Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

73.1948

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Theologische Literaturzeitung 1948 Nr. 4

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dieren, wie sie Hyvärinen, Malmivaara und Oravala herausgaben. H. Räbergh
(Muuan sana Paavo Ruotsalaisen uskonnollisesta suunasta, 1904) vertrat die
Ansicht: Ruotsalainen verdankt sein geistliches Wissen dem asketischen Schrift-
tum der reformierten Kirche und insbesondere des Puritanismus und der
Mystik. Hingegen Bengt Jonzon (Studier i Paavo Ruotsalainens fromhet, 1935)
behauptet, die Hauptströmung der von Ruotsalainen benützten Erbauungs-
literatur sei lutherisch gewesen. Es handelt sich außer der Bibel und Luthers
Kleinem Katechismus um Thomas Wilcock („A Choise Drop of Honey"),
Bunyan (vor allem „Pilgers Wanderschaft"), Joh. Phil. Fresenius („Beicht-
und Kommunionbuch"), Eric Pontoppidan („Heller Olaubensspiegel"), David
Hollaz („Evangelische Gnadenordnung"), Christian Ziegnerer („Göttliche Be-
trachtung"), Joh. Wegelius jr. („Die heilige evangelische Erleuchtung"), Antti
Björkvist („Des Olaubens Übung zur Seligkeit"), Anders Nohrborg (Predigten,
„Seligkeitsordnung des gefallenen Menschen"), Peter Jonsson Topp („Stimme
des Rufenden in der Wüste") und um die Gesangbücher „Zions Psalmen" sowie
„Die geistlichen Lieder der sehnsüchtigen Seelen". Von hier aus wird man
kaum auf entschiedenes Luthertum schließen können. Die Entscheidung fällt
also auf dem Boden der Briefe und Erinnerungen. Tarvainen vergleicht die
äußeren und inneren Lebensumstände Luthers und Ruotsalainens, dann beider
geistliche Erfahrungen, nicht ohne positiven Gewinn für die These „Luther-
tum". Das Hauptgewicht legt er auf die theologische Beurteilung der religiösen
Haltung Ruotsalainens im Lichte lutherischer Theologie. Es erweist sich, daß
Ruotsalainen streng reformatorisch dachte, ob aber dieses „Streng reforma-
torisch" schlechthin mit „Streng lutherisch" gleichgesetzt werden muß, dar-
über läßt sich streiten. Die radikale Stellung Ruotsalainens in der Recht-
fertigung aus Glauben allein, die Befürchtung, daß sogar die aus dem Glauben
kommenden Werke diese herrliche Radikalität in Frage stellen könnten, teilt
z. B. auch Kohlbrügge, der nun eben doch ein Reformierter war. Aber Ruot-
salainen mag sie an Luther gelernt haben. Daß das Evangelium nur von den-
jenigen „gehört" werden kann, die den „Kummer der Buße" erfahren haben,
ist mehr Melanchthons als Luthers These. Dagegen ist der Glaube als sehnender
und hoffender Blick auf Christus, auch aus der völligen Nacht heraus, echt
lutherisch. Die Heiligung als wachsendes „Gefühl" der Sünde und Gnade,
darin der Mensch sich nackt weiß und doch bekleidet, nämlich nicht mit
eigener, sondern mit Christi Heiligkeit, entspricht dem simul peccator et iustus
Luthers. Auch die Ablehnung des Gefühlschristentums und die Betonung der
Anfechtung (des Kreuzes) ist gewiß echt lutherisch. Nimmt man hinzu die
von Ruotsalainen geübte Verschmähung jeglicher „Außer-Natürllchkeit", so
erinnert das wieder an Luthers Stellung zu den natürlichen Dingen. Aber der
Gesamteindruck ist bei Ruotsalainen saurer, strenger als bei Luther. So wäre
vielleicht das Urteil naheliegend: Tarvainen hat in seiner Schrift die Zentral-
punkte lutherischen Christentums erneut dargelegt und den Nachweis geführt,
daß diese Zentralpunkte auch bei Ruotsalainen kräftig wirken — allerdings
mitten in einem an der Bibel erwachsenen selbständigen Christentum Ruot-
salainens. Da aber dieses selbständige Christentum Ruotsalainens keineswegs
als unlutherisch angesehen werden kann, so dürfte doch die These Tarvainens
als bewiesen gelten: Ruotsalainen war ein lutherischer Christ. (Und wo Ruot-
salainen anderswoher Nutzen zog, erntete er diesen Nutzen mit der lutherischen
Sichel.) — Tarvainen widmet seine Schrift dem Andenken des im Kriege ge-
fallenen Pastors Ensio Pihkala. Die Schrift sowohl wie das Andenken des
Pastors verlangen das Kreuz Christi, nur dies, kein anderes Zeichen, crux
Christi spes unica mundi — das war immer strenger christlicher Kanon,
Tarvainens Widmung aber verfehlt sich dagegen.

