Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

75.1950

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 3

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des mythologlschen'Prozesses. Als'solches'muß'er sichfselbst erkennen. Dann
wird ihm die Sprache der Offenbarung nicht mehr als eine ihm fremde Sprache
erscheinen, dann wird es ihm nicht einfallen, die .Entmythologisierung' der
Offenbarung zu fordern, sondern wird er umgekehrt sich zur Mythologisierung
seines Weltbildes aufgerufen wissen". „Das aufgeklärte Heute sieht in dem
Dämonenglauben und in allem Dämonenkult nichts weiter als ein Merkmal der
Rückständigkeit von gestern." „Das historische Jetzt kennt keine Götter
mehr, weil hier der Mensch sein eigener Gott geworden ist, und so kann es auch
die Götter und Dämonen von einst nur als Hirngespinste einer noch unvollen-
deten Generation verstehen. Die Rationalität, und das bedeutet die Unwirk-
üchkeit der eigenen Umwelt, wird ohne Bedenken auch auf die Umwelt der
Vergangenheit übertragen. Götter und Dämonen gehören für den reinen Histo-
riker in gleicher Weise zum Überwundenen" (132). Wer sich aber auf die „kri-
tische Schwelle des Übergangs" zurückbegibt, „deren eigener zweideutiger
Charakter der Zweideutigkeit der Dämonen entspricht", „dem sind die Dä-
monen genau so wirklich wie dem überzeugten Rationalisten das mehr oder
Weniger berechenbare Naturgesetz" (140).

Mit diesen Feststellungen hat R. die eigentliche Mitte und Höhe seines
Buches erreicht, um alsdann in drei Szenen, die das Erreichte variieren und
illustrieren, gewissermaßen auf gleicher Ebene auszuschwärmen (6. „Nahrung
und Gift" — 7. „Orient und Okzident" — 8. „Die Bilder der Dämonen").

II. Fragen

Schon die Darstellung des hier vorgelegten Entwurfes
dürfte seine Bedeutsamkeit und Fragwürdigkeit in einem
deutlich gemacht haben.

1. Bedeutsam ist zunächst unfraglich die Konzeption als
solche und die von ihr aus geübte Kulturkritik. Was über
die moderne abendländische Zivilisation kritisch gesagt wird,
geht erheblich tiefer als etwa Spenglers Morphologie. Weil R.

'um einen theologischen Ansatz weiß, kann er auf blendende
Diktion und frappierende Formulierungen verzichten und alle
Aufmerksamkeit den verborgenen Grundzusammenhängen
widmen. Ihm Ist der Krebsschade unserer Kultur nicht so
sehr ihre dämonische Besessenheit an sich, sondern die durch-
gängige Ignorierung dieses Befundes (7t., 19)- Dieser funda-
mentalen Diagnose ist schlechterdings zuzustimmen. Was über
einzelne Symptome der Zeit gesagt wird — etwa über die Zu-
sammenhänge von amorpher Masse und mechanischer Ord-
nung (170); von Magie und Demagogie (63f.); über die heim-
liche Dämonie der Sprache, die sich in der propagandistischen
Rede, im demagogischen Schlagwort enthüllt (243) und uns in
den „Wortgiften" (155)- der anonymen Zeitmächte (Presse,
Reklame, Rundfunk) eingeflößt wird; über den Kultus der
Revolutionen, in dessen Mittelpunkt das Menschenopfer steht
(44); über den Arzt im Kollektiv (170); über den aus dem
Rausch geborenen Nationalismus (156) — das entspringt alles
einer Gruudanschauung, die scheinbar Disparates begründend
verknüpft. Dabei wird u. a. — vielleicht zum erstenmal in
dieser Klarheit — die Dämonie Amerikas als des Europa in-
fizierenden Untergangslandes gewertet. „Die Zivilisation war
die Form, in die Europa die Dämonen des Westens umlog, um
sie so für sich schmackhaft und erträglich zu machen". „Wir
alle dienen heute und mit jedem Tage mehr den Göttern
Amerikas, dem Teufel Huitzilopochtli und seinem Anhang"
(294). Amerikas Beitrag zur Kultur besteht in der Vergreisung
der Welt. „In dem rationalistischen Zukunftsoptimismus
des modernen Amerikaners sieht das oberflächliche Urteil
leicht die gesunde Diesseitsgebundenheit einer neuen Jugend.
In Wahrheit aber verdeckt dieser Optimismus nur die Angst
vor dem Ende der Geschichte" (222). In ihm wird eine Grund-
einsicht deutlich, die R. einmal auf die Grundformel bringen
kann: „Eine Welt, in der das Alter entrechtet wird und die
Jugend regiert, ist darum gerade keine junge, sondern eine
alte, eine dem Tode nahe Welt" (80). Der falschen Selbst-
Diagnose aber entspricht eine perverse Selbst-Therapie: „Der
Abendländer löst die sich ihm aufdrängenden Probleme mit
den Mitteln der ratio, der Exote mit den Mitteln der Maj*ie,
d. h. beide suchen die Krankheit mit der Medizin, mit dem Gift
zu heilen, das sie gerade verursacht" (274).

