Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

68.1943

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Theologische Literaturzeitung 1943 Nr. 9/10

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noch nicht abgeschlossenen und nicht zuletzt auch wegen der
■erstaunlichen Vollständigkeit eines überraschend reichen Archi-
valienniaterials sehr bedeutsamen reformationsgeschichtliclien
Aktcnsammlung ist einem Beschluß der Historischen und Anti-
quarischen Oesellschaft zu Basel von 1908 zu danken. Die Ar-
beit des Herausgebers hat zunächst E. Dürr auf sich genom-
men: später trat der jetzige Basler Staatsarchivar P. Roth ihm
zur Seite, der nach dem vorzeitigen Tod E. Dürrs seit 1934
diese Arbeit allein fortsetzt und, wie der relativ kürzere Zeit-
abstand zwischen dem Erscheinen der beiden letzten Bände er-
hoffen läßt, auch in absehbarer Zeit abschließen dürfte. Die
Grundsätze dieser Publikation, die P. Roth streng beibehalten
hat, wurden im Vorwort zum 1. Bd. von E. Dürr mitgeteilt.
Es mußte bei der Auswahl der aufzunehmenden nur „amtlichen"
Stücke auf andere Veröffentlichungsreihen Rücksicht genom-
men werden, auf das Basler Urkundenbuch und auf die Basler
Chroniken, vor allem auf E. Stähelins mustergültige Heraus-
gabe und Bearbeitung der Briefe und Akten zum Leben Oeko-
lampads (I, 1927; II, 1934; vgl. m. Anzeige ThLZ. 1928,
371 ff.; 1935, 476 f.). Andrerseits hat z. B. Stähelin sich wie-
derholt durch ein knappes Regest auf diese Aktensammlung be-
ziehen können. Der Herausgeber empfindet selbst, „daß durch
dieses Ausscheiden des privaten Materials die religiöse Be-
wegung allzusehr den Charakter einer politischen Angelegen-
heit erhält und die Reformation als geistige und persönliche
Frage viel zu wenig sich geltend macht" (I, S. IX). Um der
relativen Geschlossenheit des politischen Ablaufs der Basler
Reformation im Bild der amtlichen Akten willen hat Dürr aoer
doch mit Recht Stücke aus anderen einschlägigen Aktenpublika-
tionen In vollem Umfang wieder abgedruckt (so aus Bd. III
und IV der von StrickTer bearbeiteten Eidgenössischen Ab-
schiede, 1869 u. 1879 und aus Stricklers Aktensammlung zur
Schweiz. Reformationsgeschichte. 1878, aus Eglis Aktensamm-
lung zur Gesch. d. Zürcher Reformation. 1879 und aus Vircks
bekannter Edition der politischen Korrespondenz der Stadt
Straßburg. 1882). Zeitlich ist der Rahmen der vorliegenden
Sammlung gewiesen durch das Jahr 1519, das Auftreten Zwing-
lis, und 'durch das |ahr 1534, die Basler Konfession; räum-
lich durch Stadt und Land Basel im Umfang des Besitz-
standes bis 1534; sachlich durch die politischen, kultur- und
rechtsgeschichtlichen Ereignisse, Voraussetzungen, Begleitum-
stände und Folgen der kirchlichen Reformation mit Einschluß
der durch diese bestimmten Basler Außenpolitik. Das Ma-
terial liefern Dokumente der verschiedensten Art, jedoch alle
amtlichen Charakters oder unmittelbar auf solche bezogen, wie
sie Protokolle, Instruktionen, Abschiede, Verhöre, Gerichts-
verhandlungen, Gutachten, Rechnungen, Zinsbücher, Inventare —
z. B. der Kunstschätze — Erkanntnisse, Mandate, Missive und
sonstige Verwaltungslirkunden darbieten.

Die gewisse Einseitigkeit des sich mit all dem vor Augen
führenden Bildes der Basler Reformation als einer politischen
Angelegenheit ermöglicht es, die geschichtlichen Vorgänge scharf
in dieser Beleuchtung zu betrachten und ihnen so da und dort
neue und wichtige Einsichten abzugewinnen. P. Roth hat das
selbst in zwei kleineren Untersuchungen lehrreich vorgeführt.

