Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

76.1951

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Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 8

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er z. B. schreibt: „Die liturgische Arbeit des 19. und 20. Jahrhunderts, auf die
wir im einzelnen hier nicht eingehen können, hat nun inzwischen zu so bedeut-
samen Erkenntnissen geführt, daß wir uns mit dem, was die bis jetzt noch in
der größten deutschen Landeskirche geltende Agende vorschreibt, keinesfalls
mehr zufrieden geben können" (S. 28). Aber dem sonst nicht unterrichteten
Leser wird bei den notwendig kurzen Bemerkungen vielleicht doch nicht ganz
einleuchten, wodurch sich die preußische Agende als nicht mehr brauchbar er-
wiesen hat.

In der Mitte der ganzen Schrift steht der Satz: „Wir müssen wieder zu
einer Gestaltung des Gottesdienstes kommen, die seinem Wesen entspricht,
und können dabei weder vorübergehen an der römischen Messe als der Gottes-
dienstform des Abendlandes noch an den Erkenntnissen, die uns durch die
Reformation Martin Luthers geschenkt worden sind" (S. 27). Dieser eine Satz
genügt um zu zeigen, wieviel Fragen an eine so komprimierte Darstellung zu
richten sind. Der letzte Teil des Satzes ist allerdings unanfechtbar. Aber wie
läßt sich diesem die Berufung auf die römische Messe voranstellen? Warum
wir uns berechtigt glauben bei der liturgischen Arbeit auf die Gestaltung der
römischen Messe zu achten, kann hier nicht ausgeführt werden. Aber daß alles,
was darüber zu sagen wäre, den „Erkenntnissen" der Reformation weder
neben- noch über-, sondern unterzuordnen ist, und der kulturgeschichtliche,
aber untheologische Begriff des „Abendlandes" nicht in diesen Zusammenhang
gehört, sollte auf jeden Fall klar sein.

An eine Grenze, die von der Sache her bedingt ist, stößt der Verf. dort,
wo etwa von der liturgischen Haltung und dem Singen der Gemeinde zu
sprechen war. Hier muß er manches sagen, was nur als Frucht ständiger Übung
wachsen kann. Warum ein (leider immer noch) beliebtes Lied „nach Text und
Melodie höchst kümmerlich" (S. 44) und die Melodien der preußischen Agende
„flach" und „für den Gottesdienst eigentlich unmöglich" sind (S. 28), das kann
doch letztlich nur der Kirchenmusiker der singenden Gemeinde durch ständige
Vertiefung und häufiges Vergleichen so zeigen, daß solche Urteile nicht bloß
nachgeschwätzt, sondern aus eigener Überzeugung angenommen werden. So
aber will auch das Buch verstanden sein: als Anregung und Grundlage für die
liturgische und kirchenmusikalische Arbeit, aus der es selbst stammt.

Besonders hilfreich sind darum die am Schlüsse zusammengestellten Hin-
weise auf wichtige Schriften (S. 72—75), mit denen eine Einführung in die
gegenwärtige Arbeit an der Liturgie gegeben wird, die auch wissenschaftlicher
Kritik standhält, wenn der hier vorliegende Zweck nicht vergessen und außer-
dem bedacht wird, daß an dieser Stelle die gesamte katholische Liturgiewissen-
schaft grundsätzlich unberücksichtigt bleiben mußte.

Fragen möchte ich aber doch, ob in diesem Zusammenhang nicht eine
Schrift von Friedrich Buchholz zu nennen wäre, wenn seine Arbeit auch in eine
andere Richtung weist, — ob nicht unter dem Gesichtspunkt einer Einführung
in die liturgische Arbeit die folgenden beiden kleinen Schriften heute noch
wichtig genug sind: Otto Dietz, Die Bändigung der Liturgie durch das Wort,
und Georg Merz, Die lutherische Liturgie und das Gebet der kämpfenden
Kirche, beide: München 1937, — und schließlich, warum bei dem Schriften-
hinweis der reformierte Gottesdienst völlig ignoriert werden muß? Ich hätte
das Kirchenbuch von Ernst Wolf und Martin Albertz, München 1941, und die
Schrift über den Gottesdienst von Paul Frey und Rolf Eberhard, München
1937, angeführt. Einige andere lutherische und reformierte, ältere Hefte und
Aufsätze systematischer Art nennt G. Kunze MPTh 1951, S. 234.

