Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 4/5

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hat, daß er sich zu ihnen gesandt wußte und seit 593 unter
ihnen als ihr Prophet auftrat. Seine Verkündigung gliedere
sich dann in drei Perioden: unbedingte Unheilsverkündigung
(593—587), bedingte Heilsverkündung als Übergang und un-
bedingte Heilsverkündigung.

Herr Fichtner behandelte in einer Miszelle die sta-
tistisch durchprüften hebräischen termiui für „Zorn". wird
170mal von Gott und 40 mal vom Menschen ausgesagt. Par-
allele Zahlen bei j-pan sind 90 und 25, bei n"DJ? 24 ul"l 6-
bei n^p 26 und 2. Nur auf Gott bezogen begegnet die Kom-
bination ns-nin und das Wort nPV Die Häufung von syn-
thetischen Zorn-Ausdrücken wie in Ps. 78, 49 (vgl. Nahum 1, 2)
ist immer mit der Gottesbenennung verknüpft.

Die Datierung des Buches Joel war das Thema des Refe-
rates von Herrn Rudolph. Während man früher das IX. bis
VIII. Jahrhundert vorschlug, hat sich neuerdings in den Kom-
mentaren und Einleitungen ein gewisser Konsensus dahin ge-
bildet, daß das Buch Joel nachexilisch sei und wohl in das
IV. Jahrhundert gehöre. In Weiterführung der Arbeit Kappel-
mds sieht der Referent in Joel einen vorexilischen Kult-
propheten, der eine konventionelle Heilseschatologie vertritt
und in die Zeit Zedekias zu setzen sei. Das Jahr 598 ist terminus
a quo (vgl. 4, 2). Zu Ägypten und Edom in 4, 19 wird auf
Jer. 24, 8 und 40, 11 verwiesen. Die in 4, 6 auftauchenden
,,Griechen" widersprechen dem Ansatz nicht, ebensowenig die

Tatsache, daß Babel expressis verbis nicht genannt wird und
eine Nennung des Königs von Juda unterbleibt.

Herr Galling sprach über Königliche und Nichtkönig-
liche Stifter am Heiligtum von Jerusalem (die Arbeit wird in
der Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins erscheinen).
In der vorexilischen Zeit war der König der ausschließliche
Donator und Patron des Tempels in Jerusalem, so daß hierin
Jerusalem und Bethel (Am. 7, 13) völlig konform stehen. Die
Abgabe von Tempelgeldeni zu Reparaturzwecken ohne Ab-
rechnung (2. Kön. 12, 22) geschah in dieser Form deswegen,
weil die Krone keine Verbuchungen privater Stiftungen
wünschte (daher auch keine Kultgeräteherstellung! 2. Kön.
12, 13). Die nachexilischen Dotationen läßt der Auszug aus
einer Tempelarchivliste in Neh. 7, 6gff. erkennen, per im
Thema angedeutete Dualismus wurde dann — auch im Hin-
blick auf bestimmte Stifterformeln — bis in die Zeit Herodes
d. Großen durchverfolgt.

Herr Hermann sprach zur Problematik der neuen Jesaia-
handschrift (nach Beobachtungen an Kolumne 33). Von den
über 100 Abweichungen gegenüber dem MT ist der Großteil
orthographischer Art, einiges eine grammatische Abweichung
und 18 — zum Teil minutiöse — Varianten. Im Verhältnis
zum hebräischen Archetypus ist MT keineswegs eindeutig
jünger als die neue Rolle. Manches deutet eher auf das um-
gekehrte Verhältnis.

Das Großreidi Davids

Von Albrecht

Man wird der Leistung, die dem politischen Genie Davids
um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend v. Chr.
in Palästina und den Nachbarländern gelang, nicht ganz ge-
recht, wenn man sie, wie üblich, nur im Rahmen der Ge-
schichte seines eigenen Volkes, also des Volkes Israel, betrach-
tet. Denn sie hatte zwar gewiß tiefe Wurzeln in diesem Volke
und hat sich an ihm auch am stärksten und nachhaltigsten aus-
gewirkt; das Reich Juda, das David als selbständiges Staats-
wesen dem schon von Saul gegründeten Reich Israel zur Seite
stellte, ist auf Jahrhunderte bestehen geblieben, länger sogar
als das Reich Israel, und die jebusitische Stadt Jerusalem, die
er durch seine Söldner erstürmen ließ, um sie zu einer nur ihm
gehörigen Residenz zwischen und über jenen Reichen zu
machen, hat die ihr zugedachte Rolle als besonderes Domi-
nium seiner Dynastie weiter gespielt, auch nachdem ein Men-
schenalter später die Personalunion der Reiche für immer zer-
brochen war1. Aber David war auf der Höhe seiner Macht
sehr viel mehr gewesen als nur König von Juda, von Israel
und von Jerusalem; er hatte darüber hinaus einen Herrschafts-
bereich gewonnen, der ganz Palästina und große Teile Syriens
umfaßte „vom Strom (Euphrat) bis zum Lande der Philister
und bis zur Grenze Ägyptens", wie es anscheinend richtig in
einer jüngeren Beschreibung des von ihm am Ende seiner
Regierung erreichten und seinem Sohne Saloino vererbten
Territorialbestandes heißt2. Freilich war dieses große politische
Gebilde nur von sehr beschränkter Dauer; schon Salomo hat
es nicht mehr im vollen Umfang aufrecht zu erhalten ver-
mocht, und nach dessen Tod löste es sich sogleich endgültig
wieder in die klemeren staatlichen Einheiten auf, aus denen
David es zusammengefügt hatte. Aber seine Kurzlebigkeit
ändert nichts an der Tatsache, daß es in der knappen Zeit-
spanne, die für seinen Aufbau zur Verfügung stand, nicht nur
gebietsmäßig, sondern doch auch wohl seinem inneren Wesen
nach überraschend schnell und weit über die Grenzen eines
israelitischen Nationalstaates hinausgewachsen war und die
Gestalt eines Großreiches angenommen hatte, dem dann aller-
dings die letzte Ausreifung versagt blieb. Unter diesen Um-
ständen scheint es mir klar, daß wir das Lebenswerk Davids
in seiner vollen historischen Bedeutung nur erfassen können,
wenn wir die seit langem betriebene und natürlich auch in Zu-
kunft nicht zu vernachlässigende Untersuchung seiner inner-
israelitischen Zusammenhänge und Auswirkungen durch die
noch kaum ernstlich begonnene Prüfung der Frage ergänzen,
welcher Platz und welches Gewicht ihm in der Geschichte der
Großreichsbildungen des alten Orients zukommt.

