Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

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der Verwerfung Gottes" (92). Diesem Satze entspricht motiv-
mäßig haargenau der andere [ß]: Tod ist „negative Schöpfung,
und das heißt schon nicht das Werk Gottes (im Text ge-
sperrt!), sondern seines Widersachers, des Teufels, also auch
nicht des Menschen, obgleich er zweifellos durch den Men-
schen in die Welt gekommen ist" (103). Man kann diesen
Sätzen nur die sehr einfältige und völlig unrhetorisch ge-
meinte Frage entgegenstellen: Wo steht das geschrieben ?
Gewiß, das Anliegen R.s ist klar: er will Gott weder zum Ur-
heber der Sünde [a] noch zum Urheber des Todes [ß] machen.
Aber er zahlt für diesen „Gewinn" einen sehr hohen Preis: er
muß [a] in dem einen Fall — hinsichtlich der Zeit bzw. der Ge-
schichte — den Menschen und [ß] im anderen — hinsichtlich
des Todes — den Teufel zu Gegen-Göttern erheben. Er muß
Gott hinsichtlich dieser unserer konkreten und d. h. gefallenen
Welt das Recht des Schöpfers bestreiten! Daran ändert
auch nichts die Tatsache, daß R. gelegentlich von Gott als „dem
wahren Herrn der Geschichte" (109) sprechen kann. Die kon-
krete Geschichte, und nicht erst das Geschichts-Bild des Histo-
rikers, gründet nach ihm — in der Sünde.

c) Von daher gesehen wird R.s gesamte ,,Geschiehts-
philosophie" mehr als fragwürdig. Bei aller Richtigkeit un-
gezählter Einzelbeobachtungen und ganzer Beobachtungs-
komplexe gerät sie nämlich unter ein falsches Vorzeichen in
Gestalt eines falschen Theologumenons. Auf dieser
Grundlage läßt sich auf die Dauer keine „richtige" Ge-
schichtsinterpretation vornehmen. Das „falsche" Theologu-
menon ist die Ignorierung der Gegenwartsbeziehung Gottes
zu dieser Welt, die nicht nur durch die Kategorie des „Zor-
nes" — wo wendet sie R. überhaupt an? —, sondern ebenso
durch die der „Schöpfung" im Glauben begriffen werden will.
Freilich R. redet vielfach von Gottes „Schaffen" und findet
hier einige seiner besten Formulierungen: etwa S. 26, 94, 111
und vor allem S. 69 (über die Engel!). Aber nirgends finde ich
bei R. eine Aussage darüber, daß das Zeugnis Gen. 1, 31:
„Und siehe da, es war sehr gut" für die Welt „vor" und
„nach" dem Fall gilt. Ja, daß es für die gefallene Welt inso-
fern mit noch größerer Intensität gilt, als Gott — der Sünde
des Menschen zum Trotz — seinen Schöpferwillen und seine
Schöpfertat „durchhält" und seine Welt weder dem Menschen
[a] noch dem Teufel [ß] preisgibt. Hier steht alles mit der
Aussage über die Zeit. Ist die Zeit erst ein Ergebnis des
Falles — so R. —, dann ist „dieser Aon" durch und durch
„böse" in objektiv-naturhaftem Sinne. Ist sie aber selbst
Schöpfung — mundus creatus cum tempore —, dann ist sie
und mit ihr die konkrete Geschichtlichkeit: die von Gott dem
Menschen gegebene und von Gott also auch gewollte Existenz-
form seiner Geschöpflichkeit (und nicht seiner Gefallenheit!).
Dann wird aber auch die Historie als die in der Reflexion er-
folgende Beschäftigung des Menschen mit der Vergangenheit
unter ein positives Vorzeichen gerückt. Und dann gilt die Er-
kenntnis Karl Barths als eines in diesen Dingen sicherlich
unverdächtigen Zeugen: Von der Erinnerung wird „zu sagen
sein, daß es eine merkwürdige Undankbarkeit oder eine merk-
würdige Angst sein müßte, durch die wir es uns verbieten
ließen, je auch in unserer Vergangenheit, auch in der hinter
uns liegenden Geschichte zu leben. Warum denn nicht ?" „Ein
Mensch ohne Geschichtsbewußtsein, ohne irgendwelche ganz
deutlichen Bilder von dem, was war, und ohne die Ruhe, diese
Bilder zu sich reden zu lassen, wäre ein Ausreißer vor der
Wirklichkeit und vor Gott, den man gewiß auch im Verkehr
von Mensch und Mitmensch nicht zuverlässig und vertrauens-
würdig finden würde. Es besteht kein Anlaß zu solchem Aus-
reißen : schon weil es doch nicht gelingen kann, aber vor allem
darum, weil im Rückblick auf das Gewesene so viel Anlaß zur
Dankbarkeit und zur Beschämung liegt"1.

