Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

73.1948

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Theologische Literaturzeitung 1948 Nr. 5

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Mehrzahl. Christlich sind sie nicht; jedoch bezeugen auch sie
den damals sich ausprägenden Wandel der Anschauungen. In
verschiedene Bereiche gehört auch das Wort ,,Schwester"
(üdckfTj); es kann die leibliche Schwester bezeichnen, aber
auch die Gattin, nicht immer die Geschwisterehe, so geläufig
diese auch in Ägypten war. Jedenfalls war Plutogeneia, die
Frau des Paniskos, nicht seine Schwester. An die „Gaubens-
schwester" ist hier nicht zu denken.

Aus den sprachlichen Betrachtungen, die Z. den Paniskos-
Briefen entnimmt, einen Auszug zu bringen, hat kaum einen
Sinn; wer einen Begriff von der Schreibweise, der Wortwahl,
der Grammatik solcher Menschen von sehr mangelhafter Bil-
dung sich schaffen, wer Beziehungen zum NT finden will,
muß selbst diese wenigen aber inhaltreichen Seiten lesen.
Die den griechischen Texten beigefügten Ubersetzungen wer-
den auch solche Leser, denen diese Welt fern liegt, in das Ver-
ständnis einführen. Auch hier verleugnet sich nicht der Reiz,
Fragen, Gefühle, Stimmungen einfacher Menschen der Ver-
gangenheit in ihrer unverkünstelten Sprache kennenzulernen.
Dafür sind Untersuchungen solcher Art eine wertvolle, ja un-
entbehrliche Hilfe. Sie leiten hinüber zu den Sprachformen
des Mittel- und Neugriechischen, die gerade durch die Papyri
der Späteren Kaiserzeit vielfach aufgehellt werden und auf
der anderen Seite die Papyri verständlich machen. Z. selbst
weist auf die Schriften hin, die sich mit diesem Gebiet befaßt
haben; darunter verdienen außer anderen Arbeiten von Z. die
„Voruntersuchungen zu einer Grammatik der Papyri der
nachchristlichen Zeit" von Kapsomenakis, München 1938, be-
sondere Beachtung.

Leipzig W. Schubart

KIRCHENKUNDE

Hessen, Johannes, d. Dr.: Von der Aufgabe der Philosophie und dem

Wesen des Philosophen. Zwei Vorlesungen. Heidelberg: Winter 1947.
46 S. gr. 8'. RM 1.25.

Stef f es, Johann Peter, Prof. d. Dr.: Thomas von Aquin und das moderne

Weltbild. Kath. Aufgaben von heute. Münster: Regensberg 1946. 72 S. 8«.

RM 3.—.

Eberle, Adolf, d. Dr., u. Josef Schneider, D. Dr.: Die Grundlagen der

Sittlichkeit in philosophischer und theologischer Sicht. Bamberg: Bam-
berger Verlagshaus Meisenbach <& Co. 1947. 59 S. 8» = KI. Allg. Schriften
z. Philos., Theol. u. Gesch. Theol. Reihe H. 3. RM 1.—.

LeoXIII., Papst: Über die Arbeiferfrage. (Rerum novarum.)

Pius XL, Papst: Über gesellschaftliche Ordnung, ihre Wiederher-
stellung und ihre Vollendung nach dem Heilsplan der Frohbotschaft.

Zum 40. Jahrestag des Rundschreibens Leos XIII. „Rerum novarum"
(Quadragesimo anno). Amtlicher deutscher Text. Hrsg. vom Erzbischöfl.
Seelsorgeamt Köln. Düsseldorf: Bastion-Verlag 1946. 64 S. gr. 8".

