Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

76.1951

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Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 6

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über Joachim von Fiore, Karl Schmid zeichnet das scharfe
Profil Macchiavellis, Rudolf Stadelmann f schreibt an-
schaulich und tiefdringend über Vico. Es folgen die umsich-
tige und sorgfältige Analyse der Geschichtsschreibung Vol-
taires durch Wilhelm Weischedel, der feine Essay über
Ranke und Hegel von Theodor Steinbüchel f und schließ-
lich der gehaltvolle Vortrag von Gerhard Krüger über die
Geschichte im Denken der Gegenwart, der hier zum zweiten
Male gedruckt wird und schon bei seinem ersten Erscheinen
von mir gewürdigt worden ist (ThLZ 1948, 395)- Der Umfang
der einzelnen Beiträge schwankt zwischen 13V2 und 4° Seiten.
Die Auswahl hat wirklich besonders „repräsentative" Denker
herausgegriffen (s. Vorwort). Ihr Anliegen ging teilweise stark
auseinander. Herodot, Thukydidcs, Tacitus, Ranke waren
Historiker, Dante war Dichter, Joachim ein Apokalyptiker,
bei Augustmus, Vico, Hegel überwog ganz das , .philosophische'
Moment; Augustinus grenzte sich ausdrücklich gegen die Hi-
storiker ab, und Ranke sähe sich gewiß ungern mit Hegel zu-
sammengestellt. Aber das eine Problem, die Geschichte,
schließt sie zusammen, die eine, unendliche Aufgabe. Eine
kleine Enttäuschung bleibt freilich dem Leser nicht erspart:
Auf dem Umschlag und der Einbanddecke folgen auf die eben
aufgeführten „Geschichtsdenker" von Herodot bis Ranke
noch die Namen von Marx, Dilthey, Troeltsch, Spengler,
Heidegger, Jaspers; im Buche selbst aber werden sie nicht
näher charakterisiert, sondern nur flüchtig gestreift oder eben
nur einmal genannt.

Die Beiträge bewegen sich sämtlich auf beachtlicher Höhe.
Im eüizelnen dürfte wenig zu beanstanden sein. Bei der Dar-
stellung Joachims von Fiore wäre ein einleitendes Wort über
den Montanisinus und ein abschließendes über den Gedanken
von eüiem „dritten" Reich in der Moderne (Lessing, Ibsen,
Möller van den Bruck) erleuchtend gewesen. Ein generelles
Bedenken möchte ich geltend machen. Auffallend ist an diesen
an sich so vorzüglichen Beiträgen das Zurücktreten einer sozio-
logischen Betrachtung des Geisteslebens, die doch schon seit
Jahrzehnten nichts Neues ist. Ich erinnere an die Bemühungen
von E. Troeltsch, M. Scheler, P. Landsberg, P. Honigsheini,
J. Hashagen, A. von Martin und anderen. Nur in dem Vor-
trage Weisehedels über Voltaire wird ernsthaft versucht,
die Gedankenwelt dieses Franzosen durch einen Blick auf
seine gesellschaftlichen Voraussetzungen besser zu verstehen,
aber ohne daß das wirklich Entscheidende getroffen würde.
Weischedel betont die Freundschaft Voltaires mit der Mar-
quise von Chätelet, die höfische Gesellschaft, den Salon. Be-
schränken wir uns mit Weischedel auf diese Faktoren, dann
muß es allerdings „rätselhaft" (S. 160) sein, warum die Auf-
klärer überhaupt Geschichte getriebeu haben. In Wahrheit ist
Voltaire in die aristokratischen Kreise nur vorgedrungen,
nicht aus ihnen hervorgegangen. Er stammte aus dem Bürger-
tum, war der Sohn eines Justizbeamten. Die innere Empörung
des aufstrebenden, semer Kräfte und seines Wertes bewußt
gewordenen französischen Bürgertums gegen den staatlichen
und kirchlichen Druck war die auch in Voltaire wirksame
Triebkraft der polemisch-geschichtlichen Unterminieruug,
Sprengung und völligen Abtragung des theoretischen Festungs-
werkes, mit dem Staat und Kirche des ancien regime ihre
Stellung gesichert hatten.

