Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

73.1948

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Theologische Literaturzeitung 1948 Nr. I

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Der griechische Druck ist ganz schlecht; die italienische
Transskription enthält einige Geheimnisse, deren Deutung
nicht recht gelingt. So dankbar man einem römischen Theo-
logen dafür ist, daß nicht nur Migne und Mansi, sondern auch
neuere abschließende Ausgaben benutzt werden, so vermißt
man hierin doch eine völlige Konsequenz (pg. 48).

Die rein analytische Methode, bei der als letzter Maßstab
immer die bereits feststehende Kirchenlehre angewendet wird,
führt leider in eine gewisse Dürre, wie sie bei einem Examen
rigorosum leicht vorkommen kann. Wem es weniger um die
Orthodoxie Theodorets als vielmehr um christologische Er-
kenntnisse überhaupt geht, der bleibt unbefriedigt. Das Er-
gebnis, daßTheodoretwna considerazione semplicemente raziona-
listica del mistero cristologico (pg. 175) anwende, ist schon zu
oft ausgesprochen, als daß es nach solch profunder Beherr-
schung und Durchforschung seiner Theologie befriedigen
könnte.

Freilich ist der Ansatz für die Deutung der großen christo-
logischen Kontroverse bei einem Mittelsmann auch außer-
ordentlich schwierig. Apolinarius und Diodor in ihrer Gegen-
überstellung würden ein verlockenderes Untersuchungsgebiet
abstecken; aber wir haben von ihnen wie von dem großen Ge-
lehrten von Mopsuestia zu viel Fragmentarisches in Händen,
als daß wir zu exakten Ergebnissen gelangen könnten. Und
das Standardwerk des Nestorius bietet in seiner überlieferten
syrischen Form ein so verzweifeltes philologisches Problem,
daß es für die theologische Erforschung zunächst nicht mehr
abwirft als wie die Fragmente jener Schulhäupter. Aber gewiß
weist die hier aufgestellte Lehre von den zwei Prosopen der
beiden entgegengesetzten Naturen, die sich durch Gottes Wohl-
gefallen, durch Liebe und Bewährung zu dem einen Prosopon
Jesu Christi einigen, einen weit fruchtbareren Weg als die viel
gerühmte Communicatio idiomatum, mit der die Leonina die
christologische Debatte nicht so sehr gefördert als viel eher
festgefahren hat.

R. Abramow»ki +

KIRCHENKUNDE

Lüthi, Walter: Deutschland zwischen gestern und morgen. Ein Reise-
bericht. Basel: Reinhardt [1947]. 118 S. 8«. kart. Fr. 4.50.

Der bekannte Schweizer Prediger D. Lüthi hat auf dem
knappen Raum von 117 Seiten die frischen Eindrücke einer
Reise anschaulich zusammengefaßt, die ihn im Sommer 1947
durch die deutschen Westzonen und bis nach Berlin geführt
hat. Er schreibt nicht für deutsche, sondern für schweizerische
Leser, die das heutige Deutschland nicht selber kennen und
denen der Verf. ein gerechtes und von seelsorgerlicher Liebe
durchglühtes Verständnis für dieses Deutschland und seine
Kirche vermitteln möchte. Dabei liegt der besondere Wert
seines Berichtes darin, daß er nur das wiedergibt, was er
selbst gesehen, gehört, erlebt hat. Der deutsche Leser wird
darum manches vermissen und manches aus eigener täglicher
Erfahrung anders ansehen. Man wird auch bedauern, daß der
Verf. nicht aus eigener Anschauung über die Ostzone Deutsch-
lands berichten kann, sondern sich auf das beschränken
mußte, was er in Berlin gesehen oder gehört hat.