5. Vom Schöpfungsglauben aus, der „wider den Augen-
schein", also wider die offensichtlichen Auswirkungen der ver-
derbten Welt, die Unmittelbarkeit des Schöpfers zum Men-
schen und zur Welt, zur Geschichte und zur Zeit als der
Existenzform des heutigen und hiesigen Menschen bekennt,
wird nun auch ein scharfer Widerspruch gegen R.s dialek-
tisches Grundschema anzumelden sein. Wenn nicht alles
täuscht, handelt es sich in seiner Metaphysik um eine Re-
naissance eines neuplatonisch-gnostischen Substanz-Dua-
lismus. Die Welt R.s ist die Welt Marcions. Der ewige Logos
kommt in sie nicht als in sein „Eigentum" (Joh. 1, n), son-
dern als in die „Fremde". Neuplatonisch sind die Voraus-
setzungen der Vorstellung von der „unvollendeten" Schöpfung
(30, vgl. 211). Neuplatonisch der Gegensatz von Geist und

') Kirchliche Dogmatik III, 2, S. 651 f. Vgl. ferner den ganzen §47:
„Der Mensch in seiner Zeit", besonders Abschnitt 2: „Die gegebene Zeit",
S. 616 ff.

Materie, Wille und Trieb (35), von „oberer" und „unterer"
Hälfte (!) unseres Wesens (9) und das additioneile Verhältnis
von „teil weiser Freiheit und teil weiser Unfreiheit" im Men-
schen: das berühmte „partim — partim" Augustins! Neu-
platonisch-augustinisch ist das Gebot (!) der „rechten Selbst-
Liebe" (67) und die eigentümliche Quantitierung in der An-
thropologie und Kosmologie; vgl. den Satz: „Adam im Para-
dies war nicht heilig, sondern bloß sündenlos" (28); ferner die
Rede vom „unreflektierten Bruchteil (!) des Ich" (171), den
„Restbeständen" der ursprünglich guten Ordnung (165, 213)
und der für möglich gehaltenen „mindestens teilweisen Ver-
neinung Gottes" (258). Gnostisch aber ist die Bewertung der
Welt im ganzen wie im einzelnen: so die Beurteilung des Weib-
lichen wie der Natur als „zweideutig" (70). Gnostisch die Ver-
teufelung gewisser Tiere wie der Spinne (105), des Krokodils,
der „meisten Raubtiere" (269), und. gewisser Pflanzen wie der
Pilze (146). Gnostisch ist aber auch die radikal negative Be-
urteilung der Technik (durchgängig, z. B. 285), die radikale
Entgegensetzung von Natur und Kultur, etwa in der Kon-
trastierung von Baum und Bohrturm (113; hätte hier nicht
Jes. 2, 13L warnen sollen?!), gnostisch vor allem die Feind-
seligkeit gegen den Intellekt, als wäre er allein an allem
schuld (47). So richtig für den Glaubenden der Satz ist: „Die
ausgesprochene Wahrheit wird erkannt, indem sie nicht bloß
gehört oder nachgesprochen, sondern getan wird" (247), so
falsch ist hinsichtlich des Erkennenden die Einschätzung des
Intellekts an sich als „lebensfeindlich": „Zum Wohl der
Menschheit läßt sich nichts (sie!) erfinden; denn der Erfinder-
geist steht von allem Anfang an (!) im Dienst des Unter-
ganges, er ist der Geist jenes Tieres, das nach Offbg. 13 aus
der Erde aufsteigt" (47). Wirklich? Werden hier biblische
Aussagen nicht vorschnell spekulativ üb er interpretiert und
ihres echten Aussagewertes beraubt ? Wird hier nicht aber zu-
