Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

76.1951

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613 Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 10

PHILOSOPHIE UND RELIGIONSPHILOSOPHIE

Brugger, Walter, s. J.: Philosophisches Wörterbuch. Unter Mitw. d.
Prof. d. Berclimans-Kollegs in Pullach bei München hrsg. 3. Aufl. Freiburg:
Herder 1950. XLIV, 544S. kl.[8° = Mensch, Welt, Gott. Erg.-Bd. DM 13 —;
Lw. DM 16.—.

Katastrophenzeiten wie die unsere haben das Bedürfnis
nach geistiger Besinnung und Orientierung. Diesem Bedürfnis
will das vorliegende Werk entgegenkommen. Es möchte der ge-
sunden Neuordnung des Lebens dienen. Nicht Beleseuheit,
sondern Geistesbildung will es bieten. Es geht ihm deshalb
nicht darum, jeden Ausdruck, der irgendwo einmal vorkommt,
zu erklären, sondern die philosophischen Termini, die in die
abendländische Tradition eingegangen sind und in der heutigen
Philosophie weiterleben, darzustellen. Das geschieht mit
größter logischer Sauberkeit und Exaktheit. Die Vorzüge der
scholastischen Philosophie mit ihrer präzisen, jede Mehrdeutig-
keil meidenden Terminologie werden hier offenbar. Freilich
bedingt dieser neuscholastische Standpunkt des Herausgebers
und seiner Mitarbeiter, die sämtlich dem Jesuitenorden an-
gehören, auch einen gewissen Mangel an Objektivität. Während
Autoren aus dem eigenen Lager, auch wenn sie nur kleine
und unbedeutende Beiträge zu einem Thema geliefert haben,
geflissentlich zitiert werden, werden katholische Denker die
nicht der streng scholastischen Richtung angehören, vielfach
ignoriert. So fehlt beim Stichwort „Geist" Schell („Das Pro-
blem des Geistes"), bei „Gottesbeweise" das Werk von Isen-
krahe über den kosmologischen Gottesbeweis, bei Metaphysik
von Hertlings „Vorlesungen über Metaphysik", bei „Psycho-
logie" Aloys Müllers „Psychologie". Der letztgenannte Autor,
der katholischer Theologe und Professor der Philosophie 111
Bonn ist, kommt, soweit ich sehe, in dem ganzen Werk nicht
vor. Weder seine überall bekannte „Einleitung in die Philo-
sophie" noch seine scharfsinnigen Werke „Der Gegenstand der
Mathematik" und „Die philosophischen Probleme der Em-
steinschen Relativitätstheorie" werden erwähnt. (Offenbar ist
der Verf. bei der S. J. persona ingrata!) Beim Stichwort
..Kausalitätsprinzip" werden außer Geyser zwei Jesuiten ge-
nannt, von denen keiner eine Spezialuntersuchung zu dein
Thema veröffentlicht hat. Dagegen wird die umfassendste
Spezialuntersuchung, das von mir verfaßte Werk „Das Kausal-
prinzip" (1928), nicht angegeben. Beim Stichwort „Methode
vermisse ich meine Schrift „Die Methode der Metaphysik", bei
„PJatonismus" mein Werk „Platoiiismus und Prophetismus .
Ich könnte so fortfahren und noch weiter zeigen, wie unzu-
reichend die Ergänzungen sind, die der Herausgeber der
3. Auflage als Anhang beigefügt hat. Hoffentlich entschließt
er sich bei der nächsten Auflage zu einer Neugestaltung des
Textes, in der die angedeuteten Mängel behoben und damit
der Vorwurf entkräftet ist, das Werk treibe durch seine ein-
seitige Bevorzugung der jesuitischen Neuscholastik Propa-
ganda für die eigene Schulrichtung.

