Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

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behörden auf diesem Betätigungsfeld sehr großzügig und hilfs-
bereit zeigen würden ?)

Ich setze Mr. Harding ins Bild über alles, was ich weiß,
und über meine Wünsche betreffs des Pater de Vaux. Er teilt
mir mit, daß inzwischen, infolge meiner Unterredung mit
Oberst Ashton, dieser seinen Plan verwirklicht und zwei
Beduinen in die Gegend geschickt hat und daß seit zwei Tagen
eine bewaffnete Wache der Arabischen Legion vor einer Höhle
steht, die vermutlich die von uns gesuchte ist. Oberst Ashton
hat sich in diese Höhle begeben und auf ihrem Boden zahl-
reiche Leinenstücke gefunden, die zur Verpackung der Hand-
schriften gedient haben, und ebenso eine große Menge Kera-
mik-Scherben.

In Wahrheit haben sich, wie ich ein wenig später erfuhr,
die Dinge so zugetragen: die beiden Beduinen haben die ver-
langten Auskünfte nicht erlangen können. Vielmehr hat
Oberst Ashton, der in Begleitung des arabischen Haupt-
manns Akkasch el Zebn von der 3. Brigade die Gegend
durchstreifte, die Höhle entdeckt. Als sie in einer Spalte der
hohen Steilküste aus ockerfarbigem Granit, die das Tote Meer
überragt, an einem Geröll von Fels- und Kieselsteinen entlang
kamen, lenkte Hauptmann Akkasch el Zebn die Aufmerk-
samkeit des Obersten Ashton auf Keramik-Reste, die unter
dem Geröll verstreut waren. Dieser verräterischen Spur nach-
steigend, drang Oberst Ashton als erster in die so begierig
gesuchte Höhle ein. Er ist es also, der die Höhle entdeckt
hat, und der Dank gebührt diesen beiden Offizieren der
Arabischen Legion.

Wenn in Belgien einige geglaubt haben, daß ich zuerst die
Handschriften-Höhle betreten hätte, so muß ich leider diese
schmeichelhafte Annahme entkräften. Ich hätte der erste sein
können, wenn man mich zu dieser Expedition eingeladen hätte.
Ich kann das bedauern, aber dazu, den Häher zu spielen, der
sich mit den Federn des Pfauen schmückt, berechtigt das nicht.

Bei seinem ersten Besuch in der Höhle hat Oberst Ashton
nichts angerührt, was seiner Qualität als Archäologe alle Ehre
macht. Mr. Harding begibt sich am 5. Februar an die Stätte.
Ich benachrichtige sofort Pater de Vaux in Jerusalem. Der
Regen kommt, der jeden Zugang unmöglich macht. Mr. Har-
ding begibt sich am Dienstag, den 8. Februar, aufs neue zur
Höhle. Infolge meiner Botschaft begleitet Pater de Vaux
ihn. Ich bin dafür Mr. Harding unendlich dankbar.

Bleibt noch in der Schwebe, ob ich nicht die Arabische Legion
zu früh alarmiert habe und ob sie nicht in eine falsche Höhle
geraten sind. Die Gegend ist reich an solchen, und oft ent-
deckt man dort mehrere Jahrhunderte alte Wohnspuren. Mr.
Harding ist sehr skeptisch.

Donnerstag, den 10. Februar, nach zwei Tagen fieber-
haften Wartens und angstvoller Leere erfahre ich durch ihn,
daß die Ergebnisse der ersten Grabungen außerordentlich be-
weiskräftig sind. Entdeckung von Keramik-Fragmenten aus
der Zeit um 200 v. Chr., von Leinenstücken aus derselben Zeit
und besonders von Lederrollen-Fragmenten mit hebräischen
Buchstaben, die ganz genau denen der großen im Sommer
1947 durch den Beduinen gefundenen Lederrollen entsprechen.
Weiter hat man Lederrollen-Fragmente gefunden, deren
Schrift aus der Zeit um 600 v. Chr.1 herrührt, ebenso wie Pa-
pyrus-Fragmente. Dritte neue Entdeckung: die Keramik-
Fragmente gestatten die Feststellung, daß es sicherlich mehr
Krüge gegeben hat als die, welche die bekannten (in elf2 Stücke
geteilten) acht Lederrollen enthielten. Damit sind drei Pro-
bleme von höchster Bedeutung gestellt, für die bis zur gegen-

') Vgl. ThLZ 74, 194», Sp. 228.
2) Vgl. ThLZ 74, 1949, Sp. 95. 596.

wärtigen Stunde noch keine endgültige Lösung gefunden wer-
den konnte.

Freitag, den n. Februar, begebe ich mich zu der Höhle
(ich bin versucht, zu schreiben: zu .meiner' Höhle) mit Oberst
Toogood vom Generalstab der Arabischen Legion. Wir
bringen dort drei bis vier Stunden zu mit Mr. Harding,
Pater de Vaux und zwei Arabern, die in Ausgrabungen be-
sondere Erfahrung haben, immer unter den spöttischen und
neugierigen Blicken der Wach-Beduinen. Sie sind seit dem
ersten Tage dort, aber vergessen wir nicht, daß wir uns in
Wüstengebiet befinden, dem Bereich ganz unabhängiger
Stämme, die bewaffnet sind und ihren Finger ständig am Ab-
zug haben!