Nun besitzen wir ja im Alten Testament eine sehr reich-
haltige Überlieferung über David, die als Geschichtsquelle in-
sofern noch besonders wertvoll ist, als ihre wichtigsten Kom-
plexe offensichtlich aus großer zeitlicher Nähe der Ereignisse

') Vgl. außer den Gesamtdarstellungen der Geschichte des Volkes Israel
Alt, Die Staatenbildung der Israeliten in Palästina (Reformationsprogramm
der Universität Leipzig 1930), S. 42 ff.
• *) 1. Kön. 5, 1.

Alt, Leipzig

stammen. Aber diese Überlieferung kommt unserer Frage-
stellung leider längst nicht in dem Maße entgegen, wie wir er-
warten möchten. Wo sie in einer Reihe von Erzählungen mehr
biographischer als historischer Natur den Aufstieg Davids be-
handelt, ist anscheinend lediglich sein Königtum in Juda und
in Israel ihr Ziel; nur wie in einem Anhang dazu wird die
spätere Ausdehnung seiner Herrschaft auf außerisraelitische
Bereiche mit wenigen exakten Strichen skizzenhaft umrissen1.
Und wo in echt historischer und zugleich hoch dramatischer
Art der komplizierte Verlauf der Thronfolge von David auf
Saloino geschildert wird, erfährt der Leser so gut wie nichts
davon, daß es um die Thronfolge in einem Großreich geht;
soweit sich die Ereignisse nicht ausschließlich am Hof in
Jerusalem abspielen, erscheinen nur die Reiche Juda ;und
Israel an ihnen beteiligt, und nur ein aus besonderem Grund
in diese Darstellung eingefügter Abschnitt, der im Stil eines
Kriegsberichtes die Unterwerfung des ostjordanischen Reiches
der Ammoniter durch David beschreibt, gibt uns ein anscliBu-
liches Einzelbild aus der Reihe der militärischen und poli-
tischen Aktionen, in denen sich der Aufbau des Großreiches
vollzog2. Ob aus diesem eigenartigen Tatbestand der Über-
lieferung gefolgert werden darf, daß in der Umgebung Davids
und Salomos niemand vorhanden war, der den Gesamtver-
lauf der Großreichsbildung als würdiges und notwendiges
Thema einer eigenen geschichtlichen Darstellung erkannte und
in Angriff nahm, wird dahingestellt bleiben müssen; es wäre
ja auch denkbar, daß ein solches Werk unter dem frischen Ein-
druck der Vorgänge zwar geschaffen wurde, aber wieder ver-
loren ging, als das Großreich zerfiel und nur die schmerzliche
Erinnerung an seinen so schnell verblichenen Glanz zurück-
ließ3. Aber wenn auch die Uberlieferung, wie sie nun einmal
ist, längst keine vollständige Rekonstruktion der einzelnen
Ereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge und in ihrer kausalen
Verknüpfung gestattet, so scheint mir doch auf der anderen
Seite kaum zweifelhaft, daß sie alle wesentlichen Kompo-
nenten im Gesamtaufbau der politischen Schöpfung Davids
nennt und über sein Herrschaftssystem genug konkrete Aus-
sagen macht, um uns die Erkenntnis der charakteristischen
Züge und Zusammenhänge mit früheren und späteren Groß-

') 1. Sam. IC—2. Satn. 5 und 8 (mit einigen jüngeren Zusätzen); der An-
hang 2.Sam.5, 6ff. und 8. Vgl. Alt, Zeitschrift für die alttestamentliche
Wissenschaft N. F. 13 (1936), S. 149ff.; anders Noth, Überlieferungsge-
schichtliche Studien I (1943), S. 107 [65].

2) 2. Sam. 7 (mit Zusätzen) und 9—20; 1. Kön. 1—2; der Kriegsbericht
2. Sam. 10, 1—11, 1; 12, 26—31. Vgl. Rost, Die Überlieferung von der Thron-
nachfolge Davids (1927), S.74ff.

') Da uns fast die ganze Überlieferung über David durch die deutero-
nomistische Gesamtdarstellung der Geschichte Israels von Mose bis zum Unter-
gang des Reiches Juda (Deut.—2. Kön.) erhalten ist, kam es für das Schicksal
einer etwa vorhanden gewesenen Schrift über die Großreichsbildung Davids
entscheidend darauf an, ob sie der Autor jenes Werkes seiner Darstellung ein-
verleibte oder nicht; das letztere war in Anbetracht der nationalen Begrenzung
seines geschichtlichen Interessenkreises beinahe wahrscheinlicher.
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