Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

78.1953

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Spottes angeschlossen und irrige Lehrmeinungen vorgetragen
und damit die offizielle Interpretation der Bundesverpflichtung
verworfen hatten, wie sie als neuer Bund im Lande Damaskus
vertreten wurde. Damit stehen wir am Ende der Aufzählung die-
ser Gruppen, die für den Segen oder den Fluch bestimmt sind.

Die Zusammenhänge mit der „Sektenrolle" liegen auf der
Hand. Es sind die gleichen drei großen Gruppen in der gleichen
Reihenfolge, sogar mit einigen textlichen Berührungen, wie etwa
in den Worten -fl* O^siii, 3~nx Bedenkt man dann, daß nur
einige Zeilen später in Dam 20, 28 ff. das Schuldbekenntnis von
DSD 1, 24 ff. zitiert wird, so scheinen mir die Zusammenhänge
nicht geleugnet werden zu können".

Nun ist aber zu beachten, daß dieser ganze Abschnitt Son-
dergut der Handschrift B ist und in der Handschrift A fehlt. Zwar
gibt es auch in A gewisse Hinweise, etwa gleich 1, 5 ff., daß der
Gemeinde des Neuen Bundes eine ältere Erweckungsbewegung
vorangegangen ist (vgl. ThLZ a. a. O. Sp. 725 f.). Die Hand-
schrift aber versucht die Verschmelzung der älteren und jüngeren
Gruppe dadurch in die Wege zu leiten, daß sie wesentliche An-
liegen der älteren Gruppe aufnimmt. In dieser Richtung scheint
mir weiter zu arbeiten zu sein. Es gilt, die eigentümliche Lehre
der Leute der Einung herauszuarbeiten und zu sehen, in welcher
Modifizierung sie bei der Gemeinde des neuen Bundes Eingang
findet. Aber das wird eine spätere Aufgabe sein.

Dagegen ist nun noch dem letzten Satz der Übersetzung 20,
13 ff. etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Er wiederholt die An-
gabe, daß der Lehrer der Einung, d. h. m. E. der Begründer der
Einung, gestorben sei, und gibt einen Termin dafür. Bis zu dem
Augenblick, da der letzte der Kriegsleute, die mit dem Mann der
Lüge zu Felde gezogen sind, nicht mehr vorhanden war, sind ca.
40 Jahre verflossen. Die Frage, wer der Mann der Lüge gewesen
ist, soll hier ebenso wenig untersucht werden wie die andere, wer
die Leute des Spottes waren. Es genügt hier die Feststellung, daß
der Schreiber der Handschrift B auf das zweite Ereignis als etwas
Vergangenes zurückschaut; damit aber schreibt er mindestens
40 Jahre nach dem Tode des Lehrers der Einung. Dieser Lehrer
der Einung kann dann nicht identisdi mit dem Lehrer der Ge-
rechtigkeit sein, weil dieser nach 20, 32 allem Anschein nach
noch am Leben ist und in Ansehen steht.

Damit aber dürfte die in ThLZ a. a. O. Sp. 723 ff. vorge-
tragene Hypothese von der zeitlichen Aufeinanderfolge der bei-
den Gruppen zur These erhoben sein, die aller Wahrscheinlich-
keit nach bei genauer Konfrontierung der ganzen Texte noch
weitere Stützen erhält.

Es ist eben herausgestellt worden, daß der Lehrer der Einung
und der Lehrer der Gerechtigkeit zeitlich in einigem Abstand
aufeinander gefolgt sind. Damit scheint mir nun ein Schlüssel
gefunden zu sein, der eine Gruppierung der bisher veröffent-

') S. ThLZ a. a. O. Sp. 724 f.

lichten Handschriften ermöglicht und jedenfalls einmal probe-
weise angewandt werden müßte. Dann dürfte sich herausstellen,
daß der Habakkukkommentar eher noch etwas jünger als DAM
Handschrift B und erst recht als A ist; denn in dem Kommentar
ist von Leiden und Bedrängnissen des Lehrers der Gerechtigkeit
in einem Ausmaße die Rede, daß die Damaskusschrift wohl etwas
darauf hätte eingehen müssen, wenn diese Leiden schon Ver-
gangenheit gewesen wären. Dagegen gehören zur älteren Gruppe
die Hödäjöt, die, so weit sie bis jetzt bekannt sind, den Lehrer
der Gerechtigkeit nicht kennen, aber wenigstens einmal das
Wort "irr bringen (Sukenik, Megillöt genüzöt I, Tafel XII, 4)
und dazu ebenda Tafel XI, l7 eine Parallele zum Schluß des
Psalms DSD 11, 20 ff. bieten.

Nicht ganz zu klären ist die Fage, wohin der „Krieg der
Söhne des Lichts mit den Söhnen der Finsternis" gehört. Mir ist
es allerdings wahrscheinlich, daß er der älteren Gruppe zuzurech-
nen ist, da auch DSD 3, 18 ff. von den „Söhnen des Lichts" und
der „Finsternis" spricht und die Menschen in diese zwei Gruppen
scheidet, oder richtiger: lehrt, daß Gott sie von Anfang der Welt
an so geschieden habe.