Aber die Bedeutung des Buches für uns liegt in der kirch-
lich-theologischen Haltung, aus der heraus es geschrieben ist:
„Das Hauptproblem Deutschlands heißt: Seelsorge" (S.25).
„Deutschland hat Seelsorge nötig" (S. 49). Als Seelsorger,
der „Ehrfurcht vor fremdem Leid" (S. 9) kennt, vermag
er uns doch in der Liebe auch bittere Wahrheiten zu sagen,
z. B. durch seine LIinweise auf die gesamt-europäische Not,
die auch die Christen in Deutschland so leicht vergessen,
auf die verhängnisvolle Gefahr der Selbstbemitleidung, auf
die Zouenpsychose (vgl. S. 42), auf den „Haß aus Ent-
täuschtheit" (S. 44) gegenüber den Besatzungsmächten, auf
den „Antikomplex" und die Gefahr einer falschen „christ-
lichen Einheitsfront" (S. 103) gegenüber der Sowjetunion.

Das alles sind Fragen, die auch ein Seelsorger in Deutsch-
land zunächst klar sehen muß, um nicht an Symptomen
herumzukurieren. Das gilt auch von dem, was Lüthi von der
gegenwärtigen seelischen „Verwundetheit der Deutschen" und
dem daraus resultierenden „mittelpunktlichen Denken" und
den „merkwürdigen Übertreibungen" (S. 62) sagt,*an denen
wir kranken und die schließlich zu de m „Klagegeist" und
„Klagekreis" (S. 6yff.) führen, in dem sich viele, auch inner-
halb der Kirche, heute bewegen. Den Verkündigern des Evan-
geliums wird aber vor allem zu denken geben, daß Lüthi mit
dem „Mut der Wahrheit" und der „Demut der Liebe" vor
dem Schatten eines neuen deutschen Messianismus warnt („An
deutschen Wunden wird die Welt gesunden" (S. 67).

Am eindringlichsten ist wohl das, was der Verf. über die
deutsche Schuld, über die klare und „konkrete Vergebung"
dieser Schuld (S. 81), aber auch die der Kirche hier drohende
Versuchung der Selbstrechtfertigung und falschen Bußpredigt
an die Adresse der „Anderen" zu sagen hat.

Das alte und für uns von neuem brennende Problem
„Kirche und Politik" wird in das Licht des „Wächter- und
Versöhnungsamtes" der Kirche (S. 84) gerückt. Mit Recht
wird vor der gefährlichen Neigung der Christen gewarnt, „die
jetzt nur noch ein einziges Anliegen haben: sich nie mehr mit
dieser Welt zu beschmutzen" (S. 90) — eine neue Form inner-
protestantischer Eigengerechtigkeit, die nicht wagt, aus der
Gnade heraus zu leben und in der Welt zu handeln.

Lüthis Buch ist bei allem Wahrheitsernst doch ein Buch,
das neuen Mut gibt. Denn „keine Zeit ist, seitdem Christus
in die Zeit gekommen ist, mehr trostlos und hoffnungslos"
(S. 62f.). Darum weiß Lüthi von der verborgenen Gestalt der
kommenden Kirche in Deutschland zu reden (S. 96) und er-
zählt eindrucksvoll von den verheißungsvollen Ansätzen der
kirchlichen Jugendarbeit (S. 37ff.)> der Studenteugemeinde
(S. 96), der singenden Gemeinde auch unter Ruinen (S. 530.).
„Um diese Kirche muß uns nicht bange sein" (S. 57). Um so
eindringlicher sein warnendes Wort an die „verschonten
Kirchen" in Deutschland, in der Schweiz und anderswo, die
eben doch „zerstörte Kirchen sein können" (S. 58); während
es eine wahre Heimsuchung Gottes gibt, von der Lüthi sagt:
„es gibt zerstörte Kirchen, die nicht zerstört sind" — (S. 57).

Walter Lüthis Büchlein ist ganz dem gegenwärtigen
Leben zugewandt. Es ist deshalb doch ein im tiefsten Grund
eschatologisches Buch, das auf die „Zeichen der Zeit" wach-
sam und nüchtern zugleich (S. 113) achtet und die Gefahr
eines christlichen „Tiefsinnes" aufdeckt, der zur „Flucht vor
den vordergründigen Pflichten" (S. 116) werden kann.

Lüthis Buch ist ein ökumenisch-seelsorgerlicher Dienst
an der Kirche in der Schweiz wie an der Kirche in Deutschland.

