Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 11

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Stimmung bestimmt also die Beurteilung des Stoffes im ganzen 1 B. hat an semer Ethik im Auftrage des altpreußischen
und seine Auswahl im einzelnen. K.s Tagebücher sind ihr ,,Be- Bruderrates von 1940 bis zu semer Verhaftung im April 1943
kpmifniooo Aia „it, n^i,„«,oti+p VilpihpnHpr innerer Kultur fort- Gearbeitet, nicht in fortschreitendem svstem.nti

una seine Auswahl im einzelnen. js..s lageuucuci »um mi
Kenntnisse, die als Dokumente bleibender, innerer Kultur fort
leben und der Nachwelt Wichtiges zu künden haben" (5),
aber darüber hinaus „Dokumente vom Ringen des Menschen-
gpistes um letzte Fragen"; ,,durchbebt von den unterirdischen
Kräften einer europäischen Kulturkrise" (6). K. „gehört zu
den großen Anregern der Menschheit, die vorwärts drängen,
beunruhigen, rebellieren und dem Kulturleben neue Triebe
geben" (18).

Daß damit weder eine Weiterführung noch eine Vertiefung des Verständ-
nisses K.'s gegeben Ist oder auch nur angestrebt wird, liegt auf der Hand. Die
Forschungen Eduard Geismars, der zweimal dankbar zitiert wird (9 u. 14),
■Markieren den Standort der Herausgeberin. Ob sie freilich selbst die von dort
zu gewinnende Einsicht in das, was K- „Existenz" nennt, erreicht, bleibt frag-
lich, wenn sie ihn als einen Philosophen kennzeichnet, „der den Mut hat, der
Unvollkommenheit ins Gesicht zu sehen. Denn wir sind nur Menschen, die
strebend sich bemühen"! (18). Immerhin darf man sagen, daß, obwohl von
solchem Idealistisch-humanen Standpunkt aus befragt, K. selbst — sozu-
sagen über den Kopf seiner Auslegerin hinweg — die Gesprächsführung an
sich zu reißen vermag.

„Die Auswahl bedeutsamer Stücke aus dem reichen, wildblühenden Ge-
dankengarten (!) ihrer schönen, reinen und oft auch schwermütigen Lebensfülle"
(5) wird nicht chronologisch, sondern sachlich getroffen unter den Rubriken:
„über mich selbst", „Liebe", „Vom vielgestaltigen Leben", „Gott und die
Welt", „Christentum", „Philosophie", „Aphorismen" und in einem besonders
umfangreichen, bunten Abschnitt „Variationen über verschiedene Themen"
('62—203), die Fragen des religiösen, ethischen, kulturellen und politischen
Lebens anrühren. Stichproben erweisen die Übersetzung als zuverlässig und
sinngetreu. Auch wenn diese Ausgabe naturgemäß an die von Hermann Ulrich
(Hochweg-Verlag 1930) und Th. Haecker (2. Aufl. Heger 1941) besorgten (vgl.
ThLZ 1948, Nr. 5, Sp. 299f.) in keiner Hinsicht heranreicht, so wird sicherlich
mancher Leser sich zum Studium der Hauptwerke K.s anregen lassen. Gerade
so wäre der Herausgeberin „wesentliches Ziel erreicht" (5).

Jena Gerhard Gloege

Schaaf, Julius Jakob: Über Wissen und Selbstbewußtsein, in Form
einer Auseinandersetzung mit der grundwissenschaftlichen Philosophie.
Stuttgart: Dr. Roland Schmiedel 1947. 176 S. 8°. DM4.—.

Der Verf. bietet eine kritische Auseinandersetzung mit
der Logik und Erkenntnistheorie Joh. Rehmkes, in der er auch
gelegentlich die ontologische Problematik des Wissensmonis-
mus der „grundwissenschaftlichen Philosophie" berührt.