Und nun noch eins! Ohne Dupont-Sommers Thesen ganz zu
übernehmen, — sie bedürfen sehr einer Überprüfung, — möchte
ich doch glauben, daß er recht hat, wenn er den Habakkuk-
kommentar um die Mitte des ersten Jahrhunderts v. Chr. an-
setzt". Bei dieser Annahme wäre dann der Tod des „Lehrers der
Einung" unter Benutzung der Angabe von 20, 13 ff. etwa um
100 v. Chr. anzusetzen. Dann käme man mit seiner Wirksam-
keit und für den Ansatz der Entstehung der Sektenrolle in die
zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts; damit aber in die Zeit bald
nach dem Beginn der Makkabäerkriege. Daraus aber erklärt sich
nun gut der Purismus des hebräischen Textes, der sich deutlich
j von dem um 167 entstandenen Text des Daniel und dem um
190 entstandenen Text des Jesus Sirach, die beide starken aramä-
ischen Einschlag zeigen, abhebt. Ein Zurückgehen hinter die Mak-
kabäerzeit dürfte daher aus sprachgeschichtlichen Gründen aus-
geschlossen sein9.

7) H. Bardtke, Die Handsdiriftenfunde am Toten Meer S 153
Psalm III, 17 ff.

") A. Dupont-Sommer, Observation sur le Commentaire d'Haba-
euc 1950; ders.: Les Manuscrits de la Mer Morte 1950, S. 42 ff. An-
j ders H. H. Rowlcy, The Zadokite Fragments and the Dead Sca Scrolls
1952 S. 62 ff., der freilich den „Lehrer der Einung" und den „Lehrer
der Gerechtigkeit" für die gleiche Person nimmt und dann die Damas-
kusschrift und den Habakkukkommentar in die Zeit des Menelaus
und Onias, also in die Zeit des Antiochus Epiphanes setzt, freilich die
Sektenrolle für etwas älter hält.

") Ich hoffe, auf diese Frage in anderem Zusammenhang eingehen
zu können, ebenso auf die durch den Micha-Midrasch aufgeworfenen
Fragen. Vgl. J. T. Milik, Fragments d'un Midrash de Michec dans les
Manuscrits de Qumran (= Revue Bibliquc 59 (1952), 412 ff.).

ALTES TESTAMENT

Weiser, Artur: Die Psalmen übers, u. erkl. 1. Teil: Psalm 1—60;
2. Teil: Psalm 61—150. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1950.
564 S. gr. 8° = Das Alte Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibel-
werk. Teilbd. 14 u. 15. kart. DM 11.80 u. DM 10.60.

Die 3. Auflage dieses Kommentars unterscheidet sich ganz
wesentlich von den beiden früheren Auflagen. Es sind jetzt nicht
lur sämtliche Psalmen aufgenommen, sondern die grundsätzliche
\uffassung der Psalmen hat sich gewandelt. Das tritt besonders
n der wichtigen, auf das Mehrfache des bisherigen Umfanges an-
gewachsenen Einleitung (S. 9—61) zutage. Man muß etwas in der
jeschichte der Psalmenforschung zurückschauen, um die Bedeu-
ung dieser Wandlung gerade auf deutschem Boden zu würdigen.

Die neuere Psalmenforschung beginnt mit H. Gunkel. Hinter
lie Erkenntnisse, die er zuerst in den ausgewählten Psalmen
1904, '1917), in dem Artikel „Psalmen" in der 1. und 2. Aufl.
ler RGG und schließlich in dem großen Psalmenkommentar
1926) und in der von seinem Schüler J. Begrich zu Ende geführ-

ten Einleitung in die Psalmen (193 3) ausgesprochen hat, können
wir nicht mehr zurück. Was Gunkels Auffassung von der seiner
Vorgänger im Grundsätzlichen unterscheidet, ist die Einsicht in
den engen Zusammenhang zwischen Kult und Psalmendichtung.
„Die Psalmen sind ihrem ältesten Ursprung nach kultische For-
mulare oder sie kommen wenigstens von solchen her" (Einlei-
tung, S.ll). Sie unterscheiden sich nach den verschiedenen gottes-
dienstlichen Veranstaltungen, für die sie gedichtet sind, als Hym-
nen und Klagelieder des Volkes, als Danklieder und Klagelieder
des Einzelnen usw. Aus dem Ursprung im gottesdienstlichen
Leben der Gemeinde erklärt sich ihre Eigenart: manche formel-
haften Wendungen begegnen immer wieder, das rein Persönliche
tritt dagegen in vielen dieser Gedichte zurück. Sie sind eben
„ihrem ursprünglichen Wesen nach gar nicht als Ergüsse persön-
lichster Frömmigkeit zu betrachten" (S. 11).

Mit dieser Erkenntnis wäre ein entscheidender Ansatzpunkt
gegeben gewesen zur grundsätzlichen und praktischen Überwin-
dung jener historisierenden, individualisierenden, psychologisie-
renden und darum modernisierenden Betrachtungsweise, wie sie
in der protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts im allge-
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