Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

72.1947

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Theologische Literaturzeitung 1947 Nr. 1

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von cod. Berol. gr. fol. 16 (F), der zusätzlich die Epistola II
enthielt, O. L. Mariott zog eine Oxforder Handschrift ans
Licht, die die Homilicn .51—57 brachte (Bodl. Barr. 213 = 0),
und H. Dörries ergänzte diese Überlieferung durch Entdeckung
einer Moskauer Handschrift Mosqu. 177 (M).

Dieses gesamte Material hat E. Klosterniann in lang-
jährigem, mühsamem Studium durchgearbeitet und dabei
wichtige Grundsätze für die Gestaltung der Ausgabe gewonnen.
Ein so bedeutsamer Zeuge auch B für die Sammlung I sein
mag, er ist nicht frei von Fehlern, die z. T. B eigentümlich sind,
was ein Vergleich mit A zeigt, z.T. aber bereits auf eine fehler-
hafte Vorlage zurückgehen, weil sie sich auch in A finden. Es
gibt aber auch Fälle, wo der B-Text, da er in A keine Parallele
hat, von der m-Überlieferung aus korrigiert werden kann, was
uns bereits zeigt, daß zwischen beiden Sammlungen gewisse
Beziehungen obwalten (S. 7—10).

Dann untersucht Verf. den Text der editio prineeps,
deren zu Grunde gelegte Handschriften schon 1943 nicht zu
erreichen waren (S. io), indem er F und M als Kontrollin-
stanzen verwertet. Er kann dabei viele Fehler der editio korri-
gieren, während in anderen Fällen, wo diese mit F und M zu-
sammengeht, die s-Überlieferung berücksichtigt werden muß
(S. 11—15). Die angeführten Beispiele zeigen dabei aufs neue,
wie wichtig es ist, in Zweifelsfällcn jeweils die Zeugen der
anderen Gruppe zum Vergleich und zur Aufdeckung von
Fehlern heranzuziehen. Nun läge es ja an sich nahe, s und m
zu einem einheitlichen Werke zu verschmelzen, d.h. eine Re-
konstruktion des einstigen, heute verlorenen Werkes zu ver-
suchen, aber davor warnt Klostermann ganz entschieden.
Haben sich doch beide Überlieferungen „infolge ganz be-
wußter fortgesetzter Arbeit an den Texten" (S. 16) vonein-
ander entfernt. Dies wird gezeigt am Wortschatz, an der ver-
schiedenen, bald verkürzenden, bald erweiternden Darbietung
einzelner Abschnitte, sowie an der Vornahme dogmatischer
Korrekturen (S. 16—23). Dies alles führt zu dem notwendigen
Ergebnis: ,,daß im aligemeinen jedem der beiden Texttypen
sein Eigenleben belassen werden muß" (S. 24).

Was ergibt sich aus diesen Resultaten für die Edition ?
Daß B als wichtigster Zeuge der Sammlung I ganz heraus-
gegeben werden muß, ist selbstverständlich. Inwieweit soll
aber Sammlung II in verbessertem Texte abgedruckt werden ?
Sollen nur die Stücke gebracht werden, die in Sammlung I
keine Parallele haben („raummäßig nur etwa ein Viertel der
Sammlung II", S. 24), oder auch die, die zwar parallel gehen,
aber im Texte erheblich abweichen, oder die ganze Sammlung ?
Während sicli Verf. anfangs noch für ersteren Weg entschied
(cf. S. 5), während er den mittleren zeitweise in Erwägung zog,
setzt er sich jetzt entschieden dafür ein, daß der Benutzer
die Möglichkeit haben soll: „beide Texte in ihrer Ganzheit
miteinander zu vergleichen" (S.26).| Symeon und Macarius
soll daher die Losung sein.

