Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

77.1952

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Theologische Literaturzeitung 1952 Nr. 7

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Ausdruck, wo Jesus nur einzieht, um nach einer viel umrät-
selten Besichtigung des Tempels wieder aus der Stadt heraus-
zugehen. Dazu kommt, daß er ja in der sog. Tempelreinigung
nicht von dem Tempel Besitz ergreift, sondern von dem Vorhof
der Heiden und in dieser zeichenhaften Tat das Bethaus allen
Völkern rüstet1. Jesus nimmt von Stadt und Tempel Besitz,
indem er beide nicht in Besitz nimmt, sondern sich ihres hei-
ligen Bezirkes entzieht. Sein Ort ist ein anderer — außerhalb,
der nach der Prophetie als erster der Einebnung anheim-
fallende Olberg. Daß von ihm aus von der Zerstörung des Tem-
pels gesprochen wird und die Jünger die Offenbarung über
das Endgeschehen empfangen, während die Stadt und ihre
Bewohner davon ausgeschlossen bleiben, ist nun nicht mehr
verwunderlich2. Gewisse Schwierigkeiten in der Zuordnung
bieten die Stellen des letzten Herausgehens nach dem Olberg
vor der Gefangennahme und die Szenen in Gethsemane3. Hier
scheint die Entfernung geringer und in dieser Nähe der Gegen-
satz nicht mehr so scharf. Kann darauf hingewiesen werden,
daß Jesus mit den Jüngern in der Passahnacht, wenn es eine
solche war, nicht die Stadtgrenze überschritten haben dürfte,
so ist dieser Einwand doch mit der ganzen Problematik der
Chronologie belastet, und auch die Sondervorschriften hinsicht-
lich des Weges Schemen undurchsichtig und dehnbar, so daß
sie nicht als beweisende Argumente geltend zu machen sind4.
Vielleicht ist sogar in der von Johannes gemachten Angabe:
er überschritt den Kidron5 - ein Hinweis auf diese Stadtgrenze
enthalten. Wie dem immer auch sei, gewiß ist, daß dieser
letzte Ort vor der Gefangennahme auch sachlich an der Grenze
liegt, an der „des Menschen Sohn überliefert wird in die Hände
der Sünder". Doch auch dieser Ort ist dem bisherigen Zusam-
menhange entsprechend noch der, an dem Jesus ein letztes Mal
als der Offenbarer um seine Jünger, und zwar wie bei der apo-
kalyptischen Rede und bei der Verklärung um die drei Ver-
trauten, bemüht ist6, und an dem er selbst wie in allem vor-
hergehenden Handeln am Olberg die eschatologische Stunde
ergreift7. Daß Jesus immer zur Nacht aus der Heiligen Stadt
herausgeht, ist dann ohne weiteres verständlich, wenn sie für
ihn aus besonderen Gründen — und nun eben nicht nur wegen
der Haltung ihrer Bewohner — nicht wie ein Zuhause ist. Viel-
leicht aber, doch das ist mehr eine Frage, empfängt auch der
nächtliche Aufenthalt am Olberg noch einen charakteristischen
Zug. Es war eingangs schon darauf hingewiesen, daß in unse-
rem Zusammenhange bei den Synoptikern nirgends ein Name
begegnet, der auf eine vertraute Herberge schließen ließe. Der
Text aber hat das nur zweimal im NT begegnende und aus-
schließlich dieses Ubernachten am Olberg bezeichnende
avH^eadai6, das The Interpreters Bible mit Beziehung auf
Luk. 21, 37 durch „bivouacked" interpretiert9. Ist das avti-
£eo&äi ein Hinweis darauf, daß Jesus auch am Olberg keine
eigentliche Bleibe hat und sucht, dann hieße das ja, daß der
Olberg, den er „Harham rov isgov" immer neu zum Aufent-
haltsort für sich und die Seinen erwählt und der durch ihn
zum Ort der Offenbarung wird, dieses auch nur ist, wie im
Vorübergehen, für jene entscheidende, aber kurze Zeit, in der
er und seine Jünger wie die Pilger an diesem Orte lagern.

Wer ist nun aber der, der immer wieder von sich aus —

') Mark. 11, 17.

2) Matth. 24; Mark. 13.

3) Matth. 26, 30; Mark. 14, 26; Luk. 22, 39 — Matth. 26, 36ff.; Mark.
14, 32ff.; Joh. 18, I ff.; Luk. 22, 40ff.

4) Str. B. I zu Matth. 21, 1A Bethphage S. 839; Str. B. II Exkurs:
Der Todestag Jesu C 6 S. 833f.

5) Joh. 18, 1.

6) Zu Mark. 14, 26—42. Vgl. neuerdings: R. H. Lightfoot: A considera-
tion of three passages in St. Mark's Qospel, in: In Memoriam Ernst Lohmeyer,
Stuttgart 1951 S. 110—115.

') Mark. 14, 41 f.

