Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

77.1952

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Theologische Literaturzeitung 1952 Nr. 7

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steht es in einem Zusammenhange mit den Gegebenheiten
unserer Texte ?

Es ist bekannt, daß für die aus dieser Richtung nach Jeru-
salem kommenden Pilgerzüge der Olberg gewissermaßen die
letzte Station vor dem Ziel ist. In Bethanien bzw. am Olberg
konnten Einkäufe getätigt und vor dem Betreten der Heiligen
Stadt auch Reniigungsvorschriften erfüllt werden1. Zeigt das
zunächst nur die Nähe des Olberges bzw. genauer das geogra-
phische Gegenüber zur Stadt, so weist das letztere doch schon
weiter. Zwischen der Stadt und dem Olberg verläuft eine
Grenze, aber diese Stadtgrenze ist zugleich eine kultische, die
das geographische Gegenüber von Stadt und Olberg zu dem
sachlichen Gegensatz von innerhalb und außerhalb des heiligen
Bezirkes wandelt.

Nun ist es für die Bestimmung des Olbergs im Rahmen
der Passion Jesu von nicht geringer Bedeutung, daß dieser
Gegensatz als ausdrücklich festgelegt in der rabbinischen Lite-
ratur wiederholt bezeugt erscheint. Nicht nur wird die Schlach-
tung der roten Kuh, die nach Num. 19, 3 außerhalb des Lagers
zu geschehen hat, als Faktum auf den Olberg verlegt2, sondern
das „außerhalb des Lagers" wird wiederholt direkt und aus-
schließlich durch „auf dem Olberg" interpretiert3. Das heißt,
der Olberg empfängt seine Bestimmung von der Stadt her und
ist durch den Gegensatz zu ihr qualifiziert. Er ist nicht nur ein
Ort „außerhalb der Stadt", sondern als solcher, und zwar im
Bewußtsein der Tragweite dieser kultischen Bestimmung, ein
Ort „außerhalb des Lagers".

Ist das aber richtig, dann fügt sich für die weitere Bestim-
mung Stück an Stück. Daß die Verbindung des Olberges als
des Ortes außerhalb des Lagers mit der Passion Jesu keine
willkürlich konstruierte ist, zeigt die Deutung dieses Leidens
im Hebräerbrief.: „Denn der Tiere Leiber, deren Blut um der
Sünde willen in das Heilige durch den Hohenpriester hinein-
getragen wurde, wurden verbrannt außerhalb des Lagers. Des-
halb auch Jesus, daß er heiligte durch sein eigen Blut das
Volk, hat gelitten draußen vor dem Tor." (Hebr. 13, 11—12.)