Jena Karl Heussi

Smit, m. c, Dr.: De Verhouding van Christendom en Historie in de
huidige Rooms-Katholieke Geschiedbeschouwing. Kampen: J. H.

Kok 1950. 220 S. gr. 8°. hfl. 4.90.

Smits Studie über das Verhältnis von Christentum und
Geschichte in der heutigen katholischen Geschichtsbetrach-
tung behandelt im I.Teil (S.25—135) das Verhältnis des
Christentums zur geschichtlichen Wirklichkeit (seil, nach
kathol. Auffassung): Natur und Übernatur; Sündenfall und
Erlösung; Christentum und Geschichte; Dualismus und Syn-
these; Christentum und Fortschritt; — im II. Teil (S.137
bis 177) die Beziehung des Christentums zur Philosophie und
zur Geschichtswissenschaft; ein Anhang (S. 178—189) ist
G. Schnürer, I. Herwegen, A. L. Mayer und J. Pinsk gewid-
met. Ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis (S. 191— 200)
und eine in französischer Ubersetzung gebotene Zusammen-
fassung (S.201— 220) bilden den Schluß. Ein Register fehlt.
jjas Ganze führt in die moderne geschichtsphilosophische
Problematik ein, die durch die Namen de Lubac, Bauhof er,
Danielou, Delp, Maritain, Congar, Thils, Malevez, Michels,
Pinsk, Brehier, Mandonnet, Gilson, Blondel, L. Mercier, Pado-
^'ani, Ross Hoffman, Sturzo u. a., bestimmt ist. Man gewinnt
den Eindruck, einen gut unterrichteten und gut unterrichten-
den Verf. vor sich zu haben.

Jena Karl Heussi

Schoeps, Hans Joachim, Prof.: Jüdisch-christliches Religionsgespräch

in neunzehn Jahrhunderten. Die Geschichte einer theologischen Ausein-
andersetzung. Frankfurt a. M.: Atharva-Verlag [1949]. 158 S. 8°. DM6.50.

Der erste Satz: „Die Geschichte des Gespräches, das Israel
und die Kirche im Ringen um die Wahrheit miteinander
führen, ist noch nie geschrieben worden" enthält eine leise
Übertreibung, über den Gegenstand ist immerhin mancherlei
geschrieben worden. Eine Gesamtdarstellung fehlt allerdings.
Ist aber das nun in zweiter Auflage (die erste wurde vom ver-
flossenen Regime unterdrückt) vorliegende Buch enie solche ?
Den uferlosen Stoff auf 150 S. zu bewältigen, ist unmöglich.
Weite Strecken, wie z. B. die in den mittelalterlichen Spielen
so reichlich vorliegenden „Religionsgespräche" zwischen Eccle-
sia und Synagoga fallen einfach aus. Besonders zu Anfang, wo
in überwiegend systematischer Anordnung die Fragen nach
der Messianität Jesu, der Erwählung Israels, der Zerstörung
des Tempels und Gesetz und Glauben behandelt werden, sind
nur die „großen Linien" aufgezeigt. Erst im Raum des Mittel-
alters treten einzelne Persönlichkeiten wie Sa'adja, Jehuda
ha-Lewi und Isaak Troki konkreter heraus. Ein ausführliches
Kapitel über Isaak Orobio und Philipp Limborch ist neu hin-
zugekommen. In der Neuzeit von Moses Mendelssohn bis Franz
Rosenzweig, Eugen Rosenstock, Martin Buber und Karl Lud-
wig Schmidt kommen die Gesprächspartner selbst erst aus-
giebig zu Worte. Diese Übersicht zeigt aber bereits, daß man
eher von einer Geschichte der jüdischen Apologie als von
einem „Gespräch" reden könnte. Was die Kirche zu dem letz-
teren beigetragen hat, ist gewiß keüi Ruhmesblatt der Kirchen-
geschichte. Aber zu einem Gespräch gehören bekanntlich
immer zwei. Das jüdische Quellenmaterial kennt Verf. bis in
seine entlegensten Winkel. Deshalb ist das Buch auch für den
christlichen Theologen fesselnd und, wenn recht benutzt,
brauchbar.

