Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

72.1947

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Theologische Literaturzeitung 1947 Nr. 6

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Luftwaffe oder des deutschen Volkes gehandelt. Dieses öffent-
liche „Interesse" wurde offenbar als letzter Rechtfertigungs-
grund und als Gewissensentlastung empfunden. Das war die
unvermeidliche Konsequenz der Absolutsetzung von Volk,
Staat und Krieg, die, lange vorbereitet, zum Wesen des Natio-
nalsozialismus gehörte. Die hypnotische Wirkung dieses
ideologischen Hintergrundes tritt besonders darin hervor, daß,
wie berichtet wird, der einzige Privatarzt unter den Angeklag-
ten, Pokorny, Himmler 1941 den geradezu teuflischen Vor-
schlag gemacht hat, ein neues amerikanisches Gift zur Durch-
führung der Sterilisation zu benutzen, das von den Opfern
nicht bemerkt werden sollte und, wie Pokorny berauscht fest-
stellte, auf dem Wege der Sterilisierung von ca. 3000000
Kriegsgefangenen die Möglichkeit geboten hätte, „den Feind
nicht nur zu schlagen, sondern auch zu vernichten". Dieser
dämonisch-ideologische Hintergrund sollte offenbar eine „Um-
wertung aller Werte" rechtfertigen. Er gab den Angeklagten
das „gute Gewissen", im Dienste einer „höheren Idee" sich
über sittliche Normen hinwegzusetzen, die vom Stand des
Arztes schlechthin unabtrennbar sind.

Nun liegt die absolute Heillosigkeit dieser Verkopplung
von grobmaterialistischem Positivismus und idealistisch ge-
tarnter, ideologischer Besessenheit ja auf der Hand. Es
hängt aber nun der Bestand der menschlichen Gesellschaft
daran, daß so etwas für alle Zukunft unmöglich gemacht wird.
Dabei reicht für die wirkliche Rettung menschlicher Kultur,
um die es hier geht, der Hinweis auf die Selbstzerstörung des
ärztlichen Berufes und der Appell an den beruflichen Selbst-
behauptungsinstinkt nicht aus. Es bedarf einer gegen jene
Ideologien immunisierenden Einsicht in das, was der Chirurg
Erwin Liek die „Sendung" des Arztes nannte. Entscheidend
ist offenbar jene Grenze der Ehrfurcht, von der wir spra-
chen. Es müssen Sicherungen gefunden werden, die den kran-
ken Menschen gegen jede bindungslose Experimentierwut
eines wild gewordenen Erkenntnistriebes und gegen jede Bru-
talität einer die Grundrechte des Menschen anrührenden Ide-
ologie, wie idealistisch sie auch aufgemacht sei, unbedingt und
ein für allemal sicherstellen. Selbstverständlich bedarf es hier-
für auch gesetzlicher Sicherungen. Aber sie reichen nicht aus.
Die Gefahr liegt hier in einer Tiefe des menschlichen Wesens,
in die kein gesetzlicher Zwang hineinreicht. Es bedarf einer
bis in den letzten Winkel der Selbstbenebelung und Selbst-
rcchtfertigung hineinwirkenden Begründung der Ehrfurcht
vor dem Menschen. Wie ist das möglich ?

Hier muß nun einfach die Grenze des Positivismus ge-
sehen werden. Durch ihn läßt sich kein Ethos begründen.
Darüber sind sich auch die besten deutschen Ärzte einig. Man
weiß hier wieder um den Unterschied zwischen Arzt und Medi-
ziner (Erwin Liek), mau bekennt sich nach einer „Psychologie
ohne Seele" zu einer „Entdeckung der Seele" (Prof. C. G. Jung,
Fritz Künkel, Prof. v. Hattingberg u.a.), man kennt den Be-
gegnungscharakter von „Arzt und Kranker" (Prof. Viktor
v. Weizsäcker), man weiß um die Notwendigkeit einer medi-
zinischen Anthropologie und Kosmologie (Büchner), man sieht
also alles in allem, daß der kranke Mensch nicht geheilt werden
kann, wenn man nicht um die „Ganzheit" des Menschen weiß,
wenn man nicht weiß, was der Mensch „eigentlich" ist und was
„eigentlich" Gesundheit und Krankheit bedeuten. Man ist
sich darüber klar, daß diese Fragen nicht mit den Erkenntnis-
mitteln der Naturwissenschaft beantwortet werden können.

