Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 11

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hang stehen, daß das Widersprechende, die im Neuen Testa-
ment unzweifelhaft vorhandenen Antinomien vielleicht etwas
verdeckt werden — denn es ist hier nicht alles so „clair, precis,
formel", wie M. will (7) —, so etwa die Antinomie zwischen der
biblischen Betonung des ganzen Menschen und dem körper-
losen Sein mit Christo nach dem Tod. Auch gerade hinsichtlich
dieser Körperlosigke it sind die Vorstellungen im Neuen Testa-
ment keineswegs einheitlich; denn die „Seelen" von Off.
6, 9 und 20, 4, die M. mit hierher rechnet, sind offenbar nicht
körperlos vorgestellt (6, n!).

Im einzelnen wäre noch folgendes zu bemerken:

1. Die Auswirkung des griechischen Unsterblichkeits-
glaubens im Leben dürfte (in Abhängigkeit von A. J. Festu-
giere) doch etwas unterschätzt sein; denn für die Gläubigen
der Mysterienreligionen war das Teilhaben an der Wieder-
belebung des Kultgottes und für die esoterischen Kreise der
beginnenden Gnosis der Weg der Vergottung doch zweifellos
von existentieller Bedeutung (vgl. u. a. E. Rohde, Psyche910
II 398ff.). Auch die hellenistischen Auferstehungsvorstellun-
gen, die in den Religionen des Asklcpios und des Mithras nicht
nur eine untergeordnete Rolle spielen (vgl. z. B. ThW I 369L;
Pauly-Wissowa RE XV 2141; Rohde a.a.O. 400 Anm. 1),
hätten nicht außer Betracht bleiben dürfen; das heißt das
Bild ungeschichtlich vereinfachen.

2. Umgekehrt erscheint es fraglich, ob im Alten Testa-
ment wirklich die Vorstellung eines totalen Endes des Men-
schen im Tode vorherrscht; denn selbst im Buche Koheleth
steht neben 12, 7 das Wort 9, 10, in dem doch eine Fort-
existenz der Toten vorausgesetzt scheint. Darum ist es kaum
richtig zu sagen (23): „Wenn etwas vom Menschen übrig
bleibt"; denn in der Scheol handelt es sich offenbar um eine
Fortdauer des ganzen Menschen, nicht nur der Seele, wenn
auch nur als Schatten. Aber ein gewisses Leben herrscht doch
auch dort; man kann die Stimmen der Toten gelegentlich
hören (so Jer. 31, 15; Jes. 29, 4); darum kann man sie auch
befragen (Dt. 18, ii; Jes. 8, 19), und daß es sich hier nicht
nur um heidnischen Wahn oder Betrug handelt, zeigt 1. Sam.
28. Die lebendigste Schilderung dieses Totenlebens bietet die
Dichtung von Jes. 14. Aber es fehlt im Alten Testament auch
nicht der Ausblick auf eine ganz andere Welt und eine ganz
andere Existenz, als es das freudlose Leben in der Scheol ist;
solche Ahnungen verraten schon die Entrückungsgeschichten
von Henoch und Elia, vor allem aber die Aussagen einer Auf-
erstehungshoffnung, die man doch nicht nur in Dan. 12, 2,
sondern auch Hos. 6, 2; Ps. 49, 16 und besonders Jes. 25—27
(vor allem 26, 19) ausgesprochen finden darf.

3. Was das Judentum anlangt, so ist es doch etwas ein-
seitig gezeichnet, wenn man hier nichts als eine materielle
Hoffnung auf eine Auferstehung des Fleisches finden will. M.
(28) geht allzu flüchtig über einige Aussagen hinweg, in denen
von der Stunde der Erneuerung des Alls und des Menschen ge-
redet wird und so eine geistigere Auffassung vom Zustand des
Menschen nach der Auferstehung zum Ausdruck kommt, und
zwar ohne die Stellen anzugeben (die sich etwa bei Bousset-
Greßmann, Die Religion des Judentums 274 u. 276ff. finden).

