Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

81.1956

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Theologische Literaturzeitung 1956 Nr. 9

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in diesem ungewöhnlichen Format und das Aneinandernieten der
drei Platten muß von vornherein in der speziellen Absicht er-
folgt sein, darauf einen bestimmten Text zu schreiben und dann
das Ganze zusammenzurollen und zu verbergen. Für die These,
daß der Inhalt des Textes nicht real, sondern rein phantastisch ist,
kann man, wie ich glaube, auch die Tatsache nicht als Beweis an-
führen, daß die angegebenen Verbergungsstätten nicht in der Um-
gebung des essenischen Klosters Qumrän liegen, sondern über
das ganze Land Palästina verstreut sind. Denn die Essener hatten,
wie Josephus berichtet, zahlreiche Gemeinden überall im Lande.
Qumrän war offensichtlich nur ihre Zentrale, wo sich die Leitung
des ganzen essenischen Ordens befand. Außerdem ist es ja mög-
lich, daß dieses Schatzverzeichnis gar nicht speziell von dem Ver-
mögen der Essener spricht. Es könnte sich auch um das Vermögen
einer anderen Gruppe handeln, dessen Verzeichnis auf diesen Rol-
len den Essenern zur Verbergung anvertraut war. Denn die Esse-,
ner waren bekannt wegen ihrer Geringschätzung von Geld und
Besitz ebenso wie wegen ihrer großen Verschwiegenheit. Könnte
es sich nicht möglicherweise auch um ein Verzeichnis des Jerusa-
lemer Tempelschatzes handeln? Der Tempel in Jerusalem war
einer der berühmtesten und reichsten in der ganzen damaligen
Welt. Und für den Tempelschatz wäre die angegebene Menge von
Gold und Silber durchaus denkbar.

Allerdings sagt Josephus nichts von einer Verbergung des
Tempelschatzes an geheimen Plätzen außerhalb Jerusalems. Im j
Gegenteil, seine Angaben sprechen eher gegen eine solche An-
nahme. Denn in seiner ausführlichen und sehr genauen Schilde- j
rung der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70
n. Chr. sagt er einmal (bell. VI 5 § 282), daß auch die Schatzkam-
mern des Tempels durch die Römer den Flammen preisgegeben ,
wurden. In diesen Schatzkammern sei eine ungeheure Menge Gel-
des sowie eine große Menge wertvoller Kleider und anderer Kost- |
barkeiten, es sei überhaupt der ganze Reichtum der Juden dort j
aufgespeichert gewesen, da die Reichen ihren ganzen Besitz dort-
hin hatten bringen lassen. Aber wenn man tatsächlich vor der
Belagerung durch die Römer den Tempelschatz oder einen großen
Teil davon außerhalb Jerusalems an verschiedenen Orten verbor-
gen hatte, hat man das sicher so streng geheim gehalten, daß es
gut möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, daß Josephus davon nichts
gewußt hat.

Daß von dem kostbaren Tempelgerät ein Teil versteckt wor-
den war, das Versteck aber den Römern durch Verrat in die Hände
fiel, berichtet uns Josephus im gleichen Zusammenhang (bell. VI 8
§ 387—391. Ich zitiere nach der deutschen Übersetzung von Phi-
lipp Kohout):

,,In denselben Tagen verließ auch ein gewisser Jesus, der

Sohn des Priesters Thebuthi, sein Versteck, nachdem eT von Titus
die eidliche Zusicherung seiner Begnadigung unter der Bedingung
erhalten hatte, daß er einige Gegenstände aus dem heiligen
Schatze ausliefere, was er auch tat. Er brachte aus der Wand des
Tempelhauses zwei Leuchter zum Vorschein, welche den im Hei-
ligtum stehenden sehr ähnlich waren, dann auch Tische, Misch-
krüge und Schalen, alles von massivem Gold und von bedeuten-
dem Gewichte. Ferner lieferte er die Vorhänge und die Amts-
kleidung des jeweiligen Hohenpriesters mit den Edelsteinen dar-
an, wie auch viele andere beim heiligen Dienst in Verwendung
kommende Gerätschaften aus. Auch der Tempelschatzmeister na-
mens Phinees fiel den Römern in die Hände und mußte ihnen
die Kleider und die Gürtel der Priester und eine Menge Purpur-
und Scharlachstoff verraten, die zum Zwecke der Erneuerung der
Vorhänge immeT bereit lagen, überdies noch einen großen Vorrat
von Zimt und Kasia und anderen Gewürzen, die täglich in einem
bestimmten Gemenge als Raudiwerk Gott dem Herrn dargebracht
wurden. Auch viele andere Kostbarkeiten und nicht wenige hei-
lige Paramente spielte er den Römern in die Hände, wofür er
dann den gleichen Pardon wie der Überläufer empfing, auf den
er als eigentlicher Kriegsgefangener sonst keinen Anspruch ge-
habt hätte."

