Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

80.1955

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Theologische Literaturzeitung 1955 Nr. 6

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Pepin, Jean: Une curieuse declaration idealigte du „De Genesi ad
litttram" (XII, 10, 21) de saint Augustin, et ses origines plotinienncs
C.Enncade" 5, 3, 1—9 et 5, 5, 1—2).

Revue d'Histoire et de Philosophie Religieuses 34, 1954 S. 373—400.
"eterson, Erik: Die Taufe im Acherusischen See.

Vigiliae Christianae IX, 1955 S. 1—20.
Q u a s t e n, Johannes: Mutter und Kind in der Passio Perpetuae et Fe-

licitatis.

Historisches Jahrbuch 72, 1953 S. 50—5 5.

KIRCHENGESCHICHTE: MITTELALTER

pf ist er, Kurt: Die Welt des Mittelalters. Geschichte, Weltbild,
Kunst. Wien: Berglandverlag [1952]. 527 S., 32 Taf. u. 4 Farbtaf..
1 Titelbild 4°. Lw. DM 39.50.

Die Wissenschaft bedarf ständig gebildeter Schriftsteller, die
die Ergebnisse der Forschung zusammenzufassen und einem wei-
teren Leserkreise zu vermitteln verstehen. Die Autoren, die die
Vermittlung übernehmen, müssen allerdings nicht nur die — dem
eigentlichen Gelehrten nur ausnahmsweise gegebene — Fähigkeit
besitzen, wissenschaftliche Kost dem Leser mundgerecht zu ma-
chen, sondern sie müssen auch über ausreichenden Einblick in den
Fortgang der Forschung verfügen, die von ihr diskutierten Pro-
bleme kennen und soviel kritischen Sinn besitzen, daß sie Ge-
diegenes und Unsolides zu unterscheiden vermögen und sich
nicht auf vergängliche Thesen festlegen.

Zu denen, die diese Bedingungen erfüllten, gehörte auch
Kurt P f i s t e r, der kurz nach der Fertigstellung des anzuzei-
genden Werkes gestorben ist. Die zahlreichen Bücher, die diesem
vorausgegangen sind, befaßten sich mit Künstlern (von Jan van
Eyck bis Vincent van Gogh), mit Musikern und mit Gestalten
der Geschichte (von den Frauen der Cacsaren bis Maria Theresia,
von Heinrich dem Löwen bis Danton). Genannt sei hier das
'942 erschienene Buch über Kaiser Friedrich IL, weil es sich von
der damals gängigen Übersteigerung des Kaisers im Sinne des
..Führerprinzips" absetzte.

Zu Pfisters Bänden gehört auch die eine oder andere Ge-
schichtsdarstellung, die nicht biographisch ausgerichtet ist. Inso-
fern steht der letzte nicht isoliert. Er ist gedacht als „Aufruf zu
geistiger Besinnung", da „gegenüber dem Relativismus unserer
Zeit" das „Mittelalter mit seiner absoluten Weltschau und Kul-
tur" einen „gültigen Maßstab und Wertmesser" darbieten kann
(S. 508). Die Darstellung reicht von Konstantin dem Großen
bis zur Spätgotik und sucht sowohl der politischen als auch der
geistig-religiösen und der künstlerischen Entwicklung gerecht zu
Werden. Diese Fülle hat der Verf. jedoch nur so festzuhalten ver-
mocht, daß er kurze Abschnitte mehr oder minder unverbunden
aneinanderreihte. Der Laie wird es begrüßen, daß ihm Proben
von allerlei Dichtungen in Übersetzung dargeboten werden; der
Text wird sein Interesse wecken, und die Bildtafeln werden ihn
anreizen. Aber das, was der Band hätte anstreben müssen, ver-
mag er nicht zu leisten. Es handelt sich um ein Mosaikbild des
Mittelalters ohne Tiefendimension, bei dem viele Steinchen aus-
gefallen sind oder durch besser kennzeichnende ersetzt werden
könnten. Damit ist zugleich gesagt, daß der Forscher aus diesem
Bande nichts hinzulernen kann. Das gilt im besonderen für die
Theologen und die Kirchenhistoriker.

Der Verlag ist darauf aufmerksam zu machen, daß seine Ta-
feln zum Teil schlecht klischiert sind oder auf veralteten Vor-
lagen beruhen. Auch hat er — wie das so oft bei angeblich „illu-
strierten" Büchern der Fall ist — die Bilder nicht in Kontakt mit
dem Text gebracht und sie beigefügt, wo es dem Buchbinder am
besten dünkte. Die Tafeln „illustrieren" also gar nicht.

Oöttingen Percy Ernst Schramm

Mühlen, Heribert, Dr.: Sein und Person nach Johannes Duns Scotus.

Beitrag zur Grundlegung einer Metaphysik der Person. Werl/Westf.:
Coelde-Verlag 19 54. XII, 131 S. gr. 8° = Franziskanische Forsch. H. 11.
DM 12.-.