Das nicht besonders klare und umständliche Gespräch
mit Rehmke konzentriert sich auf die Interpretation des Wis-
sens und des Selbstbewußtseins. Das Wissen wird als „be-
ziehungsloses Haben" in Übereinstimmung mit Rehmke ver-
standen, während Rehmkes Deutung des Selbstbewußtseins
abgelehnt wird. In Auseinandersetzung mit P. Linke und im
Anschluß an Gedanken Th.Haerings wird die Möglichkeit und
Wirklichkeit des Selbstbewußtseins dadurch gekennzeichnet,
daß auf das „Einheitserlebuis" hingewiesen wird, „in dem wir
nicht nur das ungeschiedene Wesen unseres Wissens erleben,
sondern auch dessen ursprüngliche Wirklichkeit, die alle andere
Wirklichkeit gnoseologisch erst begründet und als Maßstab
alles Seienden dient" (S. 170).

Kiel M.Redeker

ETHIK

Bonhoeffer, Dietrich: Ethik. Zsgst. u. hrsg. von Eberhard Bethge.
München: Chr. Kaiser [1949]. 300 S. gr. 8°. Hlw. DM11.—.

Eberhard Bethge hat sich mit der Ordnung und Heraus-
gabe dieser Fragmente zur Ethik den Anspruch auf großen
Dank verdient, nicht nur bei den überlebenden Freunden,
Gefährten und Schülern des am 9. April 1945 nach zwei-
jähriger Haft von der Gestapo ermordeten Verf.s, sondern bei
all denen, denen daran liegt, daß das gute Erbe der Jahre
von 1933—1945 in unserer evangelischen Kirche und Theologie
weiterwirken möchte. Daß zu diesem Erbe auch Dietrich
Bonhoeffers so jäh abgebrochenes Lebenswerk Erhebliches
beizusteuern hat, sein Wirken als kirchlicher Erzieher und
Lehrer im vornehmsten Sinne des Wortes wie als theologischer
Schriftsteller von außerordentlicher Gegenwartsnahe und
Wirklichkeitsbezogenheit, ist dein Kundigen kehl Gegenstand
des Zweifels und mag vielleicht manchem von denen, denen
B. auf der Höhe des Kirchenkampfes als radikaler und enger
Vertreter einer bestimmten Gruppe erschien, an der Weite
dieser Ethik und ihrer oft fast prophetisch wirkenden Offen-
heit für die Fragestellungen und Aufgaben unserer Tage
nachträglich deutlich werden.

