Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 10

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und dem Gedanken der Ordnung ist sodann die Tragödie.

iv?6 Spannung ist aber auch ein wesentliches Thema der
philosophischen Besinnung von Sokrates bis zur Stoa. Das
rreiheitsbewußtsein dokumentiert sich auch im griechischen
t^otterglauben. Die Eigenart der griechischen Religion ist es,
uberall da das Göttliche anzuerkennen, wo Selbstbewegung,
Seele und Leben wahrzunehmen ist. Die griechische Götter-
welt ist daher ,,die Welt in ihrem Wesensgehalt, die Gesamt-
heit der in ihr wirkenden Kräfte, ist das Leben, geschaut in
einer Fülle erhabener unsterblicher Gestalten" (S. 43; man
denkt dabei an W. F. Ottos „Götter Griechenlands"); denn
zur „plastisch geschauten Persönlichkeit" formt griechisches
Denken die Gottheit (S. 46). Aber die Götterwelt repräsen-
tiert für das Ordnung suchende Denken zugleich die kosmische
Ordnung. Und wieder zeigt sich jene Spannung, indem der
Mensch innerhalb dieser Ordnung die Freiheit der Selbstbe-
stimmung für sich beansprucht. An der Geschichte der griechi-
schen Religion, in der das Dionysische dem Apollinischen ein-
geordnet wird, in der ethisches und rationales Denken den
Mythos destruieren, und in der es schließlich dahin kommt,
».die Fülle der göttlichen Gestalten als Einheit zusammen-
zufassen" (S. 63), läßt sich weiter die Eigenart des griechischen
Geistes ablesen.

In analoger Weise besteht eine Spannung zwischen der
Ergebenheit üi das Schicksal und dem Wollen, zwischen dem
Empfinden der Schwere des Daseins und dem Willen zur
Selbstbehauptung, — eine Spannung, die sich in einem Welt-
gefühl ausgleicht, das sich, jegliches Übermaß scheuend, in
die große Ordnung fügt, die jedem Wesen seine Sphäre zu-
weist. Die Motive, die zu einer Flucht ins Jenseits führen
könnten, werden daher aufgefangen; der Mensch weiß sich auf
das Diesseits bezogen, auch wenn er — wie Platon — an ein
Jenseits glaubt.

Dem Sinn für Ordnung eint sich der Sinn für Gemein-
schaft; jener gibt der Form der Gemeinschaft das Gepräge in
der Polis, wie durch eine Skizze der Staatsformen und der
Rechtsidee illustriert wird. Auch hier besteht die Spannung
zwischen der Ordnung — der politischen — und der freien Per-
sönlichkeit; sie führt zur Krisis und im Hellenismus zur Auf-
lösung der Polis, indem sich ein Individualismus entwickelt,
der sich vom öffentlichen Leben zurückzieht. Parallel damit
geht die Entwicklung, die vom Volksbewußtsein zum Mensch-
heitsbewußtsein führt, und in der sich das hellenische Selbst-
bewußtsein zum Bildungsbewußtsein wandelt. Den positiven
Sinn des hellenischen Individualismus macht der Verf. nicht
nur an der Geschichte der Dichtung und Politik, sondern auch
an der der Wissenschaft eindrucksvoll deutlich. In dieser ent-
faltet sich jenes Denken, das nach klarer Ordnung und be-
stimmter Gestalt strebt, jenes Denken des Augeiimensclien,
das sich um strenge Objektivität bemüht. Es fragt nach der
Ursache, nach dem allgemeinen Gesetz, nach der Gattung, dem
Wesen, und ebenso nach der Gestalt und der inneren Struktur
des Phänomens. Die Begriffe köyos und cpvou gewinnen ihren
bedeutungsvollen Sinn, und die Hellenen werden zu den Be-
gründern der Natur- und Geschichtswissenschaft, wobei diese
in ihrer Methode jener analog ist.