In der strengen Form einer Spezialuntersuchung zur Ge-
schichte der Scholastik behandelt Mühlen, der hier seine wissen-
schaftliche Erstlingsarbeit vorlegt, theologische und philosophische

Gegenwartsprobleme von brennender Aktualität. Er sagt im Vor-
wort: „Was heute vor allem not tut, ist nämlich die lebendige
Nähe zum Sein als dem Geschaffensein, ist die lebendige Erfah-
rung des personalen Verhältnisses von Schöpfer und Geschöpf,
ist die ernsthafte Verwirklichung jener anderen, von Scotus auf-
gezeigten Möglichkeit der nicht innerwcltlichen Personwerdung"
(V). Dabei werden nicht heutige Fragestellungen von außen an
den Scotustext herangetragen, sondern gerade durch sorgfältige
historische Arbeit gewinnt Mühlen den Zugang zur Gegenwarts-
bedeutung der scotischen Gedanken.

Einleitend geht Mühlen auf die Geschichte des Personver-
ständnisses ein. Sowohl der Sache wie dem Begriff nach ist es
nicht rein philosophischer Herkunft, sondern erst im Bereich der
Christusoffenbarung erwachsen, und zwar im Zusammenhang mit
den rrinitarischen und christologischen Problemen. Wichtig für
die scholastische Entwicklung ist nicht nur die bekannte Defini-
tion des Boethius: persona est rationalis naturae individua sub-
stantia, sondern vor allem auch Richard von St. Victor. Während
Boethius die Person als eine besondere Art vorhandener Gegen-
stände definiert, versteht Richard sie als incommunicabilis exi-
stentia: also als je eigenen Daseinsvollzug (incommunicabilis;,
der nicht nur — wie bei Boethius — durch Selbständigkeit (— si-
stcre) charakterisiert ist, sondern ebenso durch ständigen Bezug
zum Ursprung (ex —).

Diese sehr modern anmutenden Gedanken Richards hat
Duns Scotus weitergebildet, (cc. III—V). „Der Zugang zur Per-
son" (c. III) ist bestimmt durch den „direkten Hinblick", d. h.
nicht durch abstrahierende Wesenserkenntnis, sondern durch in-
tuitive Daseinserkenntnis. Das gilt auch von den göttlichen Per-
sonen, die daher nur durdi Offenbarung, nur im zeitlichen Zu-
gleich, nur in personalem Gegenüber erkannt werden können
(74). Der allgemeine Personbegriff ist eine nachträgliche Ab-
straktion aufgrund der im Gedächtnis aufbewahrten und daher
vergleichbaren Erfahrungen von persönlichem Dasein. — Grund-
lage aller Personerkenntnis ist „Die göttliche Personalität" (c. IV).
Aus der Theologie der innertrinitarischen Relationen stammt so-
wohl das Verständnis der Person als unmittelbaren Daseins als
auch die Erkenntnis, daß Person „niemals nur Sclbstand, sondern
wesenhaft Gegenüberstand" ist (87). — Wie sich nun „die mensch-
liche Personalität" (c. V) zu der göttlichen verhält, das erkennt
Duns Scotus aus der christologischen unio hypostatica. Die
menschliche Personalität kann kein in sich selbst positiver Be-
standteil der menschlichen Natur sein, da der Logos sich bei der
Menschwerdung mit einer ganzen, individuellen Menschennatur
verbunden hat, nicht aber mit einer menschlichen Person. Die für
menschliche Personalität konstitutive Unmitteilbarkeit hat daher
nur den Charakter einer Negation, der Negation der Abhängig-
keit von allen anderen Personen, aber in besonderer Weise: als
mögliche Unabhängigkeit (aptitudo ad subsistendum in se),
mit der eine mögliche Abhängigkeit von Gott (aptitudo obedien-
tiae) vereinbar bleibt (101). Von daher ist für die menschliche
Personalität kennzeichnend, daß sie in entgegengesetzter Weise
verwirklicht sein kann: als Verselbstung oder in gottbezogener
Andacht (106 ff.). Nur in der letzteren Weise erlangt der von
Gott dem Schöpfer abhängige Mensch sein eigentliches Wesen.

Das besondere Interesse Mühlens richtet sich nun aber auf
den Zusammenhang dieses scotischen Personbegriffs mit seiner
Ontologie. „Ohne ein Verständnis dessen, was Scotus unter Da-
sein versteht, ist ein Zugang zu seinem Personenbegriff unmög-
lich" (6). Die beiden ersten Kapitel erörtern daher eine Fülle von
Grundproblcmcn der scotisdien Seinslehre: Den Möglichkeits-
charakter des Seins, die Beziehungen zwischen „Wesen", „Sein"
und „Dasein", die Bestimmung des Seins als transzendentale Re-
lation, die Univozität des Sc'nsbegriffs (im Unterschied zur Ann-
logizität des konkreten Seienden). Die Notwendigkeit dieser on-
tologischen Grundlegung erweist sich darin, daß Scotus sowohl
die Person wie überhaupt dar, individuelle Dasein als unmittelbar
bezeichnet, daß für ihn sowohl der Beziehungscharakter des Seins
wie der Bezug der Person zu ihrem Ursprung unter den Begriff
der transzendentalen Relation fällt. — Für diesen sehr reichhal-
tigen und konzentrierten Teil der Arbeit ist das beigefügte Re-
gister besonders nützlich.
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