Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

78.1953

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Theologische Literaturzeitung 1953 Nr. 3

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meinen und in der Auslegung der als „religiöse Lyrik" gelten-
den Psalmen besonders beliebt war. Dazu ist es indes bei Gunkel
nicht gekommen, wie ein Blick in seinen Kommentar und in die
Einleitung zeigt. Viele Psalmen werden eben doch so interpre-
tiert, als seien sie „Ergüsse persönlichster Frömmigkeit" und
Ausdruck individueller Erlebnisse und Glaubenskämpfe. Die so
nahe liegende Konsequenz, daß nicht nur für die Form, sondern
auch für den Inhalt überindividuelle Bindungen von großer Be-
deutung sind und daß die Psalmen nicht die inneren Erlebnisse
einzelner, besonders begnadeter Individuen, sondern den Glau-
ben der Gemeinde aussprechen, wurde nicht gezogen. Und zwar
deshalb nicht, weil Gunkel eine Entwicklung der Psalmendichtung
annahm, die ihn wieder in die alten Bahnen einlenken ließ. „Ur-
sprünglich aus dem Kultus hervorgegangen und ihm aufs engste
verbunden, hat sie jetzt (d.h. im Zeitalter der Propheten) diesem
den Rücken gekehrt. Die frommen Seelen haben es gelernt, Lie-
der zu singen, in denen sie von jeder äußeren Handlung absahen
und die nicht mehr für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt
waren. Und zugleich kehrt hier der ungeheure Individualismus
der Propheten wieder: die Seele tritt allein vor ihren Gott" (Einl.
S. 30).Gunkel sieht die meisten Lieder unseres Psalters aus die-
sem Spätstadium hervorgegangen: so sind wohl die Gattun-
gen kultischen Ursprungs, nicht aber die konkreten Psalmen,
die uns im Psalter überliefert sind. — Der Einfluß dieser Auffas-
sung war in den früheren Auflagen des vorliegenden Kommen-
tars deutlich zu spüren.

Aber schon in den zwanziger Jahren hat der Norweger S.
Mowinckcl in seinen „Psalmenstudien" (I—VI, 1921-24) seinem
Lehrer Gunkel sehr temperamentvoll den Vorwurf gemacht, er
Weibe auf halbem Wege stehen. Er sei noch zu sehr an ältere
Anschauungen gebunden, stehe dem Kult mit schriftprophetischen
und lutherischen Vorurteilen gegenüber und ziehe darum nicht
die eigentlichen Konsequenzen aus seinen neuen Einsichten. „Man
muß über Gunkel hinausgehen. . . ; man muß Gunkel gegen
Gunkel ausspielen" (I, S. V). Dazu ist vor allem nötig, daß man
die Bedeutung des Kultes in der Religion vollauf würdigt und
nicht, wie die protestantischen Theologen so geneigt sind, gering-
schätzig von der Kultreligion als von einer der ethischen und
persönlichen Religion absolut entgegengesetzten spricht. Für
Mowinckel steht es fest, daß sich die Psalmen des Alten Testa-
ments mit ganz wenigen Ausnahmen als wirkliche Kultpsalmcn
befriedigend erklären lassen und daß somit kein Grund vorliegt,
irgendeine andere Erklärung heranzuziehen, geschweige ihr den
Vorzug zu geben.

Mowinckel hat in dieser grundsätzlichen Auffassung der
Psalmen in den skandinavischen Ländern vielfach Gefolgschaft
gefunden, aber in Deutschland blieb, aufs Ganze gesehen, sein
Einfluß in der Psalmenforschung gering. Nun bekennt sich auch
A.Weiser prinzipiell zu ihr, und schon deshalb nimmt diese Neu-
auflage einen wichtigen Platz in der deutschen Psalmenliteratur
ein.

Aber es hieße das Verdienst besonders der einleitenden
Ausführungen Weisers verkennen, wollte man das Wesentliche
dieser Neuauflage nur in dem Übergang von Gunkel zu Mowin-
ckel sehen. Vielmehr hat damit W. nur eine neue Basis betreten,
von der aus er durchaus selbständig weiter forscht, wobei er zu
Ergebnissen gelangt, die nicht nur für die Psalmenliteratur von
großer Bedeutung sind. Wer die Auffassung vertritt, daß die
überlieferten Psalmen für den Kult bestimmt waren, sieht sich
vor die Aufgabe gestellt, ein möglichst anschauliches Bild dieses
Kultes zu entwerfen. Mowinckel hatte in diesem Zusammenhang
seinerzeit das Thronbesteigungsfest Jahwes als besonders wichtig
hervorgehoben. Aber seiner Annahme eines besonderen Thron-
besteigungsfestes wurde immer wieder entgegengehalten, daß ein
solches Fest außerhalb des Psalters nicht bezeugt sei. Weiser weist
ihm denn auch eine wesentlich bescheidenere Rolle in seinem
eigenen Entwurf des altisraelitischcn Kultes zu. Für ihn ist das um
die Jahreswende im Herbst gefeierte Jahwebundesfest die zentra-
le Kultvcranstaltung Israels. Und wie er die ältere Pentateuch-
überlieferung als den literarischen Niederschlag der bei diesem
Fest zu mündlichem Vortrag gelangten sakralen Heilsgeschichts-