Die katholische Theologie und Philosophie entfaltet zur
Zeit einen starken Offentlichkeitswillen in Deutschland und
ist nicht arm an literarischen Möglichkeiten. In zum Teil recht
gehaltvollen programmatischen Schriften — was sich von den
weitbekannten päpstlichen Rundschreiben der jüngeren Ver-
gangenheit von selbst versteht, was aber auch von kurzen Aus-
lassungen namhafter Akademiker gilt — macht sie uns mit der
Gedankenwelt bekannt, von der sie wünscht, daß sie im
Geistesleben weiter um sich greift und im Gesellschaftsleben
Gestalt gewinnt. Wir besprechen hier einige wenige von ihnen
gemeinsam.

Am wenigsten katholisch abgestempelt sindHessens Vor-
lesungen, die im Sinne einer Selbstbesinnung deutschen Philo-
sophentums gehalten sind. Dieses habe dem Nationalsozialis-
mus gegenüber versagt, weil es nicht existentiell in den Wer-
ten, und von ihnen, gelebt habe, über die es zu handeln hatte.
Es gelte für den Denker um die „tiefsten Werte seiner Persön-
lichkeit" besorgt zu sein, also „in der Sprache der Religion"
um das „Heil der Seele" (41).

An eine ausführliche Polemik gegen Rosenberg, die von
der Selbständigkeit des Geistigen gegenüber dem bloß Biolo-
gischen ausgeht, und es auf der Welt der Werte beruhen und
in ihr sich erfüllen läßt, schließt sich eine Würdigung Kants
— erfreulicherweise als der „größte deutsche Philosoph" be-
zeichnet (25)—, Fichtes und besonders Kierkegaards an. Aber
auch Nietzsche, wohl unterschieden von dem pragmatistischen
und dem dem Machtwahn Raum bahnenden Nietzsche, wird
als Lebensphilosoph oft zitiert und, gleich Rickert, Nie. Hart-
mann, Simmel u. a., für den Gedanken ins Feld geführt, daß
„Persönlichkeit zutiefst Wertwirklichkeit" und daß die
„Wirklichkeit von einer realen Wertmacht getragen" sei
(21. 23).

Die wohl absichtlich sehr populär gehaltene Schrift stellt
sich als schlichtes Bekenntnis dar. Sie rollt keine be-

sondere Fragestellungen auf und berührt für diesmal auch
nicht die sonst für Hessen charakteristischen Augustinischen
Tiefen. — Der Orientierung des Denkens am Wertbegriff
würde Rez. nicht zu folgen vermögen. Er glaubt, daß der
Wertbegriff sich erst aus den Begriffen Wahrheit, Wirklich-
keit und Zeit begründen läßt und nicht umgekehrt sie be-
gründet.

Die Schrift von Steffes, sehr mit der Wissenschaft und
Bildung der Zeit gesättigt, beruht auf einem Akademievortrag
zu Ehren des Bischofs von Galen, als er, nicht lange vor seinem
Tode, zum Kardinal erhoben, aus Rom nach Münster zurück-
kehrte.

Der protestantische Leser wird die meiste Freude an dem
1. Teil über das „Weltbild des Thomas" haben. Eine ausge-
zeichnete Einleitung führt ihn zum 13. Jahrhundert hin und
in es selbst hinein. Zu der dann folgenden übersichtlichen und
wohlbegründeten Skizze der thomistischen Philosophie wird
man gern und vertrauensvoll greifen und sie nutzen. Aller-
dings wird dem Protestanten der stufenweise Aufstieg von der
sinnlichen Erfahrung über die geistigen Werte, in ihrem
organischen Zusammenhang zugleich mit den Gemeinschaften,
bis zu den „tranzendenten Ideen", schließlich zu Gott, ihrem
„Urgrund", als ein Weg problematischer Metaphysik er-
scheinen, der ihm auch durch den Gedanken von abgestufter
„Teilhabe (von Welt und Mensch) an tieferer Seins-
realität" (22) noch nicht näher kommt. Aber das sind — gleich
dem Wesensbegriff und dem Verständnis der Wesen als gött-
licher Gedanken, oder gleich dem Verhältnis der Philosophie
zur Theologie als der vom Glauben erhellten Intellektualität
zur übernatürlichen Offenbarung (25) — Fragen der erkenntnis-
theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thomismus und
ihm verwandter Philosophie auch der Gegenwart. Sie sind
hier nicht am Rande zu erledigen. Nur dies sei gesagt, daß uns
die Offenbarung nicht eine Art Uberbietung, auch nicht Uber-
formung der Vernunft ist. Jedenfalls aber ist die Thomasdar-
stellung von Steffes dankenswert und fruchtbar.