Ich selbst würde es aufs lebhafteste begrüßen, wenn der
Text der Sammlung II ganz abgedruckt würde. Sonst ergäbe
sich für den künftigen Forscher eine komplizierte Situation.
Er wäre nach wie vor auf den mangelhaften Migne-Text ange-
wiesen, müßte für Horn. 51—57 Mariott heranziehen und hätte
für gewisse Partien auch klostermann einzusehen, wobei
dann die Gefahr besteht, daß die von Kl. geleistete Vorarbeit
für die Textgestaltung in der Praxis doch nicht so nutzbar
gemacht würde, als wenn man sich zu einem Gesamtabdruck
der Sammlung II entschlösse. Es wäre nur zu wünschen, daß
dies nicht an der Ungunst der Zeiten scheitert, daß es ferner
dem unermüdlichen Fleiße des Verf.s beschieden sein möge,
seine schon weit geförderte Edition zu vollenden und daß
schließlich einer Drucklegung keine unüberwindlichen Schwie-
rigkeiten in den Weg gelegt werden. Für die Wissenschaft wäre
diese sachkundige editio prineeps des gesamten, uns z.Zt. er-
reichbaren literarischen Nachlasses, der auf einen unbekannten
,,Mönchsvater" zurückgeht, von großer Bedeutung; das um-
fangreiche Werk von H. Dörries würde dann erst seine Früchte
tragen, das Problem, das die messalianische Bewegung immer
noch bietet könnte aufs neue an Hand eines reichen Materials
diskutiert und die Mystik der Väterzeit um wertvolle An-
fügungen bereichert werden.

Mainz Walther Völker

Kullendorff, Erik: Textkritische Beiträge zu Verecundus Iuncensis.

Lund: Oleerupska Univ. Bokh. 1943. (160S.) gr. 8». skr. 6.—.

Nach dem Vorgang und auf Anregung des bekannten
Latinisten E. Löfstcdt-Lund haben schwedische Philologen
gerade in den letzten Jahren wiederholt eine Reihe wertvoller
textkritischer Beiträge geliefert, die sich mit Schriften latei-
nischer Kirchenväter beschäftigen. Ich nenne die Veröffent-

lichungen von S.Cavallin (1934 un<i IQ3° über die Vita Caesarii
Arelatensis), B. Axelson (1937 über die Consultationes Zacchaei
et Apollonii und 1941 über Minucius Felix), A.Elg (1937 über
Faustus von Riez), E.Härleman (19^8 über Claudianus Ma-
mertus), A. Eriksoii (1939 über Epiphanius) und von P.Hylten
(1940 über Sulpicius Severus). Die neueste dieser vom Histo-
riker der altchristlichen Literatur dankbar zu begrüßenden
Studien liegt in der hier anzuzeigenden Dissertation von
Kullendorff vor. Vom Schrifttum des afrikanischen Bischofs
Verecundus von Junca (f um 552) sind uns drei Werke er-
halten : ein Kommentar zu 9 alttestamentlichen Cantica, ferner
Excerptioues ex gestis Chalcedonensis concilii und ein 213
Verse umfassendes Gedicht De satisfactione paenitentiae. Alle
diese Texte liegen nur in einer von Kardinal Pitra besorgten
Erstausgabe vor (Spicilegium Solesmense IV 1858, 1—191).
K.s textkritische Bemühungen erstrecken sich nur auf die an
erster und dritter Stelle genannten Schriften.