Berlin Friedrich-Wilhelm Krummacher

Pleijel, Hildlng: Svensk Lutherdom. Studieri Iuthersk fromhet och svensk
folkkultur. (Schwedisches Luthertum. Studien über lutherische Frömmigkeit
und schwedische Volskultur.) Stockholm: Svenska Kyrkans Diakonis-
tyrelses Bokförlag 1944. 206 S. 8». Kr. 6.50.

Bei uns erwartet man unter der Bezeichnung „Luther-
tum" eine Behandlung der Zentralfragen; dagegen scheiden
wir seit dem 19. Jahrhundert zwischen „Kirche" und „Kir-
chentum" — Pleijels Anliegen betiteln wir: „Schwedisches
Kirchentum". Denn PI. will mit seinem Buch der „kirchlichen
Volkskunde" Schwedens und so der schwedischen Volkskunde
dienen. Das ist ihm ausgezeichnet gelungen; diese einzelnen
Aufsätze und Skizzen geben auch dem Ausländer ein Bild vom
schwedischen Kirchentum, wie man es sonst nicht leicht findet.

Der 1. Aufsatz „Kirchliche Volkskundeforschung" lc«t das Problem und
das Programm solcher Forschung dar. Darin findet sich die interessante An-
gabe, daß in alter lutherischer Zeit der Schwede, vom Kirchenbesuch zurück-
kehrend, dem zu Hause gebliebenen Großvater die Hand bot und ihm „Müssa"
(„Messe") zurief. PI. bringt das mit „Ite missa est" in Verbindung, welcher
Satz aber nicht bedeutet: „Das Meßopfer ist vollbracht", sondern „Jetzt ist
die Entlassung" (missa = missio). — Der 2. Aufsatz zeigt, wie Schweden mit
der Kirchenversammlung von Uppsala 1593 erst eigentlich lutherisch wurde
(die Confessio Augustana zum Bekenntnis Schwedens erhoben). „Jetzt ist
Schweden ein Mann geworden und alle haben wir einen Herrn und Gott." (Aber
vgl. GunnarlWestin, Kyrkoliistorisk ärsbok 1943.) — Der 3. Aufsatz: „Ferma
wid whit" führt in die bis nach Uppsala 1593 verbliebenen, dann aber auf-
gelösten Fastensitten ein: ferma, forma heißt fasten, und zwar abstinere, wäh-
rend jejunare fasta heißt; „ferma wid whit" bedeutet: sich vom Fleischessen
enthalten und mit Milchprodukten vorlieb nehmen. — Der 4. Aufsatz erweist,
daß gelegentlich in Schweden die (reformierte) Sitte herrschte, den Teil-
nehmern der Beichte eine Medaille mit Kelch und Kreuz (nattvardspollett) oder
einen Zettel mit der Unterschrift des Beichtvaters zum Ausweis beim Abend-
mahl mitzugeben. — Der 5. Aufsatz behandelt den Bischof von Bristol (nach-
her von London) John Robinson, der unter Karl XII. von Schweden beim
schwedischen (und beim polnischen) König Botschafter Englands war. Eine
Union der schwedischen mit der englischen Kirche, auf welche Robinson hin-
arbeitete, lehnten die Schweden ab. — Der 6. Aufsatz gibt Einblick in die alte
Pfarrhofkultur Schwedens und geht besonders auf die „Konservierungs-
Institution" ein, die Sitte nämlich, daß der neue Pfarranwärter die Witwe
oder eine Tochter des verstorbenen Pfarrers zu ehelichen hatte. Auch fallen
Bemerkungen zur ökonomischen und geistigen Lage der Kapläne, die damals
in Schweden eine Art clerus minor darstellten. — Der 7. Aufsatz betrifft die
kirchengesetzgebende Versammlung von 1893, auf welcher die Weitergeltung
des Konkordienbuches erfochten wurde (von Bischof G. Biiling und den sog.
„Konkordiebrüdcrn"), der Antrag aber, nur den altkirchlichen Bekenntnissen
und der Augustana kirchengesetzliche Geltung zu geben, durchfiel. Der durch-
gefallene Antrag hätte nach Biiling (dem PI. beitritt) eine „gesetzliche" Linie
in den Glauben eingeführt, dagegen ließ der Billingsche Sieg der Freiheit Raum,
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