Dieser Text scheint allerdings nur von Verbergungsplätzen
innerhalb des eigentlichen Tempelbezirkes zu sprechen. Aber es
ist doch interessant, daß auch in dem Text der Kupferrollen, ähn-
lich wie bei Josephus, an einer Stelle von ,.einem Weihrauchgefäß
aus Fichtenholz und einem Weihrauchgefäß aus Kasia-Holz", die
sich in einem Versteck befinden sollen, die Rede ist. Schließlich
berichtet Josephus auch davon (bell. VI 9 § 429—432), daß die
Römer in verborgenen Stollen in Jerusalem auch außerhalb des
Tempelbezirks Schätze entdeckt hätten. In diese unterirdischen
Gänge hatten sich Tausende von Juden geflüchtet, die dort den
Tod fanden, teils durch Hunger, teils von fremder Hand, teils
durch Selbstmord. Josephus berichtet, daß die römischen Soldaten
auch diese unterirdischen Gänge durchstöberten und sogar den
Erdboden aufrissen und alle, die ihnen noch lebend in die Hände
fielen, abschlachteten. Ein Teil der römischen Soldaten drang trotz
des entsetzlichen Verwesungsgeruches, von der Gier nach Schät-
zen getrieben, in diese Gänge voll aufgehäufter Leichen hinein.
Denn sie suchten und fanden in ihnen viele Kostbarkeiten.

Sollten die Kupferrollen von ähnlichen Schatzverstecken, nun
aber außerhalb Jerusalems, sprechen? Aber das alles sind nur Ver-
mutungen und können im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr
sein. Zuerst müßte jetzt der vollständige Text der Kupferrollen
im Wortlaut veröffentlicht vorliegen. Dann erst läßt sich Ge-
naueres sagen.

BIBELWISSENSCHAFT

IA Urnen, v.:] Vocabulaire biblique public sous la direction de Jean-
Jacques von Allmen. Neuchätel u. Paris: Delachaux & Niestie [1954].
I J^314S- gr. 8°. sfr. 17.-; geb. 21.-.

W *OC Der Verlag Delachaux & Niestie, der in vorderster Front der
■ 3, theologischen Produktion in französischer Sprache steht (über den
0 „ bei ihm erscheinenden Commentaire du Nouveau Testament, vgl.
' *• zuletzt ThLZ 195 5 Sp. 424 ff.), hat in der Erkenntnis, daß die
neuen an der Bibel gewonnenen theologischen Einsichten auch der
Genjeinde in geeigneter Weise zugänglich gemacht werden sollten,
dem vorliegenden Werk zum Erscheinen verholfen und damit zu
seinen sonstigen Verdiensten ein weiteres gesellt. Entstanden ist
das Vocabulaire biblique (= V. b.) auf Anregung und unter Lei-
tung von Dr. Jean-Jacques von Allmen, bei Erscheinen des Buches
Pfarrer der reformierten Gemeinde französischer Zunge in Luzern,
seither in Lignieres (Kanton Neuenburg).

Indem das Werk für weitere, sogar für weiteste Kreise bestimmt
ist (nach dem Vorwort ist auch und besonders an die außerhalb der

Gemeinde Stehenden gedacht, ja auch an katholische Leser), entspricht | Gruppen. Voran stehen 12 Professoren (u.a. Bonnard, Cullmann, He

lieh, wie das in solchen Fällen fast die Regel ist, die Benutzer auch bei
dem V. b. vermutlich meist aus Theologenkreisen kommen. An Umfang
hält das V. b. etwa die Mitte zwischen den genannten beiden Werken
(die Seiten sind groß, zweispaltig gedruckt mit 5 8 Zeilen, durchweg
petit). Gegenüber dem Wörterbuch von R. Luther fällt die größere
Reichhaltigkeit auf. Allein schon die Einbeziehung auch des AT mußte
eine Vermehrung der Stichworte ergeben; bestimmte Gebiete, wie z.B.
Eigennamen bzw. Personen, fehlen zudem bei R. Luther ganz. Das V. b.
enthält, alphabetisch geordnet, 159 Artikel (gegenüber 123 bei R.Lu-
ther). Viele von ihnen zerfallen in einen at. und einen nt Teil, die
in solchen Fällen dann von verschiedenen Verfassern bearbeitet sind.
Etwa 120 weitere Stichworte sind über das Buch verteilt mit Angabe,
in welchen Artikeln Näheres zu finden ist (z.B.: für s a u v e r wird
auf Jesus und s a 1 u t verwiesen, für s e d u i r e auf t e n t a t i o n,
für v i e r g e auf Marie und m a r i a g e). Literaturangaben im eigent-
lichen Sinn fehlen gänzlich (in manchen Artikeln werden Zitate aus
einschlägigen Werken geboten und diese dann belegt).

Etwa ein Zehntel des V. b. hat der Herausgeber von Allmen selbst
geschrieben. Für das Übrige hat ihm eine stattlidie Reihe von Mit-
arbeitern, Welschschweizern und Franzosen, zur Seite gestanden. Die-
se sind auf dem Titelblatt und auf S. 311 in einem Verzeichnis (mit
Angabe der Artikel, die sie verfaßt haben) angeführt, und zwar in 3

es in der Zielsetzung eher dem Neutestamentlichen Wörterbuch von j ring, Mehl, Menoud, Nagel). Am Schluß folgen mit Einschluß des Her-
Ralf Luther (13. Aufl. 1951) als dem Biblisch-theologischen Handwörter- j ausgebers 22 Pfarrer. Dazwischen stehen (ganz gewiß nicht als Welt-
buch von E.Osterloh und H. Engelland (1954). In praxi werden frei- I kinder zwischen den Propheten, sondern — mit welscher Courtoisie —
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