Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeituug 1950 Nr. 10

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in zahlreichen Variationen untersucht und dadurch übersicht-
lich geworden. Es geht also heute in keiner Weise mehr an,
Hrri* Un^ ^rrsuln" (Lombroso) oder „Epilepsie und Ekstase"
(K. Oesterreich) in einem Atemzuge zu nennen. Hier darf
saubere Arbeit mit größtem Nachdruck gefordert werden.
. 2- Schon seit 20 Jahren hat J. Seierstad (seit 1948 o. Prof.
in Oslo) die eben gekennzeichnete wissenschaftliche Situation
durchschaut und uns eine Reihe wertvoller, sehr anerkannter,
zum Teil auch ins Deutsche übersetzter (ZAW 1934, hrsg. v.
J. Hempel) Arbeiten zur alttestamentlichen Prophetie ge-
schenkt. Nunmehr hat er den obigen Band vorgelegt, als ersten
Teil eines großen Werkes über die Propheten (Inhaltsangabe
S. 10 Aura.).

Die Eigenart dieser Arbeit ist dadurch gekennzeichnet,
daß hjer erstmalig in der alttestamentlichen Forschung Ernst
gemacht wird mit den Ergebnissen der modernen Religions-
psychologie, allgemeinen Psychologie, Psychotherapie und
Psychiatrie. Sorgfältig, Schritt für Schritt, bahnt sich S. seinen
schweren Weg durch die zahlreichen, zum Teil überaus kom-
plizierten Fragestellungen.

Der Verf. ist sich der Größe seiner Aufgabe durchaus be-
wußt: ,,Wenn die Aufhellung dieses Zentralbereiches gelänge,
würde das von erheblicher Bedeutung sein". Als Leitwort
stellt er einen Satz von E. v. Dobschütz voran: ,,Its highest
inerit consists, not in originality, but in the sureuess with which
the right thing is seized".

Der Aufbau der Untersuchung ist übersichtlich. Zunächst
wird die Aufgabe verdeutlicht, sodann der Weg zur Lösung
dieser Aufgabe dargestellt. Hierbei wird die Geschichte der
Forschung, wie auch die Methodik erörtert (S. 9—40). Das erste
Kapitel behandelt das Erlebnis der Berufung (41—114), das
zw-eite die subjektiven Voraussetzungen des prophetischen
Offenbarungserlebnisses (115—155). das dritte die Erlebnis-
grundlage der Offenbarungsvermittlung im allgemeinen (156
bis 220), das vierte das Kriterium des Wortes Gottes (221 bis
236), das fünfte die persönliche Aneignung des Offenbarung.s-
Wortes (237—245). Ein Literaturverzeichnis schließt die Arbeit
ab (246—251).

3. Die Beschränkung auf die genannten drei Propheten
wird begründet damit, daß hier die alttestamentliche Prophe-
tie „in ihrer reinsten und höchsten Blüte uns begegnet", hier
aber auch die sachlich ergiebigste und textlich sicherste Be-
zeugung der uns hier interessierenden Erlebuisabläufe vorliegt
(11). Das Ziel des Verf.s ist vielleicht am deutlichsten S. 40
ausgesprochen: „Die Quellen geben uns nur bruchstückweise
Einblick in das innere Leben der Propheten. Aufgabe der Deu-
tung ist es aber, ein ganzheitliches Bild zu geben. Das ist nur
möglich, wenn man Vorgänge und Gebilde analoger seelischer
Struktur kennt, die es erlauben, von dieser aus das in den
Quellen bruchstückweise zum Vorschein Kommende in ihrem
seelischen Zusammenhang und Verlauf zu rekonstruieren."