Köln Johannes Hessen

Berdiajew, Nicolaus: Geist und Wirklichkeit. Übers, a. d. Franz. v.
W.Kirchner. Lüneburg: Heliand-Verlag [19491. 208 S. 8°. HIw. DM7.—.
Berdjajev hat sich selbst als nicht so sehr „wissenschaft-
lichen" denn vielmehr „prophetischen" Philosophen bezeich-
net. Und in der Tat sind seine verschiedenen Bücher nicht
Bausteine zu einem System, sondern gleichsam Predigten, in
denen er seine Weltanschauung verkündet. Wie ein Prediger
bei seinen Zuhörern, so setzt er bei den Lesern eine gewisse
Kenntnis seiner Grundgedanken und Intentionen und eine
weitgehende Übereinstimmung mit denselben voraus. Er be-
weist nicht, sondern weist andeutend hin, unter Verzicht auf
Wissenschaftlichkeit in der Darlegung. — Das metaphysische
System, zu dem er Innleiten möchte, könnte man einen
existenzialistischen Gnostizismus nennen. Gnostisch ist sein
Pathos der Spekulation, seine „Theosophie", seine Kühnheit
der metaphysischen Behauptungen; Gnostiker ist Berdjajev
aber auch durch die von ihm vollzogene Rezeption des gnosti-
schen Mythos von der Entstehung der Welt aus einem inner-
halb der Gottheit sich vollziehenden Fall. Dieser Mythos wird
nun aber nicht .naturwissenschaftlich", sondern existentia-
Hstiseh aufgefaßt und gedeutet. Die Entstehung der Welt aus
dem Abfall des Geistes wird nicht so sehr als ein vor Äonen
vollzogenes und nun feststellbar gewordenes Faktum ver-
standen, sondern in erster Linie als ein täglich von neuem in
unserer Welt und uns selbst sich vollziehendes Ereignis. Der
Geist, der in seinem reinen Sein immer nur subjektiv, Sub-
jekt, personhaft, innerlich ist, strebt nach Inkarnierung; aber
bei diesem Streben steht er in der ewigen Versuchung des
Falls in die — Objektivierung. Das Leben des Geistes erstarrt

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in den Formen, die er sich selber geschaffen hat: die geistliche
Erfahrung verhärtet sich zum Dogma, die Liebe zur sozialen
Zwangsform der Ehe, die Überlegenheit des Geistes über die
Natur führt zu der modernen, den Menschen vergewaltigenden
Sklaverei der Technik und der Wirtschaft und so fort durch
alle Gebilde des objektiv gewordenen Geistes. Nun predigt
Berdjajev aber nicht eine anarchische Aufhebung dieser objek-
tiven Gebilde, sondern er fordert nur dazu auf, daß alle Objek-
tivationen des Geistes immer wieder gleichsam zurückge-
nommen werden in die Subjektivität, in die Personalität als die
eigentliche Sphäre des Geistes. Die Objektivationen sollen
wieder als Realitäten zweiter Ordnung erkannt werden, wäh-
rend sie selbst sich gern als ursprüngliche und endgültige
Realitäten ausgeben und eben dadurch die einzige Urrealität,
den subjektiven und personhaften Geist, vergewaltigen, be-
schränken, ersticken, töten.

Dieses Zentrum seiner Weltanschauung hat Berdjajev in
dem vorliegenden Buche, das eins seiner letzten gewesen ist, in
knapper Weise dargestellt, ohne daß er dabei über die großen
Werke seiner mittleren Periode I^etwa die „Philosophie des
freien Geistes") wesentlich hinausgegangen wäre. Der Ton ist
auch hier der der Predigt, und ähnlich wie etwa Fichtes „An-
weisung zum seligen Leben" ist es eine Art Erbauungsbuch
für Gebildete, das auch der Theologe, sofern er jenem existen-
zialistischen Gnostizismus nicht ganz verständnislos gegen-
übersteht, nicht ohne Gewinn lesen wird. Eine wissenschaft-
liche Darstellung, Durchleuchtung und Überwindung der
Schwierigkeiten, die mit einer solchen Weltanschauung ver-
bunden sind, wird der Leser allerdings in diesem Buche ebenso-
wenig finden wie in den anderen Schriften Berdjajevs.