2. Wichtiger als die Kritik ist die sie tragende Analyse
der Gegenwart. Der Abfall des; Menschen vom Schöpfer,
seine Apotheose in theoretischer und technischer Hinsicht,
kurzum die Selbstherrlichkeit des autonomen Ich, wird zum
entscheidenden Deutungsprinzip erhoben. „Der autonome
Geist hat zwar Vertrauen, aber nur zu sich selbst, er kennt
kein Gegenüber" (185). Autonomie bedeutet Isolierung gegen-
über Gott, Mitmensch und Um-Welt (18, 55, 72). „Der Krieg
aller gegen alle ist der Zustand einer Welt, die nicht mehr
Gott zu ihrem Zentrum hat, also einer entmitteten Welt"
(269). Autonomie erzeugt in der Leere des Daseins, aus der
Angst vor dem bodenlosen Nichts (22, 39), jene „neue zweite
humane Welt, aus der Gott ausgeschaltet bleiben soll", und
in der die Systeme der Wissenschaft und der Philosophie, die

Maschinen und Kunstschöpfungen und auch die zu Dogmen
gewordenen Offenbarungsworte — Dogmenwesen ist Bilder-
dienst und also Dämonendienst (265) — ein unheimliches Pan-
theon ausmachen, das sich schließlich als Pandämonium ent-
larvt. „Zur Zivilisation wird die Kultur im Augenblick, da nur
noch der menschliche Zweck allein übrigbleibt und die Welt
der Autonomie sich in sich selbst abschließt" (263). Wer
dächte bei dieser Darstellung nicht an Luthers „honio in sc
ipsum incurvatus", der diesen „mundus incurvatus" aus sich
heraussetzt! Und wer wollte aus der Sicht dieser Verknüpfun-
gen nicht dem entscheidenden Satz R.s zustimmen: „Indem
aber der Abendländer die Natur vergewaltigt, um über sie zu
herrschen, macht er sich an ihr schuldig und weckt ihre
Rache" (250)!

3. Ihre besondere Note bekommen Kritik und Analyse
freilich dadurch, daß R. seinen Entwurf als Geschichts-
philosophie verstanden wissen will.