4. Wenn M. in den Auferstehungsgeschichten der Evan-
gelien spätere Vergröberungen des ursprünglichen Kerygmas
findet (36), so ist es fraglich, ob er der realistischen Schau des
Neuen Testaments wirklich gerecht wird. Weiter: ist es glück-
lich, von einer Auferstehung in zwei Etappen zu sprechen,
von denen die erste — „partielle" — aber „reelle" — die Neu-
schöpfung des Menschen durch Geist und Taufe bezeichnen
soll (33) ? Bleibt bei der Neigung zur Apokatastasis-Lehre und
ihrer Verkopplung mit der Fegfeuervorstellung (49) der ganze
Ernst des Kerygmas erhalten? Kann man „historisch" und
„eschatologisch", so wie M. es tut (s.obenl) (gg. E.), in Oppo-
sition zueinander setzen? Ist der Nachweis (i8ff.), daß yivxv
im Neuen Testament nur „Lebe'wesen, Leben" bedeute und
nicht „Seele", wirklich möglich? Ist die Anwendung von
ägaaßwv bei Paulus richtig gesehen (34) ? (Der von den Christen
empfangene Geist ist doch nicht ein Angeld für den vollen
Geistempfang am Ende; sondern die volle Gabe des Geistes
(Joh. 3, 34!) ist Angeld für alle eschatologischen Gaben, die
dem Christen am Ende zuteil werden.)

5. An manchen wichtigen Stellen vermißt man die Be-
lege, so zu den rabbinischen Diskussionen über die Auf-
erstehung (28) und für die rabbinischen Aussagen vom neuen
Leib (29). — Die deutsche Literatur ist (von Strack-Billerbeck
abgesehen) weder berücksichtigt noch zitiert; das ist vielleicht
bezeichnend für die Zeit der Veröffentlichung: 1945

Erlangen Gustav Stahlfn

MalWOrm, Joseph: Die Familie Jesu. Münster: Regensberg [1948]. 24 S.
8°. DM 1.—.

„Dreimal kommt im Stammbaum [des Matthäus] das Oesetz der
Schwagerehe in Geltung, nämlich bei Obed, Salathiel und Joseph" (S. 5). Die
Joh. 19, 25 genannte Frau des Kleophas muß „eine Schwester [der Maria] im
weiteren Sinne sein", nämlich eine Schwägerin der Maria, deren Kinder „daher
auch Brüder und Schwestern Jesu" heißen (S. 16). „Die Mutter des Herren-
bruders Jakobus, die Maria Jakobi, ist als die Frau des Kieophas bekannt"
(S. 21). Die „Frau als Schwester" (1. Kor. 9, 5) ist eine „Haushälterin" (S. 23).
Man sieht: das Büchlein dient erbaulichen Zwecken und geht dabei in den
Geleisen traditioneller katholischer Apologetik.

Göttingen Joachim Jeremias

St rat Ii man tl, Hermann, Prof. D.: Das Neue Testament. Seine kirchliche
Bedeutung. Seine Gestalt. Seine Entstehung. Gütersloh: Der Rufer. Evang.
Verlag [1948]. 31 S. 8°. DM 1.20.

Auf diesen wenigen Seiten behandelt Str. in der Einleitung
„die Bedeutung des NT für die christliche Kirche", dann die
Evangelien, die Paulusbriefe, die katholischen Briefe, die
Apostelgeschichte und die Apokalypse des Johannes; den Ab-
schluß bildet ein Kapitel über die Entstehung des NT's.