Ein neues ärztliches Ethos geht also unleugbar auf
metaphysische Voraussetzungen zurück. Unter Meta-
physik will dabei im Sinne des Leipziger Philosophen Hans
Driesch eine „Wirklichkeitslehre" verstanden sein, die auch
über die Fragen noch nachzudenken den Mut hat, für die
das Latein des Positivismus nicht mehr ausreicht. Es geht
dabei freilich, positivistisch gesehen, um die „schwarze
Zone", „welche das umfaßt, was sich jeder Erkenntnis ent-
zieht: das blackout des Wissens" (Alfred Döblin)1. Aber
dieses „blackout" ist eben in den grundlegenden Sachver-
halten der Heilkunde und der Krankheit enthalten, die ja auch
der metaphysikfeindlichste Positivist nicht leugnen kann. Was
Gesundheit, was Krankheit, was Schmerz, was der Mensch
eigentlich ist — darüber muß der Arzt Bescheid wissen,
wenn sein Ethos nicht in der Luft hängen soll — läßt sich aner-
kanntermaßen nur metaphysisch beantworten, d.h. nur von
einer Radikalisierung des Denkens aus, die kein Stehenbleiben
auf halbem Wege duldet. Alle verfügharen Mittel der traditio-
nellen Heilkunde behalten für eine solche Vertief ung der Frage-
stellung auch weiterhin ihre unverrückbare Stelle in der Medi-
zin. Aber sie machen nicht mehr die eigentliche Krankenge-

') Der Unsterbliche Mensch. Ein Religionsgcspräch. 1946. (Verlag Karl
Alber, Freiburg i. Br.)

schichte aus, sondern sie werden zu Mittlern für eine „in Er-
fahrungsstufen vollzogene Annäherung an die Lebenswirk-
lichkeit des geistbegabten Menschen". „Denn alles ärztliche
Ethos kreist um die geistbestimmte Wirklichkeit des Menschen''
(Viktor v. Weizsäcker).

Aber auch damit ist noch nicht alles gesagt. Auch eine
Metaphysik kann noch kein Ethos begründen. Alles lebendige
Ethos wurzelt in der Religion. Das ist zunächst einfach eine
geschichtliche Erfahrungstatsache. Es geht aber darüber hin-
aus um einen radikalen Realismus, der auch diejenigen
realen Zusammenhänge noch anzuerkennen bereit ist, die sich
nicht auf die Formeln der platten Verständigkeit bringen und
auch metaphysisch nicht mehr erklären lassen, wenn man sich
dabei an die Grenzen des autonomphilosophischen Bewußt-
seins der letzten Jahrhunderte halten will. Zu diesem Realis-
mus gehört auch die Unterscheidung zwischen wahrer
und falscher Religion, also das Wissen um die religiöse
Irrtums- und Entartungsfälligkeit des Menschen, das die
Menschheit der prophetischen Erkenntnis des Christentums
verdankt, und das zu dauernder Wachsamkeit, auch dem
religiösen Antrieb gegenüber verpflichtet. Was die Medizin
betrifft, so hat den Zusammenhang zwischen echter Religion
und ärztlichem Ethos Dr. nied. Werner Leibbrand in seinem
bedeutenden und erkenntnisreichen Buch „Der göttliche Stab
des Äskulap", 1939, mit unwiderleglichen Argumenten be-
leuchtet. Leibbrand nennt sein Buch „eine Metaphysik des
Arztes". Er läßt aber keinen Zweifel darüber, daß er die Stunde
für gekommen hält, „von einer Theologie des Arztes zu reden",
und er versteht darunter jene unerläßlichen, normalerweise
selbstverständlichen und deshalb auch außerordentlich schwer
definierbaren Voraussetzungen, die den Arzt „eigentlich" zum
Arzt machen. „In einer Theologie des Arztes wird nichts als
selbstverständlich vorausgesetzt werden können. . ., sondern
es soll erst gesucht werden, was ihn... aus der Flucht anderer
menschlicher Berufe heraushebe, so daß er grundsätzlich kei-
nen Sonntag feiern kann, keine Nacht der verdienten Ruhe
widmen, keine Minute sieh allein und selbst gehören kann.
Ewig-wach soll er unter den Menschen mit Menschen als
Mensch sein; ewig-wach aber ist der Mensch mit seinen Hin-
fälligkeiten nicht, ewig-wach ist nur das Auge Gottes . . ."
(S. 16). „Theologisch gerade darum — nicht etwa allein philo-
sophisch —, weil es eben mit einer Tugendlehre im Sinne der
Stoa, mit einer kategorialen Ethik etwa im Sinne Kants nicht
getan ist." (S. 23.]

