Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

76.1951

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Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 6

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das Beherrschende bleibt. Die spekulative Kraft des Verf.s ist
bewundernswert, man wird geradezu von einein Reichtum von
bedanken und Hinweisen überschüttet—aber die alten Fragen
bleiben.

Dem evangelischen Leser, der ohne viel Literatur die
romische Messe erkennen will, dazu die vorwärtsdrängenden
Spekulationen katholischer Liturgiker, kann ein Buch von
Joseph Pascher, welches „Eucharistia" heißt1, besonders
empfohlen werden. Jungmanns Riesenwerk kann und will es
nicht ersetzen und an Lechner reicht es nicht hin — aber auch
Rascher bietet ein Kompendium von eigentümlichem Wert.
•Bezeichnet man Kuhaupts Arbeit als „theologische Exegese
aer romischen Messe", so hat man bei Pascher die literalc
historische (und auch gelegentlich kritische) Exegese der römi-
schen Messe, und deutlich davon abgehoben, aber aus dem
Literarischen hervorgehend, die „Anwendung" für die Mitfeier
aer Messe durch die Gemeinde. Es ist ein über die Maßen
sauberes Werk, das natürlich nirgends den katholischen Boden
veriatit, aber auf diesem Boden mit großer Kenntnis und
wissenschaftlicher Würde wandelt. Pascher nun ist beim römi-
schen Kanon der Ansicht, daß hier ein nach dem Typus des
lT^861 reS 8ebautes Liturgiestück einen Umbau erfahren
nat durch Unterstreichung bestimmter Momente, welche schon
^on vornherein im Dankgebet lagen. Das große Dankgebet ist
aas euchanstische Tischgebet, als solches zugleich Dank-
sagung, Lobpreis, Epiklese und Konsekration. Die Linien-
iunruiig geht so: Dialog — „Präfation" (praefatio communis
ais \orm) mit dem Sinnsehluß: per Christum Dominum
nostrum - Einschaltung des Engellobes Sanctus - Fort-
setzung des eucharistischen Tischgebetes, anschließend an:
per Christum Dominum nostrum: Qui pridie (die Einsetzungs-
worte als Gebet an den Vater durch Christus!) - Per quem
haec oinnia (aus dem Mahlschema!) - Per ipsum et cum ipso
-Amen der Gemeinde. Die in diese Linie eingeschalteten Ge-
bete um Annahme des Brotes und Weines zur Konsekration -
um Aufnahme als eines Opfers - Gedächtnis und Fürbitte)
unterstreichen die Linienführung, durchbrechen sie nicht.
JJiese Stellung nimmt auch Lechner ein, der für die Bitt-
KeDete im Kanon besonders darauf verweist, daß schon nach
Justin der\ orsteher evyäs opoim; xai evyaQurttag ävaninnei (Apol.
H»,'£7ii.T- , cher hat auch die übrigen sechs Sakramente
aer katholischen Kirche in ähnlicher Weise bearbeitet2. Die
Einleitung befaßt sich nochmals mit der Eucharistie. Die
UDngen Teile sind für den evangelischen Benutzer deshalb be-
U u "'"tvoll, weil er hier Texte und Unterricht über kirch-
liche Handlungen erhält, die für den Evangelischen iniDämmer
zu hegen pflegen. Pascher bietet ein ganzts Rituale und einen
hen-orragenden Kommentar dazu

