Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

78.1953

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Theologische Literaturzeitung 1953 Nr. 10

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gesehen werden kann, wofür Übereinstimmung in den Auskünften der
neueren etymologischen Wörterbücher als Beweis gilt. Besonders den
Stammwörtern sind die nötigen etymologischen Angaben beigefügt, in
aller Kürze, doch unter Hinweis auch auf Sprachverwandtschaft mit
dem Lateinischen und Deutschen. Der verständige Benutzer erhält da-
durch eine wichtige Hilfe, um den Zusammenschluß zu Wortgruppen
und auch den Zusammenhang von Bedeutungen zu durchschauen und
sich einzuprägen. Mnemotechnisch wertvoll ist auch die verhältnis-
mäßig reichhaltige Erwähnung von Lehn- und vor allem Fremdwörtern.
Ohne Zweifel wird es bei dieser Anlage der Wortkunde dem Studenten
ermöglicht, „in kurzer Zeit einen ausreichenden griechischen Wortschatz
zu erwerben". Gerade der interessierte Benutzer wird auf diese Weise
rasch über einen geordneten, in sich gegliederten und zusammenhän-
genden Wortschatz verfügen. Dies Verfahren ist besser und sinnvoller
jedenfalls, als wenn er nach einem Wörterbuch Vokabeln lernen wollte,
besser aber auch, als wenn sein Wortschatz sich lediglich aus Voka-
bularen zu Übungsstücken rekrutiert (die in solchen gebotenen Vo-
kabeln stehen zwar durch die gemeinsame Beziehung auf eine bestimmte
grammatische Einzelheit miteinander in Zusammenhang, beruhen im
übrigen aber doch oft auf recht zufälliger Auswahl).

Was die in der vorliegenden Wortkunde getroffene Auswahl an-
geht, so ist bei ihr (nicht weniger auch bei der Kritik an ihr) das
subjektive Moment kaum auszuschalten. Im Ganzen ist, wie sich ans
der schon erwähnten Gesamtzahl von 2450 Vokabeln ergibt, sehr viel
berücksichtigt. Es kommt hinzu, daß in vielen Fällen von den Voka-
beln aus, die genannt sind, weitere nicht aufgeführte Vokabeln, weil
es sich um Ableitungen, Zusammensetzungen usw. handelt, ohne große
Mühe zu erreichen sind. Dies trifft — mit a beginnende Vokabeln als
Beispiel genommen — etwa zu auf dßagr'ji, äya&otsgyeo), -egyös, äya-
donouo), -Jioua, -noiös, äya&wavvr], äya/tos, ayaruxTr/aig, üyyeXia,
nyevsaXöytjroc:, ayevrjq, äyiozrje, aytmovii), ayrda usw. Was auch
auf diese Weise (sozusagen durch Selbsthilfe des etwas bewanderten
Benutzers) nicht zugänglich ist, sind Worte wie^ ayyagsvo), äyysiov, äye-
Xtj, ayxälr), ayxiaxgov, äyxvga, äyvatpoc;, ayga, dygavXeco, äygevw
äycovia. Es sind dies jedoch im NT nur selten, z. T. nur einmal vor-
kommende Vokabeln; zudem kann vorausgesetzt werden, daß der Stu-
dent auch ein Lexikon zur Hand hat. Bei manchen von ihnen fragt
man sich freilich, ob sie nicht hätten aufgenommen werden sollen.
Wäre, wenn ein Student z.B. die Wcihnachtsgeschichte lesen will, es,
für ihn nicht von Wert, wenn auch in der Wortkunde ihm äygavXeo)
am rechten Ort eingeordnet begegnen würde? Eine gewisse Unglcich-
mäßigkeit — insofern etwa sowohl uäixoe wie ädixüt genannt sind,
aber nur (piXöootpoc, dagegen nicht ipiXoaorpin — wird nicht zu ver-
meiden sein. Aber z.B.: nqga ist genannt (als einzelne Vokabel, ohne
Zusammenhang mit einer Wortgruppe), dagegen nicht das meist mit
Mjga zusammen vorkommende, zudem in die reich vertretene Wort-
gruppe mit dem Stammwort ßdUcd sich gut einfügende ßaXXävnov.
Ungern vermißt man sachlich so wichtige Vokabeln wie vio&eola. Daß
beim Stammwort ägxo) als einzige Zusammensetzung mit agxi- (ne-
ben &Qxr)yöt;) agxiFgevc genannt ist, versteht man angesichts der Häu-
figkeit und Bedeutung dieser Vokabel. Aber wäre es>nicht zweckmäßig
gewesen, ägXt- mit der Übersetzung Ober- (bei ägxiegevi ist nur
Hohepriester vermerkt) anzuführen, weil damit zugleich der Zugang
zu agx^otiirjv, -ovväywyot;, -textmv, -reXwvric, -zgixXivof'* (und
apxäyyelos) erschlossen worden wäre? Daß die Übersetzungen knapp
gehalten sein mußten, begreift man. Aber genügt z. B. bei fiimh}xr]
„Verfügung, Testament"? So drängt sich der Wunsch auf, bei einer
späteren Neubearbeitung möchte die Auswahl an Vokabeln überhaupt,
aber auch die Zahl der angegebenen Bedeutungen, vielleicht auch die
Zahl der Verweise auf Stammwörter vermehrt werden.

