Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

78.1953

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Theologische Literaturzeitung 1953 Nr. 2

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überholten Synthesen bei Harnack, Seeberg und L o o f s
zu einem wirklichen Neubau gelangen werden. Vorläufige Zu-
sammenfassung der Einzelforschung ist unter diesen Umständen
sinnvoll, und gerade die römisch-katholische Forschung ist dazu
durch ihren festen Zusammenhalt, ihre Mittel und die verbin-
dende Kraft ihrer Traditionen am ehesten in der Lage. So hatte
schon das Jubiläum von Trient ein imposantes zweibändiges Sam-
melwerk hervorgerufen (vgl. ThLZ 1952 Sp. 226 ff.), und jetzt
tritt ihm für das ökumenischere Konzil von Chalkedon eine noch
umfangreichere und wiederum rein katholische Publikation an
die Seite. Die jesuitische Fakultät Sankt Georgen in Frankfurt
hat diese Arbeit auf ihre Schultern genommen und Aloys Grill-
meier und Heinrich B a c h t mit der Herausgabe betraut. Die
Mitarbeiter sind nicht ausschließlich, aber größtenteils Jesuiten
und kommen aus verschiedenen Ländern. Neben den Deutschen
sind besonders auch viele französische Forscher mit französisch
geschriebenen Beiträgen vertreten.

Das Werk, das so zustande gekommen ist, hat monumenta-
len Charakter. Sein voller Wert wird sich erst erschließen, wenn
der letzte Band mit den hoffentlich recht detaillierten Registern
erschienen sein wird. Auch wenn es keine „Encyklopaedia Chalce-
donensis" sein will — die umsichtige und umfassende Planung
wird doch schon im ersten Band über den „Glauben von Chal-
kedon" voll erkennbar. Er liegt zunächst allein für die Bespre-
chung vor. Band II wird — in einer nicht ganz scharf durchführ-
baren Scheidung von Band I — die späteren Kämpfe, die „Ent-
scheidung um Chalkedon" behandeln, und ein III. Band ist für
eine mehr systematische Besinnung und Beurteilung vorbehalten,
„Chalkedon heute." Innerhalb des ersten Bandes sind den ein-
zelnen Aufsatzgruppen jeweils ein- und überleitende Stücke der
Herausgeber vorangestellt, so daß die Beiträge nicht auseinander-
fallen. Überall ist das Bestreben deutlich, das Konzil als einen
bleibend bedeutsamen Höhepunkt der kirchlichen Dogmenbil-
dung zu kennzeichnen, einen Triumph des echten Christusglau-
bens, bei dem das römische Papsttum tatsächlich die ihm ge-
bührende, führende Rolle gespielt habe.

Grundlegend ist der erste, weitausgreifende Aufsatz Grill-
meiers über die „theologische und sprachliche Vorbereitung
der christologischen Formel von Chalkedon." Er umfaßt 200 Sei-
ten und ist in Wirklichkeit ein Buch, das einen Durchblick durch
die ganze vorchalkedonische Dogmengeschichte vermittelt, ein-
setzend mit dem Neuen Testament selbst. Hier ist auch die
heute weit, besonders in französischen Zeitschriften zerstreute
Literatur sorgfältig genützt, so daß die Arbeit auch in dieser
Hinsicht ein wertvoller Führer sein kann. Die Darstellung selbst
ist völlig aus den Quellen gearbeitet. Mit großer Klarheit und
Vorsicht ist der komplizierte Stoff geordnet, durchleuchtet und
verständlich gemacht. Eine schwer vermeidbare Grenze liegt nur
in der Entschiedenheit, mit der sich die Fragestellung auf das
christologische Substanzproblem beschränkt. Chalkedon scheint
die einzig mögliche und richtige „Formel der Mitte" zu bieten,
die den neutestamentlichen Sinn des Christusbekenntnisses nach
dieser Seite hin sachgemäß herausarbeitet. Die dogmatische For-
mel erscheint als ewig, die neutestamentlichen Formulierungen
erscheinen dazu gewissermaßen als Vorstufe. Aber je weiter die
Darstellung vorrückt, um so besser stimmen Methode und Stoff
zusammen. Mit gutem Grund wird die Betrachtung fast ganz auf
den Osten beschränkt. Denn hier ist die Ausbildung der christo-
logischen Formel erfolgt, von hier aus muß sie auch gedeutet
werden. Entscheidend ist die Erkenntnis zweier „Schemata", die
das christologische Denken vor Chalkedon beherrschen: das
Schema Logos-Fleisch und das Schema Logos-Mensch. Die Ent-
wicklung verläuft so, daß die ältere, besonders in Alexandrien
herrschende Logos-Fleisch-Formel von der Logos-Mensch-Formel
allmählich überwunden wird.