Weniger gern folgt man den übrigen Teilen der Arbeit,
also der Schilderung des „außerkirchlichen Weltbildes" der
Neuzeit und den Wegen, auf denen es in seiner Selbstauflösung
zu Thomas, oder doch zu einem von ihm stark bestimmten
Denken, zurücktreiben soll. Denn nun setzt die Melodie ein,
die wir jetzt wieder sehr häufig von katholischer Seite hören,
daß nämlich mit dem Verlust der Kirchen- und Kultureinheit,
eingeleitet vornehmlich durch die Reformation, der Subjekti-
vismus eingezogen sei und daß damit ein Prozeß nicht nur der
Säkularisation, sondern eben auch der Selbstauflösung der
Geistes-, Kultur- und öffentlichen Welt eingesetzt habe, deren
Früchte wir jetzt ernteten (29—50). — Es wird zwar gerechter-
weise eingeräumt, daß diese Zeit auch „unerhört schöpferisch
und erfolgreich" (42) war und „Leistungen hohen und höchsten
Ranges" aufzuweisen hatte. Aber diese „Weltzeit aller eman-
zipierten Individualmächte" kann, gleich den „riesenhaften
entfesselten Atomkräften, nur in angemessenen Ordnungs-
systemen, die aber weithin zerfielen, vor katastrophaler Aus-
wirkung bewahrt bleiben" (42). — Nun wohl, der Untertitel
der Schrift (s. o.) zeichnet vor, von woher diese Ordnungs-
systeme ihre geistige und gestaltliche Kraft gewinnen sollen,
nämlich von der katholisch begeisteten Kultur her. Und
mancherlei bereits erkennbare „Revisionen" und „Selbst-
korrekturen" im modernen Weltbild — auf allen Gebieten —
weisen, nachdem Verf., darauf hin, daß das Verständnis für die
Geisteswelt, in der Thomas den Ton angibt, im Wachsen be-
griffen ist. Mit einem Zitat aus Gertrud von Le Forts „Hym-
nen an die Kirche" schließt die Schrift, in der Steffes, wie
er erklärt, einstweilen erst die „Probleme" aufgewiesen sieht,
während die „Lösungen" ferneren Arbeiten vorbehalten
bleiben.

Nur lesen sich die ganzen, gewiß unterrichteten, Aus-
führungen doch weithin als ausgerichtete Apologetik und als
— wenn auch unter Einbau einiger Kautelen — zielbestimmte
Bereitschaft zur Diagnose auf Abfall von der katholischen
Religion. Das schwächt die Überzeugungskraft der Diagnose
auf Verderben ab und mag die auch auf evangelischer Seite
fast schon zu beliebt gewordene Antisäkularismusparole zur
Vorsicht mahnen. Autonomie ist nicht gleich Selbstüberheb-
lichkeit.

Dabei hätten wir natürlich alsbald, wo die Kritik (an der
Reformation) einsetzt, genug Einwendungen zu machen. Sie
würden aber jetzt zu weit führen. Nur soviel sei gesagt, daß,
wer den Protestantismus vornehmlich als Subjektivismus und
Individualismus beurteilt, dadurch kundgibt, daß sein eigenes
Urteil über die Religion vornehmlich um das Menschentum in
ihr kreist. Wo die Kirche als das A und O gilt, scheint freilich,
sobald sie nicht mehr als absolut gesetzt wird, nur der Mensch in
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