Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

80.1955

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Theologische Literaturzeitung 1955 Nr. 10

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wie er durch die römisch-katholischen ,,Arbeiterpriester" allge-
mein bekannt geworden ist. Von diesem praktischen Einsatz her
bekommen die Ausführungen Symanowskis ihr besonderes Ge-
wicht, ja eine nicht zu überhörende Vollmacht, auch wenn dem
kirchlich traditionell Gebundenen manche Schärfen seiner Formu-
lierungen beschwerlich sein mögen. Wenn sich hier Amtsträger
der Kirche mit ihrem Leben dem Rhythmus der modernen Arbeit
unterwerfen, so doch in der richtigen Erkenntnis, daß die Kirche
dieser Welt ihren Rhythmus nicht wird aufzwingen können.
„Man kann aber nicht zwischen zwei Musikkapellen marschieren,
die in verschiedenen Rhythmen spielen," sagt Symanowski und
fragt mit Recht: Welches Morgen- und Abendgebet sollen wir
eigentlich die Jungen und Mädchen lehren, die in dem Rhythmus
der Arbeit am Morgen schlafen gehen und am Abend erwachen?
Gottes Wort will doch aber auch in diesem ganz anderen Rhyth-
mus der Arbeit Gestalt gewinnen. So wurde, wie Symanowski
sagt, ,,die Fabriksirene zum Ruf in den uns von Gott verordne-
ten Dienst dieser Welt. So glauben wir, im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes durch das Fabriktor zu
gehen, unsere Arbeit zu tun und unsere Gespräche zu führen.
Wir meinen, daß dies bereits eine legitime Verkündigung, Wort
Gottes ist".

Man hat denen, die diesen radikalen Weg zu gehen sich ge-
rufen wissen, immer wieder die Frage gestellt: Was ist denn
nun dabei herausgekommen? Wieviel Arbeiter habt ihr schon für
die Kirche gewonnen? Habt ihr mit eurem Weg wirklich schon
neue missionarische Möglichkeiten erschlossen? Ich glaube, daß
man mit solchen Fragen die Sache nicht trifft. Wohl weiß auch
Symanowski eindrucksvoll von neuen Formen der Verkündigung
und der Gemeinschaft zu berichten. Man trifft sich in den Woh-
nungen, man verlebt das Wochenende gemeinsam und ist in lan-
gen Gesprächen über der aufgeschlagenen Bibel beieinander. „Der
Gottesdienst beginnt am Vormittag und endet am Abend."
Selbst von .Amtshandlungen" weiß er zu berichten, aber das
alles vollzieht sich gleichsam jenseits der Grenze bestehender
kirchlicher und gottesdienstlicher Ordnungen. Entscheidend sind
aber nicht einmal diese Ansätze, von denen man noch nicht sa-
gen kann, wie sie den Weg in die geordnete Gemeinde finden
werden, entscheidend ist vielmehr, daß hier in einer völlig säku-
larisierten Welt der Leib Jesu Christi neu Gestalt gewinnen will.
So sagt Symanowski von den Gesprächen während der Arbeits-
zeit: ,,Es geht um die alltäglichen Fragen von Beruf und Familie,
Freude und Last des Lebens, aber stets sehr konkret. In diesen
weltlichen Fragen will das Wort Gottes Gestalt gewinnen." So
meint es auch der Bericht der Sektion II von Evanston, wenn er
von der Bezeugung der Solidarität Christi mit der gesamten
Menschheit spricht, die in einer zerrissenen Welt durch die Chri-
sten geschehen muß. ,.Ohne das Evaneelium hat die Welt keinen
Sinn, aber ohne die Welt hat das Evangelium keine Realität."
Das soll hier in der Arbeitswelt bezeugt und in Bescheidenheit
praktiziert werden.

Dies Zeugnis ist immer wieder dem Mißverständnis ausge-
setzt, als ob es sich dabei um eine allgemein anzuempfehlende
neue Methode der Kirche handelte. So kann es niemals gemeint
sein. Ich würde z. B. auch nicht für Theologiestudenten die Ab-
leistung einer Zeit Fabrikarbeit obligatorisch machen wollen;
eine Reihe von Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen
würde, scheint mir dagegen zu sprechen. Ob dies das Mittel wäre,
die mit Recht geforderte größere Lebensnähe der Predigt zu er-
reichen, ist mir nach den Erfahrungen des letzten Krieges, in dem
doch die meisten unserer jungen Theologen jahrelang in der
Solidarität mit dem Mann aus dem Volke gestanden haben, frag-
lich. Wir müssen vielmehr erkennen, daß es sich hier um einen
Ruf handelt, der je und dann an Einzelne ergeht. Wir sollten
dann aber sehr dankbar sein, wenn solch ein Ruf gehört wird
und Gehorsam findet. Was dieser besondere Weg als beispiel-
haftes Zeugnis für den gesamten Leib Christi bedeutet, ist heute
vielleicht noch nicht auszumachen und zu sagen. Auf keinen Fall
sollten wir ihn durch vorschnelle Fragen nach dem Erfolg ver-
dächtigen. Die Kirche muß sich für die Möglichkeit eines solchen
Weges offenhalten und sollte nicht den Gesichtspunkt der or-
dentlichen Versorgung der Gemeinde dagegen ins Feld führen.