Was das Technische der Edition anlangt, so wird voll-
ständiger Abdruck der Dokumente angestrebt, „wobei natürlich
die gehäuften Anreden, Schlußphrasen und alles Formelhafte
weggelassen wird, außer wenn es in origineller Form auftritt."
Das Regest ist im Einzelfall so abgefaßt, daß die entschei-
denden Partien samt Datum, Absender und Empfänger in ur-
sprünglicher Form beibehalten werden. Auf einen Sachkom-
mentar wird verzichtet, ebenso auf Anmerkungen zum Sprach-
lichen, dessen Eigentümlichkeiten gewahrt bleiben, um die
„oberrheinische Schriftsprache samt den mundartlichen Ein-
schlägen und den „Einwucherungen" des durch die» sächsische
Reformation geförderten Neuhochdeutschen der sprachgeschicht-
lichen Forschung als willkommenen Stoff bereitzustellen. Die
Beschreibung der Vorlagen endlich wird auf ein Minimum re-
duziert.

Bd. I gelangt mit 551 Nummern bis zum Juni 1530. Daß
darunter 527 bisher noch nicht abgedruckte Stücke sich befinden,
laßt für die Basler Lokalgeschichte wie für die Reformationsgeschichte
überhaupt manche Bereicherung erwarten. Für die Reformationsge-
schichte bedeutsam sind hier vor allem die Dokumente zum Ein-
greifen Basels in den Bauernkrieg und zu den ersten Vorbereitungen
der politischen Verbindung mit Straßburg. Für die Durchsetzung
der Reformation in Basel selbst ist die städtische Klosterpolitik
kennzeichnend, die den einzelnen Klöstern Pfleger setzt und so die
Erhaltung des Klostergutes auch nach der Reformation vorbereitet.
— Aus B d. I I (794 Nr., von Nr. 487 an unter gemeinsamer Verant-
wortung von Dürr und Roth) sind im wesentlichen dieselben Stoff-
gruppen hervorzuheben: Basels Vermittlerrolle zwisclien den Bauern-

schaften im Sundgau, Breisgau und Obereisaß einerseits, dem Regi-
ment in Ensisheim und dem Adel andrerseits wird noch deutlicher.
! Ein gutes Bild gewinnt man von den Bauernunruhen im Liestal.
! Hinzu kommen der Kampf um die Messe im Sommer 1527 und die
! Auseinandersetzung mit den Täufern; vgl. für jenen Kampf die Out-
i achten Ockolampads und der evangel. Prädikanten (Nr. 075, S.
5U5—545, dazu Stäheün, Br. u. Akten II, 492), des Marius und
anderer kath. Theologen (Nr. 083, S. 639—078), des Rebhan
I (Nr. 079, S. 611—634) und des Pelargus (Nr. 705, S. 085—701)
I und für diese Auseinandersetzung z. B. die Thesen des Carlin N.

(== Karl Brennwald?) und die Berichte dazu von Oekolainpad und
. Marius (Nr. 676—678, S. 545—611, dazu Stähelin II, 498). So
j berechtigt der Verzicht auf einen Sachkommentar ist, so sehr bedauert
man es doch, wenn man zum gleichen Vorgang seine förderlichen
[ Dienste etwa in der S'ähelinschen Aktensammlung benutzt. — B d. I I I
umfaßt mit seinen 686 Nr. nur die kurze Spanne von 1528 bis
j Juni 1529, von der Berner Disputation bis zum 1. Kappeler Frieden,
j Es ist die Periode der endgültigen Durchsetzung der Reformation
| in Basel. Das Problem Reformation und Revolution kommt dabei
in Sicht. Daß man Iiier aber entgegen der üblichen Meinung nicht
i urteilen kann, die Revolution habe die Reformation vor ihren
; Wagen gespannt, hat P. Roth seifest in seiner Studie „Durchbruch
I und Festsetzung der Reformation in Basel" dargetan und damit zu-
I gleich ein Beispiel für die Auswertung des III. und IV. Bd.s seiner
j Aktensammlung geboten.

