Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

73.1948

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Theologische Literaturzeitving 1948 Nr. 1

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denn 700 Seiten (des Konkordienbuches) geben mehr Bewegungsfreiheit als
70 Seiten. — Der 8. Aufsatz verfolgt ein schwedisches Schlagwort vom „dun-
kelsten Smaland", das ursprünglich religiös gemeint (von der alten lutherischen
Kirchlichkeit Smalands) schließlich politisch wurde. — Der 9. (und letzte) Auf-
satz knüpft mit der Betrachtung des Ausdrucks „Volksbewegung" wieder an
den I.Aufsatz an: nur wenn alle Seiten der Gesellschaft (religiöse, soziale,
ökonomische, politische, kulturelle) zusammen erwogen und auf ihre Ursprünge
hin verfolgt werden, gibt es eine Volkskunde (darum auch „kirchliche" Volks-
kunde!). — Ein Anhang „Quellen und Literatur" ergänzt die 9 Aufsätze; für
den Ausländer ist dieser Anhang besonders aufschlußreich.

Wertingen Leonhard Fendt

PHILOSOPHIE UND RFAAGIONSPHILOSOPIHE

Roelschi, Robert, Dr.: Humanität und Idealismus. Aufriß einer Philo-
soph. Rechtfertigung der relig. Weltanschauung. Bern: Paul Haupt 1943.
104 S. 8«. Fr. 6.—.

Das Buch trägt den Untertitel: Aufriß einer philosophi-
schen Rechtfertigung der religiösen Weltanschauung, will also
eine Religionsphilosophie mit positiver Absicht sein. Wahr-
scheinlich wäre der Verf. dem tatsächlichen Inhalt seines
. Buches und auch seinem persönlichen Charisma besser gerecht
geworden, wenn er einfach eine „Geschichte des religiösen
Problems in der Philosophie der beiden letzten Jahrhunderte"
geschrieben hätte. Denn darauf läuft seine Darstellung im
wesentlichen hinaus. Behandelt werden Goethe, Kant, die Ro-
mantik, Klages, die Existentialphilosophie, Albert Schweitzer,
gelegentlich auch die Psychanalyse. Die systematischen Aus-
führungen über „das Wesen der religiösen Weltanschauung"
ini ersten Teil sind demgegenüber von geringerem Wert.

Der Verf. ist außerordentlich belesen; aber diese Belesen-
heit hindert die Originalität des Gedankens. Sein Stil ist mit
Fremdwörtern überladen, abstrakt und unanschaulich. Will er
zu schriftstellerischer Wirksamkeit kommen, was ihm bei der
zweifellos vorhandenen Vertrautheit mit seiner Materie an sich
durchaus zu wünschen wäre, so müßte er nicht nur aus
Büchern, sondern auch aus dem Leben lernen. Dabei würde er
freilich vermutlich die Erfahrung machen, daß jeder Versuch,
von der Philosophie aus das Wesen und die Wahrheit des
religiösen Glaubens zu ergründen und darzustellen, an der Ver-
schiedenheit der Denkwelten scheitert. Im besten Falle geht
es dem Religionsphilosophen immer wie der Henne, die Enten-
eier ausgebrütet hat. Sind die Küken groß genug geworden,
so gehen sie in ein Element, in das ihnen die falsche Mutter
nicht folgen kann.

Mainz Friedrich Delekat

Pauli, August: Freiheit und Erkenntnis in ihrem inneren Zusammenhang.
Kassel: Bärenreiter-Verlag [1946]. 70 S. 8'. RM 2.50.