Es geht hier jedenfalls um nichts anderes als um die An-
erkennung der realen Zusammenhänge, in denen zuletzt echtes
ärztliches Ethos gründet. Mögen die Grunderfahrungen ganzer
Jahrhunderte dem allgemeinen Bewußtsein entschwunden
sein, es gehört zu den Hoffnungen der Gegenwart, daß wir
aller fortwirkenden Macht der Ideologien zum Trotz in der
Stunde der Wiederentdeckung stehen. Es ist nur ein Symptom
dafür, daß sich die Gestalt des Paracelsus heute so gebieterisch
aus der reichen Geschichte des Ärztestandes heraushebt. Selbst-
verständlich soll hier keine im Namen der Religion auftretende
Engherzigkeit oder Gedankenlosigkeit beschönigt oder ent-
schuldigt werden, aber es ist offenbar die Zeit gekommen, in
der kein Ressentiment gegen den Mißbrauch der Religion uns
hindern darf, ohne jede Einschränkung radikalrealistisch zu
sein und auch jene Wirkungsmächte beim Namen zu nennen,
die sich nur theologisch verstehen und auch nur theologisch
unterscheiden lassen.

Erst von da aus läßt sich auch die letzte Aufklärung über
die furchtbaren Verirrungen gewinnen, die zu dein Nürnberger
Verfahren geführt haben. Durch die Verkoppelung mit der
nazistischen Ideologie bis in seine letzten brutalsten Konze-
quenzen entwickelter Positivismus — das schien uns die gei-
stige Wurzel jener Verbrechen zu sein, die nur durch eine
radikale Neuorientierung im ärztlichen Berufsethos eine ange-
messene Sühne finden können. Das tiefste Wesen dieser ide-
ologischen Besessenheit läßt sich nur religiös, nur theologisch
im Sinne eines radikalen, auch die letzten seelischen Wurzeln
aufhellenden Erkennens aufklären. Die nazistische Ideologie
ist ein Musterbeispiel für das, was wir falsche Religiosität
nannten. Es sei hier nur die anthropologische Seite dieses
Sachverhaltes angedeutet. Der religiöse Trieb ist so unausrott-
bar wie Hunger und Liebe. Er kann gewiß aus dem Bewußt-
sein verdrängt, aber nie eigentlich unwirksam gemacht werden.
„Der religiöse Akt wird von jedem Menschen notwendig voll-
zogen" (Max Scheler). Der Glaube an seine Überwindbarkeit
war die eigentliche Illusion des positivistischen Wirklichkeits-
denkens. So wurde nicht gesellen, daß er ins Unterbewußtsein
absinken und dort zu dem werden kann, was das Christentum
Götzendienst nennt: der Mensch hängt dann mit einer gläu-
bigen Inbrunst an natürlichen Werten wie Blut, Boden, Rasse
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