Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

76.1951

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Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 2

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form ? Oder ist die Erfahrung nicht zuständig ? Es sind also
„Prolegomena zum homiletischen Realismus" nötig, ehe er
auf den Weg geschickt wird. (Vielleicht haben Josefson und
Zetterqvist diese „Prolegomena" schon beigebracht; mir
sind ihre Werke nicht zugänglich.)

Den 17. und letzten Aufsatz der „Festschrift" schrieb
Bischof Gulin von Tammerfors: „Aus meinem kirchlichen
Programm". Gulin ist Neutestamentier — so interessiert es
gründlich, wie nun der Bischof sein kirchliches Programm aus
dem NT speist. In der Tat: Im NT ist die Kirche das Eigen-
tum aller ihrer Glieder, ja die „unteren" Schichten sind
Haupteigentümer — so verlangt Gulin im Namen des NT, daß
alle, gerade die Armen und Ärmsten, auch die Frauen nach
ihren Charismen und Ständen zur Mitarbeit in der Kirche
nicht bloß zugelassen, sondern eingezogen werden, und zwar
auch zur Mitarbeit in der Leitung. Gulin nennt es „weltliches
Prinzip", was heute m der Kirche herrscht, und verzweifelt,
wenn die Kirche nicht nach dem von Gott gegebenen Geistes-
leben wandelt. (Im zweiten Teil tritt der Bischof für Heilung
der Ehe ein und empfiehlt: Eheberatung durch Geistliche,
Ärzte, Juristen vor der Eheschließung — Besprechung der
Grundlagen der Ehe schon in der Volksschule, nicht beim
6. Gebot, sondern beim 1. Artikel — beratende Stellen in den
Gemeinden für Ehewillige und für Jungverheiratete.)

Man sieht, die „Festschrift" ist tatsächlich „das Buch von
Abo" geworden, aus welchem wir die theologische Fakultät
von Abo in ihrer Vergangenheit und Gegenwart kennen lernen.
Nach dem Buche zu schließen ringt man dort um die Probleme:
Religionsgeschichte und Dogmatik — Bibel Wissenschaft und
Gemeindefrömmigkeit — Gestaltwandel des Christentums und
Kontinuität — Urchristentum und Reformation — Biblischer
und psychologisch-pädagogischer Realismus — Urchristentum
und Kirche — Kirchen- und Erweckungsfrömmigkeit — das
Wissen im Glauben. Gerne erführen wir noch etwas über die
Arbeit der Aboer Fakultät in der Liturgiewissenschaft, im
Kirchenrecht, in der Katechetik, in der Symbolik. Angenehm
fällt auf, daß, in der „Festschrift" wenigstens, kein Platz für
den „theologischen Blutbann" ist. Die Aboer sind wohl bessere
Christen als wir.

Bad Liebenzell Leonhard Fendt

Litt, Theodor: Geschichtswissenschaft und Geschichtsphilosophie.

München: Bruckmann [1950]. 47 S. 8°. Pp. DM 3.80.

