherzigung für Eheleute.

Monatschrift für Pastoraltheologie 44, 1955 S. 479—481.
Bonneil, John Sutherland: Jesusand Dcmon Possession.

Theology Today XIII, 1956 S. 208-219.
Contenson, P.-M. de: Bulletin d'ethique et de theologie morale.

Revue des Sciences Philosophiques et Theologiques XL, 1956 S. 315

bis 385.
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