Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

81.1956

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Theologische Literaturzeitung 1956 Nr. 1

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mentvolle Befreiung der evangelischen Predigt aus der Umklam-
merung modischer Gegensätze. Eindrücklich ist die erneute Be-
stätigung für die Wichtigkeit der Zeit als Grundkategorie des
biblischen Denkens. Die Durchführung des Universalismus im
Handeln Gottes mit der Welt bis in die Idee einer ihre Grenzen
nicht feststellenden, offenen Kirche, mit allen Folgen für den
Missionsgedanken, ist überzeugend, wenn hier auch angesichts
des biblischen Befundes schwere Fragen offen bleiben. Über die
hier streitenden Ansichten im NT, vgl. mein Buch „Der Dienst
der Kirche am Menschen" (1950) S. 137 ff.

Ich lasse kleinere kritische Fragen am Rande stehen. Ob Karl
Barth sich wirklich in W.s Kritik immer wiedererkennen wird? Warum
läßt Wingren, der doch sonst den Leser in so lebhaftem Gespräch in
den Anmerkungen an seinen Bücherschränken vorüberführt, bei dem
Gedanken der zur Welt hin offenen Kirche Richard Rothe unerwähnt?
Und S. 170 bemerkt W. mit Recht, daß der heutige Mensch nicht
von seiner Schuld, sondern von der Frage nach dem „Sinn" bedrückt
wird. Warum erwähnt er Tillich nicht, der schon vor 30 Jahren darauf
hingewiesen hat? Wäre es nicht wichtig gewesen, anläßlidi der Erörte-
rung über die Bedeutung des Bildes und der Bildhaftigkeit für die
Predigt einen — meinetwegen sehr kritischen — Blick zu Schleicrmacher
hin zu tun, dem Vater der „darstellenden" Predigt? Warum bleibt
Elerts Auffassung von Gesetz und Evangelium, die bei aller Nähe zu
W. so bezeichnend von ihm abweicht, unerwähnt? Wie gesagt, das
alles bleibe als Frage am Rande.

Wichtig erscheinen mir für die Auseinandersetzung drei an-
dere Fragen. Die erste schließt sich an an die auffallende Über-
lastung des Predigtbegriffs. „Dazu ist Christus gekommen, ge-
storben und vom Tode auferstanden, damit eben dies jetzt ge-
schehen soll: Die Predigt des Wortes" (S. 76). Die Predigt „ein
Mund, durch den der gegenwärtige Christus uns heute zum Leben
ruft" (S. 139), „das Verbindungsglied zwischen der Auferstehung
Christi und unserer eigenen Auferstehung" (S. 210). Die Belege
ließen sich häufen. Vermag aber die konkrete „Sonntagspredigt'
diese Last zu tragen? W. selbst spürt offenbar gelegentlich das
Frösteln dieser Frage (z. B. S. 105, 107). Aber dann hat man den
Eindruck, daß er doch eben von der konkreten, in aller Schwäche
und Anfechtbarkeit hic et nunc gehaltenen Predigt gar nicht
spricht. „Der Mensch ,nach' der Predigt ist demnach der Mensch
des Jüngsten Tages, der Mensch der Endzeit, nicht der Mensch,
wie er nach dem Sonntagsgottesdienst. . . nach Hause geht"
(S. 210). Man könnte auch bezüglich der Auslegung der Texte
dem hier vermuteten Dilemma nachspüren. Wohl betont W. die
Notwendigkeit der Führung der Predigt durch den jeweiligen
Text, die „Lebensluft der Abwechselung" (S. 24), aber wie ist es,
wenn der Text sich dem großen Grundgedanken W.s nicht fügen
sollte? Droht hier nicht ein Piatonismus bezüglich der Predigt,
der zuletzt den armen Mann auf der Kanzel trotz des hochge-
steckten Begriffes seltsam allein läßt?

Und dann etwas Zweites. Die Stärke der W.schen Anschau-
ung ist sicherlich ihr biblischer Realismus. Der Mensch in den
Banden einer feindlichen Macht! Der Unglaube „eine satanische
Kampfhandlung" (S. 151). Aber auch Christus begeht eine
Kampfhandlung, er kämpft und siegt. Die Nachricht von seinem
Sieg effektuiert seinen Sieg bei uns. In welchem Sinne ist das al-
les gesagt, nachdem doch offenkundig der Augenschein dies nicht
bezeugt, wir vielmehr und anstelle der W.schen Kampfsituation
auch Kirchenschlaf und totgepredigte Gemeinden gerade auch nach
einer rechtgläubigen Predigt sehen? Also ist es eine „uneigent-
liche" Redeform dieser Theologie. Ich will nicht von einer mytho-
logischen Redeweise sprechen, wiewohl es naheliegt. Genug, aus-
zusprechen, daß wir bei W. eine Verantwortung über die Kate-
gorie vermissen, in der er uns seine eindrucksvollen (und weit-
gehend überzeugenden) Ausführungen vorträgt.

Die Leidenschaft zu diesem harten und anstößigen Realis-
mus W.s ist sicher in einem gewissen Anti-Affekt gegen die mo-
derne Theologie begründet, so sehr sich W. an anderen Stellen
gegen die Übertreibungen des Anti-Liberalismus abgrenzt. Dieser
unbedenkliche Realismus kommt am deutlichsten und — wie ich
meine — unbefriedigendsten in seinem Kampf zugunsten der
„Faktizität" der Auferstehung heraus. Sicherlich hat W. recht,
wenn er gegen eine Vergleichgültigung der Wahrheitsfrage seine
Bedenken ausbreitet. Aber das sollte doch keinen Augenblick ver-
gessen lassen, daß es viele Kategorien der Wahrheit gibt, und daß

es jedenfalls keine Redeform von der Auferstehung geben kann,
die die Verborgenheit des Auferstandenen für die Augen des Un-
glaubens vergessen dürfte. W. sollte jedenfalls nicht übersehen,
daß er nicht im selben Sinne von dem Tod und der Auferstehung
Christi und von Tod und Auferstehung des Predigthörers durch
die gläubige Annahme des Wortes spricht. Ich finde aber bei ihm
keine methodische Differenzierung der Aussagen im einen und im
anderen Sinne. Daß er selbst tatsächlich differenziert, zeigt er doch
dann und wann (z.B. S. 184). Der nüchterne Rezensent ist der
Meinung, daß wir nicht aus der Haut eines Menschen des 20. Jahr-
hunderts schlupfen können, d. h. daß uns die intellektuelle Red-
lichkeit zwingt, alle uneigentliche Ausdrucksweise umzusetzen.
Mir scheint, das gehört zu unserer Menschlichkeit, zu der sich W.
so eindrücklich bekennt. Mir scheint, das gehöre auch zur Auf-
gabe der Predigt, welcher W. dieses — unerachtet meiner kritischen
Fragen — so nachdenkliche und anregende Buch gewidmet hat.

Qöttingen _ Wolfgang Trillhaas

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