Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

77.1952

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Theologische Literaturzeitung 1952 Nr. 10

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weist, daß es dem 6. Jahrhundert frühestens angehören kann.
Aber auch Helming, de» ein Werk über die mailändische
Heortologie in Arbeit hat, plädiert dafür, daß es ein Corpus
Praefationum für Mailand gab (dem allerdings auch Orationen
beigemischt waren). Heiming findet großes Lob für des Paredi
Erstlingswerk.

Nach den Aufsätzen bringt das „Archiv", ebenso wie vor-
mals das „Jahrbuch", den umfangreichen, einzigartigen und
alle Gebiete der Liturgik erhellenden „Literaturbericht".
Zunächst muß nunmehr das „Archiv" die Zeit seit 1936 be-
wältigen, da das „Jahrbuch" im Literaturbericht nur bis 1935
vordrang. Beim Tode Casels lag aber für die Zeit seit 1936 ein
Manuskript vor, das Emonds neu bearbeitete und nun in
Bd. I und II des „Archivs" zunächst zum Abdruck bringen
will. Für den II. Band ist aber auch eine vollständige Biblio-
graphie der liturgiewissenschaftlichen Literatur seit 1936 vor-
gesehen. Ein großer Kreis von Mitarbeitern unterstützte die
Literaturbericht-Redaktoren der einzelnen Abteilungen schon
im „Jahrbuch", und dieser Kreis wurde für das „Archiv"
noch erweitert. Vielleicht darf man den Wunsch aussprechen:
Evangelische Literatur möge nicht bloß auf ihre Nähe oder
Ferne zum katholischen Sakramentsprimat und zur My-
sterientheorie untersucht werden, sondern auch auf ihren Ort
in der evangelischen Linie „Wort und Sakrament". Und diese
Linie hat längst über den von Casel „reine Vernunft" ge-
nannten Punkt hinausgeführt. Man könnte zusammenfassen:
Das Sakramentliche des NT wird auf evangelischer Seite
immer stärker beachtet, aber grundsätzlich (bekenntnis-
gemäß!) im „Worte" aufgehoben (einkalkuliert), ja vorweg-
genommen .

Augsburg Leonhard Fendt

Kirchenmusikalisches Jahrbuch. 35. Jahrg. 1951. im Auftrage des Aiig.

Cäcilien-Vereins für Deutschland, Österreich und die Schweiz in Verb. m.
d. Görres-Gesellschaft hrsg. v. Karl Gustav Feilerer. Köln: Bachem 1951.
112 S. 8°. DM 8.—.

Wie stark die Gregorianik heute im Mittelpunkt der katho-
lischen Musikwissenschaft und Kirchenmusikpflege steht, geht
schon daraus hervor, daß nicht weniger als vier von den acht
Aufsätzen des Jahrbuches Fragen des gregorianischen Chorals
behandeln. Von allgemeinerem Interesse ist dabei der Beitrag
von Bruno Stäblein „Zur Entstehung der gregorianischen
Melodien", die Zusammenfassung eines auf dem Musikwissen-
schaftlichen Kongreß in Lüneburg 1950 gehaltenen Referats.
Seit der Karolingerzeit ist es vor allem das liturgisch-text-
liche Reformwerk, das mit dem Namen Gregors I. verbunden
wird. Wie steht es aber mit den Melodien, die den Namen Gre-
gors tragen ? Das wichtigste Dokument zur Frühgeschichte des
gregorianischen Chorals ist der Ordo des römischen Archikan-
tors an St. Peter, Johannes, aus den Jahren 679/680. In seinem
Nachwort nennt Johannes die Päpste, von Damasus ange-
fangen, die sich bis zu seiner Zeit mit der liturgischen Gestal-
tung des Gottesdienstes befaßt haben. Gelasius und Gregor I.
werden darunter besonders hervorgehoben. Von letzterem
heißt es: „et cantum annicirculinobüem edidit",d.h. also, daß

Gregor die Reihenfolge der Gesänge für das ganze Kirchenjahr
in maßgeblicher Weise geordnet habe. Auf diese illustre, mit
Martin (f 653) schließende Papstreihe folgen die Namen dreier
(Titular-) Äbte, Catolenus, Maurianus und Virbonus, offenbar
der Vorläufer des Johannes als Gesangmeister an St. Peter.
Stäblein glaubt die überraschende Verbindung ihrer Namen
mit denen der „liturgischen" Päpste so deuten zu müssen, daß
nach der liturgisch-textlichen Grundlegung durch die Päpste
die musikalische Tätigkeit der drei Äbte eingesetzt habe, die
also in den 27 Jahren zwischen 653 und 680 gewirkt haben
müßten. Damit würde eine Notiz des St. Galler Ekkehart V.
zusammenstimmen, in dem von einem „vitalianischen Ge-
sang" die Rede ist; Vitalian hatte von 657 bis 672 den päpst-
lichen Thron inne. Dieser vitalianische Gesang, dessen bisher
mündlich weitergegebenen Meßproprien-Melodien um 900 das
erste Mal in Notenschrift erscheinen, wirkte dann von Eng-
land aus durch die Mission auch auf den Kontinent, insbeson-
dere auf das Frankenreich ein. Die Karolinger, die auf die
Vereinheitlichung des Gottesdienstes' in ihrem Reich größten
Wert legten und sich für den römischen Usus entschieden,
nahmen dafür gern die Autorität Gregors in Anspruch; sie be-
zeichneten darum auch den römischen Kirchengesang samt
und sonders als gregorianisch. Aber nicht nur die Feststellung
Stäbleins, daß wir eigentlich statt von gregorianischem von
vitalianischem Gesang sprechen müßten, ist wichtig; er weist
darauf hin, daß uns durch eine glückliche Fügung der Ge-
schichte auch die Melodien erhalten sind, die vor den drei
„Äbten" zu den von Gregor ausgewählten und geordneten
Texten gesungen wurden, also die eigentlichen „gregoriani-
schen" Melodien. Diese altrömischen Melodiefassungen für
Messe und Officium liegen in vier Handschriften aus den rö-
mischen Patriarchalbasiliken St. Peter und aus dem Lateran
vor. Eine Prüfung der Handschriften ergibt, daß es sich litur-
gisch wie musikalisch um ein archaisches, den heutigen gre-
gorianischen Melodien vorausliegendes Stadium handelt. Da-
bei sind es dieselben Texte und dieselbe Ordnung, wie sie von
Gregor festgesetzt wurden. Die Umformung dieser Weisen zur
Zeit Vitalians wird von Stäblein als ein schöpferischer Akt
ersten Ranges bewertet: „Catolenus, Maurianus und Virbonus
waren demnach die ersten dem Namen nach bekannten Groß-
meister der abendländischen Musikgeschichte" (S. 9).

