Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

68.1943

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der ALtartafel die Worte SOTER AtEDICUS umzustellen. Vgl. Tafel II,
Abb. 3. — c) Bei den sicherlich nicht vollständig sein wollenden
Uteraturangahen unter „Bemerkungen" (32) könnte noch nachge-
tragen werden: Ad. Hofmeister, Deutschland und Burgund im frühen
Mittelalter, 1024.

Erfurt °- O 1 o e g e

KIRCHENGESCHICHTE: NEUZEIT

Leese, Kurt: Der Protestantismus im Wandel der neueren Zeit.

Texte u. Charakteristiken zur deutschen Geistes- und Frömmig-
kertsgesch. seit dem 18. Jh. bis zur Qegenw. Ausgew. u. erläu-
tert. Stuttgart: Alfred Kröner 1941. (XXIV, 384 S.) kl. 8» _
Krönen Taschenausgabe Bd. 180. RM 4.75.

Leese legt in diesem Batide der schmuckes Kröner-
schen Taschenausgabe ein Textbuch samt Erläuterungen
zur Geschichte der „Selbst- und Wesenserfassung des
protestantischen Geistes" (339) vor. Der „Protestantis-
mus" wird in der Einleitung beschrieben als „ein Ge-
bilde, das sich nur .dialektisch', d. h. im Ja und Nein
zu Urchristentum und Reformation über sich selbst klar
zu werden vermag" (XIII) und als solches in schöpfe-
rischer und lebendiger Bewegung ist. Der protestan-
tische Mensch ist nicht nur von dem katholischen, son-
dern auch von dem reformatorischen (einschl. des alt-
protestantischen) Menschen zu unterscheiden. Erst das
18. Jahrhundert mit seinem öffentlichen Erwerb der
vollen Freiheit des Gewissens hat das Aufkommen des
typisch-protestantischen Menschen im Unterschied /um
reformatorischen ermöglicht (XVI). Damit ist gesagt,
daß Leese die Unterscheidung von „alt"- und „neupro-
testantisch" vermeiden will. Was andere neuprotestan-
tisch nennen, bezeichnet er einfach als protestantisch.
Die Reformatoren und die Väter unserer Kirche über-
haupt waren also keine „protestantischen Menschen".
Leese kennzeichnet die „Religion des protestantischen
Menschen" einerseits als christusgebtindene Frömmig-
keit : sie bekennt, daß in Christus ein neues Sein in die
Welt getreten ist, die Agape (XVIII f.); andererseits ge-
hört zum Protestantismus das „Pathos der gläubigen Frei-
heit und der Weltleidenschaft" (297 f.; 363f.); seine
Frömmigkeit ist unvereinbar mit „Dogmen- oder Be-
kenntniszwang", sie atmet in der Luft der Autonomie,
der „Freiheit und Duldsamkeit". Der protestantische
Mensch bleibt „ein fragend-geöffneter", der weiß, daß
„er nur als radikal Fragender eine Verheißung kat"
(XXIII). Leese bekennt sich wie schon seine Schrift
„Die Religion des protestantischen Menschen", 1938
zeigte zu dieser Haltung. Unter allen neueren Theo-
logen fühlt er sich offenbar Till ich am nächsten und
am meisten verpflichtet. Dieser erhält das höchste Lob
(298). Von den aus seinen Werken abgedruckten Stücken
heißt es: „Es sind Texte, die mit ehernen Lettern in
die Geschichte der Selbst- und Wesenserfassung des pro-
testantischen Geistes eingegraben sind" (339).

Der Begriff des Protestantismus, wie L. ihn ver-
stellt, bestimmt nun die Auswahl der Autoren und Texte.
Ausgeschlossen werden alle Gruppen von Denkern, die
„nicht in der echten Dialektik des Ja und Nein" stehen
(XIV), also rechts die Leute des bloßen Ja es sind
die „Konfessionellen", die Erlanger, die Biblizisten, die
„Hollsche Schule", die Dialektiker , links die Leute des
bloßen Nein, Männer wie Feuerbach, Strauß, Nietzsche,
v. Hartmann. Nur Lagarde und Overbeck werden ge-
bracht als die wichtigsten Beispiele für „den Protestan-
tismus in der Krisis der Entchristlichung".

