Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

Zitierlink

149

Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

150

dene Zeitschriften zu lesen, die den Gegenstand behandeln.
Eine Stelle aus „The Biblical Archaeologist" vom September
1948 macht einen besonders starken Eindruck auf mich, näm-
lich ein Artikel von M. John Trever, dem amerikanischen Ge-
lehrten, der Februar/März 1948 die Dokumente in Jerusalem
photographiert hat. Das ist's, was er schrieb:

„Mittlerweile trat uns die Aufgabe des Besuches der
Höhle vor die Augen. Wir zogen alle möglichen Mittel, dahin
zu gelangen, um von der Stätte Photographien herzustellen
und vorläufige Vermessungen zu machen, in Betracht. Die
Mitarbeit einiger arabischer Freunde wurde nachgesucht; sie
prüften die Angelegenheit sorgfältig, berichteten aber schließ-
lich, daß es zu gefährlich wäre, den Besuch der Stätte zu
wagen . . . (die Höhle liegt im Bereich von bewaffneten Be-
duinen-Stämmen). Recht unwillig gaben wir den Gedanken,
die Höhle zu besuchen, auf, uns darüber im klaren, daß wir
auf das Schlußkapitel, das die Geschichte eines der .größten
Handschriftenfunde in der Neuzeit' vollendet haben würde,
verzichten müßten."

Das war gerade der Peitschenhieb, dessen ich bedurfte,
damit das Problem, das bisher mein Interesse erregt hatte,
nun meine Leidenschaft weckte. Also: die Amerikaner be-
arbeiten die Frage; die Israelis ebenso; im übrigen wären sie
durchaus in der Lage, die Entsendung einer Patrouille in die
arabischen Linien zu wagen, um sich zu der Höhle zu begeben;
weiter, in 'Amman (Transjordanien) gibt es Mr. Gerald Har-
din g, Leiter der transjordanischen Altertümer-Verwaltung,
der ebenfalls den so sehr begehrten Ort zu erreichen sucht.
Und hier ich, ein einzelner Belgier, mir selbst überlassen, aber
von der Sache mindestens ebensoviel wissend wie die anderen.

Am 17. Januar suche ich im Dominikaner-Kloster Pater
de Vaux auf, und wir verständigen uns über das folgende:
wenn es mir gelingt, die Höhle zu entdecken oder entdecken
zu lassen, so ist Pater de Vaux damit einverstanden, daß ich
ihn als technischen Sachverständigen für die Grabung, die
sich unmittelbar daran anschließen wird, vorschlage. Er ist
weiter damit einverstanden, daß eine oder mehrere Veröffent-
lichungen, die er aus Anlaß dieser Grabungen machen wird,
durch Vermittlung einer belgischen wissenschaftlichen In-
stitution gemacht werden, etwa der Universität von Löwen
(dies mit dem Vorbehalt etwaiger Verpflichtungen des Pater
de Vaux gegenüber Mitarbeitern).

Einige Tage vergehen, während derer ich den Namen des
Beduinenstammes jener Gegend feststelle. Darauf setze ich

mich in Verbindung mit dem belgischen Major Simon,
Senior der Militär-Beobachter der Vereinigten Nationen in
Ramallah. Ich gebe ihm einige Erläuterungen und bitte ihn,
für mich eüie Zusammenkunft mit General Lash, Komman-
danten der 3. Brigade der Arabischen Legion in Rämalläh, zu
vereinbaren. Die Antwort erreicht mich ein paar Stunden
später: Bestellung auf den folgenden Tag, den 24. Januar,
9 Uhr morgens.

General Lash, groß, ganz Engländer, von roter Ge-
sichtsfarbe, liebenswürdig, bietet mir Whisky und Zigaretten
an, und ich beginne mein gewagtes Spiel: „Sind Sie auf dem
Laufenden über ,die wichtigste Handschriften-Entdeckung'
usw. . . ?" — Lash: „Nein". Und ich sehe seine Augen glän-
zen. Er ist schon ziemlich lange im Vorderen Orient und errät
instinktiv, daß in diesen Ländern auf dem Gebiet archäolo-
gischer Entdeckungen alles möglich ist. Das erste Hindernis
ist also überwunden, General Lash interessiert sich für das
Problem. — „Die Stelle liegt in Ihrem Bereich." — Lash:
„Wo?" — „Wenn die Sache für Sie Interesse hat, sind Sie
mit einem von mir bestimmten Sachverständigen für die
Untersuchung der Höhle einverstanden?" — Lash: „Ja. Ich
telephoniere an Oberst Ashton, meinen Archäologen, daß er
kommen möchte. Haben Sie Zeit ? Nehmen Sie noch eine
Zigarette!"