Die Griechen werden aber auch zu den Begründern der
Philosophie, die, zunächst auch durch den Begriff der cfion
geleitet, das Wesen und die Struktur des Kosmos wissenschaft-
lich erforschend, sich darui auch den Fragen des Menschen-
lebens zuwendet und die Probleme des äyaO-ör und der d^erij
erörtert. Echt griechisch ist der Bezug zum praktischen Leben,
für die klassische Zeit: zum Gemeinschafts-, d.h. zum poli-
tischen Leben, während im Hellenismus der Individualismus
des privaten Lebens weithin das philosophische Fragen be-
stimmt. Echt griechisch dabei die Voraussetzung, daß die
Lebeusgestaltung ihre Klarheit durch das vernunftige Denken
gewinnt, während das Problem des Willens nicht zum Motiv
des Philosophierens wird; erst seit Aristoteles wird das Pro-
blem der Willensfreiheit zum Thema gemacht.

Im Streben nach struktureller Klarheit, nach Maß und
Ordnung ist das Denken und politische Wollen dem ästhe-
tischen Anschauen eng verwandt. Wie „das Sittlichgute zu-
gleich das Schöne" ist (S. 223, vgl. S. 261 ff.; 329L), so herrscht
in der bildenden Kunst ein Schönheitsideal, das durch den
Willen zu „Ebenmaß, fester Ordnung, Deutlichkeit und
Schärfe der Umrisse, klaren Proportionen, einfachen mathe-
matischen Formen" bestimmt ist (S. 247). Der Rhythmus,
der den Gang des kosmischen Geschehens regelt, bestimmt
Poesie und Musik. Symmetrie und Architektonik herrschen in
Dichtung und Prosa, — in dieser dahin wirkend, daß die
wissenschaftliche Literatur unter die Rhetorik gerät. Auch
hier bedeutet der Hellenismus eine Wendung zum Individuell-
Charakteristischen. Der griechischen Auffassung der Kunst

entspricht es, daß sie als Nachahmung der Natur gilt, deren
Lebendigkeit sich dem Menschen in der harmonischen kos-
mischen Ordnung zeigt. Auf der Eingliederung des mensch-
lichen Lebens beruht das „Naturgefühl", das für den Hellenen
charakteristisch ist, und daß ebenso in der Lyrik wie in der
Wissenschaft, zumal in der medizinischen, seinen Ausdruck
findet, während sich ein dem modernen verwandtes Natur-
gefühl erst im Hellenismus ausbildet, nachdem die Distanz
des Städters die bewußte Hinwendung zur Natur hervor-
gerufen hat. Gleichzeitig gewinnt freilich das alte griechische
Verhältnis zur Natur in neuer Form Kraft, nämlich in der
Stoa, in der sich mit der wissenschaftlichen Betrachtung des
Kosmos religiöse Verehrung verbindet. (Wäre hier nicht auch
auf Epikur hinzuweisen ? Daß sich im Epikuräismus ein Natur-
gefühl ausbildet, dürfte doch aus Lukrez hervorgehen, dessen
der Verf. auffallenderweise überhaupt nicht gedenkt.)