Das Buch gliedert sich in h Kapitel: 1) Der Deut-
sche Idealismus als Zeitenwende; 2) Der Protestantis-
mus in kritischer Rückbeziehung auf Luther und die Re-
formation (ältere Kirchenhistoriker und ältere Dogma-
tiker des 19. Jahrhunderts; hier AI. Schweizer, Bieder-
mann, Lipsius sowie Ritsehl mit J. Kaftan und Herr-
mann); 3) Der Prot, in der grundsätzlichen Unterschei-
dung von Alt- und Neuprotestantismus (Rothe, H. Lang,
Seil, Troeltsch); 4) Neuere Kirchen- und Profanhistori-

ker in Auseinandersetzung mit der „neuprotestantischen"
These (die Diskussion um Troeltsch); 5) Der Pror. in
der Krisis der Entchristlichung; 6) Systematische Neu-
besinuung auf das Phänomen des protest. Menschen (H.
Schuster, K. Heim, H. Adolph, P. Tillich, E. Seeberg).
Jedes Kapitel beginnt mit einem „Vorbericht", jeder
Autor bekommt eine kürzere oder eingehendere Biogra-
phie. Dort und hier setzt L. „Charakteristiken" der Epo-
chen und Denker her, die er aus Dilthey, Seil, H.
Stephan, E. Franz u. a. sowie seinen eigenen Schriften
entnimmt. Den abgedruckten Abschnitten hat er kenn-
zeichnende Überschriften und erläuternde Anmerkungen
beigegeben. Den Beginn macht eine Einleitung, die der
schon erwähnten Kennzeichnung des protestantischen
Menschen dient; am Schlüsse der Texte steht ein Nach-
wort, das vor allem in der Linie früherer Schriften des
Herausgebers das Recht der „Naturmystik" im Prote-
stantismus vertritt. Schließlich folgt eine Literatur-Aus-
wahl und ein genauer Quellennachweis. Das Ganze ist
zweckmäßig gestaltet. Die Vorberichte und Einführungen
zu der. einzelnen Denkern geben großenteils in aller
Kürze ein gutes Bild.

Der Hinweis auf das „Protestantische" im evangeli-
schen Christentum hat sein gutes Recht, auch in der
Gestalt eines solchen Textbuches. Er ist heute ohne
Frage nötig. Unsere Kirche bedarf es, an ihre „prote-
stantische" Verantwortung erinnert zu werden, an den
geistigen Umbruch zwischen der Reformation und uns,
den die Aufklärung brachte. Die Theologen sollen Ls
Buch studieren. Eine andere Frage ist, ob es in die Hän-
de „weiterer, nicht fachlich vorgebildeter Kreise", für die
L. es bestimmt hat (XI), gehört. Es ist naturgemäß ein-
seitig aber es bekennt sich nicht zu dieser Einseitig-
keit Der nichtthcologischc Leser muß, schon durch den
Titel, den Eindruck gewinnen, daß die lebendige Geistes-
bewegung auf evangelischem Boden in den von L. zuge-
lassener. Denkern aufgehe. Das ergibt notwendig ein
schiefes Bild.

Die Abgrenzung entspricht auch nicht den Wesens-
zügen, die L. als bezeichnend für die „Religion des pro-
testantischen Menschen" hingestellt hat. „Christusge-
bundenheit" und „Pathos der gläubigen Freiheit"
gibt diese Kennzeichnung z.B. das Recht, Ritsch 1 und
die Seinen als Zeugen des Protestantischen aufzunehmen,
an den Erlangern aber vorbeizugehen? In Erlangen
war man, war vor allem Hofmann nicht weniger „frei"
als Ritsehl und die Göttinger. Nicht das Mehr oder
Weniger von protestantischem Pathos macht den Unter-
schied der beiden Gruppen aus; es steht auch nicht so,
daß die Erlanger grundsätzlich und formal ge-
bundener an die Tradition waren als die anderen, von
„Dogmen- und Bekenntniszwang" (vgl. S. XVIII) vol-
lends zu schweigen. Hofmann war ein sehr freier Mann,
das zeigt seine Kritik an der Orthodoxie. Wenn die Er-
langer nicht mit Ritsehl gehen konnten, so nicht aus
Mangel au protestantischer Freiheit, sondern weil sie bei
Ritsehl unaufgebbare Momente des Evangeliums preisge-
geben sahen. Diesen schweren sachlichen Fragen und
inhaltlichen Gegensätzen kann man freilich mit der
rein formalistischen Formel der Dialektik von Ja und
Nein zum Urchristentum und zur Reformation nicht ge-
recht werden.

Aufs Ganze gesehen, ist es die idealistische und
„liberale" Theologie, die L. mit ihren Äußerungen zum
Wesen des Protestantismus vorführt. Es geht aner nicht
an, sie mit dem „Protestantismus" einfach gleichzusetzen.
Der Titel des Buches führt irre.

Zu dem grundsätzlichen Bedenken noch ein die Ab-
grenzung im Einzelnen betreffender Einwand. Wenn
einen der lebenden Theologen, so sollte man E. H irs,ch
in diesem Buche vertreten erwarten. L.s Wort von einer
„Luthermonomanie der K. Hollschen Schule" hat auf
Hirsch nie gepaßt und wäre auf alle Fälle durch seine
Arbeiten aus den letzten Jahren (Die gegenwärtige gei-
stige Lage, 1934; Der Weg der Theologie, 1937; Zwei-
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