Das Übungsbuch, bearbeitet von Dr. Hans-Eberhard
Wilhelm, Lektor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, ist
solchen Fragen und Wünschen des Kritikers naturgemäß weniger
ausgesetzt. Zwar ist die Aufgabe, die einem Übungsbuch gestellt
ist. nicht weniger begrenzt wie die einer Wortkunde, aber die
Zahl der möglichen Lösungen ist eher größer, und vor allem in
der Durchführung im Einzelnen besteht mehr Freiheit. Es liegt
am Stoff, daß man in diesem Fall nicht wie bei der Prüfung einer
Wortkunde sozusagen von Zeile zu Zeile nach der näheren Be-
gründung (warum gerade dies? warum gerade an dieser Stelle?
warum in dieser Form?) zu fragen sich veranlaßt sieht, sondern
daß man mehr als interessierter Zuschauer verfolgt, nach welchem
Plan der Verfasser seine Straße anlegt und womit er sie im Ein-
zelnen zu pflastern gedenkt. An Vorbildern und somit an Tradi-
tion fehlte es ja nicht. Doch versucht der Verfasser mit Erfolg,
etwas Neues und Eigenes zu schaffen. Es zeigt sich dies schon
bei der Anlage seines Übungsbuches, in der Verteilung der Ein-
zelheiten der Elemcntargrammatik auf die insgesamt 71 Übungs-
stücke, dann aber besonders bei der Gestaltung der Lektionen

selbst. Zwar erwähnt der Verfasser im Vorwort mit Dank Hin-
weise und Anregungen, die er während der Arbeit an seinem
Büchlein von Seiten der Sprachlehrer der Kirchlichen Hochschulen
empfangen hat. Es ist aber nicht zu verkennen, daß seine eigene
langjährige Erfahrung (er war früher schon an der Augustana-
Hochschule in Neuendettelsau tätig) entscheidend hinter allem
steht und dadurch der Eindruck des Geschlossenen verbürgt wird.

Die besondere Bestimmung dieses Übungsbuches für Theologie-
studenten kommt darin zum Ausdruck, daß bei der Auswahl der Sätze
neben klassischen Autoren weitgehend auch das NT herangezogen
worden ist. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis gibt an, um welche Er-
scheinungen der Formenlehre und Satzbildung es in den einzelnen Lek-
tionen geht, und nennt außerdem, da vorausgesetzt ist, daß nebenher
fortlaufend eine Schulgrammatik benutzt wird, als Beispiel die betref-
fenden § § der Schulgrammatik von Kaegi-Bornemann. Das Übungs-
buch selbst enthält dann nur die Übungsstücke und die zu ihnen ge-
hörenden Vokabelsammlungen. Es eignet sich daher auch in weit ge-
ringerem Maße als etwa das Buch von Dey für das Selbststudium; an
eine solche Verwendung ist wohl gar nicht gedacht. Andererseits wird
die geschickte und abwechslungsreidie Auswahl helfen, den Unterricht
für die Schüler (und auch für den Lehrer!) interessant zu gestalten.

