Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

78.1953

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85 Theologische Litcraturzeitung 1953 Nr. 2 86

Zugleich dürfte es etwas eng und ängstlich gefragt sein, i wenn ich recht verstehe, sittliche- und Heilsbedürftigkeit des

wenn das gute Handeln „vor" der Rechtfertigung vornehmlich [ sündigen Menschen sowie solche „psychologischen" Notwendig-

dahin katechesiert wird, was ihm an Gnade noch fehle, damit keiten und Erfordernisse scheinen, gemessen an der später durch-

es himmelswürdig (meritorisch) sei. Als ob Gott nicht auch mit | gedrungenen Norm, das Übernatürliche angeblich zu sehr in das

solchem guten Handeln szs. das Seine anzufangen wüßte. Man I Menschliche hinein zu binden. Vf. stellt dar (183—201), wie sich

denke an die Frage, was Almosen dem Spender (!) nützen. Über-
haupt hat ja das gute Handeln, auch des Gerechtfertigten, vor-
nehmlich darin seine Stelle und seine Verheißung, daß es dem
Wirken Gottes selbst eingereiht heißen darf zu dem, „was er
sich vorgenommen und was er haben will", und was deshalb
„zu seinem Zweck und Ziel endlich kommen muß".

Übrigens ist es recht beachtenswert, daß innerhalb des
gleichzeitigen Viererlei, was (s. o.) zur Rechtfertigung
zusammentreten soll (Eingießung, „Tugendwerk", Reue, Nachlas-
sung) es bei einem Petrus von Poitiers ausdrücklich zu einem,
allerdings nur in der Sachordnung sich vollziehenden, Verdienen
auch der remissio peccatorum kommt, und zwar durch die Reue,
die ihrerseits wieder durch das „Tugendwerk" „verdient" wird
(292 f.). — Mag man den Begriff des Verdienstes noch so milde
interpretieren, und womöglich auch Luc. 7, 47 anführen, so ver-
rät in dieser Zusammenstellung der Begriff „Verdienst", zumal
in ein System gebracht, doch einen, wenn ich so sagen darf,
character indelebilis.

3). Schließlich hörten wir, daß der Begriff von Übernatürlich-
keit, mit dem das Frühmittelalter arbeite, der wahren Übernatür-
lichkeit der göttlichen Gnade nicht genüge. Es ist nidit ganz leicht
einzusehen, warum nicht, wiewohl der Vf. immer wieder darauf
zu sprechen kommt und im hochscholastischen und heutigen Be-
griff des Übernatürlichen den kritischen Kanon für Darstellung

allmählich die nachmalige Erkenntnis vorbereite, daß eben dasNa-
türliche, das Geschaffene (muß man nicht sagen: nicht capax crea-
toris ist?, jedenfalls) in einer „seinshaften Improportion" zu Gott
als dem Ziel der Caritas steht. (199, cf. 187). Dieses Ziel ist
eben Gott, „insofern er in keiner Weise von den Geschöpfen
partizipiert wird und so nicht aus ihnen erkannt werden kann.
Damit dürfte Philipp der Sache nach nicht mehr von einer bloßen
Improportion der psychischen, bzw. moralischen Kräfte....
sprechen" (199).

Eine Analogia entis scheint hier aufs stärkste abgewehrt zu
werden, aber nun nicht zugunsten eines Begriffes von dem in sei-
ner Heilsoffenbarung wirksam tätigen Gott, wie K. Barth das
fordert (kirchl. Dogm. II, 1. 2. Aufl. 1946. S. 88 ff.), sondern zu-
gunsten eines aufs äußerste transcendenten Begriffes von Gott an
sich selbst.

Dazu ist jetzt zum Schluß Dreierlei zu sagen, a) Wenn sich
recht eigentlich zu diesem Gott die Liebe erheben soll, so dürfte
das im wesentlichen auf den Weg der Vergottung, vielleicht auch
auf den der Entzückung weisen, damit aber auf Bahnen, in denen
sich das evangelische dogmatische Denken nicht bewegt (auch in
der Unio mystica nicht, jedenfalls nicht auf dieser Grundlage.
Vgl. W. Koepp. Wurzel und Ursprung der orthodoxen Lehre von
der unio mystica. Zeitschr. f. Theol. u. Kirche. 1921. S. 46 ff.
und Würdigung der Jahrhundertc vorher sieht. Vielleicht daß dem I S. 139 ff.), b) Die Konzentration der Frühscholastik um die
gegenwartigen philosophischen Denken, das in Phänomenologie | „gratia sanans" ist zu begrüßen. Es ist auch reichlich „erhebende"
und Ontologie das Heil im Unterschiede zu dem bösen Kritizis- 1 Gnade darin, und die Nachrechnung, wie der Gnade im Heilspro-

mus zu suchen sich bemüht hat, auch dieser mittelalterlichen
Problematik, bzw. der Darstellung derselben gegenüber offener
und abnahmebereiter ist, als jene zugleich stark ethisch orien-
tierte Denkweise, der der Unterzeichnete mehr zu verdanken be-
kennt.