Es läßt sich recht viel Gutes sagen über diese kleine
Schrift. Vor allem ist die vorbildliche Klarheit des Ausdruckes
und die übersichtliche disziplinierte Gedankenführung anzu-
erkennen. Die Arbeit wird sich für manch einen als eine Art
Einführung in die Erkenntnistheorie und angrenzende Ge-
biete der Philosophie eignen. Dem Verf. ist es — wie schon der
Titel erkennen läßt — darum zu tun, die wechselseitige Zu-
ordnung von Erkenntnis und Freiheit deutlich zu machen.
Er steht damit in bewußtem Gegensatz zu Kant und wehrt
sieh entschieden, wohl auch mit Recht, gegen die Ausein-
Jöderreißung des Ethischen und Noetischen. Bis hierher
Können wir ihm durchaus folgen. Bedenklich aber erscheint
der Versuch, das Problem mit idealistischen Mitteln zu lösen, so
als ob Freiheit und Erkenntnis mögliche Ziele einer sich in der
«Wt vollziehenden Entwicklung wären. Von daher erfährt not-
wendig auch die christliche Wahrheit eine völlig schiefe und
ihr Wesen verfehlende Deutung. Christus selbst wird zum
Eionier auf der Straße des geistesgeschichtlichen Prozesses.
Dem Verf. wäre zu empfehlen, seinen Optimismus erstens
durch die Tatsachen und zweitens durch die gegenwartsnahe
^liilosophie von heute ein wenig dämpfen zu lassen.

Berlin Erwin Reisner

Wenzl, Aioys, Prof. Dr.: Geist und Zeitgeist zweier Generationen.

2. Aufl. München: Drel-Fichten-Verlag Rudolf von Ficht [1946]. 33 S. 8' -

Geistiges München. 3. H. RM 1.20.

Von dem Gedanken ausgehend, „daß eine Rechenschafts-
ablage über die geistige Situation von heute eine dringende
Notwendigkeit ist, um den Weg in die Zukunft zu erhellen"
(S. 5), vollzieht Verf. zunächst eine rückschauende Besinnung
auf die Wege und Irrwege, die der Geist und Zeitgeist von
gestern und vorgestern gegangen ist. Indem er sich dann dem
Heute zuwendet, fragt er, was die dargestellte Entwicklung

Uberwindung des Materialismus durch Phy. ik und Biologie,
Psychologie und Philosophie, zum andern in ('er in Ansätzen
schon vorhandenen Synthese eines neuen, v Tantwortbaren
Weltbildes. Nun ist Philosophie nicht nur theoretische Weg-
erhellung, sie will auch dem praktischen Leben dienen, will
„Existenzphilosophie" im wahren Sinn des Wortes sein. Da-
mit steht sie aber nach W. vor vier Problemen, die es vor allem
für uns in Deutschland neu zu lösen gilt: dem technischen,
wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Problem. Von
diesen ist das letztgenannte das wichtigste. Die abendländische
Kultur hat als tragende Pfeiler das Christentum und die
Humanität. „Worauf es ankommt, das ist die Bildung eines
Spektrums des gegenseitigen Verstehens und der gegen-
seitigen Achtung, eines Spektrums, das reicht vom positiven
Katholizismus und Protestantismus über das nur ethische
Christentum Albert Schweitzers bis zu der säkularen, aber
doch mit dem Christentum verträglichen und christlich
empfundenen Ethik Kants; eines Spektrums, in dem der je
sozusagen rechts Stehende für seine Eutscheidungsfähigkeit
zum Glauben dankbar ist, dem andern aber eine andere ihm
zugedachte Aufgabe zuerkennt, während der je links Stehende
den Glauben nicht zu teilen oder nicht zu erleben vermag,
aber den anderen respektiert und zu verstehen sucht" (S. 33).
Die Verwirklichung dieses Zieles ist sowohl der älteren wie
der jüngeren Generation aufgegeben. „Aufgabe der älteren
Generation wird sein: der jüngeren den Weg zu erhellen und
das Erbe verständlich zu machen; die der jüngeren: aufzu-
bauen, nicht als finge die Welt mit ihr an, wohl aber als hinge
die Zukunft von ihr ab" (S. 33). — Man k^inn nur wünschen,
daß sich beide Generationen in die gehaltvolle Schrift Wcnzls
vertiefen und aus ihr Anregung und Anweisung zur Gestaltung
einer helleren Zukunft schöpfen mögen.