Das Ganze ist meisterlich geschrieben, wie eben em ge-
diegener Sachkenner es nur tun kann, um Nicht-Theologen in
die vielfache Problematik und den Fleiß der Forschung in all-
gemeinen Umrissen hineinschauen zu lassen. Das Rätsel des
Nebeneinander der vier Evangelien, die Eigenart des pauli-
nischen Schrifttums, die strittigen Fragen um Epheserbrief,
Pastoralbriefe, Hebräerbrief und die katholischen Briefe wer-
den kurz gestreift; aber vornehmlich werden Zeitverhältnisse
und Glaubensanliegen knapp und doch treffend charakte-
risiert. Auch was von der Entstehung des Neutestamentlichen
Kanons gesagt wird, ist von den wichtigsten Punkten gesehen
und gibt im allgemeinen eine gute Orientierung. So kann man
sich dieser Gabe nur dankbar freuen, die mit großem Geschick
geschrieben ist. Die allerwichtigsten Fragen der Kritik smd
nicht vermieden, ohne daß das an Positivem Gebotene zu kurz
kommt. Für interessierte, denkende Laien eine freilich nur
erste, aber ausgezeichnete Einführung.

Jena Herbert Prelsker

KIRCHE ^GESCHICHTE: NEUZEIT

Seaver, George: Albert Schweitzer als Mensch und als Denker. Göt-
tingen: Deuerlich [1950]. 393 S. m. 17 Bildtaf. gr. 8°. Hlw. DM14.80.

Lind, Emil: Albert Schweitzer zum75. Geburtstage. Speyer: o. Dobbeck

1950. 84 S. m. 1 Taf. u. Abb. 8°= Schriftenreihe: Albert Schweitzer H. 1.

DM2.— ; Lw. DM3.50.
Horstmeier, M.: Albert Schweitzer. Ein Wegweiser der Kulturerneue-

rung. Berlin: Comenius-Veriag 1949. 43 S. m. 1 Kt. 8°= Comenius-Bücher

Bd. 101. Kart. DM 2.40.

Englische Bücher über Schweitzer sollen nur dann ins
Deutsche übersetzt werden, wenn sie ihren Wert haben neben
der allmählich angewachsenen deutschen Literatur über ihn.
Das ist aber bei Seavers Werk der Fall. Auch er ist Theologe
und auch er war jahrelang in Afrika, im Südosten, nicht als
Missionar, sondern als Verwaltungsbeainter, ist oft wochenlang
nur unter Negern gewesen. Schweitzer hochschätzend stimmt
er auch seiner Theologie weithin zu; sein Bild von Jesus sei
das glaubwürdigste und folgerichtigste (S. 238), vergleichbar
dem des Bildhauers Epstein, den man freilich in Deutschland
wenig kannte. Schweitzers „Mystik des Paulus" stellt er noch
höher als seine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Daß
Seaver, soweit er Kritik übt, uns die nicht im einzelnen vor-
trägt, wird man billigen, da er nicht über seine eigene Theo-
logie, sondern über Schweitzer berichten will. Dieser I-at in
England, neben selbstverständlichem Widerspruch, auch : onst
schon früh viel Zustimmung gefunden, bei Burkitt und '-'r'uday
(nur daß letzterer sie später zurückzog; ihm war Seh-., itzer
willkommen gewesen als Bundesgenosse gegen das „Ii e:ale"
Jesusbild).

Erwähnt Seaver auch die Aufnahme des We.ks in
Deutschland, so würde ich da nicht sagen. Jülicher sei be-
sonders verärgert gewesen. Wer diesen kannte, weiß, wileicht
er sarkastisch wurde, aber auch, daß er in wissenschaftlicher
Auseinandersetzung sehr sachlich war.

Seavers Buch hat zwei fast gleichlange Abschnitte:
Schweitzer als Mensch und als Denker; der erste g bt die
Lebensgeschichte bis zur Gegenwart, der zweite den Inhalt
der Hauptwerke (wobei aber das Christentum unel die Welt-
religionen kaum beachtet werden; auch von der Arbeit über
Kants Religionsphilosophie gewinnt man kein genaues Bild).
Die Ubersetzung liest sich gut; bisweilen sind Irrtümer des
Verf.s berichtigt. Was über Schweitzer als Musiker und Bach-
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