Nach zehn Minuten kommt Oberst Ashton und sagt, daß
er wohl von den Handschriften gehört habe, aber tatsächlich
nichts Genaueres wisse. Ich sage ihm schließlich bis in jede
Einzelheit alles, was ich weiß: Name des Stammes, mutmaß-
liche Gegend, Zitate aus dem Biblical Archaeologist usw. Kurz,
unsere Unterredung scheint die beiden englischen Offiziere im
höchsten Grade zu interessieren.

General Lash ergreift das Telephon und verlangt Mr.
Gerald Harding, den Direktor der Altertümer-Verwaltung
in 'Amman. Er setzt ihn über einen Teil unserer Unterhaltung
ins Bild. Antwort von Mr. Harding: „Ja, das stimmt, und
ich bin ebenfalls auf der Suche nach der Höhle".

Ich hatte zweimal General Lash nahegelegt, an Mr.
Harding zu telephonieren, daß er nichts tun möchte, ohne
sich vorher mit ihm ins Benehmen gesetzt zu haben. Meine
Politik war die folgende: 1. Ich konnte nichts Neues mehr er-
fahren, da der Name des Beduinen schlechterdings unauffind-
bar war; 2. ich hatte nichts oder so gut wie nichts von ameri-
kanischer oder israelischer Seite zu erwarten; 3. so blieb nur
die englische Karte auszuspielen, bei denen, die am wenigsten
von der Sache wußten, aber das wichtigste in Kriegszeiten
hierfür in Betracht kommende Mittel zu ihrer Verfügung
hatten: die arabische Legion.

General Lash und Oberst Ashton besprechen sich nach
der telephonischen Mitteilung aus 'Amman, die meine Aussagen
bestätigt hatte; sie beschließen sofort zwei Beduinen der Bri-
gade auf Urlaub in ihren Stamm zu schicken. Auftrag: Ent-
deckung der Höhle.

Ich wiederhole General Lash den Rat, sich klug zu ver-
halten gegenüber Mr. Harding, der vielleicht die Ausführung
seines eigenen Planes schon begonnen hat, in welchem Falle
es sich empfehlen würde, die beiderseitigen Bemühungen zu
verbinden. General Lash stellt Oberst Ashton an die Spitze
dieser Expedition, dankt mir; Oberst Ashton tut dasselbe,
und sie versichern: 1. daß sie mit meinem technischen Beirat
einverstanden sind; 2. daß sie Mr. Harding auf dem laufen-
den halten und verabredetermaßen handeln werden.

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Alles in diesem Plan wurde
nicht verwirklicht, und außerdem half der Zufall einige Lücken
ausfüllen, die das Ergebnis, das ich als Belgier zu erreichen
suchte, hätten ändern können.

Nach Jerusalem zurückgekehrt, setze ich Pater de Vaux
ins Bild über meinen Besuch in Rämalläh und erhalte am
nächsten Tage meine Ernennung für 'Amman zum 29. Januar.
Ich lege großen Wert darauf, hier Oberst Langlois, Chef der
belgischen Mission in Palästina, und ganz besonders Major
Baron 'tKint de Roodenbeke, seinem Adjutanten, meinen
Dank abzustatten. Der letztere, der über meine Ermittelungen
teilweise ins Bild gesetzt war, hat im Rahmen der monatlichen
Verschiebungen meine Versetzung von Jerusalem nach 'Amman
erleichtert.

Gleich am 30. Januar nehme ich die Fühlung auf mit Mr.
Harding: entzückender Engländer, geborener Archäologe,
dazu musikalisch. Seine Korrektheit, seine uneigennützige
Wissenschaftlichkeit und die Arbeitsleistung, die er mit einem
leider sehr kleinen Budget vollbringt, werde ich niemals ge-
bührend rühmen können. (Bei dieser Gelegenheit: weiß man
in Belgien zur Genüge, daß es auf dem Gebiete der Grabungen
in Transjordanien viel zu tun gibt und daß sich die Landes-
loading ...