Kap. I: Nachdem die Quellen zu Worte gekommen sind, werden die
Psychischen Formen des Erlebnisvorganges sorgfältig untersucht (52ff.). Be-
reits hier überrascht der Verf. durch eine erstaunliche Kenntnis der modernen
Psychologie, wie sie mir ähnlich noch bei keinem Exegeten, geschweige denn
Alttestamentlcr begegnet ist. Als Ergebnis wird festgestellt, daß die propheti-
schen Erlebnisse mit Sicherheit weder unterwache Zustände (Schlaf, Traum,
Hypnose) meinen, noch auch ekstatische, sondern daß es Vorgänge des geistigen
Wachbewußtseins, vielleicht gelegentlich der Exaltation, sind. Das ist eine
weittragende Erkenntnis, man denke etwa nur an die Bedeutung, die dem
Bewußtsein in der Philosophie Hegels zuerkannt wird. In ständiger Ausein-
andersetzung mit der internationalen exegetischen Literatur wird sodann „die
Gotteserfahrung in der Berufung" behandelt (82ff.). Besonders eindrucksvoll
■st die Analyse des Tempelgesichts des Jesajas (91 ff.): mit „Mystik" haben
diese Vorgänge nichts zu tun (102f.); sie entspringen vielmehr einer besonders
gearteten Offenbarung der Heiligkeit Gottes (100f.).

Kap. II: Werden die „subjektiven Voraussetzungen" (s. o.) aufmerksam
studiert, so ergibt sich eine Fülle neuer Erkenntnisse: nicht nur die Individualität
der einzelnen Propheten tritt überraschend plastisch hervor; auch die Eigen-
art ihres Glaubens, ihrer persönlichen Einstellungen wird deutlich (116f.); die
Analyse ihrer Bildersprache gewährt uns Einblick in die seelische Verfassung
und Entwicklung einzelner Propheten. Auch die psychische Umstellung durch
die Berufung wird uns nahegebracht (125f.). Hier scheint mir der Ertrag an
neuen Einsichten besonders reichhaltig zu sein: vgl. besonders S. 146f.,
153, 155.

Kap. III: Sehr eingehend untersucht der Verf. nochmals (cf. S. 74f.)
den Begriff des Ekstatikers. Hier werden auch prinzipielle Erkenntnisse er-
arbeitet, die für alle Geschichtsdeutung gelten dürften: S. 158, 163, 167 (cf.
auch 193f., 207, 212, 217f., 227). Die absurden Konsequenzen der alten Theorie
von der Ekstase der Propheten werden scharfsinnig aufgewiesen (S. 167, 169,
175). Die Form der Gottesrede (S. 193ff-) darf nicht dazu verleiten, von „Be-
sessenheit" zu sprechen. Selbst dieser schwierige Begriff (vgl. die sehr unzu-
reichende Monographie dieses Namens von K. Oesterreich, 1921) wird psycho-
logisch hervorragend definiert (S. 185).

Kap. IV und V, die beiden letzten Kapitel: die eigentümliche geistige
Suprematie des Wortes Gottes ist das entscheidende Kriterium der Pro-
pheten (S. 221—237). Die persönliche Aneignung ist der religiöse Quellpunkt,
„von dem aus die Linien der prophetischen Lebensgestaltung sich entfalten"
(S. 245).

4. Wir konnten hier die Eigenart der vorstehenden Unter-
suchung nur in wenigen Linien andeuten. Unsere Hinweise
werden aber hoffentlich auch dem psychologisch nicht ge-
bildeten Theologen einen Zugang zu diesem reichhaltigen
Werk erleichtern, das wir mit besonderer Dankbarkeit in
deutscher Sprache lesen. Die historisch-philologische Inter-
pretation der alttestamentlichen Texte zu beurteilen steht
mir natürlich nicht zu. Doch erscheint es höchst unwahr-
scheinlich, daß ein Werk, das mit derartiger Präzision, mit un-
gewöhnlichem Scharfsinn und erstaunlicher Energie die mei-
nem Urteil zugängliche seelische Seite des ganzen Problems be-
arbeitet hat, nach einer anderen, nicht im gleichen Maße kon-
trollierten Seite hin Mängel aufweisen könnte. Bewunderung
erfüllt uns immer wieder gegenüber der Sorgfalt, mit der der
Verf. an seine schwere Aufgabe herangetreten ist; aber auch
gegenüber der Meisterschaft, mit der er die einschlägigen Pro-
bleme des höheren geistig-seelischen Lebens beherrscht. Wo
ihm die exakte Religionspsychologie noch keine Antwort zu
bieten vermochte, hat er sich selbständige und (wie mir
scheint) fast durchweg glückliche Lösungen erarbeitet. Eine
so feinsinnige religionspsychologische Auslegung und Deutung
kann natürlich nur von jemand widerlegt oder weitergeführt
werden, der die gleichen oder bessere psychologische Kennt-
nisse, als der Verf., nachzuweisen vermag. Aber damit dürfte
es gute Weile haben. Man möchte dem Verf. einen bedeuten-
deren Lehrstuhl wünschen, von dem aus er die suchende theo-
logische Jugend der weiten Welt noch zweckmäßiger mit
seinen reichhaltigen Erkenntnissen belehren könnte.