Im I.Teil liefert K. (S.25—55) eine kritische Ausgabe des
Carmen de satisfactione paenitentiae, nachdem er uns in seinen
einleitenden Bemerkungen über den Autor und die Überliefe-
rung seiner Schriften orientiert hat. Da Pitra für seine Edition
nur einen Cod. Duac. 290 (s. XII) herangezogen und die zweite
schon damals bekannte Hs., einen Cod. Matrit. 14,22 (s. X) bei-
seite gelassen hat und überdies bei der Konstituierung des
Textes sehr nachlässig zu Werke gegangen ist, kann K. einen
wesentlich besseren, kritisch gesicherten Text vorlegen. Seine
Ausgabe ist fortan als die allein brauchbare Edition zu be-
nützen. Mit der gleichen philologischen Exaktheit und Ge-
wissenhaftigkeit ist K. auch bei seiner Arbeit verfahren, die
er dem ziemlich umfangreichen Kommentar zu den Cantica
gewidmet hat (S.57—15.5). Leider bringt er, offenbar aus Er-
sparnisgründen, den von ihm hergestellten Text nicht zum
Abdruck. Zunächst, weist der Verf. nach, daß Paschasius Rad-
bertus (9. Jahrh.) dieses Werk in seinem Kommentar zu den
Lamentationes Jeremiae (zu c.5) z.T. wörtlich benützt hat.
Damit liefert er einen erwünschten Beitrag zur indirekten
Überlieferung dieser Schrift. Obwohl der Kommentar des
Verecundus nur in einer einzigen Handschrift (Cod. Voss.
F. 58, s.VIII/IX in Leyden) erhalten ist, war die kritische Ar-
beit durchaus lohnend. Allein der S. 147—155 abgedruckte
Index lectionum, der die Verlesungen und Änderungen Pitras
zusammenstellt, läßt die Notwendigkeit einer gründlichen
philologischen Überprüfung des ganzen Textes erkennen. Die
Benützung des im Spicilegium Solesmense vorliegenden Textes
darf in Zukunft nur unter Heranziehung der von K. erarbei-
teten textkritischen Ergebnisse erfolgen.

Die Erörterungen des Verf.s verraten durchweg den gut
geschulten Textkritiker, "der vorsichtig zu Werke geht. Man
darf sich seiner Führung ohne Bedenken anvertrauen. Zur
Konjekturalkritik nimmt er nur selten seine Zuflucht; jeden-
falls sind bei ihm keine gewagten und kühnen Vorschläge zu
finden, und darum sind seine Textänderungen meist sehr ein-
leuchtend, ja als gesichert anzuerkennen; vgl. z.B. S.51.78.
83. 85. 86. 91. 98. 109. 123 u.ö. Als Beweisgründe verwendet K.
in der Hauptsache den Satzrhythmus, und außerdem operiert
er mit der Erkenntnis, daß der Autor die varietas sermonis
pflege. Beachtung verdient die Feststellung, daß die Sprache
des afrikanischen Bischofs nicht ausgeprägt vulgär ist, sondern
daß Verecundus ein deutliches Streben nach einem höheren
literarischen Niveau verrät, auch wenn vulgäre Ausdrücke
zahlreich sind. Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß
wir jetzt nicht nur eine wesentlich bessere Textgrundlage der
zwei rezensierten Schriften des Verecundus besitzen, sondern
daß uns auch in den sprachlichen Erläuterungen ein erwünsch-
tes Hilfsmittel zum Verständnis des Inhalts an die Hand ge-
geben wird. Die in schwedischer Sprache niedergeschriebene
Arbeit wurde durch die Bemühungen dreier Freunde in die
deutsche Fassung gebracht. Erklärlicherweise sind trotzdem
nicht alle sprachlichen Härten vermieden.

Würzburg Berthold Altaner

KIRCHENGESCHICHTE: MITTELALTER

Dlebolder, Paul: Wilhelm von Montfort-Feldklrch. Abt von st. aallen

(1281—1301), eine Charaktergestalt d. ausklingenden 13. Jh. Mit 3 Abb. St.
Oallen: Fehr 1943. (48 S., mehr. Bl. Abb.) 4« = 83. Neujahrsblatt, hrsg. v.
Hist. Verein d. Kantons St. Oallen. RM 2.15.

Wilhelm von Montfort-Feldkirch, 1281 zum Abt von St.
Gallen erwählt, unternahm es, die in Unordnung geratene
weltliche Herrschaft des Klosters und die in Auflösung be-
griffene geistliche Zucht des Konventes zu reformieren.
Gegen diese Bemühungen verbündeten sich die Konventualen
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