gleich auch der Mensch als Gottes Geschöpf diffamiert, und
zwar in einer Weise, die sowohl gegen die Regeln der Gerech-
tigkeit wie gegen die der Wahrheit verstößt ? Ist die Buch-
druckerkunst, deren sich doch auch R. fleißig bedient, nur
des Teufels ? Und die Heilkunst, über die er so zügellos die
Schale seines unmotivierten Eifers gießt (102f.) ? Gott ver-
pflichtet doch den Menschen mit seinem Befehl Gen. 1, 28,
sich die außermenschliche Welt Untertan zu machen, dazu,
sowohl sie technisch zu beherrschen lernen als auch sie zuvor
theoretisch zu erkennen. Luther hat gewiß der Vernunft in
Sachen des Heils jedes Mitbestimmungsrecht abgesprochen.
Aber er hat nicht minder deutlich gewußt, daß der Mensch
erst kraft der Vernunft überhaupt „Mensch" zu heißen ver-
dient (WA 10 I 1, 207, 5). Sie ist ein „natürliches Licht", vom
„göttlichen Licht" entzündet (a. a. O., 203, 5), „aller Dinge
Ding und Haupt, das Beste von allen Dingen dieses Lebens
und etwas Göttliches", die „Erfinderin und Regentin aller
Künste und Wissenschaften" (WA 39 I, 157, 9). Eine Dämo-
nologie, die nicht mehr kritisch „Brauch" und „Mißbrauch"
der geschöpflichen Gaben zu unterscheiden vermag, begibt
sich eben dadurch der Möglichkeit, die Dimension des Dämo-
nischen überhaupt in den Blick zu bekommen. Denn gerade
die Ambivalenz des Geschöpflichen ermöglicht es dem Ge-
schöpf, jeweils den Dämonen zu verfallen.

6. Gnostisch ist auch die Tendenz, das Dämonische in irgend-
einer Weise zu objektivieren bzw. zu materialisieren.
Diese Materialisierung kann bei R. sublimer Art sein — etwa
mit Hilfe der Tiefenpsychologie: im Triebhaften, Unbewußten
— oder auch gröberer Art: im Naturhaften, Soziologischen,
Technischen, Maschinellen gesucht werden. Diese Tendenz ist
um so bedauerlicher, als R. wiederholt dabei ansetzt, das Dä-
monische anthropologisch, d. h. als eine Weise menschlicher
Existenz zu verstehen, und zwar zuweilen so exklusiv anthro-
pologisch, das es geradezu als mit der Subjektivität des Men-
schen identifiziert erscheint. Aber die bedrängende Erkennt-
nis, es ginge hier für den Leser um die Entscheidung zwischen
Tod und Leben, wird ihm bald wieder abgenommen: histo-
rische und exotische Analogien aus Vergangenheit und Ferne,
Kritik und Analyse der Gegenwart machen es ihm klar, daß
es im Grunde doch nicht um ihn geht, sondern um — die
Stoiker oder die Azteken, um „die" böse Technik oder „die"
böse Wissenschaft. Wird damit nicht dem Pharisäer in uns
eine Generalvollmacht erteilt, sich dem eigentlichen „Ernst"
zu entziehen ?

7. Gnostisch ist schließlich die Denkform, in der das
Buch geschrieben ist. Statt des Gedankenganges, der die
Gegenstände zu erfassen sucht, gibt es nur ein Kreisen, das
Phänomene berührt. Nicht Erkenntnisse werden logisch ent-
faltet, sondern Anschauungen werden verknüpft und Emp-
findungen einander assoziiert. Einer sehr schönen Interpre-
tation der Odipussage (ioff.) folgt eine mit dem Text völlig
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