Emen theologischen" Kommentar zu allen katholischen
Sakramenten (vom „Ursakrament" Christus her und unter
Betonung des Sakramentes „Kirche") schrieb Thaddaeus
s01 rem . Hier wird die Eucharistie als „das Sakrament der
-r,7cfiUSlVe e, einge"end behandelt, unter besonderer Her-
ausarbeitung der Wirksamkeit des Hl. Geistes. Die Tendenz
WeisTKuhauetsei Pascher' die liturgische Exegese geht in der
fpM HieJ dar^ indes der Hinweis auf einen Liturgiker nicht
ein 1' fer Serade im Blick auf die römische Messe von heute
«nH • £mzelganger ist. Wir meinen Johannes Brinktrine
una sein Buch „Die Heilige Messe"4. Der Verfasser hat seine
Verdienste um die Einzelforschung — und auch dieses Buch
ist eine wirkliche Leistung (1. Aufl. 1931, 2. Aufl. 1934). Aber
kot V?n Jungmann. Casel, Klauser, Lechner, Pascher her-
bk VStUtzt' Zwar in der Einleitung (älteste Entwicklung
Bri»a Entstellu"g der verschiedenen Riten) geht Brinktrine
den üen.Genannten ungefähr konform (immerhin: ungefähr —
strfw S° llier dient er seiner Hauptabsicht). Aber dann
*gm er die These in die Mitte: Die römische Messe ist im
die Konsekration, die „Wandlung". Dieser These dient

heuranZe Darstellung Brinktrines. Nun mag das auf die
Da« 6 .Gestalt der römischen Messe exceptis excipiendis
passen. Aber die Frage wird brennend: Ist das Wesen dieser
>e aus ihrem Werden zu entnehmen — oder aus ihrem Ge-

') Pascher, Joseph: Eucharistia. Gestalt und Vollzug. Münster:
senendorff, i„ Gemeinschaft mit dem Erich-Wewel-Verlag Krailing vor
Lunchen 1947. 302 S. 8». Kart. DM8.—.; geb. DM 10.—.

a l )*>ascner> Joseph: Die Liturgie der Sakramente. Münster:

«senendorff 1951. 282 S. 8°. Kart. DM 7.50, Hlw. DM 9.50.

)Soiron, P. Thaddäus, Prof. Dr., o. F.M.: Der sakramentale
Jensen. Vom Sinn und Aufbau der Sakramente. Freiburg: Herder [1949J.
»«■ 101 S. 8°. Pp. DM 2.80.

') Brinktrine, Johannes, Prof. Dr.: Die Heilige Messe. 3.,verb.
Aufl. Paderborn: Schöningh 1950. 368 S. 8°. Lw. DM 9.60.

wordensein, wie es heute dasteht? Anders ausgedrückt: Ist
alles Historische nur ein Magma, aus welchem der Liturgiker
der heutigen römischen Messe dasjenige auswählt und ein-
ordnet, was zur heutigen Gestalt der römischen Messe posi-
tiven Bezug hat — oder aber gibt das Historische den Aus-
schlag für die Ordnung und Deutung der heutigen römischen
Messe ? Brinktrine steht deutlich beim Primat der gewordenen
römischen Messe — von hier aus benützt er alles Historische,
von hier aus wählt er sein Ja oder Nein zu den Hypothesen und
stellt selbst solche auf. Hingegen die Jungmann, Casel, Klau-
ser, Lechner, Pascher gehen vom Historischen aus (und halten
die katholische Linie ein, indem sie das Dogma respektieren).
Der evangelische Forscher wird nicht das Dogma respektieren,
geschweige denn die heutige Gestalt der römischen Messe, son-
dern sich um das Historische kümmern, also bei den Jung-
mann usw. lernen. Aber Brinktrines Buch kann ihm immer
wieder als Anmerkung vom Endpunkt her Fragen stellen. (Es
fällt auf, daß Klausers Arbeiten nicht herangezogen sind.
Und Kunzes Angriff auf Beissel kann die ganze Perikopen-
Abhandlung Brinktrines umwerfen. Hinwiederum ist man
Brinktrine dankbar für die Bezugnahme auf die Messe der ver-
schiedenen Orden, wie überhaupt für allerlei Detailforschung.)