Wertingen Leonhard Fendt

Oe ttli, Pfr. S: Aus dem Leben und Wirken von Prof. D. Adolf Schlatter

1852—1938. Vortrag gehalten von der Freien Protestantischen Vereinigung
St. Gallen In der St. Mangen-Kirche am 16. Januar 1939. 20 S., 2 Abb. 8».

RM —.60.

Schlatter, Adolf: Gedächtnisheft der Deutschen Theologie. Stuttgart:
W. Kohlhammer [o. J.] 70 S. 8«. RM 1.80.

Kühne, Johannes: Ein Vater in Christo. Erinnerungen an Adolf Schlatter,
hrsg. Berlin: Furche-Verlag [1939]. 64 S., Titelbild. 8* - Stimmen u. Zeug-
nisse Heft 106. RM 1.20.

Brezger, Pfarrer Rudolf: Das Schrifttum von Professor D. A. Schlatter,

zusammengestellt. Gütersloh: C.Bertelsmann 1938. 93 S. 8« =• Beitr. z.
Förderg. christl. Theol.., 40. Bd., 2. Heft. RM 2.50.
Althaus, Paul, und Gerhard Kittel, Hermann St rat hmaII II: Adolf
Schlatter und Wilhelm Lütgert zum Gedächtnis. Gütersloh: C. Bertels-
mann 1938. 55 S. 8« = Beitr. z. Fördg. christl. Theol., 40. Bd., l.Heft.

RM 1.50.

Erfreulicherweise sind verhältnismäßig sehr rasch nach
Adolf Schlatters Tode (ig. V. 1938) eine Reihe kleinerer Ar-
beiten über Person und Werk des großen Theologen erschienen.
Die dem Rezensenten vorliegenden gehören zu den wichtigsten.

Die Schrift S. Oettlis gibt einen vom Verf. vor der Freien
Protestantischen Vereinigung St. Gallens, der Heimat- und
Jugendstadt Schlatters, am 16. I. 1939 gehaltenen Vortrag
wieder. Sie enthält eine Skizze des Lebenswegs Sch.s mit
einer Reihe feiner, aus langer persönlicher und wissenschaft-
licher Vertrautheit mit ihm stammenden Beobachtungen und
Urteile.

Das Gedächtnisheft der DTh. bringt zunächst einige an-
läßlich der Beerdigung Sch.s entstandene Würdigungen: die
Grabrede seines Sohnes, des Prälaten Lic. Theodor Schlatter,
Gerhard Kittels Gedenkrede bei der Trauerfeier der Tübinger
Universität und den Nachruf des Württemb. Landesbischofs
Wurm. Es folgt das im Rahmen der wissenschaftlichen Bio-
graphie Sch.s ungemein interessante Schreiben der Philo-
sophischen Fakultät der Universität Berlin, mit dem diese
die Promotion Sch.s zum Dr. phil. h. c. anläßlich seines 80. Ge-
burtstages begleitete. Den zweiten Hauptteil des Heftes füllen
eine Reihe von Arbeiten über Sch.s Lebensarbeit, deren be-
deutsamste P. Althaus' Aufsatz ,,A. Sch.s Gabe an die syste-
matische Theologie" sein dürfte. Auch W. Gutbrods Aus-
führungen über „Sch. als Ausleger des Paulus" sind theolo-
gisch interessant. Dagegen wirkt E. Mühlhaupts Beitrag ,,Das
reformierte Erbe in den Händen A. Sch.s" etwas gequält. Aber
das liegt, wie der Verf. selbst empfunden hat, am Thema. Es
wäre besser nicht gestellt worden. Die übrigen Beiträge (Th.
Schrenk, A. Sch. und das Pfarramt; W. Geisser, A. Sch. als
Seelsorger; R. Brezger, Ein letzter Rückblick A. Sch.s auf
seine Lebensarbeit; H. Fritsch, A. Sch. und wir Jungen;
W. Metzger, A. Sch. als Anwalt christlicher Freiheit) gewinnen
Bedeutung mehr als Bekenntnisse zu Sch. und durch die Mit-
teilung einer Reihe wertvoller Erinnerungen an ihn. Das Heft
schließt mit Sch.s letzter Weihnachtsansprache in der Tübin-
ger DCSV. (20. XII. 1935) über 1. Joh. 4, 8. Obwohl Sch.s
Sprache nicht rein zum Ausdruck kommt — der Text ist auf
Grund von Nachschriften hergestellt, die Sch. nicht gesehen
hat —, muß man doch für diese Wiedergabe besonders dank-
bar sein. Denn sie ist ein besonders wertvolles Beispiel Sch.-
scher Vollmacht in der Schriftauslegung.