Die qivmi ist auch für die Ethik der Leitbegriff, da die df>errj
in der harmonischen Ausbildung der dem Menschen im Gan-
zen des Kosmos zugeteilten eigenen Anlage besteht. „Eudämo-
nistisch" ist diese Ethik nicht in dem seit Kant üblichen und
üblen Sinne, sondern weil ihr Ziel die „Eudaimonie" ist, was
nichts anderes besagt, als daß der dem Gebot der (pvais folgende
Mensch in den ihm angemessenen und als Glück empfundenen
inneren Zustand gerät. So wenig Gebote einer transzendenten
Gottheit vorschreiben, was gut und böse ist, so wenig ist dies in
das subjektive Belieben des Einzelnen gestellt; es folgt vielmehr
aus dem „großen objektiven Lebenszusammenhang, der für den
Menschen unmittelbar gegeben ist, und als dessen Glied er sich
fühlt" (S. 305). Aus der philosophischen Durchdenkung dieser
Situation folgen die Diskussionen über das Gute, über das Ver-
hältnis von Geist und Trieb, über die Tugenden, über das Recht
usw., und aus der Eigenart der Voraussetzungen ergibt sich die
Bedeutung von awtpQoavvi], Sixaiooi'vrj und alSiäs. Selbstverständ-
lich ist der Mensch, um dessen d^ert'j es sich handelt, der in
der Gemeinschaft stehende, so daß sich mit der Entwicklung
der Gemeinschaftsformen die Ethik aus dem Stadium der
Standes- bzw. Adelscthik zur Polisethik entwickelt. Die Span-
nung zwischen Ordnung und Freiheit macht sich alsbald
geltend, und mit der Zersetzung der Polis verfällt natürlich
auch die Polisethik, und mit der Entwicklung des individuellen
Lebensgefühls gewinnt auch die EÜiik den Charakter der Indi-
vidualethik. Doch lebt die alte Tradition insofern in der Stoa
weiter, als hier — unter der Herrschaft des Physisgedankens —
mit der Individualethik zugleich eine Menschheitsethik aus-
gebildet wird.

Irrig ist die klassizistische Vorstellung, daß Handel und
Gewerbe dem Bürger Athens fremd gewesen seien; vielmehr
hatten die Hellenen durchaus einen „ausgeprägten Sinn für
Erwerb und Besitz" (S. 353). Die bei Hesiod lebendige
Schätzung der Arbeit geht freilich dem Adel mehr und mehr
verloren, und auch In der demokratischen Gesellschaft besteht
ein Vorurteil gegen den Erwerb, zumal gegen die Handarbeit.
Das Charakteristische ist aber, daß das Motiv dafür nicht das
Vorurteil einer Klasse ist, sondern jene Polisgcsinnung, die
vom Bürger fordert, daß er, frei über seine Zeit verfügend,
am Leben der Gemeinschaft unbeschwert aktiv teilnehmen
kann. Dazu kommt aber die wachsende Schätzung der Bildung,
aus der ein Lebensideal erwächst, dem gemäß die Erwerbs-
arbeit als niederen Ranges erscheint. Charakteristisch grie-
chisch ist wiederum die Diskussion der Lebensideale. Löst sich
im Hellenismus die Polis und die Polisgcsinnung auf, so ent-
steht als Kehrseite ein dem klassischen Griechentum noch
fremdes Berufsethos.

Nur andeutend kann ich auf die Schilderung der Schätzung
der Frau und des Familienlebens und der Wertung der Sklaven
hinweisen und darauf, wie sich auch hier im Hellenismus ein
Wandel vollzieht. Als charakteristisch sei hervorgehoben, daß
die hier entstehenden Fragen echt griechisch zu Themen der
Diskussion werden, und wie das Sklavenproblem zur Klärung
des Begriffs der Freiheit und — schon bei Platon, dann vor
allem in der Stoa — zur Entdeckung der inneren Freiheit führt.
Schon in früheren Kapiteln hervorgehobene Motive werden in
dem Abschnitt über „das kulturelle Leben und die Gemein-
schaft" weiter ausgeführt. Ich erwähne nur die Themen, die
sich aus der, im Logos-Begriff repräsentierten Weise ergibt,
das Denken als ein Reden aufzufassen, das einen Partner vor-
aussetzt: Dialog und Monolog (Selbstgespräch), Lyrik und
Theater (Tragödie und Komödie), Rhetorik (ihre Bedeutung
in der Politik, vor Gericht) usw.

Auch das letzte Kapitel bringt im wesentlichen schon vor-
her sichtbar gewordene Züge zu deutlicherer Erscheinung, in-
dem über das „Vollmenschentuni und seine Ausbildung" ge-
handelt wird. Gemeint ist die hellenische Auffassung des Men-
schen als einer Einheit von Leib und Seele, wie sie jener Ein-
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