Für das rein Technische der römischen Messe (und der
ganzen liturgischen Aufgabe des Katholizismus), aber nur für
dieses, kann dem evangelischen Leser das Buch von A. B.
Gottron1 empfohlen werden, weil es diejenigen technischen
Angaben über die katholische Liturgie bringt, welche vielen
von uns unbekannt sind. Aber eine „Liturgik" ist das Buch
nicht, geschweige denn ein „Handbuch der Liturgik", denn
unter „Liturgik" verstehen wir längst mehr. Es ist eine„Sum-
mula rerum liturgicarum", zu deutsch etwa: „Wissenswertes
aus der Liturgik für Schule und Gemeinde". Für evangelische
Leser ist es in der Tat eine gute Einführung (auch treffliche
Bilder finden sich in dem Buch) — man könnte es recht wohl
in einer evangelischen Schulbibliothek vorhanden wünschen —
für Katholiken dürfte es einerseits zuviel, anderseits zu wenig
enthalten. Dennoch hat das Buch schon die 19. Auflage er-
lebt — da wird die tüchtige Gottronsche Umarbeitung noch
mehr Zuspruch finden.

Wie die römische Messe aussehen könnte, wenn sie a) nach
einer der Jungmannschen Hypothese entgegengesetzten
historisch orientierten Hypothese liturgiewissenschaftlich auf-
gebaut würde, b) dem vom NT her erhobenen Protest der
lutherischen Reformation Rechnung trüge, c) dennoch dem
organischen Entwicklungsgang treu bliebe — das zeigt exem-
plarisch Friedrich Heiler2 mit semer „Deutschen Messe".
Natürlich ist sie den Vertretern der römischen Messe nicht
römisch genug, den Vertretern des reformatorischen Abend-
mahles nicht reformatorisch genug. Aber liturgiewissenschaft-
lich gesehen ist diese „Deutsche Messe" Heilers eine solide
Arbeit, hinter welcher mehr Mühe steckt, als man so annehmen
könnte. Das nun vielfach angeführte offerimus der römischen
Messe bleibt doch immerhin unter einem großen Fragezeichen
stehen — Heiler transponiert dieses offerimus auf den im NT
sicheren Ton. Er holt die Epiklese herbei, aber als eine Bitte
um den Heiligen Geist für die Gemeinde und als eine Bitte um
Konsekration durch Gott. Das Gedächtnis der Mutter Jesu
und der Heiligen geschieht altkirchlich vorsichtig (in Über-
einstimmung mit der Magnificat-Auslegung Luthers, mit der
Augustaua und der Apologie, und nicht gegen die Schmalkal-
dischen Artikel). Das Totengedächtnis entspricht der Apologie
(„Von den Messen für die Toten"). Der ganz besonders miß-
verständliche Gebrauch des Weihrauches wird rein sym-
bolisch behandelt durch die begleitenden Gebete (im Sinne
der Apc), überdies freigestellt. Besonderer Beachtung wert ist
der Versuch, das große Dankgebet wieder herzustellen (im
Sinne Paschers) — hier könnte man sogar im Sinne Hippolyts
und der ApConst VIII noch weitergehen. Jedenfalls ist aber
die römische Messe der Heilerschen in einem Punkte über-
legen: die römische Messe hat den Einsetzungsbericht als ein
Gebet, das an den Vater gerichtet ist! Die Anamnese steht

') Kempf-Faustmann: Handbuch der Liturgik. Neu bearb. v.

Adam Bernhard Gottron. 19. Aufl. Paderborn: Schöningh 1950. 243 S. m.
zahlr. Abb., 1 Taf. gr. 8°. Kart. DM 5.80; geb. DM 7.80.

(1886 von Kempf verfaßt, von Faustmann unter Mithilfe von Brum-
mer — nicht Brunner! — Gebler — Schubert neubearbeitet unter dem
Titel „In Gottes Tempel", 1933 als 15. Auflage; vgl. JLW XII [1932], S. 227f.
Der dort geübten Kritik hat Gottron Rechnung getragen.)

2) Heiler, Friedrich: Deutsche Messe oder Feier des Herrenmahls
nach altkirchlicher Ordnung. Im Auftrag der Evangelisch-ökumenischen Ver-
einigung des Augsburgischen Bekenntnisses hrsg. 2., verb. u. verm. Aufl.
München: Federmann 1948. 56 S. kl. 8° = Ernst Reinhardt Bücherreihe.
Kart. DM 3.80.
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