----------- ■ —»..ung uii npui 1943

gearbeitet, nicht in fortschreitendem systematischem Schaffen,
sondern, wie es seine Art war, indem er bald da, bald dort die
Dinge anpackte und seine Überlegungen ein Stück vorwärts
trieb, dann an anderer Stelle die Arbeit wieder aufnahm, nun
vielleicht in neuer Sicht und mit neuen Formulierungen zu
Früherem zurückkehrte, um schließlich einmal aus dem allen
das Ganze zusammenfügen zu können. Der Herausgeber, so eng
er auch mit der Arbeitsweise und den Gedanken seines Freun-
des vertraut war, hat nicht versucht, dies nun einmal nicht
zustandegekommene Ganze uns vorzutäuschen. Lediglich in
der Anordnung der losen Fragmente, in einigen als seine Zutat
kenntlich gemachten Überschriften, in kurzen Bemerkungen
über den Zustand des Manuskriptes und in der Beigabe einiger
aufschlußreicher Briefauszüge ist seine Hand zu spüren. Hin-
sichtlich der Reihenfolge der ersten Kapitel konnte er sich bei
seinem Ordnungswerke einer Dispositionsskizze B.s von 1940
bedienen, die übrigens, zusammengenommen mit den verschie-
denen von B. erwogenen Titelmöglichkeiten, einen guten Ein-
blick in die Absichten des Verf .8 gibt. Wollte er in einem ersten,
„Grundlagen" genannten Teil, von dem offensichtlich das
meiste vorliegt, von der Ethik als Gestaltung, von Erbe und
Verfall, von Schuld und Rechtfertigung, von Kirche und Welt,
Christus und den Geboten, von den vorletzten und letzten
Dingen und von dem neuen Menschen handeln, so sollte der
zweite, „Aufbau" genannte Teil, sehr rasch in die Weiten des
öffentlichen und Gemeinschaftslebens führen und hätte — noch
deutlicher als die Fragmente es schon tun — dem Leser gezeigt,
daß dem Ethiker Bonhoeffer der Auf bau des persönlichen Lebens
nur eine — freilich sehr wichtige — Sache im Rahmen einer
christlichen Ethik war, d aß dieser aber im übrigen durch die Fra-
gen des Auf baus der Stände und Ämter, der Gemeinschaften, der
Kirche, des christlichen Lebens in der Welt ausgefüllt worden
wäre. B.s „Versuch einer christlichen Ethik" hätte also die
Grenzen einer Individualethik gesprengt. Schon was wir vor-
liegen haben, zeigt mit erfrischender Klarheit, wie stark und mit
welch getrostem Mut der evangelische Christ und Theologe B.
den öffentlichen Dingen im weitesten Sinne des Wortes zu-
gewandt war, — bei einer gleichzeitig fast überfeinen und
minutiösen Durchdenkung ganz individueller ethischer Pro-
bleme (vgl. z. B. in dem sehr dankenswerten Anhang, der amt-
liche Gutachten und sonstige ungedruckte Materialien B.s
enthält, den — schon früher Gesagtes neu aufnehmenden —
Aufsatz: „Was heißt: Die Wahrheit sagen?"). Für den, der
B. persönlich gekannt hat, hat es etwas Beglückendes, in
dieser Eigenart des Buches den Menschen B. mit der für ihn
so bezeichnenden Verbindung von warmherziger menschlicher
Aufgeschlossenheit für den Nächsten und fast leidenschaft-
lichem persönlichen Beteiligtsein am Werden und der Zukunft
der öffentlichen Dinge in Kultur, Politik, Kirche wiederzu-
finden. Nicht jedem Ethiker war und ist es gegeben, in seiner
Ethik er selbst zu sein und in seinem Selbst seine Ethik zu
bewähren! — Wir sind heut schon nicht mehr ganz in der
Lage, die Ehrlichkeit und Unerschrockenheit von B.s Ethik
zu erfassen. Er schrieb ja als ein von der Gestapo Beobach-
teter und im Wirken Gehemmter, der darum genau um die Ge-
fahren auch des ungedruckten Wortes wußte. Mit welcher Ge-
lassenheit und Ruhe sind dennoch etwa die Abschnitte über
das Natürliche, in denen es dauernd Stellung gegen die Ver-
fahrensweisen des Staates zu nehmen galt, geschrieben! Mit
welcher Klarheit ist das Ende des damaligen Systems ins Auge
gefaßt und die Aufgabe eines Neuanfanges des „Abendlandes"
umschrieben! Wer sich aus B.s Ethik nur darüber unter-
richten wollte, wie sich in den entscheidenden Jahren ein
mannhafter evangelischer Christ in Deutschland zum damals
gegenwärtigen Geschehen gestellt und auf das damals Zu-
künftige gerüstet hat, der würde bei dem Buche reichlich auf
seine Kosten kommen.

Wir hoffen freilich, daß es mehr sein dürfte als ein wich-
tiges und beachtenswertes zeitgeschichtliches und autobiogra-
phisches Dokument, daß es auf die Dogmatik und Ethik, die
heut getrieben und geschrieben wird, Einfluß gewänne, auch
wenn die an vielen Stellen au sich notwendige Auseinander-
setzung und Klärung über Einzelfragen im Gespräch mit dem
Autor nicht mehr möglich ist. Mir scheint in der völligen
Christusbezogenheit dieser christlichen Ethik, in ihrer Freiheit
von allen philosophischen Direktiven, in der klaren Erkennt-
nis, daß Christ und Christenheit einer von Gott abgefallenen,
aber von ihm geliebten Welt zu dienen haben, die besonderen
Vorzüge des B.schen Versuches zu liegen. Ich könnte mir auch
vorstellen, daß manche der B.schen Ausführungen, etwa über
das Gewissen, oder über Gebot und Mandate u. a., gerade
weil sie an verschiedenen Stellen des Buches geschehen
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