Das Auftauchen des Problems des „inneren Menschen" und
der menschlichen „Seele" Christi ist dabei von bestimmender Be-
deutung. Doch wird mit Recht betont, daß die ältere Formel
durchaus nicht häretisch sein oder verstanden werden mußte.
Eine ausdrückliche Leugnung der menschlichen Seele Jesu scheint
ihr erst bei Lukian verbunden und versteift sich sodann bei den
Arianern. Aber auch Appollinaris von Laodicea und vor allem
Athanasios selbst stimmen hier im Ausgangspunkt mit ihren

Gegnern überein. Der Gegensatz gegen die origenistische Seelen-
lehre, das Verständnis des Logos als einer allgemeinen, bewegen-
den Kraft und die mangelhafte Scheidung zwischen natürlicher
und übernatürlicher Lebensspendung machen die „ekliptische"
Christologie des Athanasios einigermaßen verständlich. Die aus-
drückliche Leugnung der menschlichen Seele bei Apollinaris
hängt deutlich mit einem gleichsam „vitalen", physisch-dyna-
mischen Verständnis der Logoswirkungen zusammen. Trotzdem
gilt Appollinaris Gr. nicht als ein „Monophysit"; sein Denken
sei eher monenergistisch oder monotheletisch gewesen. Aber
diese feinen und fein begründeten Unterscheidungen verkennen
doch wohl das Gewicht der durchlaufenden theologischen Ten-
denz, die hier wie dort treibend ist.

Auf der anderen Seite steht die „nestorianische" Ein-
wohnungschristologie, deren Entfaltung gleichbedeutend ist mit
der Entwicklung der antiochenischen Christologie überhaupt.
Eustathios von Antiochien (der die entgegengesetzte Eigenart der
arianischen Christologie zuerst an diesem Punkt bemerkte), die
Meletianer und ganz besonders natürlich Theodor von Mopsveste
sind hier zu nennen. Gr. betont die „gefährliche" Lockerung der
personalen Einheit, die bei Theodor erreicht ist, sucht dem Ket-
zer aber doch — nach Möglichkeit — Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen. Noch weiter geht er in diesem Bestreben bei Kyrill,
dem Heiligen der Kirche.

Kyrill ist nicht nur der geistige Erbe des Athanasios, son-
dern auch der Erbe des Apollinarismus, von dem er die mia-
physis-Formel übernimmt. Da er aber gleichzeitig Christus auch
eine menschliche Seele zugesteht, ändert der Begriff der physis
seinen Sinn, ohne daß Kyrill die Konsequenzen nach der einen
oder anderen Richtung hin doch wirklich gezogen hätte. Gr.
möchte Kyrill gerne als einen Theologen der Mitte, in der Rich-
tung auf Chalkedon hin verstehen und hält sich dafür natürlich
an die Unionsformeln von 433. Es fragt sich nur, wie ernst diese
gerade bei Kyrill genommen werden dürfen. Die menschliche,
kirchenpolitische Seite seines Wesens wird nicht näher in Betradit
gezogen, das Taktische mancher Entscheidungen vielleicht doch
zu schnell theologisch interpretiert.

Der letzte Teil der Untersuchung zeigt die unmittelbare
Vorbereitung des Chalcedonense bei den Antiochenern, vor allem
bei Theodoret. Treffend wird hervorgehoben, daß dessen Stich-
wort einer evcoaig xar evdoxiav nicht etwa die substanzielle
Einheit der Person Jesu aufheben will, sondern die Freiheit und
Gnadenhaftigkeit des Inkarnationsgeschehens betonen soll. Doch
sei Theodorets Christologie im Blick auf die zwei Naturen allzu
„symmetrisch" gebaut, d. h. sie versteht den Logos noch nicht
im Sinne der späteren, alexandrinischen Auslegung des Chalce-
donense als das gemeinsame, übergeordnete Subjekt der gott-
menschlichen Person. (Diese Symmetrie ist aber doch gerade das,
worauf es theologisch ankommt, obschon sie eine begriffliche
Lösung des Problems allerdings unmöglich macht). Im ganzen
erscheint Theodoret von der entgegengesetzten Seite her im
gleichen Lichte wie Kyrill, d. h. als Theologe der intendierten
Mitte, die in Chalkedon erreicht wurde. Diese Auffassung er-
scheint mir in einem anderen Sinne zu „symmetrisch": das
Chalcedonense ist, so wie es lautet, doch ganz überwiegend ein
antiochenisches und schlechterdings kein genuin kyrillisches Be-
kenntnis. Aber daß es nicht einfach kirchenpolitisch zusammen-
gebraut und politisch oktroyiert wurde, sondern weitgehend
schon vorbereitet war, wird man dem Verf. gerne zugestehn.

Die dem Konzil selber gewidmeten Aufsätze sind nicht sehr
ergiebig — teils weil hier große Entdeckungen in der Tat kaum
mehr zu machen waren, teils aber auch deshalb, weil die trei-
benden kirchenpolitischen und politischen Kräfte des Geschehens
zu wenig beachtet werden.

Hübsch ist A.M.Schneiders archäologischer Aufsatz über die
heute verschwundene Euphemia-Kirche, in der das Konzil tagte. Später
wurde der Heiligen selbst eine wunderbare Beteiligung angedichtet, wo-
rauf sich eine (dem Text beigegebene) Abbildung aus ihrem Konstan-
tinopler Martyrion bezieht, deren Original vom Verf. selbst frei gelegt
wurde. — Goemans' Aufsatz über „Chalkedon als allgemeines Kon-
zil" enthält im wesentlichen nur eine Beschreibung der vorbereitenden
Akte und des Ablaufs, wobei jedes Hervortreten und jede Anerkennung
des Papstes sozusagen rot angestrichen werden. Das ist etwas billig,
wenn man die kirchenpolitischen Zusammenhänge nicht ernsthaft be-
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