Vielleicht läßt sich der vom Vf. so dringend betonte Unter-
schied am einfachsten dahin ausdrücken, daß das Frühmittelaltcr
an einem Übernatürlichen gleichsam Genüge findet, das dem
natürlichen geschöpflichen Menschen in seinen sittlichen Nöten
angesichts von Gottes Heil helfende und restaurierende Kraft
von oben ist, während der hochscholastische und auch heute
reeipierte Begriff des Übernatürlichen der Ausdruck dafür ist, daß
der Mensch über sich selbst hinaus und zur göttlichen Sphäre er-
hoben wird. Daher es als ein Fortschritt zu buchen sei, wenn im
Anschluß an Augustin für das proficere Adams ein superadjec-
tum zu den naturalia hinzu gefordert werde. Das Gnadenhafte
(gratuitum) sei nunmehr von dem „abgegrenzt", was „den Men-
schen konstituiere" (157). — Nur daß solche Abgrenzung sich in
sehr negativen Bestimmungen bewegt: das Übernatürliche, im
eigentlichen Sinne verstanden, gehöre „weder konstitutiv noch
konsekutiv noch exigitiv zur geschaffenen Natur" (173). Der Vf.
kommt in seinem Buch wieder und wieder auf Abgrenzungen die-
ser Art zurück. Man fühlt sich gelegentlich an das „Ganz andere"
erinnert. Daß die „katholischen Tugenden" ihre Herkunft von
oben hätten, daß die natürlichen Kräfte und Tugenden der Infor-
mierung bedürftig seien, daß es der übernatürlichen Erleuchtung
über die Ziele und Wege Gottes mit dem Menschen bedürfe, daß
die fruitio Gottes als vita aeterna die Menschenkräfte übersteige
- das alles sei dem Frühmittelalter klar gewesen; aber solche,

zess szs. das Absolutheitsmoment noch fehle, wirkt nicht selten
wie eine Zensur auf der Suche. - Was wir hier begrüßen, ist
freilich nur der Gedanke des Ineinander von Gottes Gottheit
und seiner vergebenden und dadurch wiedergebärenden Gnade.
Gegen die dogmatischen Begriffe, die den „Heilsprozess" tragen
sollen, haben wir unsere Bedenken begründet. Der reformato-
rische Glaube ist recht anders, c) Die „seinshafte Improportion
des Geschaffenen zu dem Ziel der Caritas", also zu Gott selbst
in seinem An-sich-sein, ist vom reformatorischen Glauben aus
nicht zu bejahen. Die lutherische Christologie vertritt bekannt-
lich den Grundsatz: Finitum capax infiniti. Aber das ist doch kei-
ne bloß die Christologie betreffende These. Für die „gratia ele-
vans", wie sie der „gratia sanans" gegenübertreten soll, scheint
die Schöpfung, die trotz der Sünde die Schöpfung Gottes bleibt,
gleichsam zu geringwertig zu sein. Dem kann aber nicht bei-
getreten werden. — Die Schöpfung ist gewiß nicht der Schöpfer
selbst. Aber daß uns ihre Zeitlichkeit zur Last der Vergänglich-
keit wird, liegt an der Sünde, nicht an ihrer Gesdiöpflichkeit.
Daß die Schöpfung nicht der Schöpfer ist, bedeutet keine Abwer-
tung, sondern die Abhängigkeit des Daseins. Seiner Schöp-
fung braucht sich Gottes Gnade, die sich nicht einmal des Sün-
ders schämt, erst recht nicht zu schämen. Und wir brauchen nicht
von einer Gnade zu reden, mit der wir „seinshaft" nur durch
Negationen, oder überhaupt nicht verbunden sind. Gott „an
sich" und seine „übernatürliche" Gnade gehören schwerlich in
die Gnadenlehre. Der metaphysische Ausdruck der „Über n a t ü r-
lichkeit" wäre überhaupt darauf hin zu prüfen, ob er das Ver-
hältnis Gottes zu seiner Schöpfung wiedergibt. Schöpfung
heißt noch etwas anderes als „Natur".

Das Konzil von Chalkedon1

Von H. v. Campenhausen, Heidelberg

Wir leben in einer Zeit der wissenschaftlichen Sammelwerke, - von „Symposien" und Festschriften aller Art. Das liegt zum Teil

an den Schwierigkeiten der Publikation, mehr noch an der unver-

') Grillmeier, Aloys, S. J. u. Heinrich Bac h t, J.i,Das kennbar nachlassenden Kraft zu großer systematischer und vor

SÄT? ^fionr G"A^ u»d ^e7art- %i unnd 1- Der allem historischer Gestaltung. Aber es liegt vielfach auch an dem

lakultat S. J. Sankt Georgen, Frankfurt/M. hrsg. 3 Bde. Band i. uer * ° __p,____

Glaube von Chalkedon. Würzburg: Ed,tcr-Vcrlag IM1. XVI. 768 S. ; gegenwartigen Stande der Forschung. Gerade in der Dogmen-

gr. 8". DM 36.-; Lw. DM 40.-. (Subskr. Pr. DM 24.-; Lw. DM 27.-.) geschichte ist es noch ein weiter Weg, ehe wir von den heute
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