Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

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Filson, 1946 angefertigt worden ist, und die Hinzufügung
dieser Bemerkungen zu ihnen: Die Entfernung zwischen der
etwas nördlich von der 'Ain en-Nahr gelegenen Höhle und
Jerusalem beträgt etwa 20, die zwischen ihr und Jericho etwa
12 km, während das im Bericht genannte Rämalläh 15 km

o

flämelläh

JERUSALEM*

Bethlehem

Hebron

o

nördlich von Jerusalem liegt. Der Stadtplan zeigt die Lage
der meisten der im Bericht aufgeführten Stätten an: König-
David-Hotel = King David Hotel, Grabeskirche = Church of
the Holy Sepulcher, Amerikanische Schule für Orient-
forschung = American School of Oriental Research, Domini-
kaner-Kloster = Ecole Biblique; das Syrische Kloster, das
auf dem Stadtplan nicht verzeichnet ist, liegt innerhalb des
„Armenian Quarter". Was die Grenze zwischen dem israeli-
schen und dem arabischen Hoheitsgebiet angeht, so fällt
diese mit dem Westteil der Jerusalemer Stadtmauer zu-
sammen und setzt sich, ehe sie nach_ Osten umbiegt, nach
Norden und Süden so weit fort, daß Ramallah und die Fund-
höhle noch in den arabischen Bereich fallen.
Nun der Bericht selbst!

Kurz bevor ich im Juli 1948 zum Antritt meines Amtes
als Beobachter der Verehrten Nationen in Palästina aufbrach,
hatte ich in der amerikanischen Zeitschrift „Time" gelesen,
daß ein Beduine irgendwo in der Nähe des Toten Meeres
Lederurkunden von ganz unschätzbarem Werte gefunden
hatte. Diese Geschichte war mir verschwommen im Kopf ge-
blieben, und bei meiner Versetzung von Basra (Irak) nach
Jerusalem am 2. Dezember 1948 erinnerte ich mich der
Sache.

Am 7. Dezember, als ich in Jerusalem (israelitischer Sek-
tor) war, stattete ich dem R. P. O'Rourke, S. J., früher
Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom, jetzt Vorsteher
des Hauses, das dieses Institut in Jerusalem besitzt, einen Be-
such ab. Das hatte nicht viel zu bedeuten: es war 200 m von
dem Hotel „König David", wo ich wohnte und seit kurzem
die Heckenschützen nicht mehr schössen. Ein paar Tage vor-
her war die Ecke noch sehr ungemütlich, P. O'Rourke emp-
fing mich sehr liebenswürdig. Ich erzählte ihm das Wenige,
was ich wußte, aus dem Gedächtnis. Er setzte meinen Bericht
und seine fragmentarischen Nachrichten Stück für Stück zu-
sammen. Aber es war ein Anfang. Nach Meinung meines Ge-
sprächspartners befanden sich die Lederrollen vielleicht im
syrisch-orthodoxen St. Markus-Kloster.

Am 15. Dezember hatte ich die erste Gelegenheit, die
Linien zu überschreiten und mich in die Altstadt (arabischer
Sektor) zu begeben. Nach einem Besuch in der Grabeskirche
ging ich in das Kloster, wo ich von zwei Mönchen empfangen
wurde; sie waren liebenswürdig, bärtig, ziemlich schmutzig,
vielleicht, weil es seit dem Ausbruch des Konfliktes in Jerusa-
lem kehl Wasser gibt. Aus unserer Unterhaltung ergibt sich,

daß die Lederrollen zum Teil im Besitze ihres Metropoliten
Athanasius sind, der sie außerhalb Jerusalems in Sicherheit
gebracht hat. An diesem Tage ist er selbst abgereist, wie ich
glaube, mit den kostbaren Dokumenten. Der eine der beiden
Priester, mit denen ich mich unterhalte, ist der Bruder des

Pater Butros Sowmy, der im September 1948 durch ein
Schrapnell in Jerusalem getötet worden ist. Diese beiden
Mönche sind es, die am längsten Bescheid wissen über die
„Entdeckung der Handschriften von Jerusalem" durch einen
unbekannten Beduinen. In diesem Augenblick konnte ich
nicht alle Auskünfte, die möglich gewesen wären, erlangen, da
ich von einem jungen arabischen Führer begleitet war, der
mir als Dolmetscher diente und die Ohren zu offen hatte, als
daß ich irgendeine Frage hätte erörtern können. Die Unter-
haltung fand ihren Abschluß mit der klassischen Tasse Kaffee,
eine alte Kerze auf dem Tisch, die beiden Priester in durch-
löcherten Socken, sehr höflich, aber mißtrauisch.

Draußen war es dunkel und kalt. Jerusalem war verlassen.
Einige Schüsse in der Nacht und die Antworten meines Füh-
rers auf die Anrufe der Posten der Arabischen Legion in den
zerschossenen Straßen des alten Judenviertels! Wir waren spät
dran und das ungleichmäßige Pflaster der Straßen sehr
glitschig. So gelange ich zur Amerikanischen Schule für Orient-
forschung und lernte ihren sehr liebenswürdigen Direktor,
Prof. O. R. Seilers, kennen. Außerdem erfuhr ich, daß Prof.
Seilers und Dr. Sukenik, Direktor des Hebräischen Mu-
seums in Jerusalem, alle beide auf der Suche waren nach der
Lederhandschriften-Höhle und nach dem unbekannten Be-
duinen, der als erster in sie eingedrungen war.

Schlußfolgerung: es ist nichts mehr zu tun hinsichtlich
der acht1 Lederhandschriften, von denen vier im Besitz der
Hebräischen Universität sind und vier in der Amerikanischen
Schule. Aber das andere Kapitel bleibt noch aufzuhellen:
irgendwo am Toten Meer die Höhle aufzufinden. Keiner kennt
sie oder will etwas davon sagen, bis ich eines Tages durch
einen Einwohner von Jerusalem erfahre, daß die Höhle 7 oder
8 km von der Kreuzung der Straße Jericho-Kalias 2 entfernt läge.

Mittlerweile fahre ich am 22. Dezember 1948 auf Urlaub
nach Belgien und kehre am 11. Januar 1949 nach Jerusalem,
Altstadt, zurück. Alsbald befrage ich Prof. Seilers und sage
ihm, ich hätte Gründe zu glauben, daß sich die Höhle ziem-
lich genau an jener Stelle befände. Er teilt meine Meinung,
hält aber seine Nachrichten für allzu unbestimmt. Das mindert
indes nicht den Wert der meinigen, die sehr viel genauer sind.

Inzwischen mache ich bei den Dominikanern von Jerusa-
lem, die Fachleute auf dem Gebiet der Bibelwissenschaft sind,
die Bekanntschaft des Pater de Vaux. Er gibt mir verschie-

') Vgl. ThLZ 74, 1949, Sp. 95. 596. 2) am Nordende des Toten Meeres.

cAmmän
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