Ganz den Charakter einer Sammlung von persönlichen
Erinnerungen hat das von J .Kühne herausgegebene Heft,, Ein
Vater in Christo". Die hier von insgesamt 10 Autoren nieder-
gelegten Erinnerungen an Begegnungen mit Sch.s Person und
Werk werden der Absicht des Heftes, für die ungezählten
Studenten und Studentinnen, die durch mehr als 4 Jahrzehnte
A. Sch.s Zeugnis von Christus gehört haben, stellvertretend
Dank zu bezeugen, in hohem Maße gerecht. Der Bericht
G. Schoppens über „Sch.s letzte Lebensjahre" ist besonders
wertvoll.

Allen drei Heften ist je ein Bild Sch.s beigegeben; dem
Vortrag Oettlis und dem Gedächtnisheft der DTh. zwei ver-
verschiedene Photographien, der Sammlung Kühnes die Wie-
dergabe einer Steinzeichnung von Ludwig Kochhanau. Die
beiden Photographien helfen sehr gut, die Texte lebendig zu
machen, die Zeichnung weniger, was aber an der Reproduktion
liegen kann.

Die objektiv wertvollste der hier anzuzeigenden Arbeiten
dürfte die Schiatterbibliographie von R. Brezger sein. Sie ist
schon zu Sch.s Lebzeiten begonnen und der Herausgeber be-
richtet in dem erwähnten Heft der DTh., wie ein Gespräch mit
Sch. über sie zu einem bedeutsamen „Rückblick Sch.s auf
seine Lebensarbeit" wurde. Bei den heutigen Bibliotheksver-
hältnissen ist eine Nachprüfung dieser Bibliographie nicht
möglich. Aber obwohl der Herausgeber betont, daß er eine
Vollständigkeit nicht erreicht habe und eine solche „wahr-
scheinlich nicht zu erreichen" sei, gewinnt man den Eindruck,
daß alles Wesentliche in erfreulichem Umfange und sorgfäl-
tiger Genauigkeit erfaßt ist. Das Hauptverzeichnis ist chrono-
logisch geordnet, erfährt aber durch ein sachliches Verzeichnis
eine wertvolle Ergänzung. Anhänge berichten über Sch.s
Tätigkeit als Herausgeber, über Ubersetzungen von Schriften
Sch.s, über seine akademische Lehrtätigkeit (Verzeichnis
seiner akademischen Vorlesungen) und über Sch.s Mitarbeit
an der Theologischen Woche in Bethel. Angesichts der Tat-
sache, daß in der Calwer Verlagsbuchhandlung, dem Haupt-
verleger Sch.s, das gesamte Schrifttum Sch.s verbrannte, und
auch die anderen Verlage, denen er seine Werke anvertraute,
so gut wie keine Bestände mehr aufweisen, kann man für diese
Bibliographie gar nicht dankbar genug sein.

Der genaue Uberblick über Sch.s Lebenswerk, den diese
Bibliographie ermöglicht, macht nun den Wunsch nach einer
Schiatterbiographie gleichermaßen dringend wie proble-
matisch. Wir brauchten sie rasch. Aber ist es möglich, dieses
große Lebenswerk in absehbarer Zeit zu durchdringen ? Es
ist ja nicht nur dem Umfange nach erstaunlich. Wer sich mit
ihm einläßt, wird in eine Fülle von Bezirken der Theologie
geführt, deren heute nur Spezialisten mächtig zu sein pflegen.
Ob einer Biographie Sch.s nicht erst durch Monographien vor-
gearbeitet werden muß ? Vor allem auch deshalb, weil Sch.
durch seinen weitgehenden Verzicht auf die Vorlage seiner
Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Wissenschaft es
außerordentlich schwer macht, die Bedeutung seiner Aussagen
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