Dieser Zusammenhang aber wird durch unseren Text
selbst noch wesentlich enger gestaltet. Betrachten wir zunächst
die summarische Bemerkung in Luk. 21, 37, so kann die Gegen-
überstellung von Tempel und Berg entsprechend der von Tag
und Nacht noch als bloßer Situationswechsel verstanden wer-
den. Vergleichen wir diese Form aber mit Matth. 21, 17 und
Mark. 11, 19, so fällt die Andersartigkeit sofort ins Auge. Nicht
nur, daß hier die Distanzierung durch die unmittelbare Angabe
des Ortes, von dem weg sie erfolgt, unterstrichen ist, diese
Trennung wird durch das efco noch einmal verschärft und der
Gegensatz ist bei Matth, vollendet, wto in einem Satz unter
dem einen regierenden Verbum des el-eQxco&ai die Stadt als der
Ort, der zurückbleibt, und Bethanien als das Ziel in einer
spannungsvollen Verbindung zusammenstehen. Nun aber ist
es bedeutsam, daß gerade diese Formen denen bei Hebr. 13,12
unmittelbar entsprechen. Hier wie dort steht zunächst das
zur Kennzeichnung gerade dieses Sachverhaltes schon in Num.
19,3 gegebene e|co, und hier wie dort steht es in der genau ent-
sprechenden Wendung efco rfjg n6}.emg — ££a> r>]g Ttageiißof.rjg
bzw. ££d) rijg nv).r\g, und beide bezeichnen dazu inhaltlich den-
selben Ort. Am weitesten geht die Übereinstimmung zwischen
Matth. 21,17 und Hebr. 13, 12, wo in Hebr. — im übertragenen
Sinne — außerdem dasselbe Verb i^eQyea&ai mit eim und so-
wohl der Angabe des zurückgelassenen Ortes als auch des
Zieles begegnet. Dieser Befund gewinnt um so mehr Gewicht,
als e^egxea&ai e£co mit der Angabe des zurückgelassenen Ortes
nur noch ein einziges Mal in den Evangelien vorkommt, und
zwar bezeichnenderweise in der Aussendungsrede an die Jün-
ger: xai dg Slv fit] öe£r)rai vßäg u?]6e äxovor) rovg Xöyovg vfiüv,
i^eQXÖfiEVOt Et-ai rijg otxtag fj rfjg 7i6?.eco; lxefoi]g exrivd^ars rov xovioq-
röv rwv tioööjv v/xü>vl, und das heißt also, auch hier nicht nur zur
Angabe einer Ortsveränderung, sondern zum Zeichen einer
sachlichen Abkehr von der in ihrem Unheil zurückbleibenden
Stadt. Und es soll auch nicht vergessen werden, daß schon
seit Gen. 12, 'E£eX$e ix rfjg yfjg oov — eig rfjv yfjv, dessen sprach-
liche Form unseren in Frage stehenden Stellen so nahe ver-
wandt ist, das e^EQxea&ai nicht nur die bloße Ortsveränderung
bezeichnet, sondern in einem bewußten Hintersichlassen eines

') Taean 4, 69a, 37, Sch^bu 16a und Str. B. zu Matth. 21, 12, Betha-
nien I 855 f.

2) S Nu 19, 9 § 124 (43b), Para 3, 6f., Para 3, 11 bei Str. B. zu Matth.
21, 1 B I S. 841.

3) S Nu 19, 9 § 124 (43b); S Nu 19,3 § 123 (42b).
») Matth. 10, 14.

Ortes als ein Handeln aus letzten sachlichen Gründen be-
stimmt sein kann.

Mit alledem aber ist schon ein direktes sachliches Gegen-
über von Olberg und Stadt, besonders bei Matth, und Mark, üi
Erscheinung getreten, das nun noch aus einem anderen Zu-
sammenhange neu sichtbar wird. Während die Aufenthalte in
der Stadt ausgefüllt sind durch die Auseinandersetzungen Jesu
mit den Juden, Pharisäern und Sadduzäeru, ist der Olberg der
Ort der den Semen allem zukommenden Offenbarung über das
Geschehen am Ende der Tage, und es sind bei Mark, wie bei
semer Verherrlichung auf dem Berge in Galiläa sogar nur die
drei1 (bzw. vier), die au diesem Ort die Frage nach dem
„Wann" an Jesus stellen2. Und es scheint nun nicht mehr zu-
fällig, daß, nachdem die Weissagung über Jerusalem schon vor-
angegangen ist, auf dem Wege aus der Stadt heraus zum Olberg
hm Jesus das Wort über den Untergang des Tempels spricht
und er sich sodann zu der Belehrung der Jünger über das Ende
auf dem Olberg niederläßt. Daß dieser Ortswechsel in Verbin-
dung mit dem Wechsel des Gegenstandes der Prophetie ebenso
wie ihrer Empfänger mehr ist als der Ausdruck der Verände-
rung einer ganz äußeren Situation, wird noch an einem kleinen
Zeichen deutlich. Mark, begnügt sich nämlich nicht einmal
damit, den Olberg, an dem sich Jesus niedergelassen hat (!),
als den neuen Ort zu bezeichnen, sondern fügt noch zur Her-
vorhebung das xarevavri rov Ieqov, das bei Matth, ebenso wie
bei Luk. fehlt, hinzu. Das, was jetzt geschehen ist und ge-
schieht, vollzieht sich in einem nicht nur örtlich, sondern auch
sachlichen strengen Gegenüber zum Tempel. Und es ist be-
zeichnend, daß Luk. nicht nur das xaxivavzi roxi 'ieqov, das zur
geographischen Fixierung des Geschehens durchaus entbehr-
lich ist, ebenso wie Matth, nicht hat, sondern vor der Apoka-
lypse den Olberg nicht nennt, ja zwischen den vorhergehenden
Gesprächen und der Apokalypse überhaupt kerne Ortsverän-
derung erkennen läßt. Dem entspricht es, daß, worauf schon
hingewiesen wurde, in Luk. 21,37, die Gegenüberstellung sich
als summarische Situationsbestimmung anbietet, unbelastet
durch den in dem efco rijg TtöXewg gefundenen schwerwiegenden
Gegensatz. So aber bleiben Luk. 21, 5—7 in sachlicher Uber-
einstimmung mit Luk. 2i, 37 und beide damit in einem ge-
wissen Gegensatz zu Matth. 24, 3 und Mark. 13, 3, die der
Rahmen von Luk. 21, 37 nicht mit zu umspannen vermag. Das
bedeutet aber nun, das „Mehr" der Inanspruchnahme des Ol-
berges bei Matth, und Mark, ist gegenüber Luk. nicht ein
zahlenmäßiges, das vielleicht auf größere historische Genauig-
keit schließen ließe, sondern der Ausdruck eines sachlichen und
damit einer theologischen Anschauung, die Luk. so nicht teilt.
Wir begnügen uns hier damit, dieses festzustellen, und fassen
die bisherigen Ergebnisse zusammen.