Der Verf. geht von der richtigen Feststellung aus, daß die
Abneigung vieler Historiker gegen die Geschichtsphilosophie
auf Selbsttäuschung und Mißverständnis beruht, was er an
der Haltung Jacob Burkhardts verdeutlicht. Sehr eindrucks-
voll wird an Oswald Spengler klargemacht, daß man das
historische Erkennen unmöglich in Analogie zum Subjekt-
Objekt-Verhältnis des Naturwissenschaftlers denken kann;
denn während der Naturwissenschaftler sich aus dem betrach-
teten Gegenstand möglichst herauszuhalten hat, steht der
Historiker „mitten inne" in dem Geschehen, das er sich vor
Augen rückt. Litt zeigt, wie der praktische Historiker in
Wirklichkeit ohne Prüfung seiner eigenen Tätigkeit, also ohne
Kritik der historischen Erkenntnis, überhaupt nicht aus-
kommen kann; „geschichtspliilosophische Besinnung ist von
einer gewissen Stufe der Entwicklung an ein unentbehrliches
Ferment der geschichtlichen Bewegung selbst" (S. 16). Darauf
wird das geschichtliche Erkennen in seiner Eigenart noch
einmal dem naturwissenschaftlichen Erkennen gegenüber-
gestellt und in der Nachfolge von Herder und Dilthey als
„historisches Verstehen" charakterisiert. Die bekannte Wen-
dung Rankes vom Auslöschen des Ich verkennt völlig die
Eigenart des geschichtlichen Denkens, das notwendig mit der
Individualität des Historikers, ja schon mit der Funktion der
Sprache verbunden ist. Der Unterschied zwischen geschicht-
licher und Naturerkenntnis wird weiter an ihrer verschiedenen
Stellung zur Zeit klargestellt. Während das naturwissenschaft-
liche Erkennen bis zu einem gewissen Grade zeitenthoben ist,
ist das historische Denken ganz streng an den Standort des
Historikers gebunden; geschichtliches Verstehen ist „Ver-
gegenwärtigung" (S.25). Das führt zu der Feststellung, daß
sich ein historisches Verstehen der Vergangenheit praktisch
von dem auf die Zukunft gerichteten menschlichen Willen
nicht trennen läßt: Im Geschichtsverstehen liegt von vornher-
ein ein auf die Tat drängendes Moment (S. 35). Die Geschiehts-
erkenntnis ist nicht nur Wissensbereicherung, sie gehört dem
Gesamtprozeß selbst an und führt ihn weiter (S.36). Theorie
der geschichtlichen Erkenntnis ist daher zugleich Theorie der
geschichtlichen Wirklichkeit und umgekehrt (S.40). So ge-
winnt Litt eine Geschichtsphilosophie, die keineswegs bloß
abstrakte Erkenntnistheorie ist (ebd.). Ein Blick auf die an

entscheidungsvollen Schicksalen und großen Nöten überreiche
Gegenwart schließt die Ausführungen ab (S.43—45).

Ich stimme den scharfsinnigen und gut klärenden Aus-
führungen des Verf.s weitgehend zu, würde nur manches
etwas anders formulieren. Was sich im Akte des geschicht-
lichen Verstehens vollzieht, wird meines Erachtens mit der Wen-
dung „Vergegenwärtigung" nicht glücklich umschrieben, weil
damit unberührt bleibt, daß im geschichtlichen Deukakt auch
ein Neues geschaffen wird; das Geschichtsdenken meint zwar
ein Vergangenes, hat aber im „Gegenüber" (dem massen-
haften geschichtlichen Rohmaterial) keine absolut kongruente
Entsprechung. Und wie kann man auf dem Standpunkt von
Litt noch von „geschichtlicher Empirie" reden (S.14)?
Schließlich sehe ich nicht, wie die von Litt verfochtene ,,Ge-
schieh tsphilosophie" (S. 40) vom Denken des „Fachhistorikers"
prinzipiell noch scharf geschieden werden könnte. Der Unter-
schied ist nur thematisch, nicht prinzipiell; d. h. die gestellten
Probleme sind hier speziellerer, dort allgemeinerer Art; aber
wo gäbe es eine scharfe Grenze, an der die eine Art aufhört und
die andere anfängt ? Die Methode des Denkens ist die gleiche.