tradition beurteilt (Einleitung in das AT, 21949, § 13), so rechnet
er nun damit, daß die in ihrer Mehrzahl in vorexilischer Zeit
entstandenen Psalmen, die äußere oder innere Beziehungen zu
den Grundelementen dieses Festes aufweisen, aus dem Jahwcfest-
kult des ursprünglichen Stämmeverbandes herrühren, der auch
während der Königszeit zum mindesten am Tempel von Jerusalem
im Zusammenhang mit der hl. Lade als dem ursprünglichen Zen-
tralheiligtum dieses Sakralbundes der eigentliche Träger der
genuin „israelitischen" Jahwetradition über die staatliche Tren-
nung von Nord-und Südreich hinweg geblieben ist (S.13 f.).

Der Verlauf des jährlich gefeierten Jahwebundesfestes läßt
sich bis jetzt noch nicht in seinen Einzelheiten rekonstruieren,
aber seine Grundelcmente und -gedanken lassen sich erkennen.
Es handelt sich um ein heiliges Geschehen — ein Kultdrama, das
die grundlegenden Heilstatsachen vergegenwärtigt und sie so die
Festgemeinde erleben läßt, was für diese Vergewisserung und
Verwirklichung des Heils bedeutet. „Der Inhalt des alttestament-
lichen Bundesfestes ist die immer wiederholte Begegnung Got-
tes mit seinem Volk, die auf die Erneuerung des Sinaibundes
und seines Heils hinausläuft" (S. 14 f.). Demnach zerfällt der
Kultakt in zwei Teile: actio dei (d. h. Theophanie mit Kundge-
bung des Gottesnamens, Wesensoffenbarung Jahwes in Form einer
kultischen Rekapitulation der Hcilsgeschichte und Willenskund-
gebung (Dekalog!), Gericht und Bundeserneuerung) und reactio
hominum, Antwort der Gemeinde in Gebet und Lied, zu der ins-
besondere auch ein Treuebekenntnis zu Jahwe gehört.

Dieser Bundesfestkult läßt sich aus Nachrichten außerhalb
der Psalmen mit genügender Sicherheit und Deutlichkeit erheben.
Wir sind also ihm gegenüber in einer glücklicheren Lage als bei
dem von Mowinckel postulierten Fest der Thronbesteigung, die
übrigens bei Weiser nur noch die Bedeutung einer Einzelszene
im gesamten Kultdrama besitzt. Das Bundeserneuerungsfest exi-
stierte als das Fest schlechthin im alten Israel, und Weiser
zeigt mit einer Fülle von Belegstellen den Zusammenhang der
Psalmen mit den oben genannten Bestandteilen des Festes auf.
So gewinnt seine Schlußfolgerung, „daß für den überwiegenden
Teil der einzelnen Psalmen und ihrer Gattungen der Bundesfest-
kult als ihr .Sitz im Leben' anzunehmen ist", große Wahrschein-
lichkeit. Damit ist aber nicht nur der äußere Rahmen der Psal-
men gefunden, sondern die Kulttradition des Bundesfestes mit
ihrer besonderen religiösen Eigenart beherrscht die wesentlichen
Grundgedanken des Psalters und bindet sie trotz aller Mannig-
faltigkeit im Einzelnen zu einer inneren, lebendigen Einheit zu-
sammen, die um die Offenbarung Jahwes als ihren nicht
nur kultischen, sondern auch theologischen Mittelpunkt kreist
(S. 28 f.).

Mit diesen grundlegenden Untersuchungen, die auch zu einer
vertieften und erweiterten Auffassung der Psalmcngattungen
beitragen, ist es m. E. Weiser gelungen, die Psalmenforschung ein
wesentliches Stück über Gunkel und Mowinckel hinauszuführen.
Ein besonders wichtiges Ergebnis besteht darin, daß die enge Ver-
wandtschaft der Psalmen mit den Grundgedanken der Jahwe-
rcligion in Erscheinung tritt. Die Psalmcndichter sind nicht als
Schöpfer origineller religiöser Gedanken zu beurteilen, sondern
sie geben den typischen Vorstellungen der Bundesrcligion
Ausdruck.

In der Auslegung selber wird immer wieder auf die grund-
legenden Ausführungen der Einleitung Bezug genommen. Doch
frage ich mich, ob die Auffassung der Psalmen als wirklicher Kult-
psalmen nicht eine weitergehende Eliminierung individualisieren-
der und psychologisierender Betrachtungsweise hätte nach sich
ziehen können. Ich denke dabei insbesondere an die sog. Individu-
alpsalmen, die Weiser — m. E. nicht ganz konsequent — in ihrer
Mehrzahl von privaten Dichtern herleiten will. Gerade wenn sie für
den öffentlichen Kultvortrag gedacht waren, wird man sie mehr als
normative Gebctsformulare und weniger als Ausdruck indivi-
dueller Erlebnisse beurteilen müssen. Und man darf von da aus
damit rechnen, in ihnen mehr dem Kerygma der Jahwercligion
als einzelnen Dichterpersönlichkeiten zu begegnen, was sich für
die theologische Exegese, um die es ja auch Weiser geht, m. E.
besonders fruchtbar erweisen würde.
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