Sehr instruktiv ist die Tabelle zur Geschichte des lutherischen Gottes-
dienstes (S. 66—71), in der in vier Kolumnen nebeneinandergestellt sind die
Formulare der römischen Messe, der Braunschweiger Kirchenordnung von
1528, der preußischen Agende von 1895 und der Entwurf der Kirchenprovinz
Sachsen von 1948. Man wird erinnert an die „Übersicht über die Entwicklung
des christlichen Gottesdienstes" von Eduard Freiherr von der Goltz (Greifs-
wald 21930).

Eine weitere Veröffentlichung des Verf.s, die mir nicht zur Besprechung
vorliegt, ergänzt manches, was in der hier rezensierten vermißt werden kann:
Geschichte des Gottesdienstes. Eine erste Einführung. Berlin: Evangelische Ver-
lagsanstalt (1950). 47 S. Angezeigt war diese Schrift zuerst unter dem Titel:
Wort und Antwort.

Die Angabe „Dtsch. ev. Gesangbuch 460" zu dem Liede „Im Frieden
dein —" (S.47) ist unzutreffend. Im Evangelischen Kirchengesangbuch
(Grundausgabe 1950) steht es jetzt unter Nr. 165.

Berlin Hans Urner

Arper, Karl D., u. D.Alfred Zillessen: Evangelisches Kirchenbuch.

2 Bände. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. l.Bd.: Der Gottesdienst.
7. Aufl. (unveränd. Neudruck der 6., neu bearb. Aufl.). 1940. 8*, 389 S.
gr. 8». Geb. DM 16.—.2. Bd.: Die Bestattung. 4. Aufl. 1947. 16*, 244 S. 8°.
Geb. DM 12.50.

Es wäre ungerecht, diesem Werk die Schuld an dem litur-
gischen Chaos zu geben, in dem die evangelische Kirche sich
noch weithin befindet. Vielmehr darf gesagt werden, daß bei
der Entstehung (i. Bd. 1910, 2. Aufl. 1917) der Gedanke mit-
wirkte, einer längst eingerissenen Willkür zu steuern. Julius
Smend schrieb damals: „Alles zeugt von gesammelter Kraft
und ernster Bemühung, unserm Gottesdienst aus den Banden
der Planlosigkeit, des öden Einerlei, der Willkür, der Enge her-
auszuhelfen zur Entfaltung einer wohldurchdachten, wechsel-

vollen, zielbewußten Einheit" (ThLZ 1919, Sp. 21). Nun aber
ist die Lage so, daß tatsächlich der Weg zu einer neuen Ord-
nung durch die weite Verbreitung des mehrfach bearbeiteten
und aufgelegten Buches sehr erschwert worden ist. Denn seine
kritiklosen Benutzer verschließen sich in der Regel dem Be-
mühen, unserem Gottesdienst eine im strengen Sinn „kirch-
liche" Gestalt zu geben. Obwohl das Ordinarium der Unions-
agende vorausgesetzt ist, scheint das im 1. Band (vgl. Bespr.
von Paul Graff ThLZ 1937, Sp. 319) ausgebreitete Material die
dort noch vorhandenen Reste der liturgischen Uberlieferung so
völlig zu ignorieren, daß man eigentlich nur noch an die zu-
fällige Zusammenfassung frommer Einzelmenschen in einer
religiösen Versammlung denken kann. Erst bei näherem Zu-
sehen sind in der Gebetssprache die Spuren des reformato-
rischen Erbes zu erkennen. Julius Smend, dessen „Kirchen-
buch für evangelische Gemeinden" (1. Bd. Gottesdienste.
3. Aufl. Gütersloh 1924) dem vorliegenden in der Grund-
haltung noch am nächsten kommt, hat durch die Übernahme
vieler Stücke aus reformatorischen Ordnungen (Straßburg
1524, Hanau 1573 u. a.) den „kirchlichen" Charakter weit mehr
gewahrt, während das hier zu besprechende eher in einer evan-
gelischen Freikirche oder Gemeinschaft am rechten Platze
scheint. Der alles beherrschende, ebenso geistreiche wie eigen-
mächtige Biblizismus wird kaum durch die Zeiten des Kir-
chenjahres in Schranken gehalten. Viel wichtiger ist die Zu-
sammenstellung des Materials nach thematischen Begriffen.
Hier sah schon Julius Smend (ThLZ 1919, Sp. 21) eine große
Gefahr: ,,Es bedeutet eine Überspannung der an sich an-
erkennenswerten Forderung, daß unser Gottesdienst aus Einem
Gusse sei, wenn man vom ersten bis zum letzten gesprochenen
oder gesungenen Worte einen einzigen Begriff innezuhalten
verlangt".