Jena Karl Heussl

Jaspers, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München:

Piper [1949]. 349 S. 8°. Lw. DM 13.50.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste, „Welt-
geschichte" überschriebeneTeil (S. 13—105) sucht einen Uber-
blick über das Ganze des Geschiciitsverlaufs zu gewinnen.
Das entscheidende Phänomen ist für Jaspers die Achsenzeit,
jene vor und nach 500 v. Chr. liegende, China, Indien, den
Iran, Israel und Griechenland umfassende Geschichtsperiode,
der Konfuzius und Laotse, die Upanischaden und Buddha,
Zarathustra und die israelitischen Propheten, sowie die Dich-
tung und Philosophie Griechenlands angehörten. „In diesem
Zeitalter wurden die Grundkategorien hervorgebracht, in
denen wir bis heute denken." Von der Achsenzeit her gesehen
ergibt sich für Jaspers die Struktur der Weltgeschichte, deren
Hauptabschnitte (die Vorgeschichte, die alten geschichtlichen
Hochkulturen, die Achsenzeit selbst und ihre Folgen, das
Spezifische des Abendlandes, Orient und Okzident) näher
charakterisiert werden. — Im zweiten Teil, der weitaus die
Hauptmasse des Buches einnimmt (8.107—284), handelt
Jaspers über,,Gegenwart und Zukunft", nämlich das,,schlecht-
hin Neue", das mit Wissenschaft und Technik der Moderne
gegeben ist, die gegenwärtige Situation der Welt (die Be-
deutung der aufsteigenden Massen und die Auflösung der über-
lieferten Werte), schließlich die Frage nach der Zukunft, näm-
lich das Ziel (die Freiheit) und die Grundtendenzen (Sozialis-
mus, Welteinheit, Glaube). — D?r dritte Teil (S. 285—340),
der eine Art Ergänzung zu dem Vorangehenden darstellt, aber
eine höchst bedeutsame, handelt „vom Sinn der Geschichte",
nämlich von den Grenzen, den Grundstrukturen, der Einheit
der Geschichte, dem modernen geschichtlichen Bewußtsein,
sowie der Uberwindung der Geschichte.

Das allgemeinverständlich und fesselnd geschriebene Buch
ist von großem Gedankenreichtum und ruht auf umfassender
Belesenheit. Es will einen Aspekt der auf dem Erdenrund im
gegenwärtigen Augenblick erreichten geschichtlichen Situation
gewinnen, um so „das Gegenwartsbewußtsein zu erhellen und
zu steigern". Dies Ziel hat Jaspers ohne Frage erreicht. Er-
schütternd sind die Ausführungen über die Gefahren, in denen
die Menschheit gerade im gegenwärtigen Moment schwebt,
insbesondere durch die politische Entwicklung (Bedrohung
der Freiheit), wie durch die Dämonie der Technik (absicht-
liche oder unabsichtliche Explosion des Erdballs). Die Rettung
liegt nur in der Ethik; „es muß der Mensch als solcher ver-
läßlich werden" (S.262). Der Zweifel an den heutigen Kirchen
braucht nicht die biblische Religion zu treffen; Jaspers hält
vielmehr für wahrscheinlich eine „Verwandlung [der Kirchen!
in der Wiederherstellung der biblischen Religion" (S.281) und
hält für gewiß, „daß im Bezug unseres Glaubens auf die bib-
lische Religion zuletzt die Entscheidung über die Zukunft
unseres abendländischen Mcnschsems liegt" (ebd.). Auch mit
der für seine Geschichtsphilosophie sehr wichtigen Annahme
der Einheit des Menschengeschlechts verficht Jaspers eine
„Glaubensthese" (S.17), die sich mit biblischen Vorstellungen
verträgt; freilich was sich über die Erschaffung des Menschen
nach dein Ebenbilde Gottes, über die Einheit der Menschen
in Adam, über den Sündenfall, über die Hndvollendung aus-
sagen läßt, sind alles nur „Symbole, keine Realitäten" (S. 18).
Der christliche Glaube ist auch nicht der Glaube der Mensch-
heit, sondern „ein" Glaube; es ist also nicht an dem, was
Hegel sagte, daß alle Geschichte zu Christus hingeht und von
ihm herkommt (S.ia). Das paßt nicht zur These der Achsen-
zeit. So steht eigentlich Jeremia über Jesus.
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