Von den weiteren Aufsätzen dürften den nicht-katholi-
schen Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker insbesondere
interessieren: „Die Bearbeitung der gregorianischen Melodien
in der Messekomposition von Ockeghem bis Josquin des Prez"
von Dr. Alfred K rings, „Der Aufbau der Motetten Palestri-
nas" von dem Osnabrücker Domvikar Dr. Heinrich Rahe und
„Pergolesi und sein Stabat mater" von Universitätsprofessor
Dr. Willi Kahl, ein mehr geistvoller als überzeugender Ver-
such, das berühmte Werk des mit 26 Jahren gestorbenen Per-
golesi mit den Mitteln der modernen Schaffenspsychologie und
Typenlehre als typisches Spätwerk zu deuten; immerhin läßt
sich nicht bestreiten, daß bei den „Frühvollendeten" der Tod
geheimnisvoll in das Formgesetz des Lebens einbeschlossen
erscheint und seinen Rhythmus und Ablauf mitbestimmt.

Berlin Oskar Söhngen

VON PERSONEN

In memoriam Waldemar Macholz

Am I.Mai 1950 ist der emeritierte Ordentliche Professor der Theologie
D. Waldemar Macholz in Jena gestorben. Der Dekan der theologischen Fakul-
tät der Friedrich-Schiller-Universität hat mich, als ich bei der Trauerfeier auf
dem Friedhof in Jena die Theologische Fakultät der Universität Halle, deren
Ehrendoktor Waldemar Macholz war, vertreten hatte, gebeten, ihm ein Wort
der Erinnerung in der Theologischen Literaturzeitung zu widmen. Ich habe
diesen Auftrag angesichts einer nahezu 50jährigen Freundschaft, die mich mit
Waldemar Macholz verbunden hat, mit wehmütiger Freude übernommen Daß
ich ihn erst so spät (zwei Jahre nach dem Tode) zur Ausführung bringen kann,
hat einen besonderen Grund, von dem am Schluß dieses Nachrufes zu spre-
chen ist.

Waldemar Karl Ludwig Macholz ist am 3.Mai 1876 in Danzig als Sohn
eines Kaufmanns geboren. Den Namen seiner Mutter, Martha geb. Plagemann,
zu erwähnen, gebietet die tiefe Verehrung, mit der er dieser Frau lebenslang ge-
dacht hat. Er hat ihr die Grabrede gehalten, die auch im Druck vorliegt. Sein
Vater wurde später Bankier in Berlin. Waldemar Macholz ist in einem wohl-
habenden Hause aufgewachsen. Dieser Wohlstand spiegelt sich auch darin,
daß er nach Abschluß seines Studiums s/4 Jahre im Eiterhause hat bleiben und

sich seinen ästhetischen und wissenschaftlichen Neigungen noch ohne den Ge-
danken an einen besonderen Beruf und an Broterwerb hat widmen können.

Er hat von 1894 bis 1897 in Tübingen, Berlin und Halle evangelische Theo-
logie studiert. Unter seinen Lehrern steht an Einfluß auf ihn allen anderen
weit voran Friedrich Loofs, der damals noch jugendliche, begeisterte und be-
geisternde Kirchenhistoriker in Halle. Dem Universitätsstudium folgt 1899
die Berufung als Mitglied des „Königlichen Predigerseminars in Wittenberg"
durch den evangelischen Oberkirchenrat in Berlin. Wittenberg hatte damals
unter den Predigerseminaren der Evangelischen Kirche, wie neben ihm nur
das Domkandidatenstift in Berlin, den Vorzug, daß es keine provinzialkirch-
liche Einrichtung war. Es erhielt seine Mitglieder durch besondere, vom Ober-
kirchenrat getroffene Auswahl und Berufung aus allen altpreußischen Provin-
zen. Eine gute Examensnote war Bedingung. Die Studien wurden von drei
Direktoren geleitet. Man war vier volle Semester ohne alle wirtschaftlichen
Sorgen, hatte die alte und berühmte Bibliothek der Universität Wittenberg
zur Verfügung und lebte in dem Augustinerkloster, auf dessen von Rosen um-
gebenen Hof der alte Brunnen rauschte, in steter Berührungmit der Erinnerung
an Martin Luther und die Zeit der Reformation. Viele Promotionsarbeiten
wurden hier geschrieben. Waldemar Macholz hat hier seine Lizentiatenschrift
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