Wortkunde und Übungsbuch sind aus der Praxis erwachsen.
In der Praxis allein wird sich auch ihre Brauchbarkeit endgültig
erweisen können. Die Startbedingungen scheinen alles in allem
günstig zu sein, und so ist beiden Büchlein zu wünschen, daß sie
eine gute Aufnahme finden.

Bern Wilhelm Michaelis

Mätyäs, Ernö: Jänos Evangelioma. fräsmagyaräzat. [Das Johannes-
evangelium. Schrifterklärung.] Särospatak 1950. XII, 280 S.

Karner, Käroly: A Testte Iett Ige. Jänos Evangeliumänak Magyar-
azata. [Das Fleisch gewordene Wort. Erklärung des Johannesevange-
liums]. Budapest: Verlag der ungarisdien Luther-Gesellschaft (= ma-
gyar Luthersasag.) 1950. 371 S.

Ein schönes Zeugnis für die Intensität, mit der die evange-
lische Christenheit im heutigen Ungarn sich um das Verständ-
nis der heiligen Schrift müht, ist die Tatsache, daß in einem
Jahre zwei stattliche Kommentare zum Jhs-Evg. erscheinen konn-
ten, der eine von dem inzwischen verstorbenen Neutestamentier
an der Theologischen Hochschule in Särospatak, Mätyäs, der an-
dere von dem lutherischen Theologen in Sopron (Ödenburg),
Karner, geschrieben. Obwohl die Werke die verschiedene theo-
logische Herkunft ihrer Verfasser nicht verleugnen — bei Mätyäs
spürt man eine stärkere Neigung zur „dialektischen Theolo-
gie" —, ähneln sie sich doch in Anlage und theologischer Grund-
haltung. Den Hauptteil bildet bei beiden die Übersetzung und
Erklärung des griechischen Urtextes in einer Form, die am ehe-
sten mit der des „NT Deutsch" verglichen werden kann. Hinzu-
kommen (als Einleitung oder Anhang) eine ausführliche Darle-
gung der Einleitungsfragen und der Hauptprobleme der johanne-
ischen Theologie (für die letzteren besonders wertvoll die Ex-
kurse im Anhang bei Karner). Die Stellung der beiden Exegeten
zur johanneischen Frage könnte man als gemäßigt konservativ
bezeichnen. Sie halten für möglich, daß der Zebedaide Johannes
der Verfasser des Evangeliums sei, sind aber gleichzeitig bereit,
in vielen Berichten des Evangeliums einen versteckten „tieferen
Sinn" zu suchen. Sie sind sich der Doppeldeutigkeit vieler johan-
neischer Aussagen klar bewußt. Ohne daß gegen die Vertreter
anderer Anschauungen dauernd direkt polemisiert würde, spürt
man die gewissenhafte Auseinandersetzung mit ihnen auf Schritt
und Tritt. So führen die Bücher bis zur letzten Problematik der
johanneischen Frage und bleiben doch gleichzeitig auch für den
Leser ohne theologische Spezialbildung lesbar. Mit der Vereini-
gung dieser beiden Vorzüge dienen sie den Bedürfnissen der
Kirchen, für die sie geschrieben sind, in hervorragender Weise.
Es ist zu bedauern, daß sie aus sprachlichen Gründen der kirch-
lichen und theologischen Welt Deutschlands so gut wie unzu-
gänglich sind.

Kiel Ludolf Müller

Foerster, Werner, Prof. Lic: Kurzgefaßte Bibelkunde des Neuen
Testamentes. Stuttgart: Kohlhammer [1952]. 72 S. gr. 8°. kart.
DM 4.80.

Den Vorzug dieser neuen Bibelkunde zum Neuen Testament
sehe ich in der Beschränkung auf das Notwendige, in der kla-
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