Noch verhängnisvoller wäre allerdings die Meinung, als
sollte hiermit die traditionell geordnete Gemeindearbeit der
Kirche überhaupt in Frage gestellt werden. Das Außerordentliche
wird das Ordentliche nicht beseitigen können und dürfen. Gerade
die östlichen Gliedkirchen sind ja in besonderer Weise an die
bisher geordneten Wege kirchlicher Verkündigung gewiesen,
und es ist schon ein unverdientes Wunder Gottes, was durch sie
trotz der mit Recht beklagten mangelnden Lebensnähe alles ge-
schieht, auch wenn vieles fehlt, wovon in der hier besprochenen
Veröffentlichung aus den westlichen Gliedkirchen in reicher Fülle
berichtet werden kann (Evangelische Sozialsekretäre in den In-
dustriewerken, evangelische Gruppenbildung in den Betrieben,
Sozialakademie u.a.m.).

IV. Eine so komplexe Frage, wie sie in Espelkamp aufge-
worfen wurde, wird nicht mit einer einfachen Patentlösung zu
beantworten sein. Das Wort der Synode will eine solche Patent-
lösung ebensowenig sein, wie dem hier gegebenen Bericht ein
solcher Anspruch fern liegt. So seien nur einiee Punkte heraus-
gestellt, an denen wir für die aufgeworfene Frage und für die
durch sie gegebene Beunruhigung wach bleiben müssen.

1. Wer zu dem Problem Kirche und Welt der Arbeit das
Wort nimmt, braucht Sachkenntnis. Ein christlicher Dilettantis-
mus, der meint, nur mit einem warmen Herzen zur Lösung der
Fragen einen Beitrag geben zu können, wird leicht an der Sache
vorbeireden. Man muß z. B. einmal in dem vorliegenden Büch-
lein die Anlage ,,Hilfen zur richtigen Sicht des Menschen in der
sich wandelnden industriellen Gesellschaft" durchstudieren, um
zu erkennen, wie vielschichtig die Frage, wie wenig eindeutig
heute etwa der Begriff des Arbeiters und erst recht der des An-
gestellten ist. Aus der Vergangenheit gewonnene Klassenbegriffe
reichen hier nicht mehr zu. Auch was etwa in der Anlage 2 von
der besonderen Lage der Frau in der industriellen Arbeitswelt
gesagt ist, muß sachlich durchdacht werden, um dann allerdings
zur Frage nach dem Menschen durchzustoßen: Ist die geschöpf-
liche Bestimmung der Frau noch gewahrt? (Hier berührt sich die
Stellungnahme mit dem Wort der Evangelischen Kirche zum Ent-
wurf des Familiengesetzes in der DDR.) Die letzten beiden An-
lagen befassen sich mit der Ausbildung der Theologen in den
Fragen der Sozialethik — Behandlung der einschlägigen Fragen
in der Ethik und in der Praktischen Theologie wird gefordert —
und mit dem hierfür notwendigen Studienmaterial. Genannt sei
daraus nur das Evangelische Soziallexikon, Stuttgart 1954, und
der Evanston-Bericht über Gruppe VI, Witten 1954.

2. Sachkenntnis wird davor bewahren, mit eingleisigen und
vorschnellen Lösungsversuchen dieser Not beikommen zu wol-
len. Spannungen werden getragen werden müssen. Die Frage:
parochiale Arbeit oder Paragemeinde? ist solch eine Spannung.
Sie läßt sich nicht durch ein einfaches Entweder-Oder entschei-
den. Die übergemeindlichen Arbeiten der Evangelischen Akade-
mien, des Männerwerks und der Jugendwerke, vor allem der
Kirchentage haben Gesprächsmöglichkeiten gegeben, die für die
Frage nach der Kirche in der Arbeitswelt überaus bedeutungsvoll
geworden sind. Sie haben mit ihrem Gespräch auch gerade Men-
schen erreicht, die ihrer Ortsgemeinde und überhaupt der ver-
faßten Kirche mit Abstand und kritisch gegenüber stehen. Die
Kirche wird nach immer neuen Möglichkeiten ausschauen und
sich für immer neue Wege offen halten müssen, selbst wenn sie
dabei einen tiefgreifenden Strukturwandel bisheriger Formen
erleiden müßte. Andererseits ist aber auch vor einer Gering-
schätzung der parochialen kirchlichen Arbeit zu warnen. Es ist
vielmehr zu fragen, ob die in ihr gegebenen Möglichkeiten über-
haupt ausgeschöpft werden. Wie steht es etwa mit dem Haus-
besuch der Pfarrer? Das Hingehen zu dem Anderen, dem Ent-
fremdeten, muß ja wohl in der eigenen Gemeinde beginnen!
Werden die Möglichkeiten, die in der jungen Gemeinde gegeben
sind, mit der gleichen Energie genutzt, wie es z. B. auf dem Ge-
biet der katechetischen Arbeit geschieht?

3. Ob wir eine die Institution und den Bestand wahrende
oder eine in der Welt und für die Welt lebende Kirche sind,
wird sich nicht zuletzt daran erweisen, wie weit es echten Zeu-
gendienst der Laien in der Welt der Arbeit gibt. Gemeint ist
hier nicht in erster Linie das, was wir die kirchliche Aktivierung
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