") Matth. 21, 17; Luk. 21, 37.

9) The Interpreters Bible Volume VII. New York 1951 S. 138.

wir hören in unmittelbarem Zusammenhange nichts von einem
Bedrängtwerden1 — aus der Heiligen Stadt herausgeht, den
Olberg gegenüber dem Heiligtum für sich und die Jünger zu
dem Ort erwählt, aber auch dort keine eigentliche Bleibe hat ?
Es ist, um an Mark. 14, 26—42 Par. zu erinnern, womit unser
Sachverhalt abschließt, der Menschensohn2, der unterwegs ist3,
den Völkern eine Stätte zu bereiten, der nicht in dem heiligen
Bezirk der Stadt zu Hause ist und der darum den Olberg
außerhalb der Stadt und „dem Tempel gegenüber", zu dem
„vorübergehenden" Ort seiner Offenbarung sich erwählt. Es
ist, und damit blicken wir noch einmal zurück auf den Anfang
des dem Olberg verbundenen Geschehens, der Prophet „aus
Galiläa"4, dessen Kommen nicht nur, sondern dessen Herkunft
bei seinem Einzug die erdbebengleiche Erschütterung in der
ganzen Stadt hervorruft4. Der, der auf dem Olberg den Seinen
das Ende enthüllt, ist derselbe, der auf einem Berge in Galiläa
die Jünger in die neue Ordnung stellte6, der wieder auf einem
Berge in Galiläa vor dem Kreise der drei verklärt wurde7 und
der schließlich noch einmal auf einem Berge in Galiläa als der
Erhöhte seinen Jüngern erscheint8. Es ist der, durch den das
Galiläa der Heiden9 geheiligt und zum Lande eschatologischer
Erfüllung geworden ist10 und der nach dem Zeugnis bei Matth,
und Mark, nun in seinen Jerusalemer Tagen aus dem Gegen-
satz zu dem durch Stadt und Tempel umgrenzten Heiligen
Bezirk und zur Aufhebung dieser „Heiligkeit" den Olberg als
den Ort „außerhalb" zu dem Seinen gemacht hat.

So aber zeigt sich, daß die Bedeutung des Olberges bei
Matth, und Mark.11 ganz und gar von einer bestimmten christo-
logischen Anschauung getragen ist, von einem Menschensohn-
glauben, der für die beiden ersten Evangelien ebenso charak-
teristisch, wie er für Luk. fremd ist. Darum ist es nur eine Be-
stätigung dieses Sachverhaltes, daß, wie der Befund ergibt,
der Olberg bei Luk. der summarischen Angabe entsprechend
nicht nur ohne besonderes theologisches Gewicht erscheint,
sondern überhaupt stärker zurücktritt12, um dann in Uberein-
stimmung mit den Jerusalemer Erscheinungen des Auferstan-
denen bei Luk. und im Gegensatz zu dem galiläischen Evan-
gelienschluß bei Matth, und Mark, in Acta 1, 12 als Situations-
ort neu zu begegnen.

Damit gehört aber diese besondere Bestimmtheit des Ol-
berges in den Bereich galiläischer Tradition und ist in ihr zu-
gleich der unmittelbare Spiegel jener spannungsreichen Be-
ziehung zwischen Galiläa und Jerusalem, die in ihrer Bedeu-
tung für die Christologie wie für die Anfänge der ältesten Ge-
meinde aufzuhellen E. Lohmeyer13 undR.H. Lightfoot14 in so
fruchtbarer Weise unternommen haben.

') Joh. 12, 36 wird im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Vorher-
gehenden nicht durch äußere Unsicherheit bestimmt sein.

2) Mark. 14, 41.

3) Matth. 8,20.

4) Matth. 21, 11.

5) Matth. 21, 10 vgl. zu ioeio&r) die unmittelbare Übereinstimmung mit
LXX Agg. 2, 6 u. 7.

«) Matth. 5, 1.
') Mark. 9, 2.
8) Matth. 28, 16 u. 17.
•) Matth. 4, 15.
10) Matth. 4, 12ff.

") Auf die Andersartigkeit des Sachverhaltes bei Johannes kann hier
nur durch die Erinnerung daran, daß die Tempelreinigung dem Beginn der
Wirksamkeit Jesu zugeordnet ist (Joh. 2, 13—17), hingewiesen werden.

12) Vgl. Matth. 24, 1—3; Mark. 13, 1—1 und Luk. 21, 5—7; Matth. 26
30—46; Mark. 14, 26—42 und Luk. 22, 39-^16.

13) Galiläa und Jerusalem, Oöttingen 1936, Kultus und Evangelium,
Göttingen, 1942, Gottesknecht und Davidsohn, Symbolae Biblicae Upsa-
lienses Nr. 5, 1945; Das Evangelium des Markus, Göttingen 1937.

") R. H. Lightfoot, Locality and Doctrlne in the Gospels, London 1937.
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