Soll also das Kirchenbuch von Arper und Zillessen als
Zeugnis einer überwundenen oder doch zu überwindenden
Epoche der evangelischen Liturgik für den praktischen Ge-
brauch verworfen werden oder welche Möglichkeit seiner Ver-
wendung besteht heute noch ? Bei einer ständigen Beachtung
der zu verantwortlicher Benutzung des Buches mahnenden
Sätze im Vorwort (S. 5*) möchte noch am ehesten daran zu
denken sein, daß die Sprüche, Lesungen und Gebete gelegent-
lich den Zusammenkünften und Versammlungen der Ge-
meinde an den Wochentagen einen festen Rahmen geben
könnten. Völliges Außerachtlassen des de tempore würde dabei
freilich einen erheblichen Rückschritt bedeuten — die Lieder
wären um so strenger auszuwählen — und das oft allzu ge-
schickte kettenförmige Aneinanderreihen von Bibelworten
bleibt auch dann gefährlich (vgl. dazu Wilhelm Jannasch in:
Verkündigung und Forschung 1941, S. 134).

Der 2. Band (vgl. Bespr. von Paul Graff, ThLZ 1939-
Sp. 151) könnte in mancher Hinsicht günstiger beurteilt wer-
den, wenn nicht auch hier das Verständnis der Bestattung als
„kirchlicher" Handlung vermißt würde. Für die Einordnung
in das Kirchenjahr findet sich nur ein einziges Beispiel (S. 14
bis 17) und eine entsprechende Sammlung von Sprüchen für
Festzeiten (S. 82—87). Die thematischen Begriffe begegnen
uns wieder (Ergebung und Zuversicht, Zucht und Demut . . .)•
Die Stücke aus der religiösen Dichtung; neben den Gesang-
buchstropheu, weisen, abgesehen von der Tonart vieler Ge-
bete, besonders deutlich auf den unausrottbaren Charakter der
Bestattung als einer Trauerversammlung und Familienfeier.
Soll ausgerechnet der Diener des göttlichen Wortes dazu bei-
tragen, diesen Pseudocharakter zu pflegen und zu erhalten ?
Ein Vergleich mit dem im Auftrag der Evangelischen Michaels-
bruderschaft als Manuskript gedruckten Entwurf von Walter
Lötz: Die Ordnung der Bestattung. Kassel (1946) wäre hin-
sichtlich der Berührungen wie der Unterschiede lehrreich. Er
muß hier aus Raumgründen unterbleiben.

Der 3. Band (Die Handlungen Taufe, Konfirmation,
Abendmahl, Einführung, Einweihung) ist seit seinem Er-
scheinen 1929 nicht mehr aufgelegt.

Berlin Hans Urner

Liturgie und MÖnchtum. Laacher Hefte. (Hrsg.: Theod. Bogler) H. 1,
1948: Abt Ildefons Herwegen zum Gedächtnis. H. 2, 1948: Der Heilige
Benedikt u. die 1400-Jahrfeier seines Heimganges. Freiburg: Herder 1948.
Je 96 S. m. Abb. 8°. Kart. DM 2.50.

Die Laacher Hefte für „Liturgie und Möuchtum" „ver-
suchen", den „Weg der Rückkehr zu Christus und dem Drei-
einigen Gott aufzuzeigen und wieder lebendig die Quellgründe
des wahren Lebens aufsprudeln zu lassen". Im Mönch tum, wie
es Benedikt begründet hat, und in seiner liturgischen Existenz
sei diese Ausrichtung zu finden. „Die Liturgie ist es, die das
Angesicht der Erde und die Kirche Christi wieder erneuern
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