Köln Jobs. Hessen

Müller, Hans-Gerhard: Menschenrechte. Münster: Regensberg 1946. 48 S.
16». RM—.75.

Die Schrift behandelt die Frage der Menschenrechte vom
Boden der katholischen Dogmatik aus. Sie geht aus von der
Tatsache des Natur-Rechtes. Dieses Naturrecht stellt eine
tiefere Schicht dar als jedes geschriebene Recht des Staates.
Es ist mehr als die Grundrechte der Aufklärungszeit. Dieses
Recht ist dem Menschen .schöpfungsmäßig gegeben und ist als
solches für ihn sowohl unveräußerlich wie absolut verbindlich.
Alle Menschenrechte beruhen auf diesem Naturrecht. Von
dieser Basis aus wird die Stellungnahme zu den einzelnen
Menschenrechten vollzogen. Gleichheit wird nicht im Sinne
der Gleichmacherei, sondern in dem der natürlichen Ge-
rechtigkeit verstanden. Die Gleichheit vor Gott und vor
dem Recht fordert nicht die gleiche Behandlung aller, sondern
die gleiche Behandlung gleicher Tatbestände. Freiheit ist
nicht nur Freisein von ungerechtem Zwang, sondern auch
Freiheit zum Guten. Sie bedeutet nicht Zügellosigkeit,
sondern Bindung an Gott und die Vernunft. Von da aus wird
Stellung genommen zu den Fragen der Gewissensfreiheit, der
Rede-, der Presse- und der Lehrfreiheit. Das Recht der
Persönlichkeit schließt in sich das Recht der Selbst-
erhaltung und der Selbstvervollkommnung. Ehe und Fa-
milie haben ein Eigenrecht gegenüber dem Staat, dürfen
aber diesen auch nicht das Recht bestreiten. Der Staat hat
sogar das höhere Recht, da er sein Ziel, die irdische Wohl-
fahrt, erreichen kann; über diesem Recht aber steht das der
Kirche, die die ewige Seligkeit erreichen kann. Daraus ergibt
sich, daß Familie, Staat und Kirche die drei Erziehungs-
faktoren darstellen, auf deren keinen der Mensch verzichten
kann. Jeder Totalitätsanspruch auf pädagogischem Gebiet
muß daher abgelehnt werden. Rechte Erziehung kann nur im
Zusammenwirken dieser drei Kräfte geschehen. Dieses verbietet
aber auch die Staatsschule in monopolistischer Form; es muß
neben ihr, falls es die Erziehungsberechtigten wollen, auch
andere Schulformeu geben können. Aus den Menschenrechten
leitet sich fernerhin das Recht auf menschenwürdiges Dasein
ab, also ein soziales Recht. Es gibt von idaher ein Gemein-
eigentum, ein Kollektiveigcutuni und ein Privateigentum.
Keines der drei hebt das andere grundsätzlich auf; allerdings
können besondere Zeiten der Not ein Eigentum mindestens
einschränken. Aufgabe des Staates ist der Schutz des Eigen-
tums. Diese natürlichen Menschenrechte können vom Staate
nicht aufgehoben werden. Versucht dies der Staat, so besteht
für den Christen eine Widerstandspflicht; denn das Staats-
gesetz, das gegen die Menschenrechte verstößt, ist ungültig.
Allerdings geht Müller leider nicht darauf ein, wie weit dieser
Widerstand zu gehen und in welchen Formen er zu verlaufen
hat. Hier ist eine Lücke in dem sonst so klaren Gedankengang

au Bleibendem hinterlassen hat. Er findet es einmal in der | spürbar. Schließlich betont er noch, daß Menschenrechte nicht
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