Schon vor zwei Jahrzehnten hat er das „Recht auf Geschichtsphilo-
sophie" in Auseinandersetzung mit Gogarten in folgende programmatische
Sätze gefaßt: Eine Geschichtsphilosophie kann „bloß die Aufgabe haben, die
wenigstens relative Unwirklichkeit der Welt nach dem Sündenfall aufzuzeigen
und auf ihren Ursprung im sündigen Menschen zurückzuführen". Und: die Ge-
schichtsphilosophie „wird vor allem zu zeigen haben, daß sich die Entwertung
der Vergangenheit, des Du gegen das entwertende Ich kehrt und daß tat-
sächlich dieses das Aufgehobene ist". „Wenn ich der Geschichte ihre Wirk-
lichkeit nehme, indem ich sie zu meiner Funktion mache, sie von mir aus be-
urteile, statt ihr Urteil über mich zu hören, so mache ich damit auch mich
selbst, der ich ja doch in dieser Geschichte stehe und aus ihr hervorgewaclisen
bin, zu einem Unwirklichen, zu einem Nichts. Und lediglich diese Entwirk-
lichung des Ich über die Entwirklichung des Du und nichts außerdem hat
die Geschichtsphilosophie klarzulegen1". Man kann darüber streiten, ob diese
Zielsetzung nicht zu eng, ja ob sie überhaupt noch als „geschichtsphilo-
sophisch" im herkömmlichen Sinne zu bezeichnen ist. Deutlich ist jedenfalls
der Zusammenhang dieses Programms zu der uns heute vorliegenden Mono-
graphie. Sehen wir von dem Aufriß einer christlichen Geschichtsphilosophie ab,
die R. bereits 1929 unter dem Titel „Die Geschichte als Sündenfall und Weg
zum Gericht" 1 Zwischeneinkommen ließ, so wird die heute von ihm vor-
genommene Akzent-Verschiebung hörbar. Handelte es sich ehedem um die
Entwirklichung des Ich auf dem Umwege über die Entwirklichung des Du
(= Vergangenheit), so heute umgekehrt darum, daß das (durch seine Selbst-
setzung) bereits entwirklichte Ich die Entwirklichung des Du erst vollzieht.
„Nur aus der Perspektive der Autonomie gesehen nimmt das Reich der Her-
kunft die Gestalt rational-zeitlichen Vergangenseins an, so wie sie uns ge-
läufig ist und ganz allgemein und selbstverständlich hingenommen wird als
die Wirklichkeit schlechthin, als die .Geschichte', wie sie eben war. Innerhalb
dieser angeblich allein realen geschichtlichen Zeit gilt das Jetzt als das Seiende,
das Einst als das Nicht-Seiende. Aber das ist durchaus nicht die mögliche
Art, das Gewesene zu verstehen. Ein noch ungebrochener oder wieder zur
Ungebrochenheit zurückgekehrter Geist würde vielmehr die Vergangenheit als
die Fülle der Gegenwart erkennen, als das ursprünglich Eine, aus dem sich
das nur noch Gewesene ebenso wie das Jetzt abgespalten hat" (78). R. müßte
uns zunächst Aufschluß darüber geben, warum sich seine geschichtsphilo-
sophische Programmatik in dieser Weise verschoben hat, bzw. ob er hier
eine Dialektik obwalten sieht, die eine Kreuzung oder sogar wechselseitige
Potenzierung zweier Entwirklichungsvorgänge voraussetzt.

4. Aber darüber hinaus erheben sich weit wichtigere Fragen.

a) Zunächst eine mehr formale: Läge es nicht im Inter-
esse einer wirklichen Klärung der hier vorliegenden Fragen,
begrifflich strenger zwischen Geschichte als vergehender
Wirklichkeit und Historie als Geschichts-Bild zu unter-
scheiden ? Tut man das nämlich nicht, so endet man sachlich
bei der ungeheuerlichen Folgerung, daß dem die Geschichte
nachdenkenden Historiker eine Macht über die faktische Ver-
gangenheit zugeschrieben wird, die sein Bild geradezu ins Gro-
teske verzerrt. Hier hat eine Reihe unsachlicher Verdikte
gegen die Geschichtswissenschaft als solche ihren Grund, die
wohl auf die Chronisten, Lehrbuchschreiber und dilettierenden
Geschichtskonstrukteure, nicht aber auf die Historiker von
Rang zutrifft. Gerade wenn man die metaphysischen Hinter-
gründe des hier vorliegenden Fragenkreises ernst nimmt, wird
man sich vor jedem ungerechten Urteil doppelt zu hüten
haben.

b) Aber vielleicht will R. jene von uns geforderte Klärung
gar nicht ? Läuft sie nicht am Ende seinem grundlegenden Ge-
schichtsverständuis zuwider ? Bedeutet etwa die bloße Forde-
rung nach Klarheit vielleicht schon Hybris des „autonomen"
Subjektes? Fast scheint es so, wenn man nach seinem Zeit-
Begriff [a] fragt. Hier fallen in der Tat die Würfel. Die Ent-
stehung der Zeit wie die der „zeitlichen Verknüpfung von Ur-
sache und Wirkung" findet nämlich nach R. „ihre Wurzel in

') Zwischen den Zeiten, 6. Jg. (1928), S. 134 u. 135 f.
2) München u. Berlin: R. Oldenbourg.
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