Der Olberg ist in allen Evangelien in das eschatologische
Geschehen einbezogen, jedoch nicht so, daß dies als Erfüllung
der Prophetie in Sach. 14 in bezug auf die Berge erscheinen
könnte. Im Gegenteil erwählt Jesus ihn während der Jerusa-
lemer Zeit vor seiner Gefangennahme immer wieder zum Ort
seines Aufenthaltes, sonderlich für die Nacht. Indem er von ihm
aus in die Stadt geht und zu ihm aus der Stadt herausgeht,
empfängt der Olberg in dem Gegenüber zu Jerusalem seine Be-
stimmung. Die beiden ersten Evangelien aber lassen dieses
Gegenüber als sachlichen, theologisch begründeten Gegensatz
erkennen. Der Olberg ist der Ort außerhalb der Stadt, das
heißt aber nun, außerhalb des Lagers, und der, der ihn im
eschatologischen Geschehen zu seinem Ort erwählt, stellt sich
außerhalb des heiligen Bezirkes und ihm gegenüber und kehrt,
auch der Prophetie souverän gegenüberstehend, das vorge-
gebene gegensätzliche Verhältnis dieser beiden Orte hinsicht-
lich ihrer eschatologischen Bedeutung in eigener Vollmacht
um. Demnach heißt „am Olberg" nun im Sinne des Matth, und
Mark., um es in aller Kürze und mit deren eigenen, einen theo-
logischen Sachverhalt tragenden Ausdrücken zu sagen e£cü rfjg
noXecog und xarevavri rov iegov.

Wie verhalten sich aber nun die einzelnen Situationen am
Olberg zu diesem gewonnenen Ergebnis ? Ohne daß wir ihre
Auslegung im einzelnen versuchen können, ist auf einiges Be-
sondere hinzuweisen. Wenn Matth, und Mark, ausdrücklich
davon berichten, daß Jesus am ersten und zweiten Abend nach
dem Einzug aus der Stadt herausgeht3, so fällt auf diesen eben-
so wie auf das Tun in der Stadt ein besonderes Licht. Jesus
betritt die Stadt und reinigt den Tempel, um beide sogleich
wieder zu verlassen. Das kommt am stärksten bei Mark, zum

') Vgl. Lohmeyer zu Mark. 13, 3.

J) Mark. 13, 3 vgl. Mark. 9, 2.

s) Matth. 21, 17; Mark. 11,11 —Mark. 11, 19.
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