Wohl mit Recht ist Verf. der Meinung, daß nach Jahr-
hunderten der „Auseinandersetzung" (im Doppelsinn?) erst
unsere Zeit die Möglichkeit echten Gesprächs biete. DasBuch
ist denn auch, im historischen Gewände, ein Bekenntnisbuch.
Wir schätzen das an ihm. Es berührt aber dann eigen, wenn
Sch. in den kürzlich in seiner „Zeitschrift für Religions- und
Geistesgeschichte" (II [1949/50], 293ff.) erschienenen Reli-
gioiisphäuomeuologischeii Untersuchungen über den Glaubens-
gehalt des Judentums die Voraussetzungslosigkeit des Reli-
gionswissenschaftlers gegen die „befangenen" christlichen
Theologen ausspielt und unter dieser Tarnung enie Karikatur
des Christentums liefert. Daß dem Christentum mangels des
Gesetzes der Entscheidungscharakter fehle („Christlichen
Glauben als Wahlmöglichkeit des Menschen gibt es nicht"),
sollte nicht schreiben, wer neben den Evangelien den Römer-
und Galaterbrief oder auch nur die Thessalonicherbriefe mit
Verstand gelesen hat. Verf. hat die Tiefe der neutestament-
Uchen Auffassung sichtlich nicht verstanden. Er bringt natür-
lich — und macht daraus sonst auch kein Hehl — mindestens
ebensosehr wie wir alle seine bestimmten Voraussetzungen an
den historischen Stoff heran.

So laufen mancherlei zu bessernde Einzelheiten auf eine Idealisierung des
Judentunis und eine Verzeichnung des Christentums hinaus. Nur einige Bei-
spiele. Daß im Deuteronomium der Oer dem Israeliten rechtlich und politisch
gleichgestellt werde (S. 20), ist ein Irrtum. Daß das Judentum zwischen den
Gojim und den Christen als Noachiden unterscheide (S. 22. 24), gilt zumindest
nicht durchweg. Schon der S. 37 aus Bamidbar rabba 14 gegebene Beleg be-
weist das Gegenteil. Neben dem Satz, daß der sich mit der Tora beschäftigende
Heide dem Hohenpriester gleiche (S. 22), steht einmal der andere, daß er den
Tod verdiene (Sanh. 59a). Der Arianismus ist völlig ins Ebjonitische verzeichnet
(S. 34). Der Widerspruch der Kirche richtet sich nicht gegen das AT und gegen
die Erwählung Israels (S. 35) — beide werden vielmehr anerkannt —, sondern
gegen die jüdische Theologie des Blutes. Der „Antinomisnuis paulinischer Ob-
servanz, der bloß den Dekalog als Sittengesetz gelten lassen wollte" (S. 55),
existiert nur in der Phantasie des Verf.s. Die von Franz Rosenzweig über-
nommene Unterscheidung von teschuba (Umkehr, für den Juden) und meto-
noia (Umwandlung, richtiger Reue, für den Heiden) (S. 126) ist philologisch
unbegründet. LXX vertauschen nicht tchub, das meist durch epietrephein
wiedergegeben wird, mit metanoein. Das letztere ist aber ständige Ubersetzung
eines ebensogut alttestamentlichen Begriffs: nicham, eigentlich ,,gegen sich
selbst schnauben". Daß der Glaube des Alten Bundes in Hebr. 11 gegen die
Väter ausgespielt werde (S. 57), ist völliges Mißverständnis. Man könnte noch
fortfahren.

Das beweist, wie recht der Verf. hat mit seinem Satze, es
sei schwer, eine fremde Religion als Außenstehender wirklich
zu verstellen. Wir lassen uns das auch für unser Verständnis
des Judentums gesagt sein.

Daß aber Verf. überzeugter Glaubensjude ist, bedeutet
für das Gespräch auch einen bedeutenden Vorteil. Er stellt sich
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