Marburg/Lahn Ludolf Müll er

Buber, Martin: Zwei Glaubeiisweisen. Zürich: Manesse Verlag (Conzett
& Huber) 1950. 178 S.

Die meisten Versuche, die jüdischen Hintergründe der
Person und Botschaft Jesu zu zeichnen, sind im Strack-Biller-
beckschen Stile vor sich gegangen, mehr oder minder ähnliche
rabbinische Parallelstellen zu neutestamentlichen Sätzen aus-
findig zu machen und dann aus der Vergleichung rabbinischer
Stellen mit Sätzen Jesu Schlüsse zu ziehen. Martin Buber geht
mit seinem neuen Buch einen anderen, sachnäheren und
darum fruchtbareren Weg: Die zentralen Glaubensintentionen
Jesu und der pharisäischen Rabbinen werden von ihm heraus-
gestellt und beide als sehr ähnlich befunden. Beiden nämlich
hat die wahre Emuna: die beständige Richtung des un-
geteilten Herzens auf ein im Willen Gottes gelebtes Leben als
das Zentrale festgestanden. Der Wahlspruch der Gelehrten -
schule von Jabne: „Der Eine tut viel, der andere wenig —
wenn einer nur sein Herz auf den Himmel richtet" (b. Berakh.
17a) hätte auch vom Jesus der Bergpredigt übernommen
werden können.

Jesus wird von dem jüdischen Gelehrten Buber zunächst
in den innerkritischen Prozeß des Judentums in seiner phari-
säischen Phase hineingestellt. Dabei unterscheidet er zwei
Glaubensweisen: Das schlichte Gottvertrauen der Volks-
gemeinde, die sich als „im Bunde stellend" weiß und Glau-
bensgemeinschaft ist. Sie kennt kein anderes Bekenntnis als
die Proklamation, „sei es in der biblischen Form der Volks-
anrufuug: ,Höre Israel', die ,unseren' Gott die Alleiuigkeit und
Ausschließlichkeit zuspricht, sei es in der zur Aussage um-
gegossenen Kölligsanrufung der Schilfmeerhymne: ,Es ist
wahr, daß der Gott der Welt unser König ist'" (33). — Die
andere Glaubensweise ist die religiousgeschichtlich spätere, in
der die Unmittelbarkeit des Glaubensverhältnisses bereits in
die Reflexion geraten und die ursprüngliche Emuna geronnen
ist zum Glaubensbekenntnis, zur Konfession. Hier werde dann
die lebendige Religion von den intellektuell verfaßten Außen-
bezirken der Theologie überwuchert. Buber will nun zeigen,
daß bei einer solchen Betrachtungsweise die entscheidende
Linie so zu ziehen sei, daß Jesus und die Urgemeinde sowie
das zentrale Pharisäertum (nicht ihre Abart: die „in der Wolle
gefärbten" Pharisäer) ebenso zusammengehören, wie das früh-
kirchlich-hellenistische Christentum paulinischer und johan-
neischer Prägung sowie das die Grenzen verwischende helle-
nistische Judentum gleich wesentlich zusammengehören. Für
Jesus gelte dabei, „daß ihm ein großer Platz in der Glaubens-
geschichte Israels zukommt und daß dieser Platz durch keine
der üblichen Kategorien umschrieben werden kann". Buber
berichtet eindrucksvoll: „Jesus habe ich von Jugend auf als
meinen großen Bruder empfunden. Daß die Christenheit ihn
als Gott und Erlöser angesehen hat und ansieht, ist mir immer
als eine Tatsache von höchstem Emst erschienen, die ich um
seinet- und um meinetwillen zu begreifen suchen muß. — Mein
eigenes brüderlich aufgeschlossenes Verhältnis zu ihm ist
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