Über die Vorbereitungsjahre (1525, 1528) hat Roth bereits
1936 im Basler Neujahresblatt gehandelt. Nunmehr zeigt er
einmal sehr eindrucksvoll die Unterhöhlung des alten Kirchen-
wesens auf, das zu keinem entscheidenden Widerstand mehr
fähig ist, sodann den führenden Anteil grade des Basler
i Gemeinwesens als solchen, der Zünfte, an der Umwälzung,
| drittens die Sonderstellung der Kleinbasler Reformation und
zuletzt die erfolgreiche Politik des Rates In Sachen des Kir-
chenguts auch auf außerbasier Gebiet. Wichtig ist ihm dabei
J die Feststellung, daß die Bedrängungen des Rate^ durch mit der
Frage einhelliger Predigt und Abschaffung der Messe ver-
knüpfte politische Begehren (Bittschrift der Zünfte vom Dez.
1528, BRA III, 291) „im Grunde nur ein Mittel zum Zweck"
der Aufrichtung des neuen Kirchenwesens waren. Nach Be-
I seitigung der oppositionellen Minderheit Altgläubiger, die den
I Rat beherrschte, und nach Einrichtung des neuen Kirchen-
I wesens wird die bisherige Verfassung durch die Reformations-
verfassung vom 18. 2. 1529 nur wenig geändert. Die Refor-
mationsordnung vom 1. 4. 1529 zeigt freilich einen eindeutig
staatskirchlichen Zug, und es wäre vielleicht angebracht ge-
wesen, hier darauf aufmerksam zu machen, daß zumindest
| Oekolampad für die Kirche etwas mehr Unabhängigkeit ge-
wünscht hat (vgl. Stähelin, D. theo!. Lebenswerk Oekolam-
pads, 1939, S. 511 f.). Unverständlich ist die im Zusam-
menhang mit der Frage des Täufertums stehende Bemerkung:
„Im reformierten Lager erkannte man sofort die Überspannung
der von Luther verfochtenen Ideen vom unmittelbaren Zugang
zu Gott ..." — Besonders aufschlußreich ist der Abschnitt,
der sich mit der Übernahme des Kirchenguts befaßt. Indem
der Rat die säkularisierten Klöster (seit 1525) als Rechtsper-
sönlichkeiten bestehen läßt, sichert er sich den Rechtstitel auf
das außerhalb des Basler Hoheitsgebiets gelegene Kirchgut.
Die historische Kontinuität im wirtschaftlichen Aufbau der
! Kirche blieb so im wesentlichen erhalten. Zum Schluß be-
| handelt Vf. die Frage des „Christlichen Burgrechts" mit
Straßburg. — Die sorgfältige Studie füllt nicht nur eine Lücke
in den bisherigen Darstellungen der Geschichte Basels im
I 16. Jh. (R. Wackernagel, Heusler, Ochs), sondern bereichert
j auch die allgemeine Reformationsgeschichtsschreibung um ein
, eigenartiges und bemerkenswertes Kapitel.

Bd. IV der Aktensammlung umfaßt eine noch kürzere
I Spanne als Bd. III, Juli 1529-September 1530 (643 Nr.) und
läßt die ganzen auf die Durchsetzung der Reformation un-
mittelbar folgenden außen- und innenpolitischen Schwierig-
keiten und Nöten erkennen, die Bedrohung durch die kathol.
Reichsstände, König Ferdinand, die kath. Kantone, Frankreich,
! Savoyen, die Aktionen um ein Schutzbündnis mit Straßburg,
i Zürich und Bern, die Auseinandersetzungen mit dem nach
Freiburg abgewanderten Domkapitel und mit dem Bischof, das
1 Vorgehen gegen die Widersetzlichkeit altgläubiger Bürger (dar-
unter H. Holbein!) und täuferischer Elemente und solcher
die sich von der Umwälzung eine Änderung ihrer sozialen
| Lage erhofften. Diese Andeutungen müssen genügen. Der
reiche Inhalt der bisherigen Bände der Aktensammlung wird
durch Register zugänglich gemacht, für Bd. I—III bei Bd III,
für Bd. IV in diesem Bd. selbst. Möge das Unternehmen un-
gehindert seinem Abschluß entgegenwachsen.

Z. Zt. im Heeresdienst ff, VC o I f
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