Prinzipiell wichtig ist noch em anderes Ergebnis: S. hat
den durchschlagenden Beweis dafür geliefert, daß eine ver-
tiefte Kenntnis der Frömmigkeit und die Anwendung wissen-
schaftlich gesicherter religionspsychologischer Begriffe tat-
sächlich in der Lage sind, eine reichhaltigere Erschließung
längst bekannter Quellen zu ermöglichen. Bereits K. Girgen-
solm war von der Richtigkeit dieser These völlig überzeugt.
Nachweisen aber konnte (nach weniger geglückten anderen
Versuchen) diesen schwerwiegenden, auch für alle Geschichts-
deutung wichtigen Satz erst J. Seierstad. Die mühsame Detail-
forschung der exakten Religionspsychologie hat damit ihren
höchsten Lohn erhalten. Durch diese Leistung ist unserer
Arbeit eine wegweisende Rolle in der Geschichte der psycho-
logischen Forschung gesichert. Sie wird voraussichtlich als
sechstes Buch in der Internationalen Reihe bedeutender reli-
gionspsychologischer Werke aufgenommen werden.

Uber den rein wissenschaftlichen Wert der Untersuchung
geht ihr reicher religiöser Gehalt hinaus. Es ist wahrhaft be-
freiend, eine Prophetie kennenzulernen, die von den eben so
düstern wie psychologisch plumpen Theorien der älteren Reli-
gionsgeschicntler gesäubert ist; es erfüllt mit Dankbarkeit
gegenüber dem Verf., wenn wir uns mit sicherer Hand in die
wunderbar tiefe Innigkeit und hohe Geistigkeit des prophe-
tischen Erlebens hineingeführt sehen. Seit meiner Studenten-
zeit habe ich keiner alttestamentlichen Untersuchung soviel
zu verdanken gehabt, wie der vorstehenden. Sehr zu wünschen
wäre, daß der Verf. neben dem Abschluß seiner wissenschaft-
lichen Studien uns auch ein allgemeinverständliches Buch über
die Propheten schenkt, welches weitesten Kreisen der Ge-
nieinden den Zugang zu seinen wertvollen Erkenntnissen
ermöglichen würde.

Hildesheim Werner Gruehn

Wittenberg, Martin: Habakuk. Zur Auslegung und Erwägung. München:
Verlag d. Ev. Presseverb. f. Bayern 1949. 44 S. gr. 8° = Kirchlich-
Theologische Hefte I. A. der Vereinigten Evang.-Luth. Kirche Deutsch-
lands hrsg. v. Ernst Kinder. H.6. DM 1.50.

Diese Auslegung des kleinen Buches Habakuk ist, wie das
Vorwort sagt, aus der Praxis erwachsen und laut Untertitel „zur
Erwägung" bestimmt. Es soll hier also nicht eine wissenschaft-
liche These über das mit mannigfachen Rätseln beladene Buch
aufgestellt werden; vielmehr schließt sich der Verf., der die
Literatur durchaus übersieht und präsent hat, weitgehend an
Sellin und auch Jepsen an, zitiert aber auch oft Vilmar und
den reformierten Theologen Paul Geyser. Die Arbeit stellt nicht
so sehr eine Auslegung als eine theologische Meditation dar.
Dabei wird das Buch als ein Ganzes gesehen und beurteilt. Auf
diese Weise erscheint Habakuk als der Luctator fortis et rigi-
dus, von Haus aus „etwas kleinbürgerlich, ja spießig geraten",
dem aber aus seiner „Grübelei über Recht und Unrecht in
Gottes Geschichtemachen" heraus- und zurechtgeholfen wird,
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