Am Fuß der 6oo m hohen Steilküste steht das kleine
grüne Zelt, das Mr. Harding und Pater de Vaux teilen. Wir
befinden uns etwa 7 km süd-süd-westwärts von Kalias. Das
ist ziemlich genau die Gegend, die ich General Lash auf seiner
Karte angezeigt hatte. In der Luftlinie ist es etwa 400 m bis
zum Toten Meer, dessen metallische und schwere Wasser 150 m
tiefer glänzen. Die große Steilküste steigt vor uns in zwei
Etagen von 200 m Höhe auf. Ein Anstieg um 400 im Geröll,
und in 150 m Höhe über dem Zelt stehen wir vor dem Ein-
gang der Höhle.

Sie hat zwei Eingänge, den einen an der Seite der Schlucht,
nach Pater de Vaux ein neuer Eingang. Der andere ist ein
breites Mannloch, 2 m über dem Boden an der senkrechten
Wand. Da der erste Eingang ja neu ist, hat sich der Beduine
in ganz waagerechter Haltung in die Höhle hineinzwängen
müssen.

Die Höhle hat als Versteck und nicht als Wohnung ge-
dient. Sie ist (vor der Ausgrabung des Bodens) etwa 2,20 m
hoch und höchstens 2 m breit; sie verengert sich allmählich
und endet bei den letzten beiden Metern des Hintergrundes
in einen Schlauch von 50 cm. Von diesem Hintergrund bis
zum Eingang sind es nach meiner Schätzung 6,50 m.

Pater de Vaux zeigt mir stolz verschiedene Lederrollen-
Fragmente, die beweisen, daß wir sicherlich in der Höhle sind,
aus der die berühmten Handschriften herrühren, und daß diese
tatsächlich der vorchristlichen Zeit entstammen. Die Gra-
bungen werden noch einige Tage dauern. Kubikzentimeter für
Kubikzentimeter wird der ganze Boden der Höhle sorgsam
bis auf den Grund untersucht. Noch eine ganze Anzahl anderer
Fragmente, darunter einige sehr wichtige, sei es wegen ihrer
Größe, sei es wegen ihres wissenschaftlichen Zusammenhanges,
werden aus der Höhle hervorgehen.

Ich bin noch zweimal zur Höhle am Toten Meer zurück-
gekehrt, mit einer gewissen Genugtuung darüber, daß ich als
Belgier an einem ganz besonders spannungsreichen Hand-
schriftenfund habe teilnehmen können, und zugleich mit Be-
dauern darüber, daß diese Grabung nicht eine Vervollstän-
digung des außerordentlichen Fundes des unbekannten Be-
duinen gestattet hat.

Am 8. April 1949 hat Domherr Ryckmans, ein hervor-
ragender Gelehrter und Professor an der Universität Löwen,
amtlich der Academie des Inscriptions et Belies Lettres in
Paris von den bei der Ausgrabung der Höhle erzielten Ergeb-
nissen Mitteilung gemacht. Er vertrat dabei den Pater de
Vaux, der sich über eine belgische Universität an die wissen-
schaftliche Welt wandte.

Die vor der Akademie durch Domherr Ryckmanns ver-
lesene Mitteilung war von Pater de Vaux in Gemeinschaft
mit Mr. Gerald Harding verfaßt worden. Diesen drei Gelehr-
ten möchte ich als Laie von ganzem Herzen danken.

Im Zelte. Ostufer des Sees Genezareth, am 14. Juni 1949

Philippe Lippens

RELIGIONS WISSENSCHAFT

Feigel, Friedrich K., Lic. Dr.: „Das Heilige". Kritische Abhandlung über
Rudolf Ottos gleichnamiges Buch. 2., durchges. Aufl. Tübingen: Mohr
1948. V, 135 S. gr. 8°= Von der Teyler'schen Gesellschaft zu Haarlem ge-
krönte Preisschrift. DM 5.40.

Einer schreibt ein Buch, ein Anderer ein Buch über dieses
Buch, und nun soll drittens ich die zum Buch gewordene Re-
zension rezensieren. Wird nicht, wer in die Sache hinein-
kommen will, besser sogleich die beiden Bücher lesen, als
nieine Besprechung ? Das erste Buch, „Das Heilige", von
Rudolf Otto, zuerst 1916 erschienen, ist berühmt, erlebte bis
1936 25 Auflagen. Auch Feigels Schrift ist wertvoll, bietet
sachkundige und scharfsinnige Kritik. Bisweilen ist sein Urteil

hart, aber wer gegen den Strom schwimmt, muß kräftig
stoßen. Und meine Aufgabe sehe ich nicht so sehr darin, im
einzelnen Schiedsrichter zu sein. Niemand, der Otto gekannt
hat, würde dies Amt ohne stärksten Vorbehalt übernehmen
wollen. Sondern ich möchte zum Lesen von Feigels Buch an-
regen — Ottos Buch kann man bei jedem wissenschaftlich
arbeitenden Theologen der Gegenwart als bekannt voraus-
setzen; oder heute doch schon nicht mehr ? Und wenn jemand
beide Werke gelesen haben und es ihm dann ähnlich gehen
sollte wie dem preußischen Soldatenkönig, der, als er zwei
Anwälte gehört hatte, sehr böse wurde, weil er beide Male
hatte rufen müssen: „der Kerl hat recht", so würde ich das als
Zeichen ansehen, daß auf beiden Seiten Wahrheit liegt, und
daraus die Mahnung